Titel: Dr. Winterfeld, über Schlemmkreide und deren künstliche Bereitung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1843, Band 88, Nr. XIX./Miszelle 8 (S. 78–79)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj088/mi088019_8

Dr. Winterfeld, über Schlemmkreide und deren künstliche Bereitung.

Wie der Verbrauch so vieler Erzeugnisse, so hat auch die Consumtion von Schlemmkreide, die zu mannichfaltigen Zweken verwendet wird, ungemein zugenommen; sie wird größtentheils zur Decorationsmalerei, dann zur Sättigung von Säuren in chemischen Fabriken, in Färbereien, Drukereien u.s.w. verwendet.

Im vorigen Jahre versuchte man in Berlin eine neue Gattung Schlemmkreide in den Handel zu bringen, die, wie vorgegeben wurde, aus einem Lager herrühren sollte, welches in der Nähe von Berlin aufgefunden worden. Ein mir zur Beurtheilung übergebenes Muster zeigte eine Schlemmkreide von schöner, weißer Farbe, von, wenn ich mich so ausdrüken darf, etwas scheinbar elastischem Zusammenhange der inneren Theile, etwa dem Bremerblau ähnlich und anscheinend leichterem specifischem Gewicht. Auf der Zunge machte sich ein Geschmak bemerkbar, annähernd dem Kalkhydrat, dessen Vorhandenseyn auch in der That dadurch erkannt wurde, daß, wenn man etwas von der Schlemmkreide mit destillirtem Wasser anrührte, geröthetes Lakmuspapier von der Flüssigkeit gebläut wurde.

Die mit dieser Kreide angestellten praktischen Versuche ergaben, daß die rothen Pflanzenfarben, wie Fernambukholz, Karminlak und auch Krapplak in der Mischung mit derselben sich stärker gebläut zeigten, als wenn sie mit der gewöhnlichen käuflichen Schlemmkreide versezt waren. Eine chemische Untersuchung wies, neben einem größeren Gehalt an Eisenoxyd, in dieser Kreide eine geringere Menge Kohlensäure nach, als bei den anderen. Muster, welche ich später empfing, zeigten unter sich ebenfalls einen verschiedenen Kohlensäuregehalt, wodurch meine Vermuthung bestärkt wurde, daß diese Kreide ein künstliches Präparat sey, was sich dann auch später erwies.

Auf folgende Weise habe ich eine ähnliche Kreide hegestellt:

Von frisch gebranntem Kalk, wie er in der Gegend von Rüdersdorf gebrochen |79| und dort, wie auch zu Berlin in mehreren Brennereien gebrannt wird, suchte ich die besten und reinsten Stüke aus und löschte dieselben in einer sogenannten Kalkbank mit der nöthigen Menge Wasser, um eine dike Milch davon zu erhalten, die nach weniger Ruhe, um die gröbsten Theile absezen zu lassen, in eine Grube abgelassen wurde, deren Boden und Wände mit Steinen ausgelegt war, worin sie so lange verblieb, bis der Kalkbrei stark teigige Consistenz angenommen hatte.

Den ziemlich festen Brei strich ich auf Trokenbretter, welche zu beiden Seiten mit 3/4 Zoll hohen Leisten versehen waren, so auf, daß diese die Höhe des Aufstrichs leiteten.

Auf einer gewöhnlichen Trokenvorrichtung des Bodenraumes blieb der Kalk nun 4 Wochen hindurch liegen und hatte in dieser Zeit eine Quantität Kohlensäure aufgenommen, welche der des mir eingehändigten Musters fast ganz gleich war.

Der Theorie nach sollen 126,272 kohlensaurer Kalk (Kreide) aus 71,206 Kalk (gebranntem Kalk, Calciumoxyd) zu gewinnen seyn. Das Ergebniß stellt sich in der Arbeit beinahe ähnlich, vorausgesezt, man bedient sich des frischgebrannten und möglichst besten Kalks. Indessen finden sich bei der Analyse in 100 Theilen des erzeugten kohlensauren Kalks nicht, wie es seyn müßte, 43,61 Kohlensäure, sondern nur 30 bis etwa 36 Theile. Am schnellsten und vollständigsten gelingt die Sättigung des Kalkhydrats mit der Kohlensäure in unterirdischen Räumen, wo überhaupt die Kohlensäure sich stärker vorfindet.

Zu mancher Verwendung dürfte wegen des angedeuteten Mangels an Kohlensäure diese künstliche Kreide also nicht dienen, z.B. in der Malerei als Zusaz der zarten Holzfarben, und bei chemischen Operationen. (Auszug aus dem Berliner Gewerbe-, Industrie- und Handelsblatt, 1843, S. 8.)

[Oberbergrath Fuchs in München hat in seiner Abhandlung „über Kalk und Mörtel“ (in Erdmann's Journal für techn. und ökonom. Chemie Bd. VI S. 1) zuerst nachgewiesen, daß die Annahme, der gebrannte Kalk könne aus der Luft nach und nach seine Kohlensäure wieder vollständig anziehen, unbegründet ist. 170 Gran isländischer Kalkspath wurden gar gebrannt und verloren dadurch 74,7 Gran an Gewicht. Er wurde nun der Luft ausgesezt und vermehrte nach und nach sein Gewicht wieder, bis er endlich nach 14 Monaten, wo keine Gewichtszunahme mehr stattfand, 157,4 Gran wog. Es hatte sich derselbe in eine Verbindung verwandelt, welche in 100 Theilen enthielt: 60,70 Kalk, 24,76 Kohlensäure und 14,54 Wasser.

Sezt man gebrannten und gelöschten Kalk der Einwirkung der Luft aus, so muß sich derselbe ebenfalls größtentheils in eine solche Verbindung von kohlensaurem Kalk mit Kalkhydrat umändern, welche durch die Kohlensäure der Luft nur sehr langsam weiter zersezt werden kann, was auch aus Dr. Winterfeld's Versuchen hervorgeht. E. D.]

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