Titel: Das Carbolin, ein in Rußland erfundenes Brennmaterial.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1841, Band 79, Nr. LXIII./Miszelle 8 (S. 319–320)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj079/mi079063_8

Das Carbolin, ein in Rußland erfundenes Brennmaterial.

Hr. Weschnaekoff in Petersburg hat im Verlauf seiner Bemühungen, einen möglichst vortheilhaften Kraftapparat herzustellen, ein neues Brennmaterial erfunden, welches eine sehr intensive Hize erzeugt und doch viel weniger Raum einnimmt, als die beste Steinkohle. Er nennt dieses Brennmaterial Carbolin und hat zahlreiche Versuche angestellt, um sich einerseits von der kräftigen Wirkung desselben zu überzeugen und andererseits die beste und wohlfeilste Methode behufs seiner Bereitung aufzufinden. Der glüklichste Erfolg hat seine Bemühungen gekrönt, die zur Darstellung des Carbolins erforderlichen Stoffe findet man in allen Ländern in größter Menge vor, was die Erfindung um so schäzbarer macht.

Zuerst stellte Hr. Weschnaekoff mit seinem Brennmaterial Versuche in Petersburger Fabriken an, die mit Dampfmaschinen arbeiten; später theilte er eine Quantität desselben dem Capitän Waters mit, welcher das Dampfboot Syrius von 300 Pferdekräften befehligt, um damit auf der Fahrt von Kronstadt nach London einen Versuch im Großen vorzunehmen. Von diesem Capitän und dessen Ingenieur erhielt er dann einen officiellen Bericht, dessen wesentlichen Inhalt die (in russischer Sprache erscheinende) nordische Biene mittheilt.

Im Oktober 1840 wurden auf dem Syrius zwischen Kronstadt und Kopenhagen Versuche mit dem neuen Brennmaterial angestellt und zwar in Vergleich mit den besten englischen Steinkohlen, wie sie stets auf diesem Dampfboote angewandt werden. Die Quantität der consumirten Steinkohlen war zur Zeit der Versuche genau dieselbe, wie sonst; es wurden nämlich 7 Pfd. in der Stunde auf jede Pferdekraft verbraucht; dabei machte das Rad 12 Umgänge in der Minute, die Temperatur im Condensator war 90° F., die Spannung des Dampfs 27 1/2 bis 28 (engl.) Zoll, die Geschwindigkeit des Schiffs 6 1/2 Meilen in der Stunde und der Druk des Dampfs 5 Pfd. auf den Quadratzoll. Nach der genauen Erhebung dieser Daten wurden noch an demselben Tage aus dem Syrius Versuche mit dem Carbolin angestellt. Zum großen Erstaunen des Capitäns Waters und des Ingenieurs verbrauchte man von dem neuen Brennmaterial in der Stunde nur 4 1/2 Pfd. auf die Pferdekraft; dabei machte das Rad 13 Umgänge in der Minute und das Schiff legte 7 Meilen in der Stunde zurük, also 1/2 Meile mehr, als bei Anwendung von Steinkohlen, alle übrigen Bedingungen, die Spannung des Dampfs etc. waren vollkommen dieselben. Der Capitän bemerkt in seinem Bericht, daß die Flamme von dem Carbolin außerordentlich stark ist, daher auch die gewöhnlichen Oefen der Dampfkessel für dieses Brennmaterial offenbar zu groß seyen.

Ein englischer Kubikfuß bester Steinkohlen wiegt 54 714/1000 Pfd. und das gleiche Maaß Carbolin 55 71/1000 Pfd.

Man ist gegenwärtig in England mit dem Bau eines zur Fahrt nach New-York bestimmten eisernen Dampfboots (des Mammuths) von 1000 Pferdekräften beschäftigt; dieses Dampfboot soll englische Steinkohlen nicht nur für die Hin- sondern auch für die Rükfahrt mitnehmen, weil die amerikanischen Steinkohlen meistens viel schlechter sind. Rechnet man nun auf 1000 Pferdekräfte 7000 Pfd. Steinkohlen, also in 20 Tagen oder 480 Stunden (für die Hin – und Herfahrt) 3,360,000 Pfd., so kommt, da man zur Vorsicht noch um 1/3 mehr Steinkohlen mitnimmt, eine Summe von 4,480,000 Pfd. Steinkohlen heraus; diese nehmen |320| einen Raum von 81,834 Kubikfuß ein. Da man nun von dem Carbolin bloß 4 1/2 Pfd. in der Stunde braucht und um 1/2 Meile schneller fährt, also nur 444 Stunden unterwegs ist, so macht die Last von Carbolin nur 2,888,000 Pfd. aus, welche 51,694 Kubikfuß einnehmen, so daß man 30,190 Kubikfuß an Raum gewinnt. Die wohlfeilste Waarenfracht von England nach Nordamerika beträgt 2 1/2 Shilling vom Kubikfuß, also 5 Shill. hin und her, bei Anwendung des Carbolins gewinnt man folglich auf einer einzigen Fahrt in Folge der Raumersparniß allein schon 7547 Pfd. Sterl.; davon kommen jedoch 643 Pfd. Sterl. in Abzug, denn in diesem Verhältniß kostet die gleiche Menge Carbolin mehr als Steinkohlen, bei der jezigen Bereitungsart ohne mechanische Hülfsmittel.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: