Titel: Longchamp's Vorschlag, Hafer- und Kartoffelbrod als Pferdefutter anzuwenden.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1842, Band 83, Nr. XXXI./Miszelle 5 (S. 165–166)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj083/mi083031_5

Longchamp's Vorschlag, Hafer- und Kartoffelbrod als Pferdefutter anzuwenden.

In einer kürzlich erschienenen Schrift38) zeigte sich, daß der wenigst einträgliche Feldbau der des Hafers ist, was aus folgenden, den officiellen Mittheilungen des Agriculturministeriums entnommenen Ziffern hervorgeht. Die Hektare angebauten Bodens trägt mit Hafer 92 Fr. 5 Cent.; mit Roggen 109 Fr. 85 Cent.; mit Gerste 115 Fr. 15 Crnt.; mit Weizen 201 Fr. 75 Cent.; mit Kartoffeln 240 Fr. 55 Cent.; mit Runkelrüben 538 Fr. 75 Cent. Run wird der Hafer nur als Futter für Pferde und das Vieh angebaut; jedermann aber weiß, daß ein großer Theil desselben wieder aus dem Magen kommt, ohne zur Ernährung des Thieres beigetragen zu haben, und zwar nicht nur jener, welchen man in Körnern in den Pferdexcrementen wieder findet, sondern noch ein beträchtlicher |166| Theil des von den Zähnen zermalmten; denn das Stärkmehl assimilirt sich nur dann, wenn seine Theilchen durch Feuchtigkeit und Wärme zum Plazen kommen; die Feuchtigkeit nun findet sich im Magen vor, aber die Wärme dieses Organs ist nicht groß genug, um das Stärkmehltheilchen plazen zu machen und alles, was als Stärkmehl (körnchen) im Magen bleibt, trägt zur Ernährung des Thieres nichts bei. Nur die Wärme des Bakofens ist es, welche das Brechen aller Theilchen bewirkt, und aus diesem Grunde nur ist das Brod ein wesentliches Nahrungsmittel (abgesehen vom Kleber, welchen das Weizenmehl enthält, denn in den anderen Getreidearten ist er in geringer Menge, in der Kartoffel aber gar nicht vorhanden). Bekanntlich wird in Holland schon seit undenklicher Zeit mit Brod statt des Hafers, und zwar mit großem Vortheil gefüttert. Dieß Brod ist allerdings aus Getreidearten bereitet, während von mir ein Brod, welches zu ¾ Kartoffelmehl enthält, empfohlen wird. Bekanntlich ist aber das Kartoffelbrod nicht einmal den Menschen schädlich.

Wegen des oben erwähnten geringen Ertrages des Haferbaues schlug ich vor, einen Theil desselben aufzugeben, dafür Kartoffeln zu bauen, und aus dem gemahlenen Hafer und den in Dampf gekochten Kartoffelknollen ein Brod zu baken, welches die Stelle des Hafers vertreten soll. Diese Veränderung würde den Werth des gegenwärtig in Frankreich zum Haferbau verwendeten Bodens jährlich um 108 Millionen Fr. erhöhen, abgesehen von der Wolle, den Ochsen- und Kuhhäuten u. s. w., welche gegenwärtig aus dem Auslande bezogen werden, deren Quantität verfünffacht und wodurch der genannte Betrag mehr als verdoppelt würde.

Frankreich hat 86 Departements, bis jezt besizt man aber nur von 43 derselben eine Akerbaustatistik; zu unserem Zwek wird also durch Verdoppelung der Ziffern ein hinlänglich genaues Resultat erreicht.

Der Haferbau in Frankreich erheischt 3,162,366 Hektaren, welche 45,518,503 Hektoliter tragen. Nimmt man 1/3 des mit Hafer bebauten Bodens, nämlich 1,054,122 Hektoliter hinweg, so erhält man auf dieser Fläche 117,932,521 Hekt. Kartoffeln, und auf den für den Haferbau noch übrig gelassenen 2,108,244 Hekt. 32,355,668 Hektoliter Hafer. Bereitet man nun ein Brod aus ¼ Hafermehl und ¾ Kartoffeln, welche in Dampf gekocht werden, wodurch das Schneiden erspart und die Brodbildung erleichtert wird, so verbinden sich die 32,355,668 Hekt. Hafer mit 97,067,004 Hektolitern Kartoffeln, was zusammen 129,422,672 Hekt. ausmacht, und es blieben noch 21,000,000 Hektoliter Kartoffeln über, welche noch mit zur Ernährung der Bevölkerung beitragen. Rechnet man von obigen 129,422,672 Hektolitern die 48,518,503 ab, welche die gegenwärtig (in Frankreich) existirenden Pferde und andere Thiere verzehren, so bleiben noch 81,000,000 Hektoliter, aus welchen man 8100 Millionen Kilogr. Brod bereiten könnte, und nimmt man den täglichen Bedarf für einen Ochsen zu 5 Kilogr. an, so könnte man 4,431,111 Stüke solchen Viehes mästen. Ich spreche hier, wohl verstanden, nur von der Mästung; was das Unterhaltsfutter betrifft, welches das Thier durch seine tägliche Ration erhält, so ist dieß in den 6,700,000 Hektaren, welche noch brach liegen, leicht zu finden.

Durch die bloße Substitution der Kartoffeln für den Hafer auf 1/3 des für diesen bestimmten Bodens erhalten wir also die Mittel, jährlich 4,431,111 Ochsen zu mästen; nehmen wir aber davon nur die Hälfte an, 2,215,555, um die andere Hälfte zum Mästen der Hämmel und Schweine zu verwenden, so verfünffachen wir schon die Anzahl der jährlich geschlachteten Ochsen u. a. Vieharten; ungeachtet dieses günstigen Resultates würde jedoch die Fleischnahrung des Franzosen nur 1/5 mehr betragen, als die des Engländers; die officiellen Mittheilungen zeigen nämlich, daß auf den Einwohner Frankreichs jährlich nur 20,5 Kil. kommen, während nach authentischen Quellen sich in England 80 Kilogr. auf den Kopf herausstellen.

Wer kann nun aber läugnen, daß, wenn auch nicht die einzige, doch die Hauptursache der Verkrüppelung des Menschengeschlechts in Frankreich, welches sich jährlich beim Recrutiren der Armee zeigt, der Mangel an Fleischnahrung ist? Dafür liefert auch die vergleichende Geschichte aller Zeiten Beispiele. (Moniteur industriel. 12. Dec. 1841.)

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Propagande des sciences industrielles et de l'alimentation de la population en France.

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