Titel: Gintl, über die Theorie der Grundeisbildung.
Autor: Gintl, Wilhelm F.
Fundstelle: 1843, Band 87, Nr. CI. (S. 369–377)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj087/ar087101

CI. Beitrag zur Theorie der Grundeisbildung, nach Beobachtungen an der Mur; von Dr. Wilhelm Gintl, k. k. Professor der Physik an der Universität zu Grätz.58)

Es ist bekannt, daß die Mur in der Regel nicht, weder in gewöhnlichen noch in strengen Wintern zufriert, daß dieses nur in außerordentlich strengen Wintern und da nur auf sehr kurze Zeit geschehen mag, so daß es zu den größten Seltenheiten gehört und man daher nicht so Unrecht hat, wenn man von ihr im Allgemeinen sagt, sie sey seit Mannesgedenken nicht zugefroren. Man darf aber den Grund dieser Erscheinung nicht etwa in einer höheren Temperatur des Wassers suchen, da dieses keineswegs der Fall ist, sondern nur einzig und allein in der bedeutenden Geschwindigkeit, mit welcher sich das Wasser fortbewegt, denn diese verhindert selbst bei hinreichend niedriger Temperatur das Festwerden des Wassers an der Oberfläche, worin eigentlich der Act des Zufrierens besteht. Ungeachtet dieses höchst seltenen Zufrierens der Mur ist aber das Eis doch keine Seltenheit auf derselben, ja man sieht vielmehr fast in jedem Winter, sobald die Temperatur der äußeren Luft nur auf 5 bis 6 Grade R. unter Null herabgesunken, und diese Kälte einige Zeit anhaltend ist, reichliches Eis auf dem Flusse daher treiben, welches sogar die Form von Eisschollen hat, ohne jedoch die ihnen angehörige Consistenz zu besizen. Dieses so zahlreich daherschwimmende Eis ist aber kein auf der Oberfläche entstandenes, sondern sogenanntes Grundeis. Es kömmt in so großer Menge vor, daß es fast die ganze Oberfläche des Wassers bedekt, und bei anhaltender Kälte oft tagelang in zunehmender Menge, aber auch mit wachsender Consistenz einherschwimmt, und indem es sich an den seichteren Uferstellen zusammenschiebt, die Veranlassung zum Entstehen des sogenannten Ufereises gibt. Daß aber dieses in so großer Menge auf der Mur vorkommende Eis wahres Grundeis sey, lehrt schon der Augenschein, da es den allgemeinen Charakter desselben, d. i. das gallertartige Aussehen und das lokere Gefüge nebst |370| den übrigen Kennzeichen des Grundeises besizt. Was es aber für eine Bewandtniß mit seiner Entstehung habe, wird sich dann am besten beurtheilen lassen, wenn wir die bisher über das Grundeis überhaupt gemachten Erfahrungen Anderer zu Rathe ziehen, und die Ergebnisse derselben mit den an der Mur angestellten Erfahrungen vergleichen werden. Dabei wird es sich sehr leicht zeigen lassen, ob die über das Grundeis anderwärts gemachten Erfahrungen auch auf das an der Mur vorkommende Eis anwendbar sind, und, wenn dieses der Fall, welche unter den verschiedenen bis jezt versuchten Erklärungsarten dieser Erscheinung diejenige ist, die dem gegenwärtigen Zustande der Wissenschaft am meisten zusagt.

Indem ich die bisher an andern Orten und Flüssen über das Grundeis gemachten Erfahrungen als bekannt vorausseze, will ich jezt meine an der Mur über denselben Gegenstand angestellten Beobachtungen mittheilen, und alle von mir erhobenen Umstände, wie sie mit der Erscheinung des Eises an der Mur verbunden sind, so genau als möglich angeben. Bei meinen Beobachtungen unterscheide ich solche, die ich vor, während und nach dem Erscheinen des Eises am Flusse anstellte. Zunächst handelte es sich mir darum, die Temperatur der Luft sowohl als des Wassers kurz vor dem Erscheinen des Eises kennen zu lernen. In dieser Beziehung verschaffte ich mir durch lange fortgeseztes und täglich wiederholtes Beobachten die Ueberzeugung, daß zum Vorkommen desselben an der Mur nicht bloß eine gewisse Erniedrigung der Temperatur erfordert werde, sondern daß sie auch eine gewisse Zeit lang anhalten müsse. So ergab es sich mir bei meinen Beobachtungen, daß schon eine Temperatur der Luft von 5 bis 6 Graden R. unter Null hinreicht, auf der Mur einherschwimmendes Eis zur Folge zu haben, sobald sie länger als 24 Stunden dauert, und während dieser Zeit keine bedeutenden Veränderungen erleidet. Eine rasch eintretende selbst bedeutende Temperatur-Erniedrigung vermag kein solches Eis zu erzeugen, sobald sie nicht über 24 Stunden anhält. So gab es einzelne Tage, wo die Temperatur 9 bis 10 Grade R. unter Null herabsank, ohne Eis zu bringen, weil die niedrige Temperatur kaum einen Tag anhielt, und dann rasch wieder in die Höhe ging. Die dabei berüksichtigten Temperatur-Verhältnisse des Wassers an der Oberfläche zeigten sich immer unter Null, doch mehr oder weniger davon entfernt, je nachdem die äußere Lufttemperatur mehr oder weniger tief unter Null gesunken und dabei anhaltend war. So lange die Temperatur des Wassers während der Zeit, wo die äußere Kälte über 24 Stunden anhielt, immer unter Null blieb, war die Hauptbedingung zum Erscheinen des Eises vorhanden, |371| denn niemals blieb dasselbe dann aus. Bei plözlich eingetretener, selbst bedeutender, aber nicht über 24 Stunden anhaltender Kälte, fand ich zwar die Temperatur des Wassers am Morgen stets unter Null, allein sie stieg im Laufe des Tages etwas über Null, und so oft dieß der Fall war, kam das Eis am andern Tage nicht zum Vorschein, blieb also nach 24 Stunden aus, wo es sonst immer zum Vorscheine gekommen wäre. Hieraus ergibt sich, daß zum Erscheinen des auf der Mur dahin schwimmenden Eises zwar keine so niedrige Temperatur an sich erfordert werde, es aber dagegen eine Hauptbedingung zum Vorkommen desselben sey, daß die an sich mäßige Kälte hinreichend lange und zwar so anhalte, daß die Temperatur des Wassers während der ganzen Zeit nicht über Null steige. Man kann als Temperaturgränze für die äußere Luft 5 bis 6 Grade unter Null und als Zeitgränze wenigstens 24 Stunden annehmen, wodurch die früher genannte Bedingung erfüllt wird. Wenigstens ist mir in den zwei Wintern, 1837 und 1838, während welchen ich meine Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand richtete, niemals der Fall vorgekommen, daß bei einer Temperatur der Luft, welche nicht 5 Grade unter Null erreichte, selbst wenn sie über 24 Stunden dauerte, und eben so wenig bei einer 5 Grade unter Null weit übersteigenden Lufttemperatur, wenn sie weniger als 24 Stunden anhielt, die Mur an ihrer Oberfläche Eis getrieben hätte.

Die Menge und Beschaffenheit des unter den angegebenen Temperatur-Verhältnissen auf der Mur zum Vorscheine kommenden Eises richtet sich gleich anfangs nach der früher stattgehabten und andauernden Kälte, und es zeigt sich hierin unter verschiedenen Umständen ein bedeutender Unterschied. Beträgt die vorausgegangene Temperatur der Luft nicht viel über 5 Grade unter Null, etwa 6 1/2 bis 6 Grade, so ist die Menge des nach 24 Stunden zum Vorscheine kommenden Eises nicht bedeutend; einzelne kleine, die Form von dünnen Schollen habende Eisklümpchen kommen an der Oberfläche des Wassers in großen Zwischenräumen von einander abstehend, daher geschwommen, und man sieht ihnen schon ihr lokeres Gefüge von weitem an, da sie vom Wasser ganz durchzogen, eine schmuzig grüne Farbe haben, und wenn sie vom Strome an solche Stellen geführt werden, wo das Wasser Wellen wirft, sie durch die heftige Bewegung in ihre kleinsten Theile zerstäuben. Betrachtet man dieses Eis, so lange es noch im Wasser, aber an einer ruhigen Stelle in der Nähe des Ufers schwimmt, so erblikt man es als eine faserige, gallertartig aussehende Masse, welche, wenn sie herausgefischt wird, sich aus feinen und kurzen Eisnadeln von hellglänzender Farbe, welche loker zusammenhängen, gebildet zeigt. Nicht selten habe ich an seichten Uferstellen |372| solche feine Eisfasern vom Boden aufsteigen gesehen, bei denen es den Anschein hatte, als wären sie kurz zuvor dort entstanden, da in der Nähe kein anderes Eis vorüber schwamm. Doch will ich es nicht mit Gewißheit behaupten, da es mir nicht möglich war, mein Auge dem Orte, woher sie aufstiegen, so nahe zu bringen, um ihr Entstehen dort genau zu sehen.

Bleiben die Temperatur-Verhältnisse längere Zeit dieselben, so vermehrt sich zwar die Menge des vorkommenden Eises, aber seine sonstige Beschaffenheit ändert sich kaum merklich und nur darin, daß die Eisnadeln nicht mehr so fein, sondern etwas stärker, und zwar breiter geworden sind.

Nach vorausgegangener starker und anhaltender Temperatur-Erniedrigung der Luft, etwa auf 10 bis 12 Grade unter Null, erscheint nach Verlauf von 24 Stunden gleich anfänglich eine bedeutende Eismenge, welche in größeren Massen zusammengeschoben, das Aussehen von großen Eisschollen hat, die nur durch kleine Zwischenräume von einander getrennt, auf der Oberfläche des Wassers daher schwimmen und dieselbe fast ganz bedeken. Sie scheinen wohl, so lange sie an ruhigen Stellen des Flusses schwimmen, mehr Consistenz zu haben, allein so wie sie an Stellen kommen, wo das Wasser in heftiger Bewegung ist und Wellen schlägt, da sieht man aus ihrem leichten Zertheilen in eine Menge kleiner Bestandtheile, daß auch sie noch ein sehr lokeres Gefüge haben. Ihre außerhalb des Wassers befindliche Oberfläche ähnelt schon mehr dem festen Eise, und sieht aus, als wäre sie mit einer dünnen Lage Schnees bedekt, wodurch sie ein rauhes, unebenes Aeußere bekömmt. Untersucht man die Masse einer solchen scheinbaren Eisscholle näher, so findet man, daß sie eine bedeutende Dike hat und tief im Wasser geht, daß aber die Masse von den Rändern nach Abwärts konisch zuläuft und nicht eine Art von Platte, sondern mehr einen Klumpen bildet. Uebrigens besteht sie aus einem losen Conglomerate von kleinen, etwa Linsen großen dünnen Eisblättchen, welche aber mehr länglich als rund sind und durch Capillarattraction zusammenzuhängen scheinen. So lange sie im Wasser in großer Menge beisammen sind, bilden sie eine schwammige, zusammengeballtem und in Wasser getauchtem Schnee ähnliche Masse, welche aber außerhalb des Wassers in lauter hellglänzende und durchsichtige längliche Eisblättchen zerfällt. Diese sind offenbar nichts anderes, als die der Länge und Breite nach vergrößerten Eisnadeln der früher besprochenen Art gelatinösen und faserig aussehenden Eises. Daraus wird ersichtlich, daß sich die leztere Art von Eis von der erstern keineswegs dem Wesen, sondern nur der Form nach unterscheidet. Bei den ersteren sind die dasselbe constituirenden Theile |373| sehr dünne und der Zahl nach noch wenige, der Art nach leicht zusammenhängende Eisnadeln, daher die geringe Masse, ihr gallertartiges, faseriges, flokiges Aussehen; bei lezteren sind dagegen der Theile schon mehrere, die einzelnen haben schon eine größere Masse, und es ist die Nadelform bereits in die von Blättchen übergegangen, welche zwar ebenfalls noch lose, aber doch schon stärker zusammenhängen, und daher die größere Masse der vorkommenden Schollen, ihre scheinbar größere Consistenz, ihr dem Eise mehr ähnliches Aeußere, ihr schwammiges innere Gefüge. Ersterem sieht man es noch ganz deutlich an, daß es eben erst entstanden und in der Ausbildung begriffen, lezteres aber schon darin bedeutend vorgeschritten sey. Offenbar liegt der Grund davon für das erstere in der vorausgegangenen mäßigen, für das leztere aber in der stärkeren Kälte sowohl der Luft als des Wassers.

Dauert die Kälte längere Zeit in gleichem Grade fort, oder nimmt sie sogar an Stärke zu, so vermehrt sich die Anzahl und Größe der daher kommenden Schollen; sie nehmen an Dike und Consistenz merklich zu, indem sich an der Oberfläche durch Zusammenfrieren der Eisblättchen eine feste Eisschichte bildet, unterhalb welcher aber die übrige im Wasser gehende Masse noch immer schwammig und loker zusammenhängend ist. Wenn man gegen eine solche Scholle mit dem Stoke stößt, so findet man von Seite der oberflächlichen Eisrinde einen schwachen Widerstand; so wie aber diese durchbohrt ist, so fährt der Stok durch die unterhalb befindliche Masse ungehindert durch. Ohne allen Zweifel ist diese oberflächliche feste Eisschichte erst später und zwar durch die längere Zeit stattgehabte Berührung der Masse an ihrer Oberfläche mit der äußern sehr kalten Luft entstanden. Sobald diese eben besprochenen Schollen an solche Stellen gerathen, wo das Wasser ruhig fließt oder gar stagnirt – und dieß ist meistens in der Nähe derjenigen Ufer der Fall, von welchen der Stromstrich abgewendet, und wo das Wasser seicht ist oder das Ufer eine Art von Bucht bildet – so schieben sich mehrere derselben dort zusammen, und indem sie aneinander frieren, bilden sie eine feste aber holperige und unebene Eisdeke, welche in das Wasser mehrere Schuhe hinausragt und unter dem Namen des Ufereises bekannt ist. Mit der Zeit wird diese Eisdeke durch das Anfrieren der unterhalb befindlichen schwammigen Eismasse so dik und fest, daß man sie ohne Gefahr betreten, und auf ihr herumgehen kann. Das eine solche Deke bildende Eis unterscheidet sich aber wesentlich von jenem, welches die Eisdeke auf ruhig stehendem Wasser, z.B. in einem Teiche bildet. Lezteres ist hell, durchsichtig und hat in diken Schichten eine bläulichgrüne Farbe, erstens dagegen ist undurchsichtig und zeigt eine weißliche, an zusammengefrorenen |374| Schnee mahnende Farbe. Das eine hat eine ebene glatte Oberfläche, das andere ist rauh, holperig und trägt recht deutlich die Spuren, wo die aneinander geschobenen Schollen zusammengefroren sind.

Wenn man nun alles das, was ich über die Beschaffenheit und Verhalten des auf der Mur vorkommenden, von mir in den verschiedenen Stadien beobachteten Eises angeführt habe, mit dem zusammenhält, was die bekannt gewordenen Beobachtungen und Erfahrungen Anderer über das Grundeis an andern Orten und Flüssen gelehrt haben, so läßt es sich nicht läugnen, daß es alle Eigenschaften und Erscheinungen des sogenannten Grundeises zeigt, und daher schon deßhalb in einerlei Kategorie mit ihm gesezt zu werden verdient, und dieses um so mehr, als man sich recht leicht und deutlich überzeugen kann, daß das auf der Mur vorkommende Eis am Grunde des Wassers entstehe und von da zur Oberfläche steige. Denn abgesehen von dem von mir sehr oft beobachteten und schon früher angegebenen Factum, daß ich an seichten, dem Ufer nahe gelegenen Stellen solches Eis in die Höhe kommen sah, kann man besonders nach sehr kalten Tagen an solchen Stellen, wo das Wasser seicht, nicht zu rasch bewegt und der Grund mit Flußgerölle bedekt ist, alle Steine mit einer ziemlich diken. Schichte Eis überzogen finden, welches von derselben Beschaffenheit, wie das an der Oberfläche einherschwimmende Eis ist. Von Zeit zu Zeit lösen sich größere Stüke dieser schwammigen Eismasse von dem Gesteine los, steigen in die Höhe und schwimmen an der Oberfläche zuerst vereinzelnt, dann aber, wenn ihrer mehrere zusammentreffen, wegen ihres lokeren Gefüges zu einer größeren und ausgedehnteren Masse vereinigt. Bedenkt man nun, daß die Mur bis Scheifling herab in der Regel so seicht ist, daß man sie überall durchwaten kann, daß dieses bei sehr niedrigem Wasserstande, wie dieses im Winter fast durchgehends der Fall ist, auch noch weiter abwärts bis Ehrenhausen an sehr vielen Stellen möglich ist, daß ferner die Mur in ihrem Laufe bis Grätz eine sehr große Menge kleiner Bäche mit sehr raschem Laufe und seichtem Bette aufnimmt: so wird man es begreiflich finden, daß in der ganzen Streke bis Grätz auf dem fast gleich beschaffenen mit Gerölle bedekten Grune des Flusses und der sich einmündenden Bäche überall solches Eis, wie man es hier an mehreren Orten finden kann, in sehr großer Menge entstehen, nach und nach an der Oberfläche zum Vorscheine kommen, und in seinem Laufe zu größeren Massen vereinigt, in Form von ausgedehnten Schollen dahergeschwommen kommen müsse.

Hören die das Erscheinen des Grundeises begleitenden Temperatur-Verhältnisse, sowohl in der Luft als im Wasser nach und nach |375| auf, so vermindert sich auch nach und nach die Menge des vorkommenden Eises und verschwindet endlich nach einem oder höchstens zwei Tagen; tritt jedoch plözliches Thauwetter ein, so ist auch schon nach wenigen Stunden keine Spur vom Grundeise vorhanden.

Obwohl es schon aus den von Hrn. Dr. Mohr in Coblenz mitgetheilten Beobachtungen über die Grundeisbildung am Rheine hervorgeht, daß unter den verschiedenen bisher üblichen Erklärungsarten des Phänomens die von Arago gegebene unstreitig die beste, dem Gange der Natur angemessenste und allen das Phänomen begleitenden Umständen die am meisten genügende ist; so zeigt überdieß eine genaue Erwägung aller durch weine Beobachtungen beim Erscheinen des Grundeises an der Mur constatirter Temperatur-Verhältnisse und der übrigen damit verbundenen Umstände, daß sich das Phänomen nach der von Arago aufgestellten Ansicht in seinem ganzen Umfange vollständig erklären, und daher nichts mehr zu wünschen übrig lasse, als daß man die Entstehung des Eises am Grunde des Wassers selbst mit eigenen Augen zu sehen bekäme, um auf diese Weise dem einzigen noch möglichen Einwurfe begegnen zu können, als sey dieses am Grunde des Wassers factisch nachgewiesene Eis nicht etwa durch was immer für eine Ursache von Oben herunter gebracht worden, sondern daselbst unmittelbar entstanden. Da dieses jedoch im offenen Flusse nicht so leicht ausführbar ist, so beschloß ich in dieser Hinsicht ein experimentum crucis zu machen, und Grundeis selbst unter meinen Augen zu erzeugen. Zu diesem Behufe suchte ich nämlich in einem hiezu geeigneten Wasserbehälter alle jene Umstände möglichst genau herbei zu führen, wie sie an jenen Stellen im Flusse stattfinden, wo ich das Eis am Grunde wahrgenommen hatte. Sollte es mir nun, so schloß ich, bei diesen Versuchen gelingen, das Eis am Grunde des dazu gewählten Wasserbehälters zuerst entstehen zu sehen, so glaube ich mit Recht behaupten zu können, daß das am Grunde des Flusses wahrgenommene Eis auch daselbst zuerst entstanden seyn müsse. Die dahin zielenden Versuche habe ich in folgender Weise angestellt. Ich nahm eine ovale 7 Zoll hohe, 8 Zoll breite und 15 Zoll lange, etwa acht Maaß Wasser haltende gläserne Wanne, damit ich nicht bloß von Oben, sondern auch durch die Wände derselben hindurchsehen, und so den innern Verlauf der Sache genau bemerken konnte. Diese Wanne stellte ich unter freiem Himmel, vor dem Einflusse der Sonnenstrahlen geschüzt, auf und füllte sie mit Murwasser voll an. In das Wasser tauchte ich zwei Thermometer mit auf Glas getheilter Skala, und zwar reichte die Kugel des einen bis auf den Boden der Wanne, die des andern aber nur in die oberste Schichte des Wassers, um dadurch die Temperatur des Wassers |376| oben und unten zu erfahren. Den Boden der Wanne belegte ich mit kleinem aus der Mur genommenem Gerolle, um ihn dem Flußbette möglichst gleich zu machen. Bei einem ganz heiteren Himmel, an einem Tage, wo die äußere Lufttemperatur 9° R. unter Null war, und die Mur sehr reichliches Grundeis trieb, begann ich des Morgens um 9 Uhr mit einem Vorversuche, indem ich das Wasser ruhig stehen und der Einwirkung der Kälte überließ. Das Wasser hatte anfänglich eine Temperatur von 5° R. über Null, da es absichtlich früher in der Sonne etwas erwärmt wurde. Nach etwa zwei Stunden zeigte das Thermometer in der obern Wasserschichte eine Temperatur von + 1°,5 R., während das Thermometer am Boden eine Temperatur von + 3°,8 R. angab. Nach Verlauf von einer halben Stunde zeigte das obere Thermometer auf 0 Grad, während das untere auf + 3° R. stand. Dabei waren schon die ersten feinen Eisnadeln an der Oberfläche sichtbar, zum Zeichen, daß das Gefrieren daselbst eintrat. Nach kurzer Zeit war die Oberfläche mit einer dünnen Eisschichte überzogen, während die Temperatur des Wassers am Boden unverändert bei + 3° R. stehen blieb. Die Dike der Eisschichte an der Oberfläche nahm fortwährend zu, ohne daß sich die Temperatur am Boden merklich änderte; auch zeigte sich am Boden nirgend eine Spur von Eisbildung. Es verhielt sich demnach bei diesem Versuche die Sache gerade so, wie sie der Theorie nach auch stattfinden sollte. Ganz anders aber zeigte sich der Verlauf der Sache bei dem am folgenden Tage wieder angestellten etwas abgeänderten Versuche. Es wurde am andern Morgen um 9 Uhr bei einer Temperatur von 8° unter Null wieder damit begonnen, frisches und ganz eisfreies Murwasser in die Wanne einzufüllen und den Boden derselben mit Gerölle auf gleiche Weise, wie Tags zuvor, zu bedeken. Die beiden eben so wie früher angebrachten Thermometer zeigten anfänglich eine Temperatur von + 5 1/2° R. an. Hierauf wurde die Oberfläche durch fortwährendes Plätschern in Bewegung erhalten und von Zeit zu Zeit mit einem Stabe durcheinander gerührt. Dieses geschah so oft, als das obere Thermometer eine niedrigere Temperatur gegen das untere zeigte, und wurde so lange fortgesezt, bis beide auf einerlei Temperatur gebracht wurden. Dadurch sank die Temperatur der ganzen Wassermasse gleichmäßig auf 5, 4, 3, 2 Grade und so weiter bis auf 0 Grad herunter, worauf die Eisbildung eintrat; war aber bei dem am verflossenen Tage angestellten Vorversuche eine Zeit von drei Stunden dazu schon hinreichend gewesen, so betrug die bei diesem Versuche dazu nöthige Zeit nahe das Dreifache der früheren, und die Eisbildung begann dabei nicht an der Oberfläche, sondern am Boden. Indem ich durch die Seitenwände |377| der gläsernen Wanne nahe am Boden hinblikte, gewahrte ich an einzelnen daselbst liegenden Geröllsteinchen sehr feine Eisnadeln büschelförmig nach allen Richtungen hin anschießen, welche sich allmählich vergrößerten und zu dünnen Blättchen heranwuchsen; an diese sezten sich nach einiger Zeit in Form von kleinen Aestchen neuerdings feine Eisnadeln an, und so sah ich deutlich jenes Gebilde entstehen, welches ich schon früher mehrmals in der Mur schwimmend beobachtet hatte. Während dieses am Boden vor sich ging, war weder an der Oberfläche, noch sonst wo in der übrigen Wassermasse eine Spur von Eisbildung zu bemerken. Wurde das Gefäß nur leicht erschüttert, so lösten sich die gebildeten Eisfloken von dem Gesteine los und stiegen in die Höhe.

Klar ist es, daß das, was hier im kleinen Maaßstabe vor sich ging, wohl auch in der Natur im Großen vor sich gehen werde, und somit glaube ich nicht Unrecht zu haben, wenn ich den Beweis für die Bildung des Eises am Grunde des Wassers als hergestellt, und die bisher für problematisch angesehene Theorie der Grundeisbildung für erledigt und abgethan halte.

Hr. Dr. Gintl hat, durch Arago's Aufsaz im Annuaire pour l'an 1833 veranlaßt, zahlreiche Versuche über die Bildung des Grundeises am Murflusse angestellt und die Resultate seiner Beobachtungen in der steyermärkischen Zeitschrift, Jahrgang V. neue Folge 2tes Heft, veröffentlicht. Obiger alles Wesentliche enthaltende Auszug seiner Abhandlung, welchen er uns mitzutheilen die Gefälligkeit hatte, dient zur Berichtigung von Dr. Engelhardt's Bemerkungen S. 118 in diesem Bande (2tes Januarheft) des polytechnischen Journals. A. d. R.

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