Titel: Mohr's Schlittschuhe.
Autor: Mohr, Karl Friedrich
Fundstelle: 1841, Band 80, Nr. V. (S. 19–22)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj080/ar080005

V. Ueber eine Verbesserung an Schlittschuhen; von Dr. Mohr in Coblenz.1)

Mit Abbildungen auf Tab. I.

Der Schlittschuh existirt heutzutage noch, wie er von seinem unbekannten Erfinder herrührt; es sind daran keine wesentlichen Verbesserungen gemacht worden. Daß man die scharfschnürenden Riemen in den schnürbrustähnlichen offenen Schuh verwandelt hat, ist eine angenehme Zugabe, die aber noch nicht allgemeine Einführung gefunden hat, weil sie mit einigen andern Uebelständen verknüpft ist.

Das Schlittschuhlaufen ist ungeachtet der verminderten Reibung auf dem Eise immer noch eine anstrengende und ermüdende Bewegung, und zwar aus dem Grunde, weil einige Muskeln dabei auf eine ungewöhnliche Weise in Anstrengung genommen werden, welche bei der gewöhnlichen Gehbewegung wenig zu leisten haben, und deßhalb auch nicht die dazu nöthige Stärke in ihrem Wachsthum erlangen können. Auf dem Schlittschuh steht der Fuß auf einer sehr schmalen Linie, so daß das Stehen auf einem Fuße eine nur durch Uebung zu erlangende Operation ist. Steht man auf beiden Füßen, so fällt zwar der Schwerpunkt mit Leichtigkeit innerhalb des von beiden Füßen umfaßten Areals, aber dieses sezt voraus, daß die Schlittschuhe sammt dem Beine ein festes System von Trägern darstellen. Dieses findet aber nur statt, wenn diejenigen Muskeln, welche den Fuß nach Innen und nach Außen zu beugen vermögen, gleichzeitig scharf angestrengt |20| werden, so daß sie die Beweglichkeit des Fußgelenks gleichsam aufheben.

Beim Stehen auf flacher Erde mit bloßem Fuß, oder in dem gemeinen Schuh, ist die Last des Körpers auf eine ziemlich große Fläche vertheilt. Die seitlichen Muskeln der Wade, die peronaei und die beiden tibiales haben einen leichten Dienst, weil sie tief am Fuße angewachsen sind, und die Last durch ihre breite Unterstüzung an sich nicht zum Umschlagen inclinirt. Steht der Fuß auf dem Schlittschuh, so ist erstlich die unterstüzende Fläche bedeutend vermindert, zum andern aber der Hebelarm, womit die umschlagende Last das Fußgelenk seitlich zu beugen strebt, um die ganze Höhe des Schlittschuhes vermehrt, so daß nun die musculi peronaei und tibiales, posticus et anticus sehr scharf anspannen müssen, um das Umschlagen des Fußgelenkes zu verhindern. Es ist jedem einleuchtend, daß je höher die Schlittschuhe sind, eine desto größere Gewalt dieser Muskeln in Anspruch genommen wird, und daß, wenn man die Schlittschuhe 8 bis 10 Zoll hoch machen würde, jene Muskeln gar nicht mehr im Stande seyn würden, die Last des Körpers vor dem Umschlagen zu bewahren. Die Ermüdung beim Schlittschuhlaufen rührt nun hauptsächlich davon her, daß diese Muskeln einer größern Kraftäußerung ausgesezt werden, als gewöhnlich, und daß sie wegen ihrer gewöhnlichen Leistungen nicht jene Stärke erlangen können, welche die unnatürliche Lage im Schlittschuhe erfordert. Man bemerkt auch, daß ein Anfänger im Schlittschuhlaufen beständig mit dem Umkniken des Fußgelenkes zu kämpfen hat, weil er noch weniger gewohnt ist, die dazu nöthige Kraftanstrengung auszuüben, um dieses zu verhindern. Ein geübter Läufer ist bei starker Ermüdung im selben Falle im Fuße umzuschlagen, und dem geübten und noch nicht ermüdeten Läufer geschieht es, wenn er sehr stark austritt, wenn also die Last des Körpers noch durch den mechanischen Druk der Beine vermehrt wird, und dadurch die gerade zu haltende Last selbst bedeutend vermehrt ist.

Diese Beobachtungen und Betrachtungen brachten in mir die Ansicht zur Reife, daß alle Verbesserungen der Schlittschuhe ungenügend seyn, welche die Befestigung derselben nur unterhalb des Fußgelenkes bewirken. Die beste Befestigung der Schlittschuhe am Fuß kann jenen Muskeln nicht zur Hülfe kommen, und es blieb nothwendig, die Schlittschuhe mittelst eines einfachen Mechanismus so an die Wade zu befestigen, daß dadurch die natürliche Bewegung des Fußes nach vorn und hinten möglichst frei bliebe, jene nach der Seite hin bis zu einem gewissen Grade beschränkt, und das Umschlagen des Fußgelenkes durch irgend eine Hülfe unmöglich gemacht |21| würde. Dieses ist nun vollkommen durch den in Fig. 36, 37 und 38 abgebildeten Mechanismus gelungen.

Auf das Holz des Schlittschuhes wird ein passend geformtes Eisen angeschraubt, womit eine in die Form der Ferse sich anschließende aufrechtstehende flache Eisenschiene a fest verbunden ist. Oben ist ein starkes Scharnier angebracht, und daran die schlank gebogene, oben in einen Halbkreis endigende Stange b befestigt. Die Höhe des Scharniers muß dem Fuße angepaßt werden, für den der Schlittschuh bestimmt ist und so nahe als möglich jener des Fußgelenkes gleichkommen. Daß hiebei die Absäze der Stiefel mitgemessen werden müssen, versteht sich von selbst, weil sie auch mit auf den Schlittschuh kommen. Das Scharnier wird ganz nach Außen gelegt, daß es den Fuß nicht drüke, aus Vorsorge sammt der Stange a auch noch mit etwas Watte und Leder gepolstert. Der halbkreisförmige Ring legt sich unter den Beinkleidern, wenn man keineStrümpfe daran trägt, um den untern Theil der Wade, so daß er noch die Stiefel trifft, und vorn über das Schienbein wird ein Riemen lose geschlungen, ohne daß der geringste Druk entsteht. Man kann noch die ganze Hand zwischen den Riemen und das Bein einschieben. Die übrige Befestigung des Schlittschuhes am Vorderfuß und über der Reihe kann die gewöhnliche bleiben, und ist deßhalb hier nicht gezeichnet, damit jedem die Wahl bleibe.

Bei dem Gebrauche dieser Schlittschuhe, der jedoch am Ende des Winters nur an wenigen Tagen geschehen konnte, stellten sich nun folgende Beobachtungen heraus.

Man steht mit diesen Schlittschuhen auf dem Eise so fest und so leicht wie ohne dieselben auf der Erde. Läßt man die Spannmuskeln des Fußes in ihrer Thätigkeit erschlaffen, so strebt der Fuß umzuschlagen; alsdann legt sich der halbkreisförmige Ring sanft an die Wade und der Fuß wird gerade gehalten, ja selbst mit Gewalt kann man ihn nicht bedeutend seitlich beugen.

Beim Laufen kann man die ganze Kraft der Oberschenkel entwikeln. Das Wechseln der Füße kann so schnell wie beim Laufen auf dem festen Lande erfolgen, und selbst bei vorgelegtem stark gebeugtem Körper hat das Austreten mit dem hintern Fuße nie die Folge, daß der Fuß umschlage oder kraftlos vom Eise abrutsche, was wegen des sehr schiefen Angriffs sonst leicht zu geschehen pflegt.

Vorzüglich eignen sich diese Schlittschuhe zum Dauerlauf und zum Schnelllauf; zu ersterem, weil die oben genannten Fußmuskeln keine unnatürliche Kraftäußerung zu leisten haben, zu lezterem, weil die |22| ganze Kraft der Muskeln des Oberschenkels zur Entwikelung gelangen kann.

Man kann beim Laufen die Füße nicht nur gleitend, sondern auch stampfend auf das Eis aufsezen, da keine besondere Kraft zum Verhüten des Umschlagens nothwendig ist. Dieses Laufen sieht dem Laufen auf festem Lande sehr ähnlich, und ist für alle unausführbar und unbegreiflich, welche diese Construction nicht kennen, und die verborgene Stange unter den Beinkleidern nicht bemerken.

Man kann hoch springen, denn auch hier hat das Niederfallen keine Gefahr des Umknikens.

Man kann das Holländern oder Bogenschneiden kühner und kraftvoller ausführen, als dieß mit den gemeinen Schlittschuhen der Fall ist. Denn da gerade bei dieser Art von Bewegung der Schwerpunkt des ganzen Körpers am allerweitesten von dem Unterstüzungspunkte des einen gleitenden Fußes entfernt ist, so findet dabei auch die größte Gefahr des Umschlagens statt. Man ruht jedoch bei der verbesserten Construction in dem halbrunden Bügel wie in der Lehne eines Stuhls, und es ist auffallend, welche ungemeine Unterstüzung diese Vorrichtung bei jeder neuen Bewegungsart, welche man versucht, gewährt.

Das Uebertreten in sehr kleinen Kreisen kann bis zum tollkühnen Wagniß ohne Gefahr getrieben werden. Nie verfehlt der aufgesezte Fuß seine richtige Stellung. Endlich ist man viel weniger dem Fallen über unvorhergesehene Hindernisse ausgesezt, weil man überhaupt seine Füße vollkommner in der Gewalt hat.

Unstreitig eignen sich diese Schlittschuhe auch ganz besonders zum Erlernen des Schlittschuhlaufens, weil die größte Schwierigkeit für den Anfänger, nämlich das Gerade- und Feststehen, keine besondere Erlernung und Uebung erfordert. Jedoch habe ich hierüber noch keine Erfahrungen, indem ich gerade am Ende des Winters diese neue Construction zum erstenmale versuchte.

Nach dem Wunsche des Verfassers zeigen wir hiemit an, daß die Verhandlungen des Gewerbevereins in Coblenz aufgehört haben zu erscheinen; Hr. Dr. Mohr wird seine technischen Abhandlungen in Zukunft dem polytechnischen Journal zuwenden. A. d. R.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Tafeln


Orte
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: