Titel: Ueber die Krankheiten der Seidenraupen und die Mittel dagegen
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1841, Band 79, Nr. XXXII./Miszelle 10 (S. 158–159)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj079/mi079032_10

Ueber die Krankheiten der Seidenraupen und die Mittel dagegen

theilt Hr. Professor Dr. Kittel in Aschaffenburg folgende schäzbare Bemerkungen in Riecke's Wochenblatt 1840, Nr. 50 mit:

Die am häufigsten vorkommenden und verheerendsten Krankheiten der Seidenraupen sind: a) Diarrhöe, b) Verstopfung, c) Brechdurchfall, d) Wassersucht, e) die Flechten. Wir werden sie nach dieser Ordnung näher betrachten.

a) Die Diarrhöe oder der Durchfall tritt ein, wenn man längere Zeit sehr wasserschüssiges, milchsaft- und firnißloses Futter vorlegt oder vorlegen muß. Dahin gehören die Wasserloden der Heken und das schnellwüchsige Laub nach anhaltend trübem regnerischem Wetter. Die gefunden Exkremente der Raupen sollen halbhart seyn; erscheinen sie flüssig, so daß sie das untergelegte Papier oder Brett grün färben, so leiden die Raupen an Diarrhöe. Die Behandlung muß hier eine doppelte seyn: 1) man reiche hier nur alte, erwachsene Blätter der Hochstamme und lasse sie vorher etwas welken, indem sie an einem warmen Orte ausgebreitet werden. 2) Man gebe den Raupen durch Einheizen eine Temperatur von 26° R. 3) Im Falle keine alten Blätter von Hochstämmen zu erhalten sind, pudere man das Laub der Heken mit einem Gemenge von 6 Theilen Reis- und 1 Theil Zukermehl (zerstoßenem und gesiebtem weißem Zuker), und in Ermangelung von süßem Reismehl erseze man dieses durch gepulverte Weizenstärke. Diese Behandlung muß so lange fortdauern, als man gezwungen ist, so wasserhaltiges Futter zu reichen.

b) Die Verstopfung, die Schwarzsucht hat ihren Grund in der entgegengesezten Ursache der Diarrhöe, d.h. sie ist Folge zu großer Hize und zu festen, harten und derben oder rostflekigen Futters. Diese Krankheit wird der Wärter meistentheils zu spät gewahr, wenn er nicht genau auf die Art der Exkremente seiner Thiere Acht hat. Sind leztere sehr fest und schwärzlich, sieht man einzelne Raupen anstatt des Kopfes den Hinteren in die Höhe heben und die Schwanzfranzen, wie der Pfau seinen Schweif, aufrichten und ausbreiten, ohne daß sogleich Excremente abgehen, so leiden die Raupen an Verstopfung. Wird dem Uebel nicht bald abgeholfen, so bemerkt man bald einen Nachlaß der Freßlust, die Raupen werden gelb (Gelbsucht), ziehen den Kopf ein, bleiben auf der Stelle, schrumpfen zusammen und werden allmählich schwarz und welk, dann sind sie verloren.

Sobald man die ersten Zeichen der Krankheit bemerkt, lege man den Raupen nur die jungen Triebe der Heken, und wo diese fehlen, die Spizen der Triebe von Hochstämmen vor. Ist das Wetter anhaltend heiß und troken, so wird es dann nöthig, die Bäume an den Wurzeln zu begießen, sonst kehrt die Krankheit wieder; stehen uns aber Heken zu Gebote, so füttere man abwechselnd über den anderen Tag Heken- und Hochstammfutter, so wird diese Krankheit, so wie die Diarrhöe vermieden. Festes Laub von Hochstämmen bringe man nach dem Brechen in Körben loker aufgeschüttelt in einen feuchten Keller. Eine andere Ursache der Krankheit, die wir aber wohl vermeiden können, ist das vergohrene Futter. Werden nämlich Blätter gebrochen, und diese, wie es zu geschehen pflegt, in Tragkörbe gepreßt und so aufbewahrt, so erhizen sie sich, gähren, schwizen und werden dunkel-, endlich mißfarbig. In diesem Zustande ist das Laub den Raupen |159| zu hizig, und wenn es einmal blau geworden, sogar schnell tödtlich. Ist man gezwungen, das Laub lange vorher zu brechen (und dieß geschieht bei mir so oft, als Regen droht), so werden die Körbe nur loker gefüllt und in kühlen Kellern aufbewahrt, vor dem Füttern aber noch einmal an der Luft ausgebreitet.

c) Der Brechdurchfall ist nur eine gesteigerte Diarrhöe, und tritt ein, wenn nach anhaltend trokenem Wetter, und daher sehr derbem, gummi- und firnißhaltigem Futter, plözlich nach eingetretenem Regen nasses Futter aufgelegt wird. Kaum hat dann eine Raupe davon gefressen, so zieht sie ihren Rüssel ein, rekt den Kopf in die Höhe und speiet Gummiwasser aus. – Fasten lassen und Einheizen ist das einzige Heilmittel gegen diese unangenehme Krankheit. Tritt dieselbe gerade vor einer Häutung ein, so sind die Raupen unheilbar; denn die Häutung wird unmöglich, indem die Thiere die mit der Unterhaut verklebte Larve nicht auszuziehen vermögen. Dieses Uebel kann verhütet werden.

d) Die Wassersucht, Bleichsucht, gemeinlich auch Gelbsucht genannt, ist eine der am häufigsten vorkommenden Krankheiten. Sie entsteht von zu wässerigem Futter, besonders wenn längere Zeit eine konsistentere Nahrung gereicht worden war. Sie ist bei anhaltendem Regenwetter fast unvermeidlich, entsteht aber auch gerne bei geringem, wasserschüssigem Hekenfutter selbst bei gutem Wetter, besonders wenn der Raupensaal zu kühl ist und die Ausdünstung der Raupen unterdrükt wird. Die Raupen werden dann blasser und wie aufgeblasen; die dunkelfarbigen erscheinen gelb, die gelblichen werden weiß, in beiden Fällen träge, verlieren ihre Freßlust; endlich wird der Kopf spiz, es tritt Diarrhöe ein und zulezt Brechen, worauf der Tod folgt. Einige plazen sogar auf. Die Ursache der Krankheit liegt darin, daß das consistente Gummi von der kräftigeren Nahrung in den Gummibehältern der Raupen, von den wässerigen Säften ihrer neuen Nahrung durch Endosmoose aufquillt, und dadurch eine unnatürliche schmerzhafte Spannung der Behälter erzeugt wird, in Folge deren der Gummifluß (Diarrhöe) oder das Gummibrechen, oder endlich das Bersten eintritt. Die Krankheit schreitet langsamer vorwärts, als die erst genannten, und Heilung wird erreicht, wenn die Temperatur des Saales erhöht und nur derbes oder etwas welkes Futter gereicht wird.

e) Die Flechten entstehen, wenn die Zuchtsäle zu niedrig, zu eng, dumpfig und die Raupen zu dicht zusammengepfercht sind, wenn nicht über den zweiten Tag gemistet und fleißig gelüftet wird, end ich wenn die an Diarrhöe oder Brechen leidenden Raupen nicht von den gesunden entfernt werden, besonders bei feuchtwarmem Wetter. Die Krankheit besteht in dem Wachsen von Schimmel, besonders in den Kerben der Ringe der Thiere. Sie wird gemeiniglich erst spät erkannt. Anfangs werden die Raupen etwas dunkler, ja die dunkleren Punkte selbst schwarz. In diesem Zustande sind die Kranken noch zu retten, und zwar: 1) durch tägliches Reinigen der Stellen oder Bögen, 2) durch Einleiten eines Stromes trokener warmer Luft in den Raupensaal (mittelst blechener Luftheizungsöfen, wie sie in Nürnberg zu haben sind), 3) endlich durch Bestreuen derselben mit feinem Kohlenstaub, was täglich wiederholt wird, bis ihre Hautfarbe sich bessert und ihre Freßlust großer wird. Da die Krankheit anstekend ist, so müssen alle schon von ihr ergriffenen von den gesunden entfernt werden. Erscheinen die Raupen einmal schwarz mit grauem Dufte oder gelben Fleken, so sind sie unrettbar verloren (Schwarzsucht.). Die Krankheit kommt am meisten vor der zweiten und dritten Häutung vor und macht die leztere, so lange sie dauert, unmöglich. Die Reconvalescenten müssen mit den Spizen der Triebe gefüttert werden.

So viel über die von mir beobachteten Krankheiten der Seidenraupen. Sie können fast durchgängig vermieden werden, wenn die Pflege der Thiere vollkommen ist.

Endlich muß man auf einen gefährlichen Feind der Seidenraupen und besonders der Cocons aufmerksam machen. Die Mäuse betrachten diese Cocons als die besten Lekerbissen und suchen gewiß die schönsten zum Fraße aus. Man muß diese Feinde auf jede Weise zu vertilgen suchen. Fallen mit gebratenem Schweinfleisch sind das beste und unschädlichste Mittel; alles andere verschmähen sie gegen die Cocons.

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