Titel: Ueber die neueste Construction der Tender, Personen-, Fracht- und sonstiger Transportwagen für Eisenbahnen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1843, Band 88, Nr. XIX./Miszelle 1 (S. 74–75)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj088/mi088019_1

Ueber die neueste Construction der Tender, Personen-, Fracht- und sonstiger Transportwagen für Eisenbahnen.

Die Tender sind in der Regel bis jezt mit vier Rädern versehen. Tender auf sechs Rädern mit achtfacher Bremse zu 120 Kubikfuß Wasser und 50 bis 80 Scheffel Kohks wurden zuerst für die Leipzig-Dresdner-Bahn construirt und daselbst benuzt. Der vorzüglichste der mancherlei Vorzüge, welche diese Tender gegen die allgemein gebräuchlichen haben (heißt es in einem Bericht der Leipziger-Eisenbahncompagnie über ihre Wagenbau-Anstalt vom 18. Jan. d. J.), ist die weit größere Sicherheit der Fahrten. Es ist seit den drei Jahren, wo dergleichen in Gebrauch genommen wurden, kein Achsenbruch vorgekommen, wie es bei den vierräderigen mehrmals der Fall war. Nächst dem wurde während der großen Schneefälle im Winter 1840–41 die wichtige Bemerkung gemacht, daß diejenigen Maschinen, welche diese Tender führten, alle mit ihren Zügen die Stationen erreichten, während die anderen auf der Bahn stehen blieben und einfroren, weil der darin enthaltene Vorrath von Wasser und Brennmaterial zu gering war, um während der durch Schnee und Glatteis oft verzögerten Fahrten die Maschinen hinlänglich speisen zu können. Außerdem aber gewähren diese Tender noch bedeutenden pecuniären Nuzen. Da der Raum groß genug ist, um Kohks für eine Reihe von 15–20 Meilen einzunehmen, so wird die Zerbröklung vermieden, welche vorher durch den nebenbei kostspieligen Transport der Kohks auf die Stationen so großen Verlust verursachte.

Bezüglich der Größe und Construction der Personenwagen haben die in lezterer Zeit bei mehreren Bahnen in Gebrauch gekommenen Wagen für 40 Personen mit drei und vier Abtheilungen und Thüren an jeder Seite viel Empfehlendes, indem sie das Ein- und Aussteigen erleichtern und überhaupt auch durch die verschiedenen Abtheilungen den Reisenden mehr Annehmlichkeiten gewähren. In der neuesten Zeit hat man noch mehr Abtheilungen in die vergrößerten Wagen gebracht und solche für 60 Personen mit einem weiteren Paar Räder versehen. Da |75| wir Gelegenheit hatten, diese Personenwagen auf sechs Rädern mit Bogenfedern zu sehen und einer genauen Untersuchung zu unterwerfen, so können wir nur bestätigen, was die Wagenbau-Anstalt der Leipziger Eisenbahn-Compagnie, worin für die Magdeburg-Braunschweiger-Eisenbahn diese Wagen gebaut werden, darüber ausgesprochen hat. Diese Personenwagen sind nach einem neuen, von dem bisherigen abweichenden System construirt. Die Räder sind paarweise unabhängig und die Achsenarme haben in den Büchsen so viel Spielraum, um sich so weit von einer Seite zur andern schieben zu können, als die Curven der Bahn es erfordern. Die Räder erleiden dabei eine geringere Abnuzung, als es bei dem bisherigen System der fest verbundenen vier Räder der Fall ist. Die Bewegung in diesen Wagen ist äußerst sanft und mit derjenigen in den bisher gebräuchlichen gar nicht zu vergleichen, weßhalb das System auch für Frachtwagen mit großem Vortheil anzuwenden seyn dürfte.

Auch in Betreff des Kostenpunkts stellen sich diese Wagen bei Berüksichtigung der Pläzezahl sehr günstig, indem ein solcher Wagen dritter Classe mit sechs Abtheilungen für 60 Personen, mit Bogenfedern und Buffersystem nach Lindley ohne Räder und Achsen 1500 Thlr. und dieselben mit zwei Batard-Coupés für die erste Classe und vier Mittel-Coupés für die zweite Classe mit der elegantesten Ausstattung 2600 Thlr., exclusive Räder und Achsen, kosten.

Hinsichtlich der Ausführung von großen Wagen mit acht Rädern, behufs des Transports der Güterwagen mit den Pferden, besagt der angezogene Bericht nachstehendes: „Bei dem Betriebe der Eisenbahnen erscheint es dem unbefangenen Beobachter so wie vielen Betriebsbeamten vielleicht unerklärlich, daß auf den mit Eisenbahnen parallel laufenden Chausseen nach wie vor der bei weitem größere Theil der Frachtgüter gefahren und nicht auf der Bahn transportirt wird, ungeachtet der schnellen Beförderung und der geringen Frachttaxen. So hat z.B. die Magdeburg-Leipziger-Bahn nur den bei weitem kleineren Theil der von Magdeburg nach Leipzig gehenden Frachtgüter, weil die große Masse derselben weiter als Leipzig geht, oder weiterher über Leipzig kommt. Ein Mittel, unter solchen Umständen nicht nur diese Frachten auf die Eisenbahnen zu bringen, sondern auch den Fuhrleuten große Erleichterung und Beschleunigung ihrer Reise und überdieß pecuniäre Vortheile zu gewähren, besteht darin: die Fuhrleute mit ihren beladenen Frachtwagen und Pferden auf geeigneten Wagen bis an den Punkt der Bahn zu transportiren, von welchem ab sie ihre Straße weiter fahren müssen.“

Die zu diesem Verfahren erforderlichen Wagen können übrigens zugleich für jede andere Art von Transporten ursprünglich eingerichtet werden, namentlich für rohe Producte, Holz, Kohlen, Getreide u.s.w., vornehmlich aber zu wohlfeilen Viehtransporten. Ein solcher Wagen ist geräumig genug, um 15 bis 20 Stük Rindvieh oder 100 Schweine zu transportiren. Auch zum Transport von Equipagen, deren drei bis vier auf einem solchen Wagen Plaz finden, sind sie mit Vortheil gegen die gebräuchlichen Kutschenwagen (Lowry) zu verwenden. Wird bei Glatteis ein solcher Wagen vor die Locomotive gesezt, so erreicht man es besser als auf irgend eine Art, das Eis zu brechen und die Schienen für die Locomotive fahrbar zu machen. Der Preis eines solchen Wagens vom besten Material ist 1150 Thlr. ohne Räder und Achsen. (Aus einer Abhandlung des Hrn. Rath Beil im Archiv für Eisenbahnen, 1843, Nr. 1.)

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