Titel: Die neue Mahlmühle in Schwerin mit Nagel'schen Kreiselrädern.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1844, Band 91, Nr. CVII./Miszelle 1 (S. 402–404)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj091/mi091107_1

Die neue Mahlmühle in Schwerin mit Nagel'schen Kreiselrädern.

Vor fünfundzwanzig Jahren zählte Schwerin etwa 12000 Einwohner. Die derzeit vorhandenen Mühlen waren nicht im Stande, den Mahlbedarf zu befriedigen, und alljährlich mußte zu auswärtigen, ziemlich entfernten Mühlen Zuflucht genommen werden. Damals bestanden:

a) die Binnenmühle, eine unterschlächtige Wassermühle mit drei Mahlgängen, welche ihr Wasser größtentheils aus dem Ostorfer See bezog, zum Theil aber auch aus dem Freiwasser und vom Graupengange der Bischofsmühle;

b) die Bischofsmühle, oberschlächtig, mit einem Waizen-, zwei Schrorgängen und einer abgesonderten Graupenmühle. Sie erhielt ihr spärliches Wasser aus der Au und den oberwärts liegenden Seen bei Gr. Medewege und Kirchstück;

c) eine Bokmühle mit einem Korngang.

In den zwanziger Jahren wurden noch erbaut:

d) eine holländische Windmühle mit einem Waizen-, einem Roggen- und einem Graupengang;

e) eine holländische Windmühle mit einem massiven Unterbau und einem Waizen-, einem Roggen-, einem Graupengang. Auch diese Vermehrung der Mühlen sicherte den Bedarf der Residenzstadt nicht zu allen Zeiten. — Im Jahre 1841 war die Bevölkerung auf 17000 Seelen gestiegen, wozu noch die Mahlgäste von acht großen Pachthöfen und Dörfern der Umgegend hinzukommen.

Besondere Verhältnisse ließen es um diese Zeit wünschenswerth werden, die Binnenmühle ganz eingehen zu lassen. Zu dem Ende wurde noch eine holländische Windmühle mit drei Gängen, wie die oben zulezt gedachte, erbaut und die verbesserte Einrichtung der Bischofsmühle beschlossen. In lezter Beziehung wurde das Augenmerk auf die verbesserten Kreiselräder des Hrn. Mechanikus Nagel in Hamburg gerichtet, die er für eine Walkwühle zu Wittorf bei Neumünster in Holstein und für eine Pulvermühle in Walsroda in Hannover geliefert hatte.

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Erstere ward durch den Hrn. Landbaumeister Hermes aus Schwerin besichtigt, und da sich ein ausgezeichneter Erfolg herausstellte, den auch der Besizer der Pulvermühle zu Walsroda brieflich bestätigte, so wurde mit Hrn. Nagel wegen Lieferung der Kreiselräder abgeschlossen und der Bau begonnen. Das alte Mühlenhaus war verfallen und es mußte ein neues auf tiefer liegenden Fundamenten erbaut, es mußte eine neue Spundwand geschlagen werden.

Drei Nagel'sche Kreiselräder, bestimmt vier Mahlgänge und einen Graupengang zu treiben, wurden durch den Erfinder und seine Leute selbst eingelegt, das Mahlsystem wurde nach dem amerikanischen und nach der Angabe des Hrn. Nagel so eingerichtet, daß das Korn in dem Graupengange gespizt, in einer vorgelegten Staubmühle gesiebt und abgestäubt, dann erst zwischen Steinen gemahlen und endlich in der ordentlichen Sichtkiste oder einer besondern Franzkiste so sein ausgesiebt werden kann, als es verlangt wird.

Der ganze Neubau kostet 16,059 Rthlr. 24 Gr. oder 32,119 Gulden Rheinisch und darunter die Nagel'sche Maschinerie und deren Aufstellung 5741 Rthlr. 14⅓ Gr. oder 11,482 Gulden 35 Kreuzer Rheinisch.

Die Nagel'schen Kreiselräder83) zeichnen sich vor andern, namentlich vor den Fourneyron'schen dadurch aus:

1) bei lezteren ist die Reibung der Achse in Zapfen und Pfanne sehr stark, weil der Druk von Oben wirkt; bei Nagel wirkt er von Unten und vermindert dadurch noch die natürliche Reibung;

2) durch eine sinnreiche Einrichtung zum Einschmieren, welches hier nur alle sechs Wochen geschieht;

3) die Nagel'schen Kreiselräder mahlen im Stau- und Unterwasser ohne bedeutenden Verlust an der Wirkung, die vorhandene Drukhöhe kann also auf das genaueste benuzt werden;

4) daher können diese Räder nicht einfrieren und leicht vom Eise frei gehalten werden;

5) sie und ihre Achsen bedürfen keiner besondern Einfassung;

6) sie sind durch ihren Bau haltbarer.

Die Nuzkraft gewöhnlicher Wasserräder wird auf 20 bis 45 Proc., diejenige der Nagel'schen Kreiselräder auf 73 bis 80 Proc. geschäzt, oder bei gleicher Leistung verhält sich der Wasserverbrauch wie 1 zu 3.

Dieß ist in nationalökonomischer Beziehung besonders wichtig, da, wenn eine Verstärkung der Mahlkraft nicht erforderlich ist, zwei Drittheile des früher verbrauchten Wassers auf andere Weise, z. B. zur Wiesenrieselung benuzt werden können.

Die neue Mühle ist jezt ein volles Jahr im Gange, und hat alle Erwartungen vollständig befriedigt.

Die Binnenmühle und die Graupenmühle sind eingegangen, der Bedarf der Stadt und der Landmahlgäste ist aber mehr als vollständig gesichert.

Bei einem so geringen Wasserstande, daß die alte Mühle längst hätte stille stehen müssen, arbeiteten fortwährend zwei Mahlgänge und lieferten jeder in 24 Stunden 200 Rostocker Schäffel Mehl.

Der Müller beantragte die Anlegung größerer Kornböden, um für eigene Rechnung Dauermehl zu mahlen, welches wegen der Stetigkeit der Mahlgänge dem auf Dampfmühlen erzeugten in der Güte nicht nachstehen dürfte.

Der Pächter zweier der obengedachten holländischen Windmühlen (die übrigen hat der Bischofsmüller in Pacht) beantragte Remission, weil die neue Wassermühle mehr als den Bedarf der ganzen Stadt produciren könne. Obgleich er contractlich einen Anspruch auf Remission nicht hatte, so gewährte die großherzogliche Domänenkammer, in Anerkennung der factischen Begründung seiner Bitte, ihm doch einige Erleichterung.

Die erste Mahlmühle nach Nagel'schem System hat die Aufmerksamkeit vielfältig erregt und Besuche und Erkundigungen von auswärts kommen häufig vor.

Für Anhalt-Bernburg sind vier Kreiselräder bei Hrn. Nagel bestellt.

Ich habe diese aus Acten und der Aussage sachkundiger, zuverlässiger Männer |404| geschöpfte Mittheilung absichtlich bisher verschoben, um die Erfahrung des nun verflossenen Jahres zu benuzen. Da diese Erfahrung überaus günstig für die Nagel'sche Erfindung ist, so säume ich nicht länger die Kunde davon zu verbreiten, und schließe mit dem Wunsche: daß dem Hrn. Nagel sein Geheimniß — das Princip der Curvenstellung — abgekauft werden möge, um es zu veröffentlichen.

Schwerin, im December 1843.

H. Schumacher, Revisionsrath.

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Wir verweisen auf die Notizen über dieselben im polytechnischen Journa Bd. XC S. 155.

A. d. R.

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