Titel: Die Schrauben-Dampfschifffahrt.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1840, Band 78, Nr. XXXII./Miszelle 1 (S. 153–155)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj078/mi078032_1

Die Schrauben-Dampfschifffahrt.

Bekanntlich hat Hr. Francis P. Smith in London schon im J. 1837 ein Patent auf die Anwendung der Archimedischen Schraube als Treibapparat für Dampfboote genommen, dessen Beschreibung und Abbildung im polytechn. Journal Bd. LXIV. S. 401 mitgetheilt wurde; wir haben auch von Zeit zu Zeit über das Dampfboot „Archimedes“, welches mit dem neuen Treibapparat ausgerüstet worden ist, berichtet. Ueber die neuesten Versuche theilt die Augsburger Allgemeine Zeitung höchst interessante Notizen mit; bei denselben wurde die Schraube an dem Hintertheil des Schiffs angebracht, wo der Schiffsraum ganz abgeschlossen ist und das Wasser von beiden Seiten herein gelassen wird; eine weitere bedeutende Vervollkommnung bestand dann darin, daß statt eines Schraubenganges zwei gegen einander laufende an derselben Achse angebracht wurden, wodurch mancher Uebelstand hinwegfiel. Namentlich hält sich bei der Doppelschraube das Steuerruder stets von selbst in gerader Richtung, da die Bewegung des Wassers es nun von beiden Seiten gleich stark trifft. Die Erfindung selbst theilt das mit allen genialen Erfindungen, daß sie ein offenbares Columbusei ist.

Den am Alten haftenden Engländern wollte der Gedanke des unbemittelten Smith indeß nicht einleuchten; ja selbst als er, schon vor vier Jahren, die Schraube auf einem kleinen, 32 Fuß langen Boot, mit einer Maschine von zwei Pferdekraft, mit dem besten Erfolg versucht, selbst als er einen Protector gefunden hatte, der aus seinen Mitteln den Archimedes bauen ließ, wollte sich kein Londoner Civilingenieur zur Erbauung der Maschine verstehen. Eine obscure Fabrik baute die Maschine, welche nominell 80 Pferdekraft, in der That aber kaum 60 besizt, was beiläufig gesagt, für ein Schiff wie der Archimedes, von 240 Ton. unverhältnißmäßig gering ist. Als das Schiff fertig war, wurde die Admiralität auch aufmerksam und beorderte den Capitän Chappell zur Führung des neuen Dampfboots. Seine erste Fahrt war von Dover nach Calais; er legte diese Reise in der kürzesten Zeit zurük, in der sie jemals gemacht wurde, in einer Stunde und 53 Minuten. Das anerkannt schnellste englische Postdampfboot, der Widgeon, fuhr zu gleicher Zeit mit dem Archimedes ab, und blieb um 10 Minuten zurük. Im Junius machte der Archimedes eine Reise um Großbritannien, wobei er die |154| bedeutendsten Häfen des Landes besuchte und dort in Gegenwart der ersten Autoritäten der Marine, der Wissenschaft und der Handelsrhederei, Probefahrten anstellte. Jezt, durch den Augenschein geschlagen, sprachen Alle dem Erfinder ihre vollste Anerkennung aus. Hören wir den Bericht eines schottischen Blattes:

„Wir haben heute – sagt der Glasgow Argus – das Vergnügen, unsern Lesern das Resultat eines neuen Versuches mit dem Schrauben-Dampfschiffe Archimedes vorzulegen, welches dem Erfinder dieser Triebkraft in jeder Beziehung ein Triumph war. Seines Erfolgs gewiß, lud er die bedeutendsten Ingenieurs, die Männer der Wissenschaft, und überhaupt Alle an Bord ein, welche in unserer Stadt bei der Entwikelung der Dampfschifffahrt interessirt sind, so daß man gewiß seyn konnte, daß bei dieser Gelegenheit jeder Mangel der Einrichtung, jeder Zweifel an ihrer Zwekmäßigkeit zur Sprache kommen würde. Dienstag 16. Junius Morgens fuhr das Boot unter dem Jubelgeschrei einer auf den Schiffen des Hafens und den Kaien versammelten ungeheuren Menge den Clyde hinunter. Und auch die Gesellschaft an Bord mag es wohl empfunden haben, als sie sich durch Dampfkraft, aber ohne das Geräusch der Räder, und ohne Wellenbegung fortgetrieben sah, daß sie unter dem Einfluß einer neuen Erfindug stand, die dazu bestimmt ist, große Dinge in der Dampfschifffahrt zu vollbringen. Der mannichfache Aufenthalt unterwegs machte leider eine genaue Bestimmung der Schnelligkeit unmöglich) doch mag es passend seyn, hier eine Vorstellung von der Befähigung der Schraube als Propulsionsmittel zu geben. Der Archimedes ist erstlich nicht zum Schnellfahrer gebaut, sondern bloß um die Leichtigkeit zu beweisen, mit der Dampf- und Segelkraft bei der neuen Einrichtung auf Einem Schiffe combinirt werden können; die Maschine ist sehr nachlässig und noch dazu in einer Werkstätte gebaut, aus der niemals eine für den Seegebrauch bestimmte Maschine hervorging; zu dem vielen Aufenthalt, den wir unterwegs hatten, kam noch, daß die ganze Kraft der Fluth gegen uns war, und troz all dieser Uebelstände, die mit der neuen Erfindung jedoch in gar keiner Verbindung stehen, ist der Archimedes ein trefflicher Schnellfahrer und arbeitete sich rasch fort. Wären die Bedingungen, und namentlich die Leistungen der Maschine dieselben, wie bei unsern gewöhnlichen Dampfschiffen, so müßte seine Schnelligkeit ungeheuer seyn. Zwischen Dunbarton und Glasgow machten wir einen kurzen Versuch mit Anwendung der Segel neben der Schraube, und der Erfolg war glänzend, da die Schnelligkeit bedeutend zunahm. (Da die Schrauben-Dampfschiffe sich in ihrer Bauart von den gewöhnlichen Segelschiffen nicht unterscheiden, so können sie entweder segeln oder schrauben, oder beides zugleich.) Nachdem Greenock passirt war, fuhr der Archimedes in den See Gairloch hinein, wo die Schraube ausgehakt und die Bewegung bloß durch Segeln herbeigeführt wurde. Obwohl die zufällige Bauart des Archimedes der Schnelligkeit ungünstig war, so überzeugten sich doch alle Sachverständigen, daß die Segelschnelligkeit der Schraubenschiffe, bei ausgehakter Schraube, diejenige der gewöhnlicher Segler unter gleichen Bedingungen vollkommen erreicht. Bei einer Drehung zeigten sich die Vorzüge der Schraube vor den Schaufelrädern im hellsten Lichte: während die Dampfboote der alten Einrichtung zu jeder Drehung einen Bogen von sechs Schiffslangen machen müssen und also bedeutenden Spielraum erfordern, drehte der Archimedes mit 1 1/4 seiner Länge.

„Wir schließen mit einigen kurzen Bemerkungen. Unangenehm ist das Geräusch der vielen ineinandergreifenden Triebräder, welche die Schnelligkeit hervorbringen, wir der sich die Schraube dreht. Das Geräusch ist nicht so groß als das der Schaufelräder; da es aber im Innern des Schiffs am stärksten gehört wird, so verleidet es einem den Aufenthalt in der Cajüte. Doch gaben mehrere der anwesenden Sachverständigen stehenden Fußes verschiedene Arten an, wie diesem Uebelstande leicht abzuhelfen ftp. Die zitternde Bewegung der gewöhnlichen Dampfschiffe fällt dagegen ganz weg. Da die Schraube ferner sich ganz unter kaltem Wasser befindet, so wird die Abnuzung der Achse etc. sehr vermindert. Einer der Hauptvorzüge der Schraube ist, daß sie nicht, wie die Schaufelräder, die Wasserfläche in wogende Bewegung versezt, und so die Gefahr vermeidet, welcher auf Canälen und schmalen Flüssen kleinere Kähne bei der Vorbeifahrt eines Dampfschiffes bisher ausgesezt waren. Die Wasserfläche bleibt vollkommen eben, so daß auch die Ufer vor dem Schaden sicher sind, den ihnen bisher der Wellenschlag der Schaufelräder that. Dagegen trägt die Schraube sehr viel dazu bei, den Schlamm des Bodens aufzurühren, und durch den Strom forttreiben zu lassen, so daß nach der Erzählung des Capitän Chappell der Hafenmeister von Plymouth den Gebrauch |155| der Schraube empfahl, und wenn sie bloß zur Reinigung der Häfen gebraucht werden sollte.“

Die Berichte der übrigen Journale sprechen sich in demselben Tone der vollsten Anerkennung aus. Aus der Edinburgh Evening Post mögen noch einige Bemerkungen über die Vortheile der Schrauben-Dampfschifffahrt hier stehen: „Die Schraube wird sich mit wesentlichem Vortheil bei Schiffen anwenden lassen, die für lange Reisen bestimmt sind, wo dann bei windstillem oder schwachem und ungünstigem Winde die Maschinearbeit und die Segel einander ablösen können. Sie kann bei jedem Wetter, selbst bei dem stärksten Sturme gebraucht werden, da sie fortwährend unter Wasser bleibt, während ein Räder-Dampfschiff, wenn es von einem Windstoß auf die Seite geworfen wird, nur mit einem Rade im Wasser bleibt. Auch können die Schraubenschiffe in enge Häfen mit Leichtigkeit einlaufen, wogegen bei der gewöhnlichen Einrichtung die breiten Räderkasten dieß verhindern. Für die Kriegsmarine ist die Schraube von der größten Wichtigkeit, da die unter dem Wasser befindliche Schraube vor Kugeln gesichert ist, und ihre Wirkung nicht von der aufrechten Lage des Schiffs abhängt, und desto stärker wird, je tiefer das Schiff im Wasser liegt, da sie dann in einer dichtern Flüssigkeit arbeitet. Die Räderkasten lassen ferner keine Aufstellung von Geschüz an den breiten Schiffswänden zu; mit ihnen fällt auch dieser Mangel weg.“

Hr. F. P. Smith wurde nach einer Probefahrt bei Edinburgh von der Society of Arts durch Acclamation zum Mitglied erwählt und erhielt von derselben Gesellschaft eine förmliche Danksagung im Namen der Wissenschaft. In Portsmouth wohnte der Admiral Sir Edward Codrington den Probefahrten bei, und lenkte, von ungeheuchelter Anerkennung durchdrungen, die Aufmerksamkeit der Marine auf die Erfindung hin. In Bristol beschloß der Stifter der transatlantischen Dampfschifffahrt, Capitän Claggston, ein eben im Bau begriffenes, für die Fahrt zwischen England und den Vereinigten Staaten bestimmtes, eisernes Riesendampfboot von 300 Tonnen mit einer Schraube zu versehen. Die Reise um Großbritannien, welche etwa 4700 engl. Meilen beträgt, wurde mit allem Aufenthalt in drei Wochen zurükgelegt; im Durchschnitt machte das Schiff zehn engl. Meilen die Stunde. Im Jul. fuhr der Archimedes von Portsmouth nach Oporto, und legte diesen, gegen 800 engl. Meilen betragenden, Weg in 69 Stunden zurük, was bisher noch kein anderes Dampfschiff that. Im August „schraubte“ er (die Engländer bezeichnen diese Bewegungsart bereits mit dem Zeitworte to screw nach den Niederlanden; er verließ bei seiner Fahrt nach Amsterdam Antwerpen um 5 Uhr Morgens, fuhr um den Texel herum in die Zuyderzee und war Abends um 7 Uhr am Ziel. Auf diese Erfolge hin sind dem Erfinder von England, Nordamerika, Holland und Belgien bereits Patente ausgefertigt worden.

Ein Bremischer Kaufmann, den sein Geschäft diesen Sommer nach England führte, wurde durch die Resultate der ersten Fahrten auf den Archimedes aufmerksam gemacht, und begleitete denselben auf seiner Reise um Großbritannien, um die Einrichtung und ihre Zwekmäßigkeit mit Muße prüfen zu können. Bei jedem der vielen günstigen Erfolge mußte ihm einfallen: von welcher Wichtigkeit ist diese Erfindung für den lebhaften und stets zunehmenden Verkehr zwischen den Vereinigten Staaten und den Hansestädten, und namentlich für den Transport der deutschen Auswanderer! Während England, Belgien und Frankreich die Idee einer Dampfverbindung zwischen Europa und dem westlichen Continent mit Eifer ergriffen, hat Deutschland noch gar keine Anstalten gemacht, sich die Vortheile jener Communication anzueignen) jezt, wo eine wesentliche Verbesserung in der Dampfschifffahrt vorgeht, darf es nicht länger zögern, sich die Vortheile sowohl der Dampfschifffahrt auf dem Ocean, wie auch der Archimed'schen Schraube anzueignen. Und da die leztere auf den Flüssen selten anzuwenden ist, indem die Schraube einen Durchmesser von wenigstens fünf Fuß haben, und das Schiff also wenigstens sechs Fuß tief im Wasser gehen muß, so daß ein Schrauben-Dampfboot auf dem Rhein z.B. nur bis Koblenz hinaufkommen könnte – so müssen wir uns desto mehr beeilen, die neue Erfindung für unsere transatlantischen Verbindungen zu benuzen.

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