Titel: Vorsichtsmaaßregeln bei der Chlorbleiche.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1844, Band 92, Nr. XLII./Miszelle 9 (S. 157–159)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj092/mi092042_9

Vorsichtsmaaßregeln bei der Chlorbleiche.

Das Bleichen leinener und baumwollener Zeuge und Garne mittelst Chlor hat nun allgemeine Anwendung gefunden; die dagegen stattgehabten Vorurtheile sind so ziemlich besiegt, und jeder wenn auch nur etwas Unterrichtete sieht nun, daß dasselbe, richtig angewendet, für die Dauerhaftigkeit der Stoffe nicht im geringsten nachtheilig ist. Zur Darstellung des Chlors hat man bekannte Recepte, die mehr oder weniger die richtigen proportionalen Verhältnisse der anzuwendenden Ingredienzien angeben; doch hat es auf den Erfolg und namentlich auf die Qualität und Weiße der Zeuge keinen so entschiedenen Einfluß, wenn solche nämlich die richtigen (stöchiometrischen) Verhältnisse, auch nicht immer ganz scharf eingehalten werden. Dieß ist für den nicht rationellen Bleicher (und diese bilden die Mehrzahl) auch schwer, weil die anzuwendenden Stoffe, namentlich Braunstein, häufig in dem Gehalt differiren. Man lasse sich also nicht irre führen, wenn, wie es leider noch sogar häufig geht, eine Bleiche mißlingt, denn wenn es gleich in ökonomischer Beziehung wichtig ist, so kann es doch niemals ein gänzliches Mißlingen oder Unbrauchbarwerden des Bleichwassers herbeiführen, wenn darin auch etwas gefehlt wird.

Häufig, ich möchte sagen am häufigsten, sind Metalle oder deren Oxyde daran Schuld, wenn die gewünschte Weiße nicht erreicht wird. Schon vor mehreren Jahren warnte ein Sachverständiger vor dem Eisen, das der Thon, welcher zu den Lutirungen verwendet wird, bisweilen enthält. Ich nahm mir schon damals |158| vor, meine Ansicht darüber auszusprechen, wollte mich jedoch noch mehrfach überzeugen und ich kann nun aufs bestimmteste versichern, daß die Metallsalze, die sich durch die Auflösung des Braunsteins (Manganoxyds) ergeben und, außer etwas Eisensalzen, hauptsächlich aus schwefelsaurem, beziehungsweise salzsaurem Mangan bestehen, die größten Feinde der Bleichen sind. Nimmt man zur Chlorentwiklung z.B. Schwefelsäure, Salz und Braunstein, so ist das Residuum in der Retorte zum größten Theil schwefelsaures Mangan und Glaubersalz in dem mit der Schwefelsäure hinzugekommenen Wasser aufgelöst; bei Salzsäure und Braunstein besteht das Ueberbleibsel aus aufgelöstem salzsaurem Mangan. Wird nun diese Masse durch Unvorsichtigkeit etwas stark erhizt, so geht von dieser Flüssigkeit aus der gesperrten Retorte in den Recipienten, der gewöhnlich ein hölzernes Gefäß zu 3/4 mit Wasser angefüllt ist, mit dem Chlorgas über und übt bei nachheriger Anwendung einen äußerst nachtheiligen Einfluß aus, vor dem ich gar nicht genug warnen kann.

Man glaube ja nicht, daß man diesem durch sorgfältiges Abklären des Bleichwassers entgehen kann. Dieß ist ganz irrig, denn nicht die schwarze trüb machende Braunsteinmasse ist das Nachtheilige, sondern das darin enthaltene schwefelsaure, beziehungsweise salzsaure Mangan, das für sich eine wasserhelle Flüssigkeit gibt, ist es, was die mit solchem Bleichwasser behandelten Bleichgegenstände gelblich macht oder wenigstens die sonst zu erreichende Farblosigkeit mindert. Ist der Fehler einmal gemacht, so verfallen die meisten Bleicher dann auf einen andern, oder sie vergrößern vielmehr den gemachten dadurch, daß sie die Bleichgegenstände mit alkalischer Lauge, Kalkwasser oder Seife behandeln. Dieß wolle man aber ja unterlassen, denn diese Alkalien zersezen das Mangansalz augenbliklich in Manganoxyd, was sich den Stoffen so innig imprägnirt, daß es nimmer so leicht daraus zu bringen ist, und gerade auf diesem Wege kann ächt und dauerhaft braun gefärbt werden, wenn man die Stoffe in gehöriger Menge anwendet, was in den Kattunfärbereien häufig geschieht. Durch freie Säure können diese Metallsalze, bevor sie sich vollkommen oxydiren, am besten auf vorsichtige Weise ausgewaschen werden. Sauerkleesäure ist die geeignetste dazu, es thuns aber auch minder kostspielige Sauerbäder; nur müssen Sachverständige darüber zu Rath gezogen werden.30)

Ich erlaube mir es also nochmals zu wiederholen, daß man ja das Uebersteigen der Masse aus der Retorte in den Bleichkasten zu vermeiden suche, denn dieß ist der schlimmste Stoff für die Bleichereien. In größeren Anstalten vermeidet man es durch die bekannten Mittelflaschen, in kleineren dadurch, daß man die Retorte etwas tief sezt und die Verbindung durch etwas weite und ansteigende Röhren herstellt, hauptsächlich aber durch recht vorsichtiges, gleichförmiges und langsames Feuer unter der Retorte. Dann wolle man auch alle organischen Substanzen aus der Retorte entfernt halten, namentlich Stroh, Holz, Spähnchen, fettige Theile und Beinmehl, was bisweilen zum Lutiren genommen wird, denn diese Stoffe erzeugen kohlensaures Gas, das ein Aufwallen und leicht ein Uebersprudeln verursacht. Steinsalz hat bisweilen etwas kohlensauren Kalk, der dieselbe Wirkung hervorbringt; es ist übrigens recht wohl anwendbar, nur ist es rathsam, die Säure etwas mehr, als bei Kochsalz, mit Wasser zu verdünnen und recht behutsam zu feuern, bis sich die Kohlensäure entfernt hat, was in der Regel bald geschieht.

Ich machte auch schon öfters die Bemerkung, daß Geräthschaften und Gefäße, die zu den Rükständen aus den Retorten, also zu der Manganlösung gebraucht werden, zugleich auch nach oberflächlichem Abspülen zu Bleichgegenständen benüzt werden. Dieß ist nun auch äußerst tadelnswerth und hat fast immer auch nachtheilige Folgen. Beim Wegschütten der Rükstände hüte man sich auch, daß nichts in die Brunnen, Teiche oder Seen fließe, von denen man sich mit Wasser zum Bleichen versteht.

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Die Farblosigkeit dieses Stoffes ist die Ursache, daß man sich in wenigen Bleichen sorgfältig genug davor hütet, die Wirkung ist aber oft erst bemerkbar, wenn die Bleichwaaren schon einige Zeit im Verkaufslocale oder in dem Weißzeugkasten sind. Nur in dem Fall ist sie gleich nach dem Troknen bemerkbar und viel auffallender, wenn, wie oben gesagt, die auf diese Art verunreinigten Stoffe in der Meinung, sie wieder zu reinigen, mit Potasche oder Sodalauge, mit Kalkwasser, Seife oder auch mit Lette (fettem Thon) behandelt werden. Man gebe sich die Mühe und nehme eine Verunreinigung auf die angefühlte Weise absichtlich mit einem unbedeutenden Stükchen Zeug vor, so wird sich die Richtigkeit des Gesagten aufs überzeugendste darstellen. F. M. Münzing. (Riecke's Wochenblatt 1844, Nr. 3.)

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Selbst nachdem das Mangansalz vollständig in das braune Oxyd verwandelt ist, lassen sich die Gespinnste und Gewebe durch eine verdünnte Auflösung von Zinnsalz in Salzsäure oder durch eine Auflösung von schwefliger Säure in Wasser wieder vollkommen weiß herstellen. A. d. R.

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