Titel: Dampfkutschen auf Landstraßen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1842, Band 85, Nr. LXXVI./Miszelle 2 (S. 315–317)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj085/mi085076_2

Dampfkutschen auf Landstraßen.

Die HHrn. Gebrüder Squire in London (Albany-Street, Regentspark) haben jezt eine Dampfkutsche zu Stande gebracht, welche kein Geräusch des Dampfes oder Rauch erzeugt und mit 12 engl. Meilen (5 Stunden) Geschwindigkeit per Stunde sich bewegt. Sie kann augenbliklich und viel schneller als mit Pferden angehalten werden, sie weicht jedem Wagen aus, macht mit gleicher Geschwindigkeit Berg auf und Berg ab die steilsten Chausséesteigungen und leistet daher Alles, was eine solche Maschine leisten kann. Ingenieur A. W. Beyse aus Köln gibt im Kölner Allgemeinen Organ für Handel und Gewerbe folgenden aus eigener Anschauung und Erfahrung genommenen Bericht über diese Erfindung.

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„Wir fuhren,“ erzählt er in seinem aus London vom 10. Mai datirten Schreiben, „vor einigen Tagen um halb 5 Uhr von Albany-Street ab und nahmen die Richtung nach Tottenham durch ein wellenförmiges Terrain. Es regnete stark und ein Südwestwind wehte mit Kraft. Die HHrn. Squire wählten absichtlich diese Gegend und das schlechte Wetter, um zu beweisen, daß ihre Kutsche auch bei widriger Witterung Berg auf Berg ab und auf schlechten Straßen mit derselben Geschwindigkeit, wie unter günstigen Umständen, laufen könne. Frische Steinschüttungen auf ganzen Streken wurden absichtlich passirt, eben so löcherige Theile der Chausséen, die sich durch die Gruben voll Regenwasser sehr gut unterscheiden ließen. Wir fühlten nicht die geringsten Erschütterungen, wie man sie in Kutschen und Postwagen auf schlechten Chausséen gewohnt ist.

Die Streke von 6 engl. (1 1/4 deutsche) Meilen wurde in 25 Minuten zurükgelegt, darauf Wasser eingenommen und abermals nach 5 Minuten Aufenthalt die Fahrt begonnen. Wir kamen in derselben Zeit auf ausgesuchten, vom Regen ruinirten Straßenstreken nach Albany-Street zurük. Unsere Geschwindigkeit war also 12 engl. (2 1/2 deutsche) Meilen in der Stunde, incl. Aufenthalt an den Barrieren. Es ist wunderbar, wie die Kutsche ihre Wendungen im Kreise von 20 Fuß Durchmesser machen, wie sie allen Wagen ausweichen, an den Barrieren anhalten und um jede Eke laufen kann, viel folgsamer als Pferde, die oft ihrem eigenen Willen folgen.

Wir konnten nicht beurtheilen, ob das Erstaunen der Damen und Herren in ihren Kutschen oder das ihrer Pferde größer war, uns ohne Zugthiere auf der Chaussée laufen zu sehen. In den Pferden mußte die Vorstellung eines großen Thieres entstehen, was ihnen schaden könne, denn sie starrten uns mit offenen Augen und Nasen an, ihre Bewegungen waren lebhaft und unregelmäßig, aber kein Gespann wurde scheu. Dieß mag wohl daher rühren, daß weder Rauch noch Dampf, noch irgend ein Geräusch sichtbar oder hörbar sind, außer dem Rollen der Räder. Die schwer beladenen Fuhrmannspferde schienen wenig Notiz von uns zu nehmen, weil sie mühselig und beladen ruhig einher gingen, und meine vorigen Bemerkungen gelten nur von Pferden der Vornehmen.

Die verbrauchten Kohks hin und zurük konnten von einem Mann füglich getragen werden, und das verbrauchte Wasser mochte nur per Meile 1 bis 1 1/4 Kubikfuß betragen. Einige der Herren versicherten mich, eine Kutsche dieser Art könne täglich 50 engl. Meilen machen und die Kosten für Kohlen, Schmiere und Ingenieurs (ein Lenker und ein Stocher) würden nicht mehr als 18 fl. betragen; die nöthigen Reparaturen nicht begriffen, die aber bei einigermaßen guten Straßen nicht bedeutend wären.

Die Cylinder ruhen zwischen den Vorderrädern und sind eben so construirt wie jene der Locomotiven. nur von bedeutend geringerem Durchmesser. Der Kessel und die arbeitenden Theile ruhen auf der Achse der Hinterräder, welche die Maschine treiben. Die Size dienen zugleich als Tender für das Speisewasser und die Kohks sind hinten unter den Einfeuerungsthüren sichtbar. Eine solche Kutsche kann 20 bis 24 Menschen auf einmal transportiren, wie die Erfahrung lehrte, denn außer den Brüdern Squire und den Direktoren der Gesellschaft fanden sich so viel Liebhaber für das Mitfahren, daß alle Size voll waren, die wenigstens 20 Personen faßten. Einige schöne Damen schienen großes Verlangen zu tragen, die Dampfkutsche zu benuzen, aber die Herren wollten keine unbekannten Schönen mitnehmen. Daß Dampfkutschen auf gewöhnlichen Straßen möglich sind, ist durch die Construction der HHrn. Squire erwiesen worden und vielleicht ist die Zeit nahe, wo wir, in Verbindung mit den Eisenbahnzügen, Dampfkutschen von 8 bis 10 Pferdekraft nach solchen Gegenden mit Personen und Gütern senden können, wo die Eisenbahnen im Verhältniß zum Verkehr und zum Terrain zu kostspielig seyn würden.

Ich glaube aber, daß in diesem Falle nicht eine oder zwei Kutschen, sondern eben so wie auf den Eisenbahnen für eine gegebene Streke immer eine gewisse Anzahl Locomotiven vorhanden sind, auch für eine gewisse Meilenzahl eine Dampfkutsche beschafft werden müsse. Für eine jede Poststation z.B. in Europa würde eine Dampfkutsche ausreichen für jede Anzahl von 30 bis 40 Passagieren mit jedem Transport, statt daß wir jezt eine große Zahl von Postpferden und Postwagen auf jeder Station haben müssen, die auch ein großes Capital erfordern und deren Unterhaltung außerdem viel kostet, während der Rest der Pferde nicht mehr zur Höllenqual der Transporte verurtheilt würde, Das Reisen bei Nacht |317| würde ebenfalls wegfallen können, weil man mit Dampfkutschen schneller bei Tage fortrükt. Nur die Communal- und Feldwege in ihrem schlechten Zustande müßten Pferde beibehalten. Daß die Chausséen von den Pferdefüßen und Rädern der gewöhnlichen Fuhrwerke so sehr verdorben werden, ist bekannt. Der Gebrauch von Dampfkutschen mit breiten Radfelgen würde die Folge haben, daß die Chausséen weniger kostspielige Reparaturen erforderten.

Es fragt sich jezt bloß, wie sich die Ausgaben für die Beschaffung, den Betrieb und die Reparaturen der Dampffuhrwerke zu den Ausgaben für gewöhnliches Fuhrwerk verhalten. Eine Dampfkutsche kostet jezt in England zwischen 700 und 800 Pfd. St. oder circa 9000 fl.; der Betrieb für ein Jahr würde für jede 10 deutsche Meilen 500 Pfd. St. kosten = 6000 fl. Eine Locomotive kostet jährlich eben so viel an Reparaturen, als sie anfänglich kostete, wenn sie eine bedeutende Meilenzahl zurükzulegen hat, z.B. 6000 deutsche Meilen. Da Dampfkutschen höchstens 3000 deutsche Meilen jährlich zu laufen verpflichtet seyn würden, so müßte man jährlich für jede 4375 fl. als Reparaturen veranschlagen, inclusive der Zinsen von 9000 fl., oder eine solche Kutsche würde jährlich 10,500 fl. kosten, oder für jede deutsche Meile zurükgelegten Weges 3 1/2 fl. Für 24 Personen, à 18 kr. per Meile, würde 7 1/5 fl. seyn, so daß 50 Proc. Einkommen übrig bliebe, von welchen das Anlagekapital amortisirt und die Dividenden bezogen werden müssen, nebst Abgaben an die Staatsbehörden, als Entschädigung für Posten etc. Die Bequemlichkeit für Reisende und den Verkehr würde aber viel größer seyn, als bei dem jezigen Postwesen und den Privatfuhrleuten, die den größten Aufwand von Geduld und Ertragung von Leiden erfordern. Wir überlassen es Posthaltern und anderen Fuhrleuten zu berechnen, ob sie im Stande sind, eine solche Dividende bei Pferden, Wagen und Postillons, Futter etc. erlangen zu können. Außerdem mögen sie betrachten, ob sie jemals im Stande seyn werden, den Verkehr in Verbindung mit stark benuzten Eisenbahnen zu befriedigen.

Die hier aufgestellten Säze sind nicht meine eigenen Erfahrungen, sie sind mir viel mehr von den Herren Dampfkutschenbesizern und den mit denselben befreundeten Directoren mitgetheilt worden. Diese glauben außerdem, daß das Fehlschlagen der früheren Versuche mit Dampfwagen darin lag, daß man von einer Kutsche zu viel verlangte, gerade so, als wenn man eine 160 engl. Meilen lange Eisenbahn mit einer einzigen Locomotive befahren wollte, statt daß man mehr als 120 derselben für eine solche Bahn in England hat, oder fast für jede Meile eine. Es ist außerdem ein großes Unglük für alle neuen Dinge in England und anderswo, daß den Erfindern große Hindernisse in den Weg gelegt werden, so daß die erste Ausführung gewöhnlich zehnmal mehr kostet, als sie kosten müßte. Auf diese Weise haben alle, die bis jezt Dampfkutschen erbauten, mit Ausnahme der HHrn. Squire, ihr Vermögen eingebüßt oder doch bedeutende Summen verloren. Die Ingenieurs erster Classe unternehmen keine Neuerungen, die nicht von ihnen selbst ausgehen, die ehrlichen Leute niederen Ranges dieses Standes sind wenig vorhanden und werden auf jede Weise zu unterdrüken gesucht.“

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