Titel: Dr. Berres, über die Verbesserung der Camera obscura und die Fortschritte in der Erzeugung der Lichtbilder.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1841, Band 79, Nr. XXXII./Miszelle 8 (S. 156–157)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj079/mi079032_8

Dr. Berres, über die Verbesserung der Camera obscura und die Fortschritte in der Erzeugung der Lichtbilder.

Obgleich durch die bereits in der Wiener Zeitung vom 12. December enthaltenen Berichte des niederösterreichischen Gewerbvereins die bedeutenden Fortschritte allgemein bekannt gemacht worden sind, welche in der Erzeugung photographischer Bilder in Wien durch die, mittelst einer vom Hrn. Dr. Petzval, Professor der höhern Mathematik an der Wiener Universität, berechneten, und von den hiesigen Optikern Voigtländer und Sohn ausgeführten Linsencombination erzeugten Portraits lebender Personen gewonnen wurden, so dürfte es dennoch nicht überflüssig seyn, noch einige Worte über das Wesen dieser eben so interessanten als nüzlichen Erfindung öffentlich mitzutheilen.

Schon Daguerre und nach ihm viele andere haben sich die Aufgabe gesezt, mittelst der Photographie Portraite zu erzeugen und dadurch der Erfindung Daguerre's nicht allein eine größere Ausdehnung, sondern auch eine nüzliche Anwendung zu verschaffen, allein alle mit der, bis jezt benüzten dunkeln Kammer unternommenen Versuche konnten nur sehr unbefriedigende Resultate liefern; denn da vermöge der gewöhnlichen Einrichtung der Camera obscura 10 bis 15 Minuten zur erfolgreichen Einwirkung des Lichtes erforderlich sind, um ein hinreichend scharfes Bild zu gewinnen, erhielt man stets verwaschene undeutliche Umrisse, da sich während der angeführten Zeitfrist die zu portraitirenden Personen niemals in einer freien, ungezwungenen, ruhigen Haltung behaupten konnten.

Wie bekannt, besteht der optische Theil der Daguerre'schen Camera aus einer einzigen achromatischen Linse von 3 Zoll Durchmesser. Die Erfahrung zeigt nun aber, daß man mit derselben nur dann die gewünschten Resultate in Bezug auf gleichförmige Scharfe des Bildes erhalten kann, wenn man bloß die auf einen keinen Theil der Linse und zwar auf die Mitte derselben auffallenden Strahlen benüzt, und die am Rande der Linse ausfallenden Strahlen gar nicht auf die Platte gelangen läßt, was man – wie bekannt – durch eine, mit einer keinen Oeffnung versehene und dem Objective vorgestekte Blendung erreicht.

Dieser Unvollkommenheit der Linse sowohl als auch der geringen Helligkeit der Camera durch einen intensiv wirkenden Lichtstrahl abzuhelfen, erfanden die Liebhaber der Daguerreotypie verschiedene Vorrichtungen, von welchen ich bloß jener erwähnen will, deren Verfahren und Resultate öffentlich bekannt gemacht wurden. |157| Zu diesen gehören die Bemühungen des Malers Isenring zu St. Gallen und des Engländers Woolcot. Jener scheint jedoch keine bedeutende Zeitabkürzung gewonnen zu haben; und die Vorrichtung des Engländers Woolcot zur Beleuchtung der zu portraitirenden Personen vermittelst Metallspiegel (polytechnisches Journal Bd. LXXVIII. S. 122), ist ihrer Kostspieligkeit und Complication wegen wohl nicht dazu geeignet, daß man jemals dieselbe allgemein in Gebrauch sezen könnte, um so mehr, als sie durch den Wiener Apparat in jeder Beziehung entbehrlich gemacht wird.

Um dem Grundübel – den Mängeln der dunkeln Kammer – auf rationellem Wege und gründlich abzuhelfen, unterzog Hr. Prof. Petzval die Bedingungen, ein dem Zwek möglichst entsprechendes Objectiv zu erhalten, einer langen und schwierigen Rechnung, deren Resultate oben erwähnte Linsencombination des Wiener Apparates ist. Diese besteht aus zwei achromatischen, von einander getrennten Linsen, deren gesammte Brennweite 5 1/2 Zoll beträgt, bei 18 Linien freier, nüzlicher Oeffnung – da sich weder vor noch zwischen den Linsen eine Blendung befindet, aus welchen Angaben und der Schärfe der mit dieser Linsencombination erzeugten Bilder – sich entnehmen läßt, bis auf welchen Grad sowohl einerseits durch die Rechnung die sphärische und chromatische Abweichung gehoben – mithin den Hauptbedingnissen entsprochen, als auch andererseits die praktische Ausführung den von dem Calcul bedingten Werthen nachgekommen seyn muß. Die erzielte Lichtstarke ist zehnmal bedeutender, als bei dem frühern Apparat. Dieser Umstand macht es allein möglich, Portraite von so überraschender Schönheit und Schärfe in der Zeit von 1 1/2 – 2 Minuten zu erzeugen, an welchen sogar die Lichtpunkte auf den Augen zu erbliken sind, wie sich Jedermann von der Wahrheit des Gesagten durch die bei den HHrn. Voigtländer und Sohn zur allgemeinen Beurtheilung ausgestellten, von der Hand des Hrn. Martin verfertigten Portraite bekannter lebender Personen vollkommen überzeugen kann.

Die Dauer des Portraitirens ist nach der Intensität des Tageslichtes verschieden. Um ein scharfes Portrait bei einem trüben Tage zu gewinnen, benöthiget man bei der Benüzung des Wiener Apparates 3 1/2 Minuten, an einem sonnigen hellen Tage im Schatten 1 1/2 – 2 Minuten, und im directen Sonnenlichte circa 45 Secunden44), welche Zeitfrist allerdings die ruhige Stellung und Haltung einer zu portraitirenden Person denken läßt, von welcher die Schärfe der Umrisse dependirt, wie es die obenerwähnten Portraite sattsam erweisen.

Im directen Sonnenlichte wurden jedoch bloß Landschaften und andere äußere Gegenstände mittelst des geschilderten Apparates mit großem Vortheile aufgenommen und dieses Licht bei der Erzeugung von Portraits wegen der hiedurch unvermeidlich erzeugten Schlagschatten nie mir Glük benüzt.

Einen nicht unwesentlichen Vorzug gibt dem Voigtländer'schen Apparatendlich der Umstand, daß derselbe jeden Besizer befähigt. Portraite von gleicher Schärfe und Treue zu erzeugen, während die Hülfsmittel und Vorrichtungen des Hrn. Isenring und Woolcot nur Monopole für jene Herren bleiben, die Erzeugung der Portraite aber ganz nach den Gesezen und üblichen Verfahren der Daguerreotypie – mit Ausnahme weniger Vereinfachungen – beibehalten worden und das compendiöse Instrument von Jedermann leicht handzuhaben ist. Diese ausgezeichneten Leistungen unserer rühmlichst bekannten Optiker Voigtländer und Sohn haben auch bereits die Anerkennung in so hohem Grade sich erworben, daß sie mit der silbernen Vereinsmedaille in der lezten Generalversammlung des niederösterreichischen Gewerbsvereins belohnt wurden.

Wien, Ende December 1840.

(Augsb. Allg. Zeit.)

|157|

Hr. Arago hat am 4. Jan. d. J. der Akademie der Wissenschaften in Paris dir interessante Mittheilung gemacht, daß es Hrn. Daguerre gelungen ist ein sein früheres weit übertreffendes Verfahren zu entdeken, so daß man eine Platte nicht einmal eine Secunde lang dem Licht auszusezen braucht, während man bisher zur Erzeugung eines Lichtbildes eine Anzahl von Minuten brauchte, weßwegen es auch nicht möglich war, lebendige Figuren, namentlich die Augen oder bewegliche Theile einer Landschaft, wie Baumblätter, darzustellen.

A. d. R.

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