Titel: Pelouze, über die Theorie der Bleiweißfabrication.
Autor: Pelouze, Théophile Jules
Fundstelle: 1842, Band 83, Nr. LXXII. (S. 388–389)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj083/ar083072

LXXII. Ueber die Theorie der Bleiweißfabrication; von Hrn. J. Pelouze.

Aus den Comptes rendus, Dec. 1841, Nr. 23.

Die Methode Bleiweiß zu bereiten, welche von Thenard in Vorschlag gebracht und von Roard in Clichy zuerst im Großen ausgeführt wurde, besteht bekanntlich darin, kohlensaures Gas durch eine Auflösung von dreifachbasischem essigsaurem Blei zu leiten. Lezteres Salz tritt an die Kohlensäure zwei Drittel seiner Basis ab, welche als Bleiweiß niedergeschlagen wird und das so neutral gewordene essigsaure Blei läßt sich neuerdings zu derselben Operation benuzen, nachdem man es direct mit Bleioxyd verbunden hat. Es ist klar, daß man auf diese Art eine beträchtliche Menge Bleiweiß mit verhältnißmäßig sehr wenig essigsaurem Blei oder Essigsäure darstellen kann. Würde das erzeugte Bleiweiß nicht ein wenig essigsaures Blei zurükhalten, so könnte eigentlich gar kein Essig verloren gehen.

In der neuesten Zeit hat man in England Thenard's Verfahren so zu sagen in eine Methode auf trokenem Wege umgeändert. Dieselbe83) besteht darin, die Bleiglätte mit beiläufig dem hundertsten Theile ihres Gewichts essigsaurem Blei zu vermengen und über dieses Gemenge, nachdem es zuvor mit sehr wenig Wasser befeuchtet worden ist, Kohlensäure zu leiten. In einigen Stunden ist alle Bleiglätte in Bleiweiß verwandelt.

Kohlensäure und Bleioxyd verbinden sich direct nur sehr langsam. Man muß also annehmen, daß einige Tausendstel Essigsäure, welche sich in diesem Gemenge befinden, sich auf die ganze Masse des Bleioxyds werfen, um ein basisches essigsaures Salz zu erzeugen, welches sich unaufhörlich zersezt und wieder bildet.

Man hat diese Methode Bleiweiß zu fabriciren die französische genannt, im Gegensaz zur holländischen, welche noch häufig angewandt wird (in Frankreich besonders zu Lille) und darin besteht, Bleitafeln den Essigdämpfen und den Ausdünstungen von Pferdemist auszusezen. Der Essig, welchen man benuzt, ist schlechter Bieressig und enthält nur sehr wenig Essigsäure. Ich habe denselben untersucht und nach den Daten, welche ich den Bleiweißfabrikanten Lefèvre und Decoster zu Lille verdanke, beträgt das Gewicht der wasserfreien Essigsäure kaum anderthalb Procent von demjenigen des |389| Bleies, während sich bei gelungenen Opperationen fast alles Blei in Bleiweiß verwandelt. Hr. Graham erhielt in England ähnliche Resultate; er fand sogar noch weniger Essigsäure im Verhältniß zum Gewicht des Bleies.

Es ist folglich unmöglich, daß die Kohlensäure im Bleiweiß von der Zersezung des Essigs herrührt. Andererseits wissen die Fabrikanten wohl, daß man kein Bleiweiß erhält, wenn man in dem Gemenge nicht sorgfältig den Luftzug herstellt. Die Theorie dieses Verfahrens ist also sehr einfach und ähnlich derjenigen von den vorher besprochenen Methoden. Die Luft liefert den Sauerstoff für das Bleioxyd, der Essig verdunstet bei der starken Wärme, welche die Gährung im Mist erzeugt und verbindet sich mit dem Bleioxyd, woraus er durch die in reichlicher Menge durch den Mist entbundene Kohlensäure bald verdrängt wird. Im unausgewaschenen holländischen Bleiweiß findet sich ein großer Theil der Essigsäure wieder.

Daß dieses die Rolle ist, welche der Essig bei der Bleiweißfabrication spielt, zeigt auch folgender Versuch. Ich sezte eine künstliche Atmosphäre aus Sauerstoff und Kohlensäure zusammen, brachte eine Bleitafel hinein und stellte die Gloke in ein Gefäß, welches Essig enthielt (womit das Blei jedoch nicht in Berührung kam). Nach Verlauf von drei Monaten war die Bleitafel mit einer Schichte Bleiweiß überzogen. Das Gewicht dieses lezteren entsprach dem Sauerstoff und der Kohlensäure, welche absorbirt worden waren. Der Essig fand sich fast ganz wieder. Die Quantität desselben, welche dazu diente, die Bildung des Bleiweißes zu veranlassen, war so unbedeutend, daß man sie nicht bestimmen konnte.

Ein anderer merkwürdiger Versuch beweist nicht nur, daß dieses die Rolle der Essigsäure bei der Bleiweißbildung ist, sondern auch, daß man nothwendig eine Säure anwenden muß, welche mit dem Bleioxyd ein durch Kohlensäure zersezbares basisches Salz bildet. Ersezt man bei dem vorhergehenden Versuch den Essig durch Ameisensäure, welche bekanntlich mit dem Bleioxyd kein basisches Salz bildet, so erzeugt sich kein Bleiweiß, selbst nachdem die Dämpfe der Ameisensäure mehrere Jahre mit dem metallischen Blei, dem Sauerstoff- und kohlensauren Gas in Berührung waren. Die Ameisensäure ist eine beinahe eben so starke und ziemlich eben so flüchtige Säure wie die Essigsäure; aber sie bildet mit Bleioxyd kein basisches Salz und das neutrale ameisensaure Blei wird durch Kohlensäure nicht zersezt; sie eignet sich deßhalb nicht zur Bleiweißerzeugung.

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Man vergl. polytechn. Journal Bd. LXXIV. S. 223 und Bd. LXXXII. S. 193.

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