Titel: Boussingault und Payen, über den Dünger.
Autor: Boussingault,
Payen,
Fundstelle: 1841, Band 82, Nr. XXXVII. (S. 134–146)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj082/ar082037

XXXVII. Ueber den Dünger und den relativen Werth der verschiedenen Düngerarten; von Boussingault und Payen.

Aus den Comptes rendus, 1841, 2me semest., Nr. 6.

Die Landwirthe nehmen schon längst an, daß der wirksamste Dünger aus animalischen Substanzen bestehe; nun beruht der Hauptunterschied zwischen diesen und dem unmittelbar von Pflanzen abstammenden Dünger in dem Stikstoffgehalte.26)

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Die Fortschritte der Wissenschaft in der jüngsten Zeit bekräftigen nicht nur diese Ueberlieferungen, sondern machen noch einigen gegen die Allgemeinheit des Sazes erhobenen Einwürfen zu begegnen möglich, und erklären die Nothwendigkeit des Stikstoffs für die Entwikelung der Gewächse.

Vor Kurzem noch betrachtete man die ersten, oft stikstoffreichsten Producte der Fäulniß thierischer Reste und selbst des Mistes als der Vegetation schädlich; daher der Vorzug, welchen man dem verzehrten (ausgefaulten) Dünger und den nach und nach in Modererde übergegangenen thierischen Substanzen gab.27)

Andererseits schäzte man, indem man den von der Kohlensäure der Luft und des Düngers gelieferten Kohlenstoff als die Hauptnahrung der Pflanzen betrachtete, im Dünger vorzüglich diejenigen Bestandtheile, welche Kohlenstoff und vorzüglich Humussäure liefern können. Diese noch in einigen wissenschaftlichen Werken geltend gemachte Theorie führte dahin, den Torf und erschöpfte Modererde als ausgezeichnete Agentien für die Fruchtbarmachung zu betrachten, während sie doch arme Dünger sind, wenn man sie nicht durch Zusaz stikstoffreicher animalischer Substanzen modificirt. Man zweifelte endlich, daß die stikstoffhaltigen Producte des Düngers durch eine reiende Einwirkung oder durch Erzeugung assimilirbarer Verbindungen nüzlich seyen.

Eine im J. 1825 von der Société royale et centrale d'Agriculture gegebene Preisfrage hatte die Lösung des ersten Theils des Problems zur Folge, welche nachwies, daß die der Fäulniß fähigsten thierischen Reste, ohne allen vorgängigen Abgang, zum Düngen des Bodens angewandt werden können, unter der einzigen Bedingung, daß man die Fäulniß etwas langsam von Statten gehen läßt, und auf diese Weise die Auflösung und Entwikelung stikstoffhaltiger Producte zum Wachsthum der Pflanzen, von welchen sie absorbirt werden sollen, in Verhältniß sezt.

Was die Rolle betrifft, welche die stikstoffhaltigen Substanzen bei der Pflanzenernährung spielen, so ist diese Frage größtentheils gelöst, und zwar 1) durch die Beobachtung eines allgemeinen Gesezes, welches allen jungen Pflanzenorganen, allen ihren mit großer Entwikelungsthätigkeit begabten Theilen, endlich den in den Gängen für |136| den aufsteigenden Saft enthaltenen Substanzen eine stikstoffreiche Elementarzusammensezung zuschreibt, und 2) durch die analytische Feststellung der Menge Stikstoffs, welche die Pflanzen aus der Luft in desto größerem Verhältnisse einsaugen, als die Cultur verbessernd auf den Boden einwirkt.

Als nun jeder von uns beiden auf anderem Wege zu einem und demselben Resultate gelangt war, schäzten wir uns glüklich, in den Erfahrungen und der Beistimmung der Agronomen die Bestätigung unserer Ansichten zu finden, und wir hielten es nun für gerathen, unsere Bemühungen zu vereinigen und gemeinschaftlich und mit der Absicht directerer Anwendung das Werk fortzusezen, an welchem wir bisher getrennt arbeiteten.

Ehe wir die Resultate unserer Analysen mittheilen, haben wir einige allgemeine Betrachtungen vorzulegen, um den Charakter und den Werth dieser numerischen Angaben besser zu bezeichnen und einige scheinbare Anomalien zu erklären.

Wir müssen hier zuvörderst daran erinnern, daß die Erscheinungen der Pflanzenernährung, sogar der Structur und der physiologischen Thätigkeit ihrer Organe nach, durch die Absorption aufgelöster oder gasförmiger Substanzen stattfinden. Diese Erscheinungen sind also von aller, bei der thierischen Ernährung von der Einwirkung des physischen Zustandes der eingebrachten Nahrungsmittel herrührenden Complication frei.

Die Art und Menge des den Pflanzen zu gebenden Düngers können daher zwischen sehr weiten Gränzen wechseln, wenn derselbe nur seine gasförmigen oder auflöslichen Producte in für eine gegebene Zeit und Oberfläche entsprechenden Mengen abgibt.

Es kann manchmal von Nuzen seyn, den Dünger zu modificiren, indem man seine Zersezung entweder beschleunigt oder zurükhält, um die Producte derselben besser dem Bedürfnisse der Pflanzen anzupassen. Um einige hieher gehörige, der Aufmerksamkeit würdige, Beispiele anzuführen, erinnern wir an die günstigen Umstände, welche bei den Rükständen der Zukerraffinerien die Wirkungen des Blutes verfünffachen und an die Desinfectionsmittel, welche bei ihrer Anwendung für zur Fäulniß zu sehr geneigte Substanzen ähnliche Resultate geben.

In Betreff der nächsten Veränderungen, welche thierische Substanzen bei dem Act der Fäulniß eingehen, behaupten wir, daß von allen Substanzen durchaus jene zur Düngererzeugung die geeignetsten sind, welche die größte Menge auflöslicher oder der Verflüchtigung fähiger stikstoffhaltiger Körper zu erzeugen im Stande sind. Die bloße Gegenwart des Stikstoffs in einer Substanz organischen Ursprungs genügt wirklich nicht, um sie zum Dünger zu eignen; die |137| Steinkohle z.B. enthält eine beträchtliche Menge Stikstoff, und doch ist die verbessernde Einwirkung der Steinkohle auf den Boden als Dünger rein null, weil diese Substanz durch die atmosphärischen Agentien nicht zu jener faulen Gährung gebracht werden kann, deren endlicher Erfolg die Bildung ammoniakalischer Salze und anderer stikstoffhaltiger Verbindungen ist.

Die Wirksamkeit der Ammoniaksalze im Dünger ist heutzutage von allen Chemikern anerkannt, welche ihr Augenmerk auf agricole Gegenstände gerichtet haben; ihre Meinung beruht auf den authentischsten und bewährtesten Erfahrungen. So ist, wie jedermann weiß, der gefaulte Urin einer der kräftigsten Dünger; nun ist aber das Product der Fäulniß des Harnstoffs beinahe lauter kohlensaures Ammoniak.

Der Guano, dieser so wirksame Dünger, welcher seit Jahrhunderten den magern Sand der peruanischen Küsten befruchtet, besteht beinahe ausschließlich aus Salzen mit ammoniakalischer Basis.

Bei aller Anerkennung übrigens der Wichtigkeit und absoluten Nothwendigkeit der Gegenwart stikstoffhaltiger Stoffe im Dünger, sind wir weit entfernt zu glauben, daß diese Stoffe die zur Verbesserung des Bodens allein nüzlichen seyen; es ist vielmehr gewiß, daß die alkalischen und erdigen Salze zur Entwikelung der Gewächse unentbehrlich sind.

In dieser Hinsicht betrachten wir die organischen und unorganischen Körper als Nahrungsmittel, welche die in den lebenden Wesen eingeschlossenen gleichartigen Substanzen bei ihrer Abnahme wieder ersezen und wieder herstellen sollen.

Die nichtstikstoffhaltigen organischen Stoffe spielen ohne Zweifel auch keine passive Rolle in der befruchtenden Wirkung der Düngerarten; aber mit nur einigen Ausnahmen sind die fixen Salze, das Wasser oder seine Elemente und der Kohlenstoff in den verschiedenen Düngerarten in zu großer Menge vorhanden; sie bilden den größten Theil der Stoppeln und anderer Abfälle der Ernten; ihr Uebermaaß kann sogar schädlich werden. Das Element, welches in geringster Menge darin vorhanden, ist der Stikstoff; dieser ist es außerdem, welcher bei der Veränderung, welche die quaternären organischen Verbindungen erleiben – einer zur Erregung der Zersezung der nichtstikstoffhaltigen Körper so nüzlichen Veränderung – sich am schnellsten zerstreut. Aus allen diesen Gründen betrachten wir ihn als denjenigen Stoff, dessen Gegenwart nachzuweisen vor Allem wichtig ist. Der Gehalt an demselben begründet, wie wir glauben, den relativen Werth der Düngerarten und ihre wechselseitigen Aequivalente.

Unsere, in dieser Abhandlung beschriebenen Versuche, weisen |138| auch auf ein in der Aufsammlung gewisser schädlichen Insecten bestehendes Gewinnungsmittel eines neuen sehr reichhaltigen Düngers hin, dessen Anwendung den Akerbautreibenden von doppeltem Nuzen wäre.

Gewisse, mit Recht sehr geschäzte, Düngerarten enthalten allerdings nur schwache Antheile stikstoffhaltiger Substanzen; allein sie sind beinahe völlig frei von nichtstikstoffhaltigen organischen Körpern; hiezu gehören die, reichlich mit kohlensaurem Kalk incrustirten, organisirten Körper, welche ungeheure Lager im Meere bilden, und unter dem Namen Merl von den geschikten Landleuten in der Umgegend von Morlaix wohl zu nuze gemacht werden.

Ohne Zweifel macht der thierische Dünger, indem er den Abgang der stikstoffhaltigen Substanzen in den erschöpften Pflanzenresten ersezt, den Boden fruchtbar; der flamändische Dünger selbst spielt jedes Jahr diese Rolle, und dient zur Hervorbringung reicher Ernten, ohne die Erde je unthätig zu lassen, kurz: der Dünger hat um so viel mehr Werth, je stärker sein Gehalt an stikstoffhaltiger organischer Substanz ist, je mehr dieser namentlich über jenen der nichtstikstoffhaltigen organischen Substanzen vorherrscht, und endlich je allmählicher und dem Fortschreiten der Vegetation angemessener die Zersezung der quaternären Substanzen vor sich geht.

Die Resultate der zahlreichen von uns angestellten Analysen beziehen sich auf 94 Substanzen; sie sind in den folgenden zwei Tabellen zusammengestellt, aus welchen auch die unseren Berechnungen zu Grunde liegenden Elemente zu ersehen sind.

Die erste Tabelle enthält die Ziffern und experimentellen Beobachtungen, den Gehalt der Düngerarten im Vergleich zum feuchten und trokenen Mist. Die zweite, von allen Ziffern der Beobachtungen freie Tabelle, zeigt in Bezug auf jede Substanz zwei Zahlen, welche die Aequivalente der Düngerarten angeben, d.h. die 100 Theilen 1) trokenen, und 2) noch feuchten gewöhnlichen Mistes äquivalente Gewichtsmenge einer jeden Art.

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Tabelle über die Zusammensezung und den relativen Werth der Düngerarten.

Textabbildung Bd. 82, S. 139
|140/141|
Textabbildung Bd. 82, S. 140-141
|142/143|
Textabbildung Bd. 82, S. 142-143

Synoptische Tabelle der Aequivalentvalente der verschiedenen Düngerarten.

Textabbildung Bd. 82, S. 143
|144/145|
Textabbildung Bd. 82, S. 144-145
|146|
Textabbildung Bd. 82, S. 146
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Einer erst vor Kurzem erschienenen Mittheilung des Hrn. Julien ist zu entnehmen, daß sehr alte praktische Erfahrungen die Chinesen den Nuzen der thierischen Excremente und verschiedener thierischer Abfälle kennen lehrten; sie sammeln auch mit kleinlicher Sorgfalt Urin und Koth in kleinen, zu diesem Zwek auf den Straßen aufgestellten Gefäßen. Greise, Frauen und Kinder beschäftigen sich damit, diesen Dünger zu verdünnen und in gehöriger Menge um die Pflanzen zu legen. Zu demselben Zwek sammeln sie die bei den Barbieren abgeschnittenen |135| Haare. A. d. O. (Man vergleiche die Bemerkungen Liebig's im polyt. Journal Bd. LXXIX. S. 53. Die Red.)

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Am Ende des lezteren Jahrhunderts sagte Bosc, ein gelehrter Agronom, in dem Artikel Dünger, S. 70 des großen Dictionnaire d'Agriculture, daß man, um das Fleisch der gefallenen Pferde als Dünger zu gebrauchen, es faulen und mehrere Jahre lang in Modererde sich verwandeln lassen müsse; man wird aber einsehen, daß bis dahin der größte Theil der bei der Fäulniß entstehenden stikstoffhaltigen Producte in die Luft zerstreut ist.

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Das Gewichtsverhältniß von 0,67 der Länge des untern Theils zu 0,33 des obern Theils ist wie 93 zu 23.

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Namen des in den Haushaltungen großer Städte von den Knochens Knochentalgschmelzern gesammelten Fettes.

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