Titel: Vorster'scher Torf-Asphalt. (De la tourbe fondue.)
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1842, Band 86, Nr. XXXII./Miszelle 7 (S. 155–156)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj086/mi086032_7

Vorster'scher Torf-Asphalt. (De la tourbe fondue.)

Zu den Erfindungen, welche in den lezten Jahrzehnten schnell eine der andern gefolgt sind, und das industrielle, wie auch einen Theil des geselligen Lebens so umgeschaffen haben, wie es selten sonst in Jahrhunderten geschehen, gehört wegen ihrer allgemeinen Wichtigkeit und vielseitigen Anwendbarkeit ohne Zweifel auch die des Hrn. Vorster aus Coesfeld – aus Torf und einem Beisaz einiger andern Substanzen einen Stoff zu schaffen, welcher an allgemeiner Brauchbarkeit den natürlichen Asphalt übertrifft, im Preise bedeutend unter ihm steht, und außerdem noch wegen seiner innern Vortrefflichkeit zu vielfach andern Zweken im praktischen Leben kann verwendet werden. Schon mehrmals ist in deutschen Zeitungen (cf. Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen Nr. 103 und 109) dieser Erfindung und dieses Productes gedacht, aber stets wegen des Geheimnisses der Produktion, welche keine Analyse zuließ, unvollständig oder gar unrichtig besprochen worden. Besser, und mit genauerer Kenntniß der Sache haben die belgischen Blätter, der Fanal, Courrier Belge, Journal du Commerce und einige andere die Sache aufgefaßt, und richtiger die allgemeine Bedeutsamkeit dieser Erfindung zu würdigen gewußt, wozu theils das Bedürfniß eines solchen Productes für das so industriöse Belgien, theils die öffentliche Patentirung desselben durch das belgische Gouvernement, und endlich der höchst vortheilhafte Contract des Erfinders mit der Société de commerce wohl Veranlassung gaben. Jezt, da die erste Fabrik dieses neuen Torf-Asphaltes, wie der Erfinder das Product nennt, bei Calloo in der Nähe von Antwerpen am linken Ufer der Schelde angelegt ist, und somit auch das Product selbst in die Welt und den Handel kommen wird; ja, da verschiedene Contrahenten und Theilnehmer im Begriffe stehen, in den verschiedensten Punkten Europa's, in Frankreich, England, Holland, Hamburg, Schweden, Rußland und mehreren Staaten Deutschlands ähnliche Fabriken anzulegen, möchte es wohl die geeignetste Zeit seyn, auch für Deutschland und im Interesse der deutschen Industrie einiges Genauere über dieses Product mitzutheilen. – Nach den Angaben des Erfinders selbst und den übereinstimmenden Worten mehrerer belgischen Blätter und belgischen Chemiker, so wie nach der genauen Analyse, welchen ein deutscher Chemiker, Dr. Rud. Schäffer, das Product und seine Ingredienzien an Ort und Stelle unterworfen hat, besteht die Erfindung in einer wirklichen Schmelzung (une veritable fusion ignée) des Torfes durch Hize, in einer vollständigen chemischen Zersezung desselben und chemischen Verbindung mit Stoffen, deren Zusaz und Behandlung das Geheimniß der Erfindung ausmacht: und zwar so, daß alle vegetabilen Theile des Torfes, so wie sein Gehalt an andern Stoffen, mit Ausnahme des sich verflüchtigenden Wassers und einiger Oehle und Säuren der Nebeningredienzien aufhören solche zu seyn, und in anderer Gestalt, in anderer Potenz und Wechselwirkung in dem neuen Product durch chemischen Proceß zum Vorschein kommen. Was so manchem Chemiker das Unglaubliche schien, und im halb gerechten Zweifel ein Berliner (in genanntem Blatte Nr. 109) mit ungläubigem Fragezeichen bezeichnete, die Schmelzung eines vegetabilen Stoffes ist hier wirklich auf künstlichem Wege vor sich gegangen, und gerade darin liegt einerseits die Kunst der Erfindung, andererseits die innere Vortrefflichkeit des Productes, welches hiedurch eine Menge von Eigenschaften in sich vereint, die es so allgemein brauchbar machen werden. Die genaue Beschreibung eines uns vorliegenden Stükes dieser neuen Produktion wird der beste Weg seyn, dem Chemiker sowohl als dem Publicum, besonders aber den Bauherren, Baumeistern und öffentlichen Behörden der Städte die Wichtigkeit und Trefflichkeit dieses Productes begreiflich zu machen. Der Vorster'sche Torf-Asphalt zeigt auf seiner Oberfläche starken Pechglanz, ist spiegelnd, eben, im Bruche matt, nicht spröde, widersteht heftigem Druke, besizt geringere Leitungsfähigkeit für Elektricität und Wärme, als Harze, hat ein specifisches Gewicht von 1,445, und einen Härtegrad von 2,250 (der jedoch durch Beimischung von Sand und Kiesel vermöge seiner enormen Bindungskraft bis zur Kieselharte kann gesteigert werden); erweicht erst bei 60° Cels., fließt hei 108°, fängt an sich zu |156| zersezen und zu verflüchtigen bei 316° Cels. Verdünnte Schwefelsäure, Chlorwasserstoffsaure, Salpetersäure, so wie Aezkaliflüssigkeit von 1,112 spec. Gewicht hat keinen Einfluß darauf. – Organische Substanzen, als Harz, Humussäure, Quellsazsäure, Quellsäure waren die Hauptingredienzien des neuen Productes (in 100 Theilen waren 71,06 dieser organischen Stoffe). Nebeningredienzien sind brenzliches Oehl 2,75, Weichharz 3,11, fettes Oehl 2,08, salzsaurer Kalk 1,45, schwefelsaurer Kalk 0 23, phosphorsaure Magnesia 1,12, salzsaure Magnesia 1,09, salzsaures Natron 2,00. Eisenoxyd 0,83, Thonerde 1,10, Kieselsäure 0,90, Schwefel 2,54, Kohle, unzersezte Holztheilchen nebst Sand 7,89.

Zu dieser physischen und chemischen Beschaffenheit tritt noch, daß dieser Torf-Asphalt die nüzliche Eigenschaft hat, leicht Hede Mengung mit Sand und Steinen einzugehen und dieselben fest zu binden; an Holz, Pappe, Eisen, selbst an Glas festzuhaften und durch Hize leicht zum Fluß und Guß sich tauglich zu zeigen. – Hienach bedarf es wohl keiner Frage mehr, wozu das Produkt tauglich und technisch anwendbar sey. Der erste natürliche Gedanke, hervorgehend aus der Aehnlichkeit ihrer physischen und chemischen Beschaffenheit, ist, es an die Stelle des Asphaltes zu sezen, da es alle jene Eigenschaften nicht hat, welche die Anwendung dieses vielfach beschränken oder unpraktisch und kostspielig machen; deßhalb es zu Trottoirs zu verwenden, weil es gegossen werden kann, bei selbst aufs höchste gesteigerter Sonnenwarme nicht wie der Asphalt erweicht, weil es stark, leicht und fest mit Sand und Steinen kann vermengt werden, kurz dem Einflüsse des Wassers, der Luft, der Kälte und Hize nicht unterliegt, und was das Wichtigste von allem, drei- bis viermal so wohlfeil seyn wird. Lezteres bewirkt auch, daß das Material selbst zu Chausséen kann verwendet werden, und die Kenntniß eines solchen Produktes war, wie ein belgisches Blatt richtig bemerkt, das einzige, was dem englischen Mechaniker und Ingenieur Mill noch fehlte, um seine neu erfundenen Locomotiven mit Vortheil anzuwenden, und auf geplätteten Bahnen statt auf Schienen zu fahren.

Außer zu Trottoirs wird es zu ähnlichen Zweken, zur Pflasterung von Entreen, zum Guß in feuchten Kellern, die es wasserdicht machen wird, zur Bekleidung feuchter Wände auf Linnen oder Pappe, zur Ueberdekung von Mauern bei Neubauten statt Bleiplatten zur Abwehrung des Salpeters und jeder aufsteigenden Feuchtigkeit, zur Dachbedekung auf Schindeln oder Linnen, zur Bekleidung von Schiffswänden, wo es Kupferung überflüssig machen wird, überhaupt zur schüzenden Bedekung des Holzes in mannichfacher Weise sich empfehlen. Endlich zeigt es sich besonders geeignet zur Ueberziehung von Cisternen, Wasserbehältern und Dachrinnen, weil es nicht oxydirt. – Wichtiger vielleicht als diese Vortheile sind die, welche es als ein wohlfeiles Brennmaterial gewähren wird, weil es mit dem sechsfachen Quantum von Steinkohlen vermischt in diesem Aggregat eine vier- bis zehnfache Heizkraft hervorruft, weil es nicht tröpfelt, zur Asche verbrennt, die Roste nicht verstopft, die Kessel wegen geringen oder ganz entwichenen Schwefelgehaltes nicht angreift, kurz alle jene Vortheile und keinen jener Nachtheile hat, welche das neu erfundene Carbolein in sich trägt.

Aus dieser kurzen Zusammenstellung der verschiedenen Anwendungsarten dieses neuen Productes, die gewiß noch nicht erschöpfend ist, erhellt die allgemeine Wichtigkeit desselben, welche deßhalb eben so sehr die Aufmerksamkeit der Chemiker als der praktischen Geschäftsmänner auf sich zieht. Die Erwerbung der Patente für die alleinige Fabrication dieses Materials, welche fast für alle Länder Europa's schon geschehen, werden das Product bald allgemeiner und zum wichtigen Handels- und Speculationsartikel machen, und dasselbe wird besonders für diejenigen Gegenden von Wichtigkeit seyn, melche reich an gutem Torf sind. Diese werden dadurch mit der Zeit die Stelle von Kohlendistricten einnehmen, und somit auch in jenen Gegenden industrielle Thätigkeit erblühen, welche bis jezt wegen der natürlichen Beschaffenheit ihres Bodens am wenigsten Theil daran hatten. (Augsb. Allgem. Zeitung.)

Dr. Schütte.

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