Titel: Teisserenc über Eisenbahnenbau, vorzüglich über Rampen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1843, Band 89, Nr. XCIX./Miszelle 1 (S. 395–336)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj089/mi089099_1

Teisserenc über Eisenbahnenbau, vorzüglich über Rampen.

Die London-Birminghamer Bahn kostete 820,000 Fr. per Kilometer, während die mit ihr parallel laufende Birmingham-Gloucester Bahn nur 414, 700 Fr. kostete und so verursachen oft parallele oder gleiche Umstände zur Ausführung darbietende Eisenbahnen um das Doppelte variirende Kosten. Was ist daran Schuld? Nichts anders, als daß bei den kostspieligern alles darauf gewendet wurde, nur kleine Rampen (Steigungen) zu erhalten, während bei den andern der Bau nach den natürlichen Bewegungen des Bodens geführt wurde und aus Sparsamkeit Krümmungen mit kurzem Radius und mehr oder weniger große Rampen für zulässig erachtet wurden. Nun kostet aber der Unterbau einer Eisenbahn mit Rampen von nur 4 Millimeter und Krümmungen von großem Radius achtmal so viel als eine nach dem gegenwärtig in Kraft bestehenden Reglement erbaute Bahn, d. h. mit 4 Millimeter im Maximum achtmal übersteigender Neigung.

Sollten aber kleine Rampen wegen verhältnißmaßig wohlfeilern Betriebs und von ihnen gewährter größerer Sicherheit nöthig seyn? Diese Frage wird durch folgende unbestreitbare Thatsachen beantwortet. Die ersten englischen Eisenbahnen wurden mit 2–3 Millimeter großen Rampen erbaut. Man glaubte nichts sparen zu dürfen, um so kleine Rampen als möglich zu erhalten. Später aber ging man allmählich über auf Rampen von 6,8,10 und selbst 12 Millimeter. Sicherlich aber hält man sich besser an das, was die Erfahrung lehrte, als an die ersten Versuche. Von welchem Gesichtspunkt aus aber man die Resultate des Betriebs der englischen Eisenbahnen betrachten mag, sey es der Verbrauch an Brennmaterial, seyen es die Reparaturen, oder halte man sich an die zurükgelegten Streken, so ist das Resultat immer: daß die Rampen, in gehörigem Maaße angewandt und innerhalb der für Eisenbahnen bestehenden Gränzen, bei welchen die größte, 6 Millimeter übersteigende Rampe 3 Centimeter erreicht, auf die Kosten der Locomotion von gar keinem merklichen Einfluß sind. Es ist dieß kein aus theoretischen Formeln abgeleiteter Schluß, sondern er ist das Ergebniß der englischen Eisenbahnbücher.

Die Sicherheit anbelangend ist unter 287 Unglüksfallen, die sich in 30 Monaten auf den englischen Eisenbahnen ereigneten, nicht ein einziger den Rampen zu zuschreiben, nach amtlicher Mittheilung des englischen Handelsbureau's.

Die tägliche Vervollkommnung der Locomotive trägt eher zur Bekräftigung als zur Verminderung der eben gegebenen Säze bei. Während die ersten nach Roket's Modell gebauten Locomotiven bei einer Geschwindigkeit von 25 Kilometern in der Stunde, auf dem nur wenig geneigten Theile der Liverpool-Manchester Eisenbahn, nur 10–12 Tonnen zogen, und hiezu 7 Kilogr. Kohks verzehrten, zogen die während der lezten Jahre allgemein benuzten Locomotiven bei einer Geschwindigkeit von 36 Kilometern ein achtmal größeres Gewicht bei nur wenig verschiedenem Verbrauch an Brennmaterial. Erst vor Kurzem gesellte sich zu allen diesen Fortschritten noch ein neuer. Die dampferzeugende Kraft der Kessel wurde durch eine Verlängerung derselben noch vermehrt; die bei vielen feststehenden Maschinen so glüklich benüzte Absperrung (expansionsweise Benuzung) des Dampfes wurde nun auch bei den Locomotiven angewandt. Mittelst einer sinnreichen Vorrichtung wurde nicht nur der Mechanismus zur Fortpflanzung der Bewegung vereinfacht, sondern auch der Nuzeffect einer gegebenen Menge Dampfs vermehrt; man richtet sich mit der Dampfconsumtion, folglich auch mit dem Verbrauch an Brennmaterial, nach der Kraft, deren man bedarf, nach der Ladung des fortzuschaffenden Trains und nach der Abhängigkeit der Rampen, auf welchen man sich bewegt. Die Consumtion einer Locomotive richtet sich nicht mehr nach dem Durchmesser ihrer Cylinder, sondern nach der von der Maschine zu verrichtenden Arbeit. Da der Durchmesser der Cylinder in keinem bestimmten Verhältniß mehr steht zum Dampfverbrauch, so kann er, und zwar ohne allen Nachtheil, vergrößert werden.

Hr. Tesseirenc beweist mit Ziffern und Thatsachen, daß, man mag rechnen |336| wie man will, durch die Rampen sich keine jährliche Ausgabenposition herausstellt, welche die Zinsen der Capitalien ausgliche, die man, um die Profile der Eisenbahnen einem ebenen Niveau möglichst zu nähern, in die Erde gläbt. (Moniteur industriel 1843. No. 740.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: