Titel: Winnerl's Ankerhemmung für Pendeluhren.
Autor: Seguier,
Fundstelle: 1843, Band 88, Nr. LXVIII. (S. 254–258)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj088/ar088068

LXVIII. Ueber eine Veränderung der Ankerhemmung für Pendeluhren, welche von Hrn. Winnerl, Uhrmacher in Paris, angewandt wird. Ein der Société d'Encouragement von Baron Seguier erstatteter Bericht.

Aus dem Bulletin de la Société d'Encouragement. Febr. 1843, S. 41.

Mit Abbildungen auf Tab. IV.

Hr. Winnerl (rue de Lorette No. 7) ist schon seit längerer Zeit unverdrossen bemüht, die gewöhnlichen, im Handel vorkommenden Pendeluhren jener großen Genauigkeit zu nähern, welche nur den |255| mit der größten Sorgfalt in allen ihren Theilen ausgearbeiteten Uhren vorbehalten zu seyn scheint. Die Hemmung schien ihm bei der gewöhnlichen Pendeluhr dasjenige Stük zu seyn, worauf er seine volle Aufmerksamkeit zu richten hätte, um das Resultat zu erreichen, welches er sich vorgesezt hatte. Der Zwek seiner Bemühungen war, dieses Hauptstük der Pendeluhr vollkommener zu machen, und seine Verrichtung zu sichern ohne seinen Preis zu erhöhen.

Eine sorgfältig ausgeführte Pendeluhr behält die Regelmäßigkeit ihres Ganges so lange, als keine Störung in die Verrichtungen ihrer einzelnen Theile kommt. Von der Sorgfalt, welche auf ihre Ausführung verwendet wurde, der Regelmäßigkeit des Räderwerkes, der Vollkommenheit der Zapfen und der gewissenhaften Wahl der Oehle zum Schmieren, hängt hauptsächlich ihr gleichförmiger Gang ab. Die im Handel vorkommenden Pendeluhren, welche mit Eilfertigkeit verfertigt wurden, und mittelst Werkzeugen, welche oft dem zu bearbeitenden Stüke nicht jene lezte Vollendung geben, die so nothwendig zur Erhaltung der einzelnen Theile ist, werden zu wohlfeil verkauft, als daß eine Handarbeit auf sie verwendet werden könnte, welche um so theurer ist, da sie von einem geschikten und gewissenhaften Künstler ausgeführt werden muß, der sicherlich nur mit einer gewissen Langsamkeit arbeiten kann.

Um diesen bei den gewöhnlichen Pendeluhren nur zu fühlbaren Uebelständen vorzubeugen, kam Hr. Winnerl auf den Gedanken, die Zapfen an der Hemmung abzuschaffen. Durch die Beseitigung derselben ist man nicht nur der Sorgfalt enthoben, welche die Ausführung dieser Zapfen erfordert, sondern es fallen auch die Störungen weg, welche durch deren Abnuzung entstanden, nebst allen denen, welche aus der Veränderung des Oehles zum Schmieren derselben hervorgingen. Hr. Winnerl hat dadurch, daß er die Arme des Ankers an das Pendel selbst befestigte, noch andere Vortheile erreicht. Er hat die Unregelmäßigkeiten vermieden, welche, je nach der Schlüpfrigkeit der Oehle, aus dem größeren oder kleineren Spiele der Hemmungszapfen in ihren Löchern während einer Oscillation entspringen, je nachdem das Steigrad auf den eingehenden oder ausgehenden Ankerarm fällt. Er hat eben so den Einfluß der Oehle auf den Gang siegreich beseitigt; gerade bei dem leztern beweglichen Theile üben aber die Veränderungen in der Zähigkeit des Oehls einen großen Einfluß aus.

Die von Hrn. Winnerl angenommene Construction beseitigt jede Art von Reibung der Pendelstange in der Gabel; die Nothwendigkeit einer strengen Genauigkeit bei der Punktur der Hemmungszapfen in der Linie des Schwingungs-Mittelpunkts des Pendels fällt |256| weg, auch ist die unvermeidliche Reibung der Stange eines Pendels, welches an einer Feder aufgehängt ist (und in Folge der Biegung der Aufhängung eine Art Cycloïde beschreibt, während die Gabel, welche sich um Zapfen dreht, sich in einem vollkommenen Kreisbogen bewegt) beseitigt.

Der Fehler, welcher dadurch entsteht, daß die Hemmungsachse, woran die Gabel befestigt ist und der Befestigungspunkt der Aufhängungsfeder nicht parallel liegen, ist nicht mehr zu befürchten, einer Anordnung zufolge, welche den Anker mit dem Pendel vereinigt und die Gabel und die Zapfen entbehrlich macht.40)

Ein Einwurf könnte indessen gemacht werden: wie kann man gewiß seyn, die Ankerarme in die gehörige Lage zum Steigrade zu bringen, da das Pendel, welches die Ankerarme trägt, selbst an eine Feder aufgehängt ist, deren Krümmungspunkt unbestimmt ist? Es reicht hin, die Uhr, welche von Hrn. Winnerl vorgelegt wurde, aufmerksam zu betrachten, um zu erkennen, daß selbst ein beträchtlicher Fehler in dieser Stellung nur einen kleinen Rükstoß auf das Steigrad hervorbringen könnte, welcher ohne Einfluß auf den Gang der Uhr ist. Der beste Beweis, daß die Ansichten des Hrn. Winnerl richtig waren und daß jener Einwurf nicht gegründet ist, ist durch die praktische Erfahrung geliefert. Gewöhnliche Handelsuhren, welche so abgeändert waren, wurden im Secretariat unserer Gesellschaft deponirt. Sie haben durch die Regelmäßigkeit ihres Ganges alle Zweifel gehoben. Eine davon mit einer Pendelstange von Fichtenholz war die ganze Zeit über bei Hrn. Nanteuil, und Hr. Winnerl hatte nach Verfluß von 3 Monaten das Vergnügen zu erkennen, daß ihre Genauigkeit während dieser Zeit so groß war, daß ihre ganze Abweichung noch nicht einmal eine Minute betrug.

Mittelst der Chronometer von Winnerl kann man die Dauer von Beobachtungen in Secunden, Minuten und selbst Stunden auf drei verschiedenen Zifferblättern mit Hülfe von doppelten Zeigern bestimmen, wovon der eine, welcher beim Anfange einer Beobachtung stillegestellt |257| und bei der Beendigung derselben in Gang gesezt wird, mit dem andern, welcher ununterbrochen fortging, nicht mehr zusammentrifft, bis die Zeitdauer der Beobachtung bemerkt worden ist und der Beobachter dann wünscht, sie wieder zu vereinigen, um sich zu einer neuen Beobachtung vorzubereiten.

Beschreibung der neuen Ankerhemmung für Pendeluhren.

Die Pendeluhr, welche Fig. 47 im Aufriß und Fig. 48 in der Seitenansicht und zwar in der Hälfte der natürlichen Größe darstellen, ist, eben so wie das Aufhängestük des halben Secundenpendels dauerhaft auf dem Marmorbloke A befestigt. Der Anker a ist auf das Aufhängestük b, welches das Pendel B trägt, aufgeschraubt und der Schwingungspunkt des Ankers in der Mitte der Aufhängefeder c angenommen. Die Entfernung des Steigrades d ist so, daß die Ruhestellen sich im rechten Winkel mit dem Mittel des Rades und dem Schwingungspunkte befinden. Diese Anordnung wird mit Vortheil bei astronomischen Pendeluhren angewandt werden können, indem sie den Einfluß der Zähigkeit des Oehls auf die Ankerzapfen und die Reibung, welche durch Anwendung der Gabel entsteht, beseitigt.

Hr. Winnerl hat dieselbe mit Erfolg bei gewöhnlichen Handelspendeluhren angewandt, ohne sonst eine bedeutende Veränderung anzubringen.

Fig. 49 ist ein Aufriß und Fig. 50 eine Seitenansicht einer halben Secundenuhr.

Fig. 51 und 52 stellen eine einfache Pendeluhr vor.

Die eine wie die andere hat eine Pendelstange von Fichtenholz C. Da das Mittel des Steigrades durch die Anordnung des Räderwerks gegeben war, so hat der Erfinder das Stük, welches die Aufhängung trägt, an den gehörigen Plaz befestigt, nach den früher angegebenen Grundsäzen, indem er die Mitte der Aufhängefeder c als Schwingungs-Mittelpunkt des Ankers annahm. Er schraubte den Anker hinter das Stük, woran das Pendel angehängt ist und indem er die Mitte der Aufhängefeder sich bemerkte, bohrte er an diesem Punkte ein Loch durch den Anker. Er brachte ihn hierauf mit dem Steigrade auf eine Platte, in einer Entfernung gleich der Entfernung des Steigradmittels von der Schwingungsmitte der Aufhängefeder, und ließ ihn so um einen Grad sich bewegen. Das Schwingungsmittel der Aufhängefedern verändert sich unbedeutend nach dem Gewichte des Pendels, fällt aber nie unter die Mitte, welche man als mittlere Stelle annimmt, und obgleich die Härtung der Federn oft eine Veränderung in den Ruhekreisen hervorbringt, so wird doch |258| daraus keine merkliche Reibung erfolgen, welche den Gang der Uhr stören könnte. Da der Erfinder diese Uhren senkrecht in ihre Gehäuse stellte, so brauchte er das gewöhnliche Mittel, sie nach der Hemmung zu richten, nicht anzuwenden. Man könnte aber auch, wenn es nöthig wäre, an dem Pendel die in Fig. 53 und 54 gezeichnete Vorrichtung, von der man gewöhnlich für die Gabel Gebrauch macht, anwenden. Auf das Hängestük e des Hakens befestigt man mittelst einer Schraube das Stük f des Pendels, welches mit zwei Ansäzen versehen ist, durch die eine Schraube g sezt, welche in dem Stüke e mit einem Gewinde versehen ist und es nach Bedürfniß entweder nach Rechts oder nach Links bewegt.

|256|

Die in Deutschland längst gebräuchlichen Uhren mit dem sogenannten Stiftengang bieten dieselben Vortheile wie die Erfindung des Hrn. Winnerl dar. Auch bei ihnen fällt die eigene Achse des Ankers, also auch deren Reibung und eben so die Gabel weg. Die Hemmung ist ebenfalls auf der Pendelstange festgeschraubt und folglich sind alle die Uebelstände schon längst beseitigt, welche Hr. Winnerl so siegreich bekämpft hat.

Daß beim Stiftengang in Folge der ganz andern Construction des Steigrades die Form des Ankers auch eine andere seyn muß, versteht sich von selbst. Auch der Uebelstand, daß bei der Aufhängung des Pendels an eine Feder der Schwingungs-Mittelpunkt des Pendels nicht immer mit der Mitte der Feder zusammenfällt, ist beseitigt, sobald man das Pendel an eine Messerschneide statt an eine Feder hängt. Hiedurch wäre der Drehungspunkt des Ankers fest und unveränderlich gegeben. A. d. Ueb.

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