Titel: Ueber Filztuchfabrication.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1842, Band 86, Nr. LXV./Miszelle 4 (S. 318–319)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj086/mi086065_4

Ueber Filztuchfabrication.

Ein Augenzeuge gibt folgenden Bericht über die Beobachtungen, die er bei Besichtigung der in Berlin vor dem Halle'schen Thore errichteten Filztuchfabrik gemacht hat:

Zuerst trat ich in große Säle, wo durch bedeutende Abtheilungen von Wollsortirern, unter sachverständiger Leitung, ganz so, wie man es in größeren, gut eingerichteten Tuchfabriken trifft, die Sortirung vorgenommen wurde. Die Zahl der dabei beschäftigten Personen mochte wohl 100 übersteigen. Hierauf kam ich zu dem Wolf von ganz neuer Construction, und alsdann wieder zu einer neuen Abtheilung von Sortirern, welche ein nochmaliges Sortiren oder doch Stoppen und Reinigen der Wolle, nachdem diese schon sortirt durch den Wolf gegangen war, vornahmen. Dann wurde ich zu den in verschiedenen Sälen aufgestellten, kolossalen Krampel- oder Streichmaschinen geführt. Jede derselben bestand aus einer Vor- und Nachkrämpel, die miteinander verbunden waren, und eine solche Maschine mochte bei einer arbeitenden Breite von 12/4 Ellen, mit der Wikelvorrichtung für die darauf erhaltene und das Tuchstük liefernde Wolle, wohl eine Länge von nahe an 60 Fuß haben. Die von diesen Maschinen ganz troken, d.h. ohne Oehl oder sonstige Einfettung gelieferte Wolle kommt nun auf die Vorfitz-Maschine, und wird dann als ein kaum zusammenhängendes Tuch auf eine zweite Filzmaschine (deren aber so wie auch von den anderen Maschinen, mehrere vorhanden sind) gebracht, worauf die völlige Filzung mit Anwendung von Seifenwasser geschieht. Beschreibung und Zeichnung dieser Maschinen, so wie ich sie hier gefunden habe, geben die Mittheilungen des sächsischen Gewerbeblatts. Die großen Räume, in welchen die eben angeführte Maschine arbeitete, waren mit drükendem Wasserdampfe angefüllt.

Nun weiter zur Sache. Von da wurde ich zu der vortrefflichen Walkmühle geführt, wo die Walkung der Tücher in einer ganzen Fläche eiserner Walkkumpen, in welchen die gewöhnlichen Fallhämmer, durch Riemen getrieben, arbeiten, vorgenommen wurde. Von da ging es in die Räume der Appretiranstalt, wo man bekannten Rauh- und Schermaschinen und Pressen begegnet. Alle diese Einrichtungen, wie auch die Färberei, zu welcher ich zulezt gelangte, sind vortrefflich zu nennen, und noch ein Saal verdient besonders erwähnt zu werden, in welchem ich auf einer Menge von Tischen so gefilzte Tücher mit Modeldruk in geschmakvolle Fußteppiche verwandeln sah.

Im Ganzen mögen wohl circa 350 Arbeiter täglich beschäftigt seyn, welche an einem Tage an 15 Stük Waare von gewöhnlicher Länge anfertigen.

Die in den verschiedenen Stadien der Proceduren gesehenen Producte haben bei mir die Ansicht festgestellt, daß die Furcht vor dieser neuen Tuchfabrication ungegründet ist. Denn erstens wird die Manipulation, wenn auch das Fett gespart und die Arbeit vom Streichen der Wolle bis zum Walken der Tücher übersprungen wird, nicht billiger kommen, als bei der alten Methode mit Spinnen, Spulen und Weben; da die theueren Maschinen und die gewiß kostspielige Unterhaltung derselben, der Aufwand von Seife und die bedeutende Dampfmenge die Production wahrscheinlich eben so theuer machen. Zweitens wird es schwer erreichbar seyn, dem Tuch eine so gute Appretur zu geben, als dieß bei gewebten Zeugen zulässig ist; denn während man gewebte Tücher wegen der ihnen inwohnenden Festigkeit und der daran befindlichen Leisten (Eggen) auf jede nöthige Weise rauhen kann, um dem Tuch eine schöne, im Striche liegende Haardeke zu geben, so ist dieß bei dem Filztuche sehr schwierig, ja schon vom Grade des Mitteltuches an (nach meinem Dafürhalten) nicht möglich, weil das gefilzte Tuch keine Leisten hat und äußerlich fester als inwendig ist. Die von den Rauhkarden zunächst berührte Oberfläche des Filztuches ist daher schwierig zu bearbeiten, weil die äußeren Wollhaare daselbst am dichtesten und verwirrtesten liegen und |319| das Eindringen der Karden, welches durchaus nothwendig ist, um eine Haardeke zu bilden, außerordentlich erschweren. Es muß daher beim Filztuch mit außerordentlicher Vorsicht gerauhet werden, da sonst das Innere des Tuches von den Karden so durchgerissen werden kann, daß ganze Stükchen Filz mit herausgerissen werden. Endlich drittens verdient besondere Erwähnung, daß dunkle Farben kein schönes Ansehen bekommen und schwer mit gleicher Stärke eindringen. Es mag dieß hauptsächlich seinen Grund in der nicht ganz schmuzfreien Walke und in den vorangegangenen Manipulationen oder unpassend angewandten Reinigungsmitteln haben.

Für die nach alter Methode fabricirten Tücher von mittler Qualität an aufwärts ist daher von der Filztuchfabrication so leicht nichts zu befürchten, während dieselbe sich jedoch zur Herstellung von geringen Tüchern, starken, coatingartigen Zeugen zu Mänteln, Fußdeken, auch Pferdedeken u.s.w. ganz gut eignet. (Aus den Mittheil. des Gewerbever. zu Braunschweig, 1842, Nr. 17 im polytechn. Centralblatt Nr. 63.)

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