Titel: Der Sammelplaz der flüssigen Excremente der Stadt Paris zu Montfaucon.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1844, Band 92, Nr. XLII./Miszelle 11 (S. 159–160)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj092/mi092042_11

Der Sammelplaz der flüssigen Excremente der Stadt Paris zu Montfaucon.

Schon längst besteht vor den Thoren von Paris dieser Sammelplaz des Unraths zu Montfaucon, dessen übelriechende Dünste je nach dem herrschenden Winde in die umliegenden Orte, die verschiedenen Vorstädte, ja sogar in die Mitte der Stadt selbst dringen und die Einwohner in hohem Grade belästigen. Troz der zahlreichen Bitten des betheiligten Publicums um Abstellung dieses Uebelstandes, und der schon vor 20 Jahren gegebenen officiellen Versprechungen werden dazu noch immer keine Anstalten getroffen.

Einige Schritte von der Stadtzoll-Mauer der Barrière du Combat sammelt sich der Unrath der Hauptstadt, die Excremente einer Million Individuen an. Sie werden hier in Bassins aufgenommen, deren Zwek ist, aus den Flüssigkeiten, welche jede Nacht in 200 Fässern durch die Unternehmer der Abtritt-Räumung herbeigeschafft werden, die darin schwebenden festen Theile absezen zu lassen; man bedient sich lezterer zur Bereitung der Poudrette (des Kothpulvers, Staubmists). Diese Bassins, es sind deren acht, befinden sich nicht alle in gleichem Niveau, zwei derselben stehen höher als die sechs andern, und jene sind es, welche zunächst den Inhalt der Fässer aufnehmen; während das eine derselben sich anfüllt, sezt die Masse, womit das andere gefüllt ist, die dichtesten Theile ab. Nach einigen Monaten läßt man die Flüssigkeit (Jauche) in ein niedrigeres Bassin abfließen, worin man die Ablagerung noch einige Monate, oft ein ganzes Jahr hindurch fortdauern läßt.

Ist ein Bassin troken gelegt, so werden die noch teigartigen, festen Stoffe herausgenommen. Da dieselben zur Bereitung von Poudrette bestimmt sind, so müssen sie in pulverigen Zustand versezt werden, wozu man so viel als möglich trokenes Wetter und die Sonnenwärme benuzt, indem man sie auf dem Boden um die Bassins ausbreitet und fleißig mittelst einer Schaufel oder Egge umwendet.

Die Bassins nehmen einen Gesammtflächenraum von mehreren Tausend Quadratmetern ein, welche also die ausdünstende Oberfläche der Flüssigkeit bilden. |160| Da nun der flüssige Unrath flüchtige Stoffe enthält, besonders schwefelwasserstoffsaures und kohlensaures Ammoniak in großer Quantität, so reißen die auf der Oberfläche der Bassins sich bildenden Dünste eine bedeutende Menge dieser Ammoniaksalze mit sich. Daher schwärzen sich auch in allen, in einem Radius von mehreren Hundert Metern von diesem Ausleerungsplaze befindlichen Häusern die Bleiweißanstriche und die Metalle laufen an; gerade in der schönsten Jahreszeit muß man die Fenster verschlossen halten. Die genannten Gase sind überdieß sehr schädlich; 1/300 Schwefelwasserstoff in der Luft, die man einathmet, kann bekanntlich schon den Tod herbeiführen, wer sich von den schädlichen Einflüssen dieser Luft noch nicht überzeugt hält, betrachte das schlechte Aussehen der sonst meistens kräftigen elsaßer Arbeiter, welche mit der Bereitung der Poudrette beschäftigt sind. Die Ausdünstung der an der Sonne ausgebreiteten und gewendeten festen Stoffe in der heißen Jahreszeit ist ebenfalls zu berüksichtigen.

Es sind dieß aber nicht die einzigen Uebelstände. Man schäzt die Quantität der jede Nacht aus den Abtrittgruben der Hauptstadt geschöpften und in die Bassins von Montfaucon geführten Stoffe auf 4 bis 500 Kubikmeter (4 bis 5000 Hektoliter). Nachdem man die festen Theile in einem der obern Bassins einige Monate sich absezen ließ, fließt der flüssige Unrath in andere Bassins über, und von da zieht man einen Theil (etwa 1/3 oder 2/5) behufs der Fabrication von Ammoniaksalzen ab. In der Ammoniakfabrik wird diese Jauche in verschlossenen Gefäßen mit Kalk zum Sieden gebracht, welcher den Schwefelwasserstoff und die Kohlensäure gebunden zurükhält, während sich das Ammoniak verflüchtigt, so daß die rükständige Flüssigkeit bei weitem den übeln Geruch nicht mehr hat wie vorher. Der Rükstand wird dann in eines der untern Bassins geschüttet zu dem nicht benuzten Theil (über die Hälfte) des flüssigen Unraths. Nach einer gewissen Zeit muß die Anstalt sich dieses natürlich noch sehr übelriechenden Gemisches entledigen, weil ihre Bassins sonst nichts mehr aufnehmen könnten, denn die Verdunstung schafft nur einen Theil der Flüssigkeit weg; die übrige Flüssigkeit läßt man daher in eine besondere Leitung ablaufen, welche von Montfaucon herab nach Paris längs des Canals Saint-Martin auf den Quai Jemmapes geht und endlich in der Nähe der Austerlitz-Brüke ihren reichen Inhalt in die Seine ergießt.

Die Quantität dieser Flüssigkeit kann täglich auf ungefähr 300 Kubikmeter (3000 Hektoliter) angeschlagen werden und sie mischt sich mit dem Wasser, welches die Pumpen an der Notre-Dame-Brüke bei Gros-Caillou und Chaillot ansaugen und in der Hauptstadt behufs der Consumtion ihrer Einwohner circuliren lassen; dieß ist das sogenannte reine Seinewasser!

Nach einem für die Dauer von neun Jahren abgeschlossenen Vertrag mit den Pächtern der Anstalt zu Montfaucon bezieht die Stadt Paris vom 1. Januar 1843 angefangen 550,000 Fr. Pacht, während sie noch im J. 1842 nur 165,000 Fr. bezog; allerdings muß sie dafür dem Pächter die Bassins liefern und so viel Flächenraum Boden lassen, als er zur Ausbreitung der zu troknenden Stoffe braucht, was aber nur einen Theil des Pachtschillings ausmacht, von dessen Ueberrest sie eine ihrer und des Jahrhunderts würdigere Anstalt errichten könnte. (Moniteur industriel 1844, Nr. 803.)31)

|160|

Ueber die Fabrication der Poudrette und die Abdekerei zu Montfaucon verweisen wir noch auf die Notizen im polytechnischen Journal Bd. XXVII S. 156, Bd. XXXII S. 438 und Bd. XL S. 270.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: