Titel: Ueber Dampfkessel-Explosionen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1841, Band 80, Nr. LXXX./Miszelle 1 (S. 313–314)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj080/mi080080_1

Ueber Dampfkessel-Explosionen.

Vor einiger Zeit wurde eine neue hierauf bezügliche Theorie, welche von einem Fabrikanten zu Bordeaux der französischen Regierung mitgetheilt worden war, dem Publicum durch eine Auseinandersezung bekannt, die das Ministerium der öffentlichen Arbeiten in dem Moniteur vom 22. December 1839 einrüken ließ. Dieselbe beruht zuvörderst auf der Thatsache, daß die Erzeugung einer gewissen Menge Dampfes im Verhältniß zur Oberfläche der siedenden Flüssigkeit und zu dem Zustand der Reinheit des Wassers, welches immer mit mehr oder weniger erdigen Theilen beladen ist, nicht stattfinden kann, ohne daß dieses Wasser, welches durch den zu heftigen Dampfstrom, der ihm entsteigt, gehoben wird, sich durch alle möglichen Auswege drangt. Dieser Fall tritt ein, wenn man den Hahn einer gewissen Abtheilung des Kessels öffnet und so die zu rasche Entwikelung des in einer erhizten Flüssigkeit im verschlossenen Gefäße comprimirten Dampfes hervorruft. Wir sehen dieses jeden Tag. wenn beim Oeffnen einer Flasche moussirenden Champagners das comprimirte Gas sich zu heftig freizumachen sucht. Dasselbe findet in einem gewissen Maaße statt, wenn Milch auf einem zu starken Feuer steht. Diese Theorie ist zweitens auf den unbestrittenen Saz gegründet, daß die Geschwindigkeiten des Ausfließens der Flüssigkeiten von verschiedener Dichtigkeit unter gleichem Druke sich umgekehrt verhalten wie die Quadratwurzeln ihrer Dichtigkeit; daß also, wenn die Dichtigkeit eines Gemenges von Wasser und Dampf, welches in gewissen Fällen ausströmt, nur 100mal starker ist als die des Dampfes unter einem gewissen Druke, die Geschwindigkeit 10mal geringer, daher das Volumen des Ausgeströmten 10mal kleiner seyn wird. Daraus geht hervor, daß die Menge Dampf, welche sich, um diesen Raum zu erfüllen, bildet, indem er seine latente Wärme der fühlbaren Wärme des eingeschlossenen Wassers entzieht, bei dem Verhältniß der angeführten Geschwindigkeiten nur den 10ten Theil der Menge beträgt, welche aus dem Austritt reinen Dampfes hervorgehen würde, auf welche die Größe der Sicherheitsventile berechnet wurde. Der austretende Dampf kann daher unzureichend befunden werden, um der fortschreitenden innern Spannung Einhalt zu thun. Wenn der bezeichnete Fall bei sehr starkem Feuer eintritt, muß der Druk sehr rasch zunehmen, weil in dem Maaße als die Wärme zunimmt und daher ein beträchtlicherer Austritt nothwendig wird, er gerade mit der Geschwindigkeit des Ausfließens abnimmt, indem die Dichtigkeit der ausgestoßenen Flüssigkeit sich in starkem Maaße vergrößert.

Mittelst dieser Theorie wird es sehr leicht zu erklären, was in dem Moment der Explosion des Dampfbootes Citis auf der Saône, nahe bei Chalons, vorgegangen seyn muß. – Die Wasserhöhe, welche so eben untersucht worden war, gestattet nicht, anzunehmen, wie dieß mehrere Journale thaten, daß die Kessel geglüht haben. Andererseits würde die gerichtliche Untersuchung derselben ihre zu geringe Widerstandskraft, hätte eine solche stattgefunden, ergeben haben und die ganz neuen Kessel konnten überhaupt noch nicht verdorben seyn. Es können demnach auch die von anderen Journalen aufgestellten Ursachen des Bruches nicht angenommen werden. Offenbar war der Dampferzeuger (Generator) für die Consumtion der mit aller ihrer Kraft thätigen Maschine nicht hinreichend, weil, troz des langsamen Ganges des Schiffes, und folglich auch des Motors, der Dampf sich nicht auf dem gewünschten Druk erhalten konnte. Um diese Schwierigkeit zu besiegen, mußte denn um jeden Preis von dem Generator eine viel größere Quantität Dampfes erhalten werden, als er im Normalzustande, d.h. bei mäßigem Sieden erzeugen konnte. Man hielt die Maschine inne, um den Druk zu erhöhen und die zur Erzeugung einer viel größern Menge Dampfes nothwendige Wärme hervorzubringen. So lange nun der Wärmezufluß zur Erhöhung der Temperatur des Wassers verbraucht wurde und die elastische Kraft des Dampfes erzeugte, fand ein ruhiges Sieden statt, und die Ingenieurs mußten Alles im besten Stande finden; sobald sich aber ein verhältnißmäßiger Strom Dampfes bilden konnte, entweder indem man, um auszulassen, den Hahn des Regulators |314| öffnete, oder der Druk die Ventile aufhob, mußte sich ein tumultuarisches Kochen erzeugen und die durch ein Gemenge von Dampfblasen, welche nicht Zeit hatten zum Entweichen, aufgeblähte flüssige Masse den freien Raum des Kessels erfüllen und alle Ausgange versperren In diesem Zustande, zu welchem die Beschaffenheit des in Folge des Steigens mit erdigen Substanzen beladenen Wassers viel beitragen mußte, konnte sich, troz des vollkommenen Oeffnens der Ventile, welches in Folge der Verstärkung des Drukes stattfand, im innern Raum des Kessels nur ein dem Volumen des ausgeströmten gleiches Volumen Dampf bilden. Diese geringe Quantität gebildeten Dampfes war nothwendig unzureichend, um der zunehmenden Spannung Einhalt zu thun, und unfehlbar mußte also der Kessel zerspringen.

Wir sind überzeugt, daß nur in dieser Wirkung, welche bei den vorhandenen Bedingungen allemal eintritt, die Ursache beinahe aller Explosionen der Dampfmaschinen zu suchen ist. (Echo du monde savant, 1841, No. 621.)

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