Titel: Anwendung verschiedener Substanzen zur Gewinnung von Schwefel oder schwefliger Säure behufs der Schwefelsäure-Fabrication; von F. Praisser.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1841, Band 80, Nr. CXVI./Miszelle 11 (S. 464–465)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj080/mi080116_11

Anwendung verschiedener Substanzen zur Gewinnung von Schwefel oder schwefliger Säure behufs der Schwefelsäure-Fabrication; von F. Praisser.

1) Gewinnung des Schwefels aus dem Sodalaugenrükstand.

Die Sodalaugenasche ist bekanntlich der Rükstand vom Auslaugen der rohen Soda. Dieser Rükstand enthält, im Zustande von Oxy-Schwefelcalcium, mehr als 60 Proc Schwefel, der zur Bereitung von Schwefelsäure benuzt werden könnte. Dieser bedeutende Rükstand, welcher außer dem Oxy-Schwefelcalcium aus kohlensaurem Kalk, etwas Aezkalk und sehr viel Kohle besteht, wird aber gewöhnlich vor die Fabrik in Haufen geworfen und zu nichts benuzt. An der feuchten Luft zersezt sich ein großer Theil der Schwefelverbindung durch die Kohlensäure und entwikelt Schwefelwasserstoffgas, dessen widrigen Geruch und schädlichen Einfluß auf die Vegetation man kennt.

Da diese Aschenrükstände größtentheils aus Schwefelcalcium, welches durch Säuren vollständig zersezbar ist, bestehen, so hat man in England angefangen, sie auf Schwefel zu benuzen. Die Salzsäure, welche in den Sodafabriken gewöhnlich zu Verlust geht, wird nämlich bei ihrem Austritt aus den Oefen gesammelt und behufs ihrer Erkaltung durch eine Reihe Röhren geleitet, sodann aber durch eine Art abgestuzten Kegels von Maurerarbeit, der mit Kieselsteinen und Kohksstüken gefüllt ist, worin sie sich größtentheils verdichtet. Ein kleiner, über dem abgestuzten Kegel angebrachter Schaukelapparat schüttet beständig kleine Mengen Wassers hinein, welche die Säure noch mehr verdichten. Allerdings wird sie hiedurch schwächer; sie bleibt aber noch immer stark genug, um die Aschenrükstände zu zersezen.

Diese Rükstände werden nun in eine Reihe Fässer mit mehreren durchlöcherten Böden gebracht und die Salzsäure in dünnen Fäden auf die Schwefelverbindung geleitet; es findet Zersezung und Entbindung von Schwefelwasserstoff und Kohlensäure statt, und es erzeugt sich salzsaurer Kalk; auch die Kohlensäure zersezt, wenn sie über frische Aschenrükstände streicht, einen Theil Schwefelcalcium und veranlaßt neuerdings die Bildung von Schwefelwasserstoff. Dieses Gas begibt sich in einen Gasometer (ähnlich den in den Gasfabriken gebräuchlichen); das Sperrwasser desselben löst, wenn es einmal mit Schwefelwasserstoff gesättigt ist, keines mehr auf, so daß wenig Gas verloren geht; eine Röhre führt hierauf das Gas in eine Bleikammer, worin man es anzündet und wo es ruhig mit bläulicher Flamme und, wenn der Gasometer in Ordnung ist, auch ganz regelmäßig verbrennt. – Nun ist bekannt, daß ein Atom Schwefelwasserstoff, wenn es an der Luft verbrennt, sich in ein Atom schweflige Säure und ein Atom Wasser verwandelt; und diese Körper dienen mit der salpetrigen Säure zur Erzeugung der Schwefelsäure.

2) Gewinnung des im Gypse enthaltenen Schwefels; nach Pelouze.

Der Gyps (schwefelsaure Kalk) wird in verschlossenen gußeisernen Retorten oder Cylindern mit Kohle gemengt roth geglüht, wobei er sich vollständig in |465| Schwefelcalcium und Kohlensäure zersezt. Dieses Schwefelcalcium wird wie die Aschenrükstände in Fässer mit mehreren klein durchlöcherten Böden gebracht, durch welche man die Kohlensäure streichen läßt. Es bildet sich Schwefelwasserstoff, der durch Verbrennung in Wasser und schweflige Säure verwandelt wird, und kohlensaurer Kalk bleibt zurük, welcher wieder zur Fabrikation der rohen Soda dienen kann.

3) Gewinnung des Schwefels aus dem schwefelsauren Natron.

Es wollten einige das schwefelsaure Natron nach Pelouze's Vorschrift für den Gyps behandeln, und glühten dasselbe in verschlossenen Gefäßen mit Kohle gemengt. Auch hier bildete sich Kohlensäure und es blieb Schwefelnatrium als Rükstand. Durch dieses Schwefelnatrium ließ man Kohlensäure streichen, wodurch es ohne weitere Vermittelung in kohlensaures Natron verwandelt wurde.

So rationell auch dieses Verfahren ist, so hat es sich in der Praxis doch nicht bewährt. Es war beinahe allemal sehr schwierig, das schwefelsaure Natron mit der Kohle zu glühen. Das Salz schmilzt, und indem es sich durch die Hize und die Kohle zersezt, gibt es eine harte und compacte Masse, welche nicht mehr porös genug ist, um die Kohlensäure hindurchstreichen zu lassen. Würde diese Schwierigkeit besiegt werden, so böte das Verfahren unbestrittene Vortheile.

4) Englisches Verfahren den Schwefel aus dem Schwefelkies zu gewinnen.

Es wurde schon öfters und dringend die Ehre der ersten Ausbeutung des Schwefels aus dem Schwefelkiese der französischen Industrie vindicirt. Die darüber veröffentlichten Briefe und Artikel haben die Priorität dieser schäzenswerthen Entdekung, welche von einigen übel unterrichteten französischen Journalen englischen Fabrikanten zuerkannt wurde, auf unwiderlegliche Weise den HHrn. Risler, Dubost, Perré u.s.w. gewahrt. – Nach Entscheidung dieser Frage wird es von Nuzen seyn, über ein in England angewandtes neues Verfahren der Behandlung des Kieses und der Ausziehung des in ihm enthaltenen Schwefels zu berichten. Die Eisenkiese, welche man in den Kohlengruben manchmal in sehr großer Menge findet, werden auf dem Herde eines Ofens geglüht. Es bildet sich viel Schwefelwasserstoff durch die Gegenwart des Kohlenwasserstoffs in der dem Kiese untermengten Steinkohle. Dieser Schwefelwasserstoff wird in den Bleikammern geradezu verbrannt und dadurch in Wasser und schweflige Säure umgewandelt. Die Kiese, welche nichts anderes als starkgeschwefeltes Eisen sind, werden zu einfachem Schwefeleisen, welches man mit Salzsäure behandelt, um Schwefelwasserstoff daraus zu ziehen, der ebenfalls verbrannt wird. (France industrielle 1841, No. 17.)

Mehrere englische Patente, welche wir, als für Deutschland ganz werthlos, nicht mitgetheilt haben, beweisen, daß man in Folge der Preiserhöhung des Schwefels durch die Streitigkeiten mit Sicilien einige Zeit den Schwefelkies wirklich auf die Art benuzte, daß man denselben destillirte, um die Hälfte des darin enthaltenen Schwefels als solchen zu gewinnen, dann aber das zurükbleibende Einfach-Schwefeleisen in Salzsäure auflöste, um das sich entwikelnde Schwefelwasserstoffgas in Bleikammern zu verbrennen.52) Erst später scheint man auf die bei weitem vortheilhaftere Methode, den Schwefelkies in hohen Schachtöfen zu rösten (welche Dr. Mohr im polyt. Journal Bd. LXXIX. S. 106 beschrieb), verfallen zu seyn.

D. Red.

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Man vergl. Duclos' Patent im polytechn. Journal Bd. LXXVI. S. 292.

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