Titel: Calvert, über Darstellung des Chinins und Cinchonins.
Autor: Calvert, Frederick Crace
Fundstelle: 1842, Band 86, Nr. XVII. (S. 66–71)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj086/ar086017

XVII. Ueber die technische Darstellung des Chinins und Cinchonins; von Hrn. F. C. Calvert.

Aus dem Philosophical Magazine, Septbr. 1842, S. 171.

Ich glaube, daß in Folge einer von mir entdekten Thatsache hinsichtlich der Ausscheidung des Chinins und Cinchonins aus der Chinarinde das gegenwärtig von den Fabrikanten dieser Alkaloide befolgte Verfahren bedeutend verbessert werden könnte.

Um einige von den Schwierigkeiten zu beseitigen, auf welche man bisher bei der Darstellung der Alkaloide aus der China stieß, schien es mir wünschenswerth ein Verfahren zu entdeken, wodurch man aus einer gewissen Menge Chinarinde alles darin enthaltene Chinin und Cinchonin ausziehen kann. In den französischen und wahrscheinlich auch in den englischen Fabriken gewinnt man aus derselben |67| Sorte China niemals gleich viel von den Alkaloiden; diese Unregelmäßigkeit erklärt sich leicht durch die von mir beobachtete Thatsache, daß das Chinin sich sehr leicht in Kalkwasser und auch in salzsaurem Kalk auflöst; wenn man also zum Niederschlagen der Alkaloide aus ihrer salzsauren Auflösung Kalk anwendet, wie es bei dem jezt gebräuchlichen Verfahren geschieht, so löst sich ein Theil des Chinins wieder auf, besonders wenn ein kleiner Ueberschuß von Kalk zugesezt wird. Allerdings hängt die Wiederauflösung des Chinins großentheils davon ab, daß ein Ueberschuß von Kalk angewandt wird; wenn der Fabrikant einen solchen aber auch ganz zu vermeiden wüßte, so würde sich doch schon in dem gebildeten salzsauren Kalk ein Theil des Chinins wieder auflösen.

Da die gewöhnliche Darstellungsweise dieser Alkaloide folglich mit einem unvermeidlichen Verlust verbunden ist, stellte ich Versuche an, um ein zwekmäßigeres Verfahren zu ihrer Abscheidung ausfindig zu machen. Zuerst versuchte ich Aezammoniak und Aezkali, fand jedoch bald, daß diese Alkalien gerade so wie salzsaurer Kalk und Kalkhydrat einen Theil Chinin wieder auflösen, wenn sie in Ueberschuß zugesezt werden. Ein ganz anderes Resultat lieferte aber eine Auflösung von Aeznatron; dieses Alkali löst, wenn es auch in Ueberschuß zugesezt wird, weder Chinin noch Cinchonin auf, wovon ich mich durch folgenden Versuch überzeugte.

Ich fällte eine gemischte Auflösung von schwefelsaurem Chinin und Cinchonin mit Aeznatron und filtrirte sie dann; die filtrirte Flüssigkeit ward hierauf in zwei gleiche Theile getheilt, wovon ich den einen benuzte, um zu ermitteln, ob etwas Chinin vom Natron wieder aufgelöst wurde; zu diesem Behuf neutralisirte ich das überschüssige Alkali mit Salzsäure, goß dann Chlor in die neutrale Auflösung und hierauf Ammoniak. Wenn eine Spur von Chinin oder irgend einem Chininsalze in der Lösung gewesen wäre, hätte bekanntlich eine grüne Färbung entstehen müssen, was nicht im Geringsten der Fall war.

Ich wiederholte diesen Versuch mehrmals sowohl mit Schwefelsäure als Salzsäure, und da das Resultat sich immer gleich blieb, so folgerte ich, daß alles Chinin niedergeschlagen und keines wieder aufgelöst wurde.

Die andere Hälfte der filtrirten alkalischen Flüssigkeit neutralisirte ich mit Salzsäure und versezte sie dann mit Chlorkalk (Kalkchlorid), welcher ein sehr empfindliches Reagens auf Cinchonin ist, und da ich keinen Niederschlag erhielt, so schloß ich aus diesem Versuch, daß sich weder vom Chinin noch vom Cinchonin etwas wieder aufgelöst hatte. Das Resultat dieser Versuche ist also, daß das Verfahren, diese Alkaloide mittelst Kalk abzuscheiden, ein unvollkommenes ist, und ich |68| schlage vor, als Fällungsmittel derselben statt Kalkhydrat eine Auflösung von Aeznatron anzuwenden, weil durch dieselbe alles Cinchonin und besonders das Chinin, welche in den sauren Flüssigkeiten enthalten sind, sicher niedergeschlagen werden; – ein sehr wichtiger Umstand für die Fabrication dieser Alkaloide.

Ich suchte dann eine Methode auszumitteln, wodurch man die im schwefelsauren Chinin enthaltene Quantität Cinchonin leicht bestimmen kann, weil jenes Chininsalz im Handel nicht selten mit dem Cinchoninsalz verfälscht vorkommt. Zu diesem Zwek mußte man bisher ein ziemlich complicirtes Verfahren einschlagen, besonders wenn der Cinchoningehalt genau bestimmt werden sollte. Da in mehreren Lehrbüchern der Chemie vorgeschrieben wird, die Auflösung dieser Salze mit einem Alkali zu behandeln, durch welches ihre Basen niedergeschlagen werden, den Niederschlag auszuwaschen und ihn dann mit Aether zu behandeln, welcher das Chinin, aber keineswegs das Cinchonin auflöst, so bemerke ich hier, daß man bei diesem Verfahren sich hüten muß, Ammoniak oder Kali als Fällungsmittel anzuwenden, weil ein kleiner Ueberschuß derselben einen Theil des Chinins wieder auflösen würde; wendet man hingegen Natron an, so wird dieß vermieden.

Der fragliche Betrug läßt sich aber viel einfacher durch folgende sechs Reagentien und besonders durch Chlorkalk entdeken.

Ich sättigte von zwei Portionen kalten Wassers die eine mit sehr reinem schwefelsaurem Chinin und die andere mit sehr reinem schwefelsaurem Cinchonin; ich fand daß 10 Gramme Wasser 0,033 schwefelsaures Chinin enthielten; ferner eben so viel Wasser 0,165 schwefelsaures Cinchonin, also die fünffache Menge des Chininsalzes: um nun gleiche Mengen von jedem Salze in gleicher Menge Wasser aufgelöst zu haben, nahm ich 10 Gramme von der Auflösung des schwefelsauren Chinins oder 0,033 Salz, aber nur 2 Gramme der gesättigten Auflösung von schwefelsaurem Cinchonin, welche leztere ich mit 8 Grammen Wasser versezte, so daß ich in beiden Fällen 0,033 festes Salz in 10 Grammen Wasser aufgelöst hatte.

1) Die Auflösung von schwefelsaurem Chinin gab mit Chlorkalk einen Niederschlag, welcher sich in einem Ueberschuß des Reagens sogleich wieder auflöste.

Die Auflösung von schwefelsaurem Cinchonin hingegen gab einen Niederschlag, welcher sich selbst in einem großen Ueberschuß des Reagens nicht wieder auflöste.

Ich vermischte dann die Auflösungen des Chinin- und Cinchoninsalzes in gleichen Mengen und goß in die Mischung Chlorkalk; es entstand ein Niederschlag, wovon sich die Hälfte im |69| Ueberschuß des Reagens wieder auflöste; der wieder aufgelöste Theil war Chinin; schwefelsaures Chinin, welches mit seinem gleichen Gewicht schwefelsauren Cinchonins vermischt ist, kann also auf diese Art von lezterem getrennt und die Menge des Cinchonins bestimmt werden.

Hierauf experimentirte ich mit einer Mischung, welche zwei Theile schwefelsaures Chinin und einen Theil schwefelsaures Cinchonin enthielt, wobei ich ein entsprechendes Resultat bekam.

Bedenkt man, wie wenig schwefelsaures Cinchonin bei meinen Versuchen in Anwendung kam, so sieht man leicht, daß mittelst dieser Reagentien jede Verfälschung des schwefelsauren Chinins durch schwefelsaures Cinchonin entdekt werden kann; nur muß die Flüssigkeit hinreichend verdünnt seyn, damit sich kein schwefelsaurer Kalk niederschlagen kann.

Ich habe bei meinen Proben die Fällung von schwefelsaurem Kalk sorgfältig vermieden; der beste Beweis, daß ich den Zwek auch erreichte, ist, daß wenn der Niederschlag schwefelsaurer Kalk gewesen wäre, er bei dem Versuch mit der reinen schwefelsauren Chininlösung nicht verschwunden und bei demjenigen mit schwefelsaurem Cinchonin zurükgeblieben wäre.

Folgender Versuch zeigt vielleicht noch evidenter, daß sich kein schwefelsaurer Kalk bildete und überdieß, welches empfindliche Reagens auf Cinchonin der Chlorkalk ist.

Ich verdünnte 2 Gramme der schwefelsauren Chininlösung, welche 0,033 Chininsalz enthielt, mit 48 Grammen Wasser und hatte also nur 33 Theile Chininsalz in 50000 Theilen Wasser; diese Auflösung versezte ich mit ein wenig Chlorkalk und erhielt einen Niederschlag von Cinchonin, woraus nicht nur hervorgeht, daß der Chlorkalk ein sehr empfindliches Reagens auf Cinchonin ist, sondern auch, daß kein schwefelsaurer Kalk niedergeschlagen wird; der schwefelsaure Kalk, welcher sich beim Versuche bildete, mußte sich nämlich in der sehr verdünnten Cinchoninlösung, welche angewandt wurde, aufgelöst haben, und folglich konnte ihm der Niederschlag, welcher sich zeigte, nicht zugeschrieben werden.

Der Versuch wurde auch noch mit der doppelten Menge Wasser, also mit 33 Theilen schwefelsaurem Cinchonin auf 100000 Th. Wasser angestellt; in diesem Falle war aber der Niederschlag kaum bemerkbar.

2) Der salzsaure Kalk (Chlorcalcium) trübt schwefelsaure Chininlösung nicht, erzeugt aber einen Niederschlag in schwefelsaurer Cinchoninlösung.

3) Das schwefelsaure Chinin gibt einen Niederschlag mit Kalkwasser, |70| derselbe verschwindet aber durch einen Ueberschuß des Reagens; während andererseits das schwefelsaure Cinchonin einen Niederschlag gibt, welcher selbst bei einem großen Ueberschuß des Reagens unaufgelöst bleibt.

4) Das schwefelsaure Chinin gibt einen Niederschlag mit Ammoniak, welcher durch einen Ueberschuß des lezteren verschwindet; das schwefelsaure Cinchonin gibt hingegen mit Ammoniak einen Nieder schlag, welcher selbst durch einen großen Ueberschuß desselben nicht wieder verschwindet.

5) Kohlensaures Ammoniak verhält sich ganz wie Aezammoniak.

6) Aezkali erzeugt in schwefelsaurem Chinin einen Niederschlag, welcher sich in einem Ueberschuß desselben fast ganz wieder auflöst; in schwefelsaurem Cinchonin erzeugt es hingegen einen klumpigen Niederschlag, der in einem Ueberschuß des Reagens unauflöslich ist.

7) Aeznatron fällt die Basen aus beiden Salzen und der Nieder schlag löst sich in einem Ueberschuß desselben nicht wieder auf; der Niederschlag vom schwefelsauren Chinin ist pulverig und der von schwefelsaurem Cinchonin klumpig.

Mittelst der ersten sechs Reagentien kann man immer leicht Chinin und Cinchonin von einander unterscheiden; Chlorkalk ist aber das empfindlichste Reagens auf Cinchonin und sollte daher immer angewandt werden, wenn diese Basis in geringer Menge irgend einem Chininsalz beigemengt ist.

Mit salzsaurem Platin gibt das schwefelsaure Chinin einen weißen pulverigen Niederschlag, das Cinchoninsalz einen klumpigen weißen.

Mit rothem Cyaneisenkalium gibt das schwefelsaure Chinin einen Niederschlag, welcher sich in einem Ueberschusse des Reagens wieder auflöst; die Flüssigkeit wird grünlichbraun und Ammoniak ändert weder diese Farbe, noch bringt es einen Niederschlag hervor.

Das schwefelsaure Cinchonin gibt mit demselben Reagens einen helleren Niederschlag, welcher sich in einem Ueberschuß desselben eben so leicht auflöst; Ammoniak reproducirt aber den Niederschlag und zerstört die Farbe großentheils.

Aus allen meinen Versuchen folgt also, daß man bei der Darstellung von Chinin und Cinchonin anstatt Kalkhydrat Aeznatron anwenden soll; kohlensaures Kali und Natron können angewandt werden, lösen aber einen Theil des Cinchonins auf. Bei einer quantitativen Analyse soll bloß das Aeznatron zum Niederschlagen beider Alkaloide benuzt werden. Vermuthet man, daß ein schwefelsaures Chinin mit Cinchoninsalz verfälscht ist und will die Quantität des |71| leztern ermitteln, so sind die verläßlichsten Reagentien: 1) Chlorkalk; 2) salzsaurer Kalk; 3) Kalkwasser und 4) Aezammoniak und kohlensaures Ammoniak.

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