Titel: Ueber v. Dombasle's neues Macerationsverfahren für Rübenzukerfabriken.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1841, Band 80, Nr. XCIX./Miszelle 4 (S. 396–398)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj080/mi080099_4

Ueber v. Dombasle's neues Macerationsverfahren für Rübenzukerfabriken.

Hr. Prof. Siemens in Hohenheim, welcher im Auftrag der königl. würtembergischen Centralstelle des landwirthschaftlichen Vereins im Monat März d. J. nach Roville reiste, um das neue Verfahren des Hrn. v. Dombasle in der Rübenzukerbereitung kennen zu lernen (welches im vorhergehenden Heft des polytechnischen Journals S. 285 ausführlich beschrieben wurde), theilt darüber in Riecke's Wochenblatt Nr. 20 folgende Bemerkungen mit:

„Die Einrichtung der Fabrik zu Roville fand ich höchst einfach, zum Theil selbst mangelhaft, indem durch den beschrankten Raum die Stellung der Apparate viel Arbeit nöthig machte. Es können binnen 24 Stunden nur 50–60 Cntr. Rüben verarbeitet werden. Die Producte der bisherigen Arbeiten ließen jedoch auf die Zwekmäßigkeit der angewandten Fabricationsmethode schließen, welches auch von mehreren Fabrikanten aus verschiedenen Gegenden Frankreichs, die sich zum Theil schon seit längerer Zeit zu Roville mit dem neuen Verfahren bekannt gemacht hatten, bestätigt wurde, indem sie sich von den günstigen Resultaten desselben überzeugt zu haben glaubten.

Im Allgemeinen wird die Maceration in der Art ausgeführt, daß die in feine Scheiben geschnittenen Rüben in Nezen zuerst in einen Kessel mit kochendem Wasser getaucht und, nachdem sie in diesem hinreichend gesotten oder erweicht sind, so lange oder oft in mehrere neben einander aufgestellte, mit kaltem Wasser angefüllte Gefäße gebracht werden, bis sie vollkommen ausgelaugt sind. In dem siedenden Wasser werden dann so lange frische Rübenschnitte gesotten oder macerirt, bis es eben so zukerreich ist, als der ausgepreßte Rübensaft, worauf die zukerige Flüssigkeit in demselben Kessel mit Kalk geklärt und dann zur weiteren Behandlung abgelassen wird. Der Kessel wird sodann mit der zukerreichsten Flüssigkeit aus einem der übrigen zum Auslaugen oder Aussüßen der macerirten Schnitte bestimmten Gefäße wieder gefüllt und neue Schnitte werden darin gesotten. Das wesentlich Neue dieses Dombasle'schen Macerationsverfahrens besteht demnach in dieser Art der Verbindung der heißen mit der kalten Maceration.

Der geläuterte Saft zeichnet sich durch einen sehr reinen süßen Geschmak aus; man erhält davon fast das gleiche Gewicht der angewandten Rüben. Die ausgelaugten Rübenschnitte zeigen keine Spur von Süßigkeit, sind weder musig noch schleimig und werden von dem Vieh noch gerne gefressen. Da in der Siedhize der größte Theil des Eiweißstoffs in den Schnitten geronnen ist, so können sie wohl noch Nahrungsfähigkeit besizen.

Man filtrirt zu Roville den geläuterten Saft bei der weiteren Verarbeitung dreimal durch frische thierische Kohle, und zwar zum erstenmal vor dem Abdampfen, zum zweitenmal nachdem er bis auf 12–14° Baumé concentrirt ist, und zulezt bei einer Concentration von 25° B., worauf er dann bis zum Krystallisationspunkte eingekocht wird. Das Abdampfen und Einkochen geschieht über freiem Feuer.

Es wurden bei den Versuchen, welchen ich beiwohnte, aus 2000 Kilogrammen gereinigter Rüben 268,75 Kilogr. Zukermasse gewonnen, welches 13,4 Proc. beträgt. Die Zukermasse war von vorzüglicher Beschaffenheit, was das Verhalten des Saftes schon während seiner Verarbeitung erwarten ließ, indem das Abdampfen |397| und Einkochen desselben bei dem lebhaftesten Feuer fortgesezt werden konnte, ohne daß ein Anbrennen oder Uebersteigen zu befürchten stand. Dabei ist jedoch zu bemerken, daß zum Filtriren des Saftes 200 Kilogr. frische Kohle benuzt wurden, was 10 Proc. vom Gewicht der Rübe und nahe 75 Proc. vom Gewicht der erhaltenen Zukermasse ausmacht. Die Anwendung einer so bedeutenden Kohlenmenge, die z.B. das in der Hohenheimer Fabrik angewandte Quantum um mehr als das Doppelte übersteigt, trug viel zur Gewinnung des guten Produktes bei, obwohl sie das Quantum desselben nicht zu vermehren vermag.

Aber auch die reiche Ausbeute ist nicht allein der neuen Methode zuzuschreiben, sondern der Reichhaltigkeit der Rübe, welche Hr. v. Dombasle auf einem leichten kiesigen Boden baut, der, wenn auch frisch gedüngt, dennoch eine zukerreiche, durch wenig Salze verunreinigte Rübe liefert. Das neue Verfahren scheint dagegen den großen, bis jezt durch keine der angewandten Macerationsmethoden in der Art erlangten Vortheil zu gewähren, daß durch dasselbe nicht nur, wie bei anderen Macerationsverfahren, aller Zuker, sondern dieser auch noch mit mehr Sicherheit von guter Beschaffenheit gewonnen wird und zwar auf eine so einfache Weise, die möglich macht, daß die Gewinnung des Zukers aus Runkelrüben auch von den weniger bemittelten und kleineren Landwirthen ausgeführt werden kann. Der Erfahrung muß es noch überlassen bleiben, ob nach dem neuen Verfahren, auch in größerem Maaßstabe angewandt, mit derselben Sicherheit ein so gutes Product gewonnen wird; übrigens habe ich keine Gründe, welche mich dieß bezweifeln lassen könnten. Wichtiger scheint, durch Versuche zu ermitteln, ob bei der Verarbeitung schlechterer, namentlich durch mehr Salze verunreinigter Rüben der Zuker von gleicher Qualität gewonnen wird. Denn es wäre möglich, daß der Saft von solchen Rüden einen größeren Kalkzusaz erfordert, dieser dann aber entweder selbst oder die durch ihn zersezten Stoffe eine nachtheilige Wirkung auf die Substanz der Rübe äußern würden, wodurch dieselben Nachtheile entstehen könnten, welche die Behandlung der Rübenschnitte mit überschüssigem Kalk bis jezt bei der heißen Maceration gezeigt hat, bei welcher meist eine durch schleimige Theile verunreinigte Zukermasse gewonnen wird. Es ist jedoch wohl möglich, daß dieser Nachtheil durch das Neue der Dombasle'schen Maceration vermieden wird.

Das Sieden der frischen Rübenschnitte bewirkt eine schnelle Tödtung ihrer Vegetationskraft, wodurch der Eintritt einer Säuerung zum Theil vermieden und eine schnelle und vollständige Auslaugung, selbst durch Anwendung von kaltem Wasser, möglich wird. Der zur Verhinderung einer jeden Säurebildung nöthige Kalkzusaz scheint bei der Anwendung des kalten Wassers nicht den nachtheiligen Einfluß zu äußern, den man bei der Anwendung von heißem Wasser davon bemerkt.

Angenommen, das neue Macerationsverfahren gewähre auch bei seiner Anwendung im Großen die Sicherheit, mit welcher es im Kleinen dadurch gelungen ist, den Zuker aus den Rüben zu gewinnen, so würde dasselbe gegen die bisher in Anwendung gebrachten Methoden vorzugsweise folgende Vortheile darbieten:

1) Im Vergleich mit dem sogenannten Preßverfahren erfordert dasselbe eine weit einfachere und daher weniger kostspielige Einrichtung, indem die theuren Reiben und Pressen dadurch entbehrlich werden. Man wird außer diesem bedeutend an Arbeitslohn, vorzüglich aber an Betriebskraft zum Zerkleinern der Rüben ersparen, da das Schneiden derselben mit Leichtigkeit geschehen kann. Das neue Verfahren macht die kostbare Erneuerung der zum Auspressen erforderlichen Utensilien unnöthig und gestattet vor Allem die Gewinnung des ganzen Zukergehalts der Rübe, was bei dem Preßverfahren nie möglich wird, da meist 1/4 des Saftes, also auch des Zukers, in dem ausgepreßten Rübenbreie zurükbleibt. Wie vortheilhaft aber die Gewinnung dieses vierten Theils des Zukers ist, wird einleuchtend, wenn man annimmt (was vorläufig die Dombasle'schen Resultate erwarten zu lassen scheinen), daß nach dem neuen Verfahren 8 Cntr. Zuker mit geringerem Aufwande gewonnen werden, als 6 Cntr. nach dem bisherigen.

2) Gegen die schon auf die mannichfaltigste Weise versuchte Maceration mit Anwendung von nur heißem Wasser oder auch Dampf, für welche man die kostbarsten Apparate in Anwendung brachte, um die Entstehung von Säure durch Beschleunigung des Processes zu vermeiden, gewährt das neue Verfahren nicht |398| allein den Vortheil, daß dazu nur ganz einfache, wenig kostbare und dauerhafte Gefäße angewandt werden, sondern auch, daß weit weniger Brennmaterial dazu erforderlich ist, indem nur die zu läuternde zukerige Flüssigkeit erhizt wird.

3) Die Anwendung der nur kalten Maceration macht eine möglichst feine Zertheilung oder das Reiben der Rübe eben so nöthig, als das Preßverfahren; man gewinnt damit nur durch Anwendung einer größeren Menge Wasser allen Zuker aus den Rüben und bedarf deßhalb weit mehr Brennmaterial, um den Zuker aus der verdünnten Flüssigkeit zu erhalten. Die Vortheile, welche das neue Macerationsverfahren gegen die bisher angewandten gewährt, scheinen, wie schon erwähnt, vorzugsweise in der Verbindung der Anwendung von heißem und kaltem Wasser begründet zu seyn.

4) Die Gewinnung des Zukers aus den getrokneten Rüben scheint gleichfalls bis jezt nicht die von vielen Seiten davon erwarteten Resultate zu gewähren. Man hat dabei weder die Art des Troknens auf ganz befriedigende Weise bewerkstelligt, indem als vollkommen angesehene und als solche bekannt gemachte Trokenvorrichtungen noch immer wieder verändert oder als unzwekmäßig verworfen und neue eingerichtet werden, noch hat man bis jezt die Art der Saftgewinnung aus den getrokneten Rüben auf befriedigende Weise ausgeführt. Sollte es nun auch endlich gelingen, die Rüben auf eine sichere und minder kostspielige Art nicht allein zu troknen, sondern auch zu conserviren und dadurch die Vortheile zu erreichen, welche man sich von dem Troknen verspricht, so bleibt dennoch die Art der Saftgewinnung zu verbessern übrig, und es ist möglich, daß die neue Macerationsmethode für die mit getrokneten Rüben arbeitenden Fabriken von ganz besonderem Nuzen seyn kann. Jedoch können hierüber nur Versuche entscheiden.“

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