Titel: Runkelrübenzuker-Fabrik in Griechenland.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1842, Band 85, Nr. XXII./Miszelle 8 (S. 79–80)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj085/mi085022_8

Runkelrübenzuker-Fabrik in Griechenland.

Eine Gesellschaft in Frankreich faßte den Entschluß, die im eigenen Lande so sehr bloßgestellte Zukerindustrie mit der Runkel nach Griechenland zu verpflanzen. Die Unternehmer, welche einen jungen und erfahrnen Mann, Hrn. Roberti, an Ort und Stelle schikten, überzeugten sich nach seinen Berichten und Verhandlungen mit der griechischen Regierung und speciell mit Sr. Maj. dem König, daß das Unternehmen mit Sicherheit könne gegründet werden, da von allem, was in Frankreich diesen Zweig der Industrie so kostspielig macht, das Gegentheil besteht, die Wohlfeilheit des trefflichsten Bodens, die Möglichkeit auf ihm in guten Lagen das ganze Jahr hindurch pflanzen und drei Monate nach der Pflanzung die größten und ergiebigsten Rüben ernten zu können, so daß man immer nur den Tag vorher einzubringen braucht, was die Fabrik nöthig hat, dazu die Wohlfeilheit des Holzes in den vom Mittelpunkt des Landes entlegenen Gegenden, selbst in der Nähe des Meeres. Später fand sich, daß die Rüben zu einer Schwere von 20 bis 25 Pfd. gedeihen und 10 Proc. Zuker enthalten. Dazu kam der große Verbrauch des Zukers in den umliegenden Ländern, von dem in Trapezunt, Odessa, Konstantinopel, Smyrna und Alexandria jährlich über 30 Mill. Okkas eingeführt werden, um für das Unternehmen, wenn es in größerem Umfange begonnen und mit Klugheit geführt würde, die glänzendsten Aussichten zu eröffnen. Se. Maj. der König von Griechenland begriff die Wichtigkeit der Unternehmung für sein Land vollkommen, und Hr. Roberti fand darum mit seinem Vorschlage in das Unternehmen eine halbe Million Fr. für den Anfang zu verwenden, und später eine andere halbe Million zur Verdoppelung der Fabrik zur Anlage zu bringen, bei der Regierung alle Bereitwilligkeit. Es ward ihm, da wo er die Lage und Verhältnisse günstig erkannt hatte, in der Nähe der Thermopylen bei Känurion gegen einen mäßigen Grundzins ein Strich an dem Meere von 10,000 Stremmen des besten und bewässerbaren Landes nach seiner eigenen Abgränzung überlassen, dazu Zollfreiheit für die aus Frankreich für die Fabrik einzuführenden Maschinen und Geräthschaften und vollkommene Unabhängigkeit in der Handhabung der Ordnung auf seinem Gebiete. Sofort begann die Herstellung der Gebäude, zu welchen die Werkführer aus Frankreich gebracht wurden, und die Entwässerung der zum Theil versumpften und mit Gestrüpp bedekten Flächen. Auch diese geschah durch französische Arbeiter; aber sie wurden bald von Fiebern befallen, an denen nicht weniger als sechzig erlegen sind; allerdings ein schwerer Verlust, gegen den aber mit der Trokenlegung des Bodens die Gesundheit der Gegend erkauft wurde, aus welcher jezt die Fieber mit den Sümpfen gewichen sind. Die französischen Arbeiter sind durch Griechen, großentheils durch Deutsche ersezt, Soldaten, die des Dienstes entlassen und an das Klima gewohnt sind. Zu dem Anbau der Rübe werden die Bauern der Umgegend angezogen, und besorgen die Cultur unter Aufsicht des Instituts gegen einen fixen Preis, um den die Fabrik ihnen die Rüben abkauft. Die Anpflanzung geht ohne Unterbrechung das ganze Jahr durch, Sommer und Winter. Täglich wird die bestimmte Zahl von Stremmen geakert und mit den Pflanzungen bedekt. Ebenso die Ernte. Zum Verbrauch des Abfalls hat die Gesellschaft eine Schwaig oder Maierei von 200 Stük Vieh angelegt, aus der sie zugleich die Akerstiere ziehen kann. Treffliche Bewässerung, schöne Gärten vor den netten Wohnungen der 250 Arbeiter, deren jeder monatlich 45 Drachmen gewinnt, bequeme Wege und die stattlichen Fabrikgebäude geben der noch vor wenig Jahren öden Gegend das Ansehen einer alles wohl ordnenden und zum Bessern führenden Cultur. |80| Um 1 1/2 Millionen Kilogr. Zuker jährlich zu erzeugen, braucht man in Frankreich 1000 Hektaren Land, d. i. 220 Arpenten, 100 Fr. die Arpente, also die Summe von 220,000 Fr. Dieselbe Masse von Grund und Boden in Griechenland kostet, ganz abgesehen von ihrer größeren Tragbarkeit, 127,785 Drachmen, oder zu 6 Proc. Erbpacht 6692 Fr. jährlich. Die Brennstoffe für jenen Bedarf steigen in Frankreich auf 300,000 Fr., in Griechenland nach vollzogenem Kaufe kostet dieselbe Quantität Holz 15,610 Fr. Aehnliches Verhältniß besteht zwischen dem Preise der Stiere, der Lebensmittel, der Steuern und Abgaben, wozu noch die oben erwähnten Vorzüge der Lage, des Klima's, der Frucht und die Nähe der großen Stapelpläze des Orients kommen. Nur der Taglohn steht in beiden Ländern etwa gleich.

Die Fabrik hat angefangen ihren Zuker auf den nächsten Märkten um denselben Preis zum Kaufe zu bringen, um den der Colonialzuker dort verkauft wird. Sie wird ihren Absaz noch dieses Jahr nach Alexandrien und Smyrna ausdehnen, und so erhebt sich auf einmal mitten aus den Ländern des Mittelmeeres ein kühner und glüklicher Nebenbuhler des großen Colonialzukerhandels, der sein Produkt ohne Sklavenarbeit liefert, der mit den Colonien den Kampf aufnehmen und den Unternehmern noch einen reichlichen Gewinn sichern kann, ohne daß er zu seinem Schuz irgend einen Zoll auf den fremden Zuker zu begehren braucht. Viele Actien sind an Griechen in Athen, in der Türkei, in der Moldau und Walachei und in Wien abgesezt, und das ganze Unternehmen, obwohl unabhängig und der Aktiengesellschaft gehörig, steht unter besonderem königlichen Schuze.

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