Titel: Die Wollenmanufacturen, ein Mittel zur Erhaltung und Befestigung der Gesundheit.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1840, Band 78, Nr. XCII./Miszelle 3 (S. 448–449)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj078/mi078092_3

Die Wollenmanufacturen, ein Mittel zur Erhaltung und Befestigung der Gesundheit.

Die gute Gesundheit, welche unter den Arbeitern der Wollenspinnereien und Manufacturen herrscht, ist ein Gegenstand von hoher Wichtigkeit, wenn es sich darum handelt, den Einfluß der von einer gewissen Classe verrichteten Arbeiten zu betrachten. Die Aufmerksamkeit sowohl der Aerzte als des Publicums auf diesen Gegenstand ist sicher noch nicht in dem Grade, wie es solcher verdient, demselben zugewendet worden. Dr. Thomson sagt, daß während seines mehrjährigen Aufenthalts in einem Districte, wo die Bevölkerung sehr viel in Wollenmanufacturen beschäftigt ist, keine mit der medicinischen Topographie verbundene Thatsache auf ihn so viel Eindruk gemacht habe als das gute und gesunde Aussehen und das allgemeine Wohlbefinden der Kinder, welche in den Spinnereien beschäftigt sind. Diese Thatsache ist so merkwürdig, daß sie ganz sprüchwörtlich geworden ist und schwächliche, übel aussehende Kinder zeigen schon in wenig Wochen nach ihrem Eintritte in diese Fabriken eine auffallende Besserung in ihrem physischen Aussehen. In Yorkshire herrscht dieselbe Ansicht und man kennt sogar Beispiele, daß aus den höhern Massen Familien schwächliche Individuen, ihrer Gesundheit wegen, in Wollenfabriken gesendet haben; wovon die Folge eine auffallende Besserung ihrer Constitution gewesen ist. Die zuträgliche Natur dieser Beschäftigung wird von der arbeitenden Classe mit großer Wahrscheinlichkeit dem Umstande zugeschrieben, daß der Körper gewissermaßen von dem Oehle durchdrungen werde, welches bei diesen Fabricaten Anwendung findet. Daß dieses Wohlverhalten und die gute Gesundheit, selbst in dem Alter der Körperentwiklung und bei gänzlicher Entziehung der Bewegung während mehrerer Stunden, andauernd ist, macht die Sache nur noch auffallender. Obgleich nach den Fabrikgesezen die Kinder dieselbe Zahl von Stunden hindurch arbeiten, so bilden doch diese glatthaarigen rothbäkigen Knaben und Mädchen einen völligen Contrast mit jenen blaß aussehenden, kränklichen Geschöpfen der Baumwollenfabriken, welche das Gepräge von vorzeitiger Hinfälligkeit und Abmagerung an der Stirne tragen.

Dr. Thomson ist sehr geneigt, die in den Wollenmanufacturen herrschende gute Gesundheit vorzüglich der Quantität Oehl zuzuschreiben, die darin verbraucht wird; denn beim Eintritt in die Spinnmühlen sehen die Knaben und Mädchen so aus, als wenn sie buchstäblich in Oehl getaucht worden wären. Die Anwendung obiger Substanzen auf die Oberfläche des menschlichen Körpers ist schon lange im Gebrauch gewesen und war den ältesten Praktikern der Heilkunst bekannt.

Heutzutage ist Oehl als Localmittel für medicinische Zweke hoch geschäzt, und es verdient gewiß als allgemeines Mittel zur Erhaltung und Befestigung der Gesundheit mehr Aufmerksamkeit als bisher. Der berühmte Bacon sagt: Ante omnia igitur usum olei vel olivarum vel amygdali dulcis, ad cutem ab extra unguendum ad longevitatem conducere existimamus.“ – Als Beweis, daß diese Ansicht die richtige sey, kann hier angeführt werden, was von Reisenden aus östlichen Ländern berichtet wird, wo auf den äußerlichen Gebrauch des Oehls wunderbare Wirkungen beobachtet worden sind. Es ist bekannt, daß die in Oehlfactoreien Angestellten, Oehlmänner, Fischer, Lichterzieher, Gerber, Fleischer und Andere, die viel mit fettigen Substanzen umgehen, auffallend frei |449| bleiben von epidemischen Krankheiten, und daß solche selbst der Anstekung durch die Pest widerstanden haben, wenn Alles um sie herum hinweggerafft worden war.

In Schriften unserer Zeit wird öfter von Fällen der Schwindsucht und Atrophie geredet, welche durch Einreibungen von Oehl und Fett geheilt worden sind. Das gesunde Aussehen der Kinder in Wollenfabriken scheint die Beweise für die heilsame und stärkende Wirkung der auf die Oberfläche der Haut gebrachten Oehle zu liefern und müßte Veranlassung geben, diese Anwendung häufiger zu versuchen und zu Versuchen aufzumuntern.

Was nun die rationelle Erklärung der heilsamen Wirkung, welche durch Oehle und Salben herbeigeführt wird, anlangt, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß eine Absorption durch die Haut stattfindet. Die fortwährende Einöhlung der Haut möchte wahrscheinlich eine reichliche Ausdünstung vermitteln. Nach den Erfahrungen neuerer Physiologen ist es außer Zweifel gesezt, daß Flüssigkeiten durch die Haut aufgesaugt werden, selbst wenn leztere ganz unverlezt ist.

Es ist daher eben sowohl möglich, daß Oehl absorbirt werde, als andere Flüssigkeiten, und daß solches auf diesem Wege der Gesundheit derjenigen Personen zuträglich wird, welche demselben vermöge ihrer täglichen Beschäftigungen ausgesezt sind.

In dem Klima allein, oder in anderen Eigenthümlichkeiten der bezogenen Fabrikdistricte findet sich nichts, was diese Erscheinungen genügend erklären könnte. Der jährliche durchschnittliche Zustand von Krankheit und Sterblichkeit ist groß unter der Bevölkerung im Allgemeinen, und dieselbe wird von den meisten Krankheiten heimgesucht, denen das menschliche Geschlecht unterworfen ist; häufig werden Dörfer durch Epidemien ganz verödet. Wenn man auch sagen wollte, daß es eine angeborene in der Constitution liegende Kraft sey, auf welche das Aussehen der Factoreikinder zurükgeführt werden könne, so antwortet hierauf die Beobachtung, daß selbst schwächliche Kinder schnell zunehmen, wenn sie in einer Wollenwaarenfabrik verwendet werden. Eben so wenig kann ihre Gesundheit einer besseren Nahrung und Kleidung zugeschrieben werden, welche sie sich durch ihren Lohn verschaffen können, da im Allgemeinen in dem District keine solche Armuth herrscht, daß die Gesundheit durch schlechte Kost und Kleidung leiden könnte. Aus allen diesen Beobachtungen kann demnach der Schluß gezogen werden, daß in den Wollenmanufacturen selbst etwas seyn müsse, was einen directen Einfluß auf die Gesundheit der Arbeiter, insbesondere aber der Kinder ausübe, welche bei ihren Arbeiten meist mit Oehl beschäftigt sind.

Ein anderer Umstand fällt jedoch den Wollenmanufacturen zur Last, da man nämlich die Beobachtung gemacht haben will, daß nirgend so viele Kräzfälle vorkommen als unter Wollenarbeitern; diesem könnte jedoch durch größere Reinlichkeit abgeholfen werden.

Möchten doch erfahrene Aerzte veranlaßt werden, diese Beobachtungen weiter zu verfolgen und ihre Erfahrungen öffentlich mitzutheilen! (Verhandlungen des Gewerbvereines zu Köln.)

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