Titel: Verbesserung der Zukerfabrication auf den französischen Colonien.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1841, Band 81, Nr. LX./Miszelle 6 (S. 235–236)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj081/mi081060_6

Verbesserung der Zukerfabrication auf den französischen Colonien.

Der größte Theil der Einwohner Havre's wußte wohl nicht, daß sich in der jüngsten Zeit ein Mann unter ihnen befand, welcher wahrscheinlich berufen ist, eine große Revolution in der Fabrication des Colonialzukers hervorzurufen und in Folge davon der zwischen diesem und dem Runkelrübenzuker obwaltenden Rivalität ein Ende zu machen. Vor bald vier Jahren (im August 1837) machte Hr. Vincent, Neffe des Hrn. Fréon, eines reichen Pflanzers auf Bourbon, eine Reise nach Frankreich und wurde mit den HHrn. Ch. Derosne und Cail, Maschinenfabrikanten in Paris, bekannt. Er erfuhr von ihnen die Verbesserungen, welche sie erst in einer kleinen Anzahl von Runkelrübenzuker-Fabriken ins Werk zu sezen angefangen hatten. Von ihnen in eine Fabrik geführt, wo ihre neuen Apparate und Verfahrungsweisen angewandt wurden, gewann Hr. Vincent, nachdem er sich alle Operationen, die er nacheinander ausführen sah, hatte erklären lassen, alsbald die Ueberzeugung, daß bei diesem neuen Verfahren gar nichts sey, was er bei seiner eigenen Fabrication nicht mit dem größten Nuzen anwenden könnte. Er entschloß sich daher sogleich, dieses neue Verfahren in einer seiner Zukersiedereien in Sainte-Marie auf Bourbon einzuführen. Ohne das beträchtliche Capital zu scheuen, welches er dieser Unternehmung widmen mußte, schloß er mit den HHrn. Derosne und Cail einen Vertrag ab, wonach sie ihm die nothwendigen Apparate und Maschinen zur Verarbeitung seiner Zukerrohrernte im Jahre 1838 und 1839 und außerdem noch das unentbehrlichste Personal zur Aufstellung und Ingangsezung derselben zu verschaffen hatten. Dieser Zwek des Hrn. Vincent wurde zu seiner vollkommenen Zufriedenheit erreicht, und am 1. Okt. 1838 begann er seine Fabrication zum großen Erstaunen der ganzen Colonie Bourbon. Diese Apparate arbeiteten auch wirklich ohne alle Störung ununterbrochen fort. Hr. Vincent verarbeitete auf diese Weise drei Ernten nach einander, deren Ergebniß allemal zunahm.

Von 1838 bis 1839 fabricirte er 550,000 Kilogr.
1839 1840 900,000
1840 1841 – über 1,000,000

Die Vortheile, welche er aus der Anwendung des neuen Verfahrens zog, sind der Art, daß die Eigenthümer der kleinen Zukersiedereien in seiner Umgebung dadurch veranlaßt wurden, die Fabrication aufzugeben und ihm ihr Rohr abzutreten, wofür er ihnen weit vortheilhaftere Preise anbot, als sie durch die eigene Verarbeitung ihres Rohres nach dem alten Verfahren hätten erzielen können. Die so gewonnenen Resultate sind sehr wichtig, indem man nicht nur bedeutende Quantitäten Zuker auf diese Weise fabriciren kann, sondern aus einer gegebenen Menge rohen Zukersaftes auch eine so reichliche Ausbeute erhält, daß sie die beim alten Verfahren im Mittel um 30 bis 40 Proc. übertrifft. Die Qualität des erzeugten Rohzukers übertrifft bei weitem alles, was man bisher kannte. Durch bloßes Deken mit Syrup liefert derselbe einen weißen Rohzuker, welcher seiner Weiße und Reinheit wegen mit gutem raffinirtem Zuker verglichen und überall als solcher verwendet werden kann.

Nichts beweist die Vortheile besser, welche Hr. Vincent aus der neuen Fabrication zog, als sein Entschluß, wieder nach Frankreich zu gehen, um die Vorrichtungen zu einer neuen Zukersiederei zu bestellen, die jährlich wenigstens 2 Millionen Kilogr. Zuker erzeugen soll. Das Schiff, der Globe, welches |236| am 17. Mai aus dem Hafen zu Havre lief, bringt Hrn. V. alles, was ihm zur Errichtung dieses großen Etablissements und um ihn in den Stand zu sezen, die Ernten von 1841 und 1842 auszubeuten, nothwendig ist, nach Bourbon. Diese Insel wird demnach noch in diesem Jahre zwei Etablissements besizen, welche im Stande seyn werden, jährlich 3 Mill. Kil. Zuker zu produciren. Dieß sind unbestritten die bedeutendsten Zukersiedereien, welche je in einer Colonie errichtet wurden. Die Nachricht von dem günstigen Erfolg des Hrn. V. und der zahlreichen Rübenzukerfabriken, welche die Einrichtung der HHrn. Derosne und Cail anwenden, wie erhallt schon in den fremden Colonien. Wilhelm, der alte König von Holland, als er von dieser sich so vortheilhaft zeigenden Fabrication hörte, wollte, daß sie auch in Java eingeführt werde; er machte auch die nöthigen Vorschüsse, um noch dieses Jahr vier Fabriken errichten zu können, deren jede jährlich 1 Mill. Kilogr. Zuker zu erzeugen im Stande ist. Ein großes, von Hrn. de Arietta auf Havana errichtetes Etablissement muß schon seit mehr als einem Monat zu arbeiten angefangen haben. So wurden auch die nöthigen Vorrichtungen an einen reichen Gutsbesizer in Mexico, den Hrn. Marquis von Castagnos, abgesandt, welcher nicht weit von San-Bles eine Zukersiederei errichtet. Unterhandlungen sind eingeleitet, um große Etablissements in Bengalen, Surinam, Demerari etc. zu errichten. Die Sache ist nun im Schwung und wahrscheinlich wird in ein paar Jahren die Revolution in diesem so lange stehen gebliebenem Industriezweig eine allgemeine werden. (France industrielle 1841, No. 24.)

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