Titel: Knorr, über Thermographie.
Autor: Knorr,
Fundstelle: 1843, Band 88, Nr. LIV. (S. 217–221)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj088/ar088054

LIV. Ueber Thermographie. Auszug eines Briefes des Hrn. Knorr in Kasan an Hrn. Arago.

Aus dem Echo du monde savant, 1843, No. 28.

Sobald ich von der Moser'schen Entdekung der Bildererzeugung auf polirten Flächen durch sehr nahe daran hin gebrachte Körper Kenntniß erhielt, dachte ich sogleich, daß die Temperatur bei der Bildung derselben von großem Einfluß seyn müsse.

Ein Temperaturunterschied von 50° R. reichte zur Erzeugung eines vollkommenen Bildes in 3 bis 5 Secunden hin; einigemal erhielt ich dasselbe schon nach 1/2 Secunde dauernder Berührung. Meine Voraussezung, daß sogleich sichtbare Bilder ohne alle Verdichtung |218| von Dämpfen darstellbar seyn müssen, bestätigte sich vollkommen. Ich benenne diese Kunst, welcher auch industrielle Anwendung bevorsteht, Thermographie.36)

Im Verlauf meiner vielfältigen Versuche ist es mir gelungen, für den größten Theil der bei diesem Proceß stattfindenden Erscheinungen folgendes Gesez aufzufinden.

Wenn ein Körper A die polirte Fläche eines anderen Körpers berührt oder ihr doch sehr genähert wird, so bewirkt der wechselseitige Austausch der Wärme zwischen diesen beiden Körpern eine Veränderung in dem Zustande der polirten Oberfläche bis zu einer sehr geringen Tiefe. Diese Veränderung kann eine vorübergehende oder bleibende seyn. Befinden sich auf der Oberfläche des Körpers A Stellen, an welchen der Wärme-Austausch verschieden ist, von demjenigen an anderen Stellen, so ist hier auch die Veränderung eine andere. Es findet aber auch eine verschiedene Veränderung an den entsprechenden Stellen von B statt und es entsteht so eine Art Abdruk des Körpers A auf der polirten Oberfläche B. Dieser Abdruk kann sogleich sichtbar seyn, oder muß erst sichtbar gemacht werden durch Verdichtung von Dämpfen, welche, so zu sagen, seine Entwikelung erst vollenden. Wenn man annimmt, daß der gänzliche Austausch der Wärme zwischen beiden Körpern in einem gewissen Zeitraume durch eine Zahl ausgedrükt werden könne, so besteht eine gewisse Gränze, über welche hinaus diese Zahl gehen muß, wenn die Abbildung ohne alle Verdichtung von Dämpfen sogleich sichtbar werden soll. Diese beiden Gränzen scheinen von den Eigenschaften der beiden Körper A und B und von dem Zustande der polirten Oberfläche abzuhängen. Nennt man die nur durch Dampfverdichtung sichtbar werdenden Abbildungen die der ersten Gattung, die sogleich sichtbar werdenden aber solche der zweiten Gattung, so sind für jede Gattung noch verschiedene Grade der Entwikelung des Bildes zu unterscheiden. Bei den Bildern der ersten Gattung, von Hrn. Moser entdekt, übt der Grad der Entwikelung einen Einfluß auf die Verdichtung der Dämpfe, so wie auch auf die Dauerhaftigkeit des Bildes selbst aus. Bei den Bildern der zweiten Gattung, meinen Thermographien, hängen die Dauerhaftigkeit und Haltbarkeit des Bildes, so wie auch der Einfluß, welchen ein Temperaturwechsel darauf ausübt, von dem Grade der Entwikelung ab. Weder das Tageslicht, noch der gewöhnliche Temperaturwechsel, nicht einmal eine bedeutende |219| Erhizung vermögen ein Bild der zweiten Gattung zu zerstören, wenn seine Entwikelung gehörig vorgeschritten ist; es gibt aber einen Grad der Entwikelung, wo eine Erhizung das Bild zerstören kann; einen anderen wieder, wo die Erhizung die Entwikelung befördert und vollendet.

Die Körper, welche ich hier unter der Bezeichnung A begreife, waren bei meinen Versuchen geprägte Platin-, Gold-, Silber-, Kupfer- und gravirte Messingstüke; gravirter Stahl, Jaspis und Glas; Glimmerblätter, auf welchen mit Tusche Buchstaben gezogen waren, Kupferstiche mit etwas starken Conturen auf weißem oder gefärbtem Papier abgedrukt. Die mit B bezeichneten polirten Flächen waren bei meinen Versuchen ebenfalls Silber-, Kupfer-, Messing- und Stahlflächen; nur mit diesen erhielt ich gute Resultate. Mit Glimmer schien mir der Versuch zweimal gelungen zu seyn; doch möchte ich es nicht gewiß behaupten. Die meisten Versuche wurden mit Silber- und Kupferflächen angestellt. Daguerreotypplatten eignen sich sehr zu solchen Versuchen; wenn die versilberte Fläche schon zu sehr abgenüzt ist, kann man sich der anderen kupfernen Fläche bedienen, welche man vorher noch einmal mit Kohle puzt. Mit Säuren braucht die Fläche nicht gepuzt zu werden, das Poliren mit Oehl ist hinreichend; doch muß sie nachher von Oehl sorgfältig befreit werden. Vor jedem Versuche ist es gut, die Fläche noch einmal abzuwischen.

Ueber 500 Thermographien habe ich schon, von einem Gehülfen unterstüzt, erhalten; doch mußte ich alle Versuche ziemlich roh anstellen, indem ich mir keine besonderen Apparate dazu anschaffen konnte. Um die Wärmegrade der die Bilder aufnehmenden Platten zu messen, hätte ich Gefäße von sehr dünnen Metallblechen gebraucht, die ich aber nicht sogleich haben konnte.

Um jedoch die zur Erzeugung einer Thermographie nöthige Erwärmung annähernd kennen zu lernen, verfuhr ich wie folgt. Ich nahm zwei kleine Glasflaschen, auf deren Boden die Worte: Tara 1378 3/4 Gran gravirt waren; ihr Durchmesser war 19 franz. Linien und die Dike des Bodens 1 1/4 Linie, ihre Capacität entsprach 609 Grammen destillirten Wassers; ich brachte 180 Gramme Wasser von 14° R. hinein und stellte sie auf die versilberte Fläche einer Daguerreotypplatte, welche ich auf einer anderen Metallplatte mittelst einer Lampe mit doppeltem Luftzug erwärmte. Nachdem das Wasser eine Minute lang kochend erhalten worden war, hatten sich die auf dem Boden des Glases eingravirten Worte vollkommen abgebildet. Dieser Versuch wurde zwölfmal immer mit demselben Erfolg wiederholt; für gut leitende Körper aber war diese Erhizung nicht ausreichend.

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Auf Kupferflächen aber erhielt ich auf diese Weise nur schlechte Abbildungen.

Dieß ist ein thermographisches Verfahren, welches mit etwas Uebung jederzeit gelingt. Es gibt aber noch vier andere Verfahrungsweisen, welche weniger sicher sind und bei denen ich die zum Gelingen nöthigen Umstände noch nicht alle kenne.

Im Allgemeinen muß die Temperatur t der beiden sich berührenden Körper A und B in einer gewissen Zeit ϑ auf die Temperatur t' erhöht werden, damit der Austausch der Temperaturen ein Bild erzeuge; jedoch darf ϑ nicht zu lang oder zu kurz seyn; jedes Verfahren aber scheint brauchbar zu seyn, wenn es ungefähr denselben Gesammtaustausch von Wärme hervorbringt; ϑ und t' sind nicht völlig unabhängig von einander. Daraus ergeben sich folgende Verfahrungsweisen.

1) Das schon erwähnte Verfahren der Erhizung, ϑ = 10 bis 15 Minuten, wenn B Kupfer oder Silber war. Wenn die Flamme der Lampe stark war, so war ϑ = 4 Minuten schon hinlänglich; doch ist es gut, nicht zu sehr zu eilen.

2) Verfahren des Erkaltens; es ist das umgekehrte des vorigen und etwas schwierig, doch gelang es.

3) Das Verfahren des Erhizens und Erkaltens vereinigt; sie erfordern etwas mehr Uebung als Nr. 1. Ich erhielt ein Duzend guter Bilder von Glas und Jaspis auf Kupferplatten, indem ich die Temperatur nur auf 60° R. steigerte. Dieses Verfahren verdient vervollkommnet zu werden, scheint sich aber nur für schlechte Wärmeleiter zu eignen.

4) Verfahren der fortgesezten Erwärmung, wobei man den Körper auf die schon warme Platte legt und die Erhizung fortsezt. Ich erhielt 20 gute Abbildungen von Stahl auf Silberflächen; auf Kupfer gelingt dieses Verfahren nicht wohl, da sich dieses Metall zu schnell oxydirt. Dauer der vorgängigen Erhizung auf der Platte der Lampe 3 bis 4 Minuten; Dauer der Berührung 90 bis 120 Secunden. Dieses Verfahren gelang mir nicht immer.

5) Verfahren mit großer Temperaturverschiedenheit oder sehr kurzer Berührung der sehr kalten Platte mit dem sehr warmen Körper. Die Berührung dauert 8 bis 15 Secunden; die Temperatur des Körpers ist zwischen der des siedenden Wassers und derjenigen, wobei polirter Stahl die Farbe zu verändern beginnt. Ich erhielt mittelst dieses Verfahrens mehr als 60 Bilder, weiß aber noch nicht, warum es bisweilen mißlingt. Es ist das erste, welches ich entdekte.

Ich mache noch darauf aufmerksam, daß die Bedingung der Ungleichheit beim Wärmeaustausch nicht aus dem Auge gelassen werden |221| darf; wo sich eine solche nicht hinlänglich zeigt, kann man sie mittelst Tusche, Firniß oder auch Tripel hervorbringen. Gravirte Kupferplatten müssen deßhalb fleißig von dem auf ihnen sich erzeugenden Oxyd gereinigt werden, so wie auch der gravirte Stahl, wenn seine Oberfläche schon gelblich zu werden anfängt. Bei den Methoden 1, 3, 4 schien es mir gleichgültig zu seyn, ob die Erwärmung durch den Körper A oder durch B ging; nur mußte ein gewisser Grad in nicht zu langer Zeit erreicht werden. Meine Platten waren nie über 5 Zoll im Quadrat groß.

Ich erhielt viele Bilder, welche an Genauigkeit und Reinheit nichts zu wünschen übrig ließen; gravirtes Kupfer aber, so wie gravirter Stahl und Jaspis schienen mir zur Thermographie am geeignetsten zu seyn; doch ist zu bemerken, daß die inneren Details der Zeichnung nicht sichtbar werden, wenn sie etwas tief gravirt ist.

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Auch Hr. Hunt benannte diese von ihm ebenfalls anders als von Moser erklärter Art der Bildererzeugung: Thermographie, man vergl. seine Abhandlung im polyt. Journal Bd. LXXXVII. S. 200.

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