Titel: Dumas, über Gährung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1843, Band 89, Nr. XX./Miszelle 9 (S. 79–80)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj089/mi089020_9

Dumas, über Gährung.

Man unterschied früher zwischen geistiger, Brod-, saurer und fauliger Gährung. Gegenwärtig werden folgende zwölf Gährungen angenommen: die geistige, |80| die Traubenzukergährung, die schleimige, die milchsaure, essigsaure, gallussaure, gallertsaure, benzoësaure, senfsaure, ammoniakalische, faule und endlich die Fettgährung.

Unter Gährung versteht man eine chemische Veränderung, die in einer Masse organischer Materie durch die bloße Gegenwart einer anderen Substanz vorgeht, ohne daß leztere etwas von dem Körper, welchen sie zersezt, an sich reißt, oder an denselben abgibt. Diese thätige Substanz, das Ferment, verhält sich demnach einigermaßen ähnlich der galvanischen Säule. Sie trennt zusammengeseztere Materien in einfachere, und verwandelt sie dadurch in Verbindungen, welche ihrer Constitution nach den mineralischen ähnlicher sind.

Betrachtet man die Gesammtheit der organischen Natur von einem gewissen Gesichtspunkte aus, so findet man, daß die grünen Pflanzen unter dem Einfluß des Lichts aus den Elementen der mineralischen Natur unaufhörlich immer vielfacher zusammengesezte organische Materien zu bilden streben; die Thiere hingegen zerstören diese organischen Materien und führen sie unaufhörlich auf Gebilde zurük, welche mehr dem Gebiete der mineralischen Natur angehören, während sie zugleich die Kräfte, welche den Zustand der Verbindung dieser Stoffe erhielten, für die Bedürfnisse der thierischen Oekonomie zunuze machen. Die Gährungen nun sind immer Erscheinungen derselben Art, wie sie das regelmäßige Vorsichgehen der thierischen Lebensacte charakterisiren.

Das Ferment erscheint uns folglich als ein organisches Wesen, welches die Kraft in sich aufnimmt, mittelst deren die kleinen Theilchen des die Gährung erleidenden Körpers zusammengehalten wurden; es consumirt diese Kraft und eignet sie sich zu.

Die Rolle, welche das Ferment spielt, spielen alle Thiere; man findet sie sogar in allen nicht grünen Pflanzentheilen wieder. Alle diese Wesen, oder alle diese Organe consumiren die organischen Materien, entmischen sie und führen sie auf die einfachsten Formen der mineralischen Chemie zurük. Bei jeder Gährung erscheint als Hauptagens eine stikstoffhaltige organische Materie, welche zu leben und sich zu entwikeln scheint; als Material aber eine oder mehrere vielfach zusammengesezte (complicirte) organische Substanzen, welche sich entmischen und in einfachere Gebilde umwandeln.

Sobald ein Ferment die Bedingungen seiner Existenz, nämlich eine zu zersezende organische Materie, und seiner Entwikelung also eine organische oder organisch zu werden fähige Materie zum Assimiliren, vereinigt vorfindet, scheint dieses Ferment sich zu entwikeln, wie eine Reihe Generationen organischer Wesen.

Da alle Flüssigkeiten der thierischen und pflanzlichen Oekonomie die so eben bezeichneten Bedingungen vereinigen, so müssen die aus der Action der Fermente während des Lebens und nach dem Tode der organischen Wesen hervorgehenden Wirkungen unzählige seyn, und das sind sie auch.

Wie viele Krankheiten entspringen aus der zufälligen Einführung eines Ferments in das Blut. So wirken Eiter-Resorptionen, Stiche bei anatomischen Sectionen und sehr viele andere Einimpfungen in Gährung begriffener animalischer Substanzen, welche dieselbe weiter entwikeln und auf andere gesunde Materien fortpflanzen. (Traité de Chimie appliqué aux arts, par M. Dumas. Tome VI.)

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