Titel: Die Hauptzweige der sächsischen Gewerbthätigkeit und ihre Wünsche in technischer Hinsicht.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1844, Band 91, Nr. CXX./Miszelle 4 (S. 490–492)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj091/mi091120_4

Die Hauptzweige der sächsischen Gewerbthätigkeit und ihre Wünsche in technischer Hinsicht.

In Bezug auf das, was der sächsischen Gewerbthätigkeit hauptsächlich noch zu wünschen ist, gibt uns das Gutachten des Industrievereins für das Königreich Sachsen über die demnächst von der sächsischen Regierung zu erlassenden Prämienausschreiben sehr werthvolle Aufschlüsse, welche für die ganze deutsche Fabrikthätigkeit ein allgemeines Interesse haben. Die Forderungen, welche aus dem Gutachten des Industrievereins hervorgehen, sind in Kürze folgende:

Baumwollspinnerei. Man wünscht Prämien 1) auf eine bei ihrem Erscheinen das Sachverhältniß umfassende Abhandlung, welche den Betrieb der sächsischen Baumwollspinnerei vom technischen und fabrikökonomischen Gesichtspunkte gründlich erörtert und dabei die in Sachsen und auswärts eingeführten Manipulationen und die Anwendung der wichtigern Vorbereitungs- und Spinnmaschinen vom Whipper — eine Maschine zur ersten Auflokerung der Baumwolle, wenn sie aus dem Ballen kommt — bis zur selbstspinnenden Mulemaschine einer vergleichenden auf Nuzanwendungen hinweisenden Kritik unterwirft; 2) auf jede neue Vorrichtung bei der Baumwollspinnerei, wodurch ohne Eintrag der Qualität des Gespinnstes eine wesentliche Ersparniß an den Productionskosten erzielt wird; 3) für denjenigen Baumwollspinnereibesizer, welcher zuerst ein Jahr lang aus inländischen Garnen gefertigte, geschlichtete Ketten — Werfte, Aufzug — zum Verbrauch der Handweberei in einer Quantität von mindestens 10,000 Pfund in Summa liefert, da bekanntlich die Engländer uns viele geschlichtete |491| Ketten zuführen; — 4) auf eine verbesserte Construction einer Maschine, wodurch das Oeffnen und Reinigen der Baumwolle, ohne Nachtheil für die spätere Bearbeitung derselben und überhaupt besser als durch die bisher üblichen Vorrichtungen, überdieß wenigstens unter gleichen fabrikökonomischen Verhältnissen mit diesen erreicht wird; und 5) auf eine einfache und sicher wirkende Vorrichtung zum Auspuzen der Dekel und Trommeln der Krämpeln.

Flachsspinnerei. Man beantragt eine Prämie auf die Errichtung der ersten Flachsmaschinenspinnerei, deren sich Sachsen noch keiner erfreut.

Schafwollspinnerei. Prämien für die Herstellung einer Vorbereistungsmaschine, welche die gelesene Wolle von allen ihren Unreinigkeiten besser als die bisherigen Wollkrämpeln reinigt und auflokert, zugleich aber ein solches Product liefert, daß die Wolle nicht mit der Hand aufgelegt — d. h. der Krämpelmaschine vorgebreitet — zu werden braucht. Der Industrieverein wünscht auch die Einführung der Spinnerei von sogenanntem Bastardgarn — einem Mittelding zwischen Streich- und Kammgarn — welches anstatt des theuren lezteren zur Fabrication der Flanelle und anderer ähnlicher Stoffe sehr geeignet ist. — Streichgarn ist bekanntlich ein wollenes Garn, in dem die Fasern der Wolle kreuz und quer liegen, und dessen Gewebe sich walken läßt, daher es zu allen tuchartigen Stoffen gebraucht wird; Kammgarn hingegen ist ein Wollengarn, in dem die Wollfasern der Länge nach glatt liegen und welches daher für glatte wollene Gewebe wie Thibets etc., die nicht gewalkt werden, verwendet wird. — Der Maschinenbauer C. G. Haubold jun. in Chemnitz beschäftigt sich mit der Erbauung von derartigen Maschinen.

Zeugdrukerei. Der Standpunkt dieses Fabrikzweiges ist zur Zeit in Sachsen sehr hoch, doch vermißt man noch tüchtige Graveurs für die Walzen zum Druken, welche leztere man noch aus England bezieht. Der Wunsch des Industrievereins geht daher auf Aussezung von Prämien 1) für die erste Graviranstalt, deren Leistungen für Drukwalzen den besten englischen Walzengravüren gleichkommen; 2) auf Fertigung feiner bedrukter Piqués — für Westen — dem besten englischen Fabricate gleich und in einer dem oben angedeuteten Nuzen entsprechenden Qualität; 3) den Druk leinener Zeuge derartig vervollkommnet zu liefern, wie derselbe bis zur Bekanntmachung der Preisaufgaben aus sächsischer Fabrication im Handel nicht vorgekommen ist, namentlich in Bezug auf Aechtheit, Lebhaftigkeit und größere Auswahl der Grundfarben; als Beleg für den Erfolg dieser Vervollkommnung würde zugleich ein ansehnlicher Verbrauch leinerner gedrukter Zeuge nachzuweisen seyn; 4) für Mittheilung eines Verfahrens, wodurch den baumwollenen Geweben in der Appretur ohne Nachtheil für die Lebhaftigkeit der Farben ein Appret mitgetheilt wird, der den bereits von einer oder der andern inländischen Fabrik eingeführten wesentlich übertrifft, und den Appret der besten englischen gleichartigen Stoffe erreicht; 5) auf Veröffentlichung eines wohlfeilen Verdikungsmittels derjenigen Drukfarben, bei welchen zu gewisser Anwendung der Senegalgummi zur Zeit der Bekanntmachung der Preisaufgaben durch ein Surrogat nicht zu ersezen gewesen ist; 6) auf eine Metallcomposition, welche sich für Walzenracheln — womit die überflüssige Farbe abgestrichen wird — eignet und mit der Elasticität und Härte des Stahls die Eigenschaft verbindet, daß sie von Bindemitteln oder Farben, welche starke Kupfer- und Eisenauflösungen enthalten, nicht angegriffen wird.

Weberei. Prämien für ein Mittel, um die nachtheilige Einwirkung der Stahlriete in den Webeblättern — das Webeblatt dient, um die Einschußfäden in die Aufzugfäden festzuschlagen und besteht aus einem feinen Gitter dünner Metallblättchen, die man Riete nennt — auf die Farben der Ketten- und Schußfäden zu beseitigen, oder auf ein Surrogat für Stahl, dessen Anwendung zu Webeblättern neben den Vorzügen der Stahlriete die bezeichneten Nachtheile nicht äußert; 2) für die genügend wohlfeile Herstellung einer Pappe zu Jacquardkarten, welche der Einwirkung der Feuchtigkeit entweder gar nicht oder doch in einem viel geringern Grade als die bisher angewendeten, unterworfen sind.

Bleicherei. Eine Prämie auf Abfassung einer leicht verständlichen und gründlichen Beschreibung des Verfahrens beim Bleichen und Appretiren der Strumpfwaaren, durch dessen praktische Ausführung die besten englischen Leistungen erreicht werden.

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Färberei. Prämien 1) auf die Darstellung ächter Farben von Blau und Grün, eines ächten Kohlschwarz, welches von allem röthlichen Scheine frei ist, und eines ächten, schönen Pensée in allen Abstufungen ohne Längestreifen und nicht theurer als die jezt gewöhnliche Herstellung dieser Farbe auf Kammwollenwaaren; 2) auf Mittheilung eines Verfahrens, kammwollene Garne so schön weiß zu machen, daß sie den französischen gleichen, wobei jedoch wesentliche Bedingung ist, daß das Weiße nicht abstäubt und Garne und Waare auf dem Lager nicht vergelben.

Maschinenbau. Prämien auf Herstellung von Stahlspindeln und gereifelten und gehärteten Stahlcylindern für die Spinnerei und auf Construction einer Farbholzmühle, welche durch ihre Leistungen die Feinheit der englischen Mahlung in allen Gattungen von Farbhölzern erreicht.

Feuerungsvorrichtungen. Prämien 1) für eine gründliche und populär geschriebene Abhandlung über die Verhältnisse der Ofenweite und Höhe bei Anwendung verschiedener in Sachsen hauptsächlich vorkommender Brennmaterialien, gestüzt auf praktische Erfahrungen; 2) auf eine durch längere praktische Anwendung bewährte Vorrichtung das Entweichen der unverbrannten Kohlentheile zu verhindern.

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