Titel: Verfertigung der Havanna-Cigarren.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1844, Band 94, Nr. LXXXVIII./Miszelle 7 (S. 405–407)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj094/mi094088_7

Verfertigung der Havanna-Cigarren.

Hr. Granier von Cassagnac hat kürzlich einen sehr interessanten Bericht über seinen Aufenthalt in der Havanna veröffentlicht, aus welchem im Gewerbeblatt |406| für Hannover 1844, Heft 4, S. 150 folgende Notizen über die Verfertigung der Havanna-Cigarren mitgetheilt werden.

In allen amerikanischen Ländern, sowohl auf den Inseln als auch auf dem festen Lande, wird stark geraucht, jedoch mit gewissen Modificationen.

In den französischen Colonien haben die Pflanzer eine Cigarre erfunden, die mehr als einen englischen Fuß in der Länge hat und die sie bout nennen.

Alle Colonisten, jung und alt, rauchen, und Ausnahmen sind selten. Im königlichen Gerichtshofe, während den Pausen der Audienz, zündet die ehrwürdige Magistratsperson in ihrer Robe ihren bout an, und in dem Colonialrathe, während den Unterbrechungen der Sizung, sieht man die heftigsten Wortführer im Vorzimmer gruppirt, mit der Cigarre im Munde ihre Meinung verfechten. Nur die weißen Frauen der Colonie rauchen nicht. Die Neger und Negerinnen consumiren dagegen eine ungeheure Menge Tabak, und es ist ein ungemein häßlicher Anblik, eine alte schmuzige Negerin mit einer Pfeife von gebranntem Thon im Munde rauchen zu sehen.

In den Vereinigten Staaten hat die englische Wohlanständigkeit dem öffentlichen Rauchen den Krieg erklärt, und in Boston ist es sogar unter Strafe verboten, auf den Straßen zu rauchen.

Der Südamerikaner genirt sich weniger in diesem Punkte, aber der Nordamerikaner glaubt seiner Würde zu nahe zu treten, würde er öffentlich rauchend gesehen. Allein wenn der Teufel bei den sterblichen Menschen ein Laster verloren hat, so schiebt er gleich ein anderes unter. So sind diese Nordamerikaner, welche das öffentliche Rauchen für einen Mangel an Erziehung halten, dagegen dem Tabakkauen selbst öffentlich stark ergeben. Man wird von ihnen auf den Straßen mit aufgedunsener Wange angeredet, gleichend dem Diener des Don Juan, der einen gebratenen Hühnerflügel im Munde verstekt hat und seinem Herrn weiß macht, er habe eine Fluß-Geschwulst an dem Baken. So haben diese Nordamerikaner in heuchlerischer Verachtung des Rauchens die Cigarre durch die Chique ersezt.

Die spanischen Colonien sind das wahre Land des Rauchens und die Straßen von Havanna enthalten mehr Cigarren-Magazine als Spezereiläden und Weinschenken. Zweimal, zu Havanna und zu St. Juan de Portorico, hatte ich eine Fabrik von Cigarren unter meinem Balcon und Gelegenheit die Fabrication näher einzusehen.

Eine solche Tabaqueria ist in der Regel ein nach der Straße hin ganz offener Laden, dessen ganzes Ameublement in einem Tische, vier bis fünf Stühlen und einem Gefäße mit Wasser besteht. Um den Tisch herum sizen vier bis fünf wenig und unreinlich bekleidete schmierige Neger, welche die Cigarren rollen, die von den wohlriechenden Lippen unserer Lions ausgedampft werden.

Ein altes Sprüchwort sagt: man soll niemals der Toilette einer Frau die man gerne sieht und der Zubereitung eines Diners beiwohnen; man kann die Verfertigung von spanischen Cigarren demselben mit Recht beifügen.

Das Wassergefäß dient zum schnellen Eintauchen der Blätter, welche darnach durch Schütteln in der Luft getroknet werden, und ist diese rasche Benezung schon hinreichend die Blätter zu erweichen. Die Neger schneiden solche nun ab und rollen sie auf dem Tische, wobei sie die beiden Enden häufig mit ihrem Speichel befeuchten.63)

Zwischen Tabak und Tabak ist immerhin ein Unterschied, auch natürlich bei jenem von Havanna. Der vorzüglichste und am meisten geschäzte wächst auf der Nordwestküste der Insel in dem District Vuelta-Abajo, die zweite Qualität kommt von der Südküste und aus dem Innern.

Die Havanna-Cigarren theilen sich in sieben Classen: die erste gesuchteste und am meisten aristokratische besteht aus den Vegueros. Sie werden in der Regel nur aus einem Blatte gemacht, das nicht wie die andern angefeuchtet wird, sondern sobald dasselbe hinlänglich an der Luft getroknet, nimmt man den Zeitpunkt wahr, wo der Thau es leicht erweicht hat, und wodurch es seinen Gummi und sein ganzes Aroma behält. Als aufrichtiger und getreuer Geschichtsschreiber |407| darf ich nicht verschweigen und bitte ich die Liebhaber von Cigarren um Verzeihung, wenn ich hier anführe, daß die Vegueros im Allgemeinen von Weibern gemacht werden, welche die Blätter auf ihrem entblößten Schenkel von der Hüfte bis zum Knie mit der flachen Hand rollen. Um die Einbildungskraft der Raucher der Vegueros in etwas abzukühlen, muß ich hinzufügen, daß solche im Allgemeinen nur von alten und sehr häßlichen Negerinnen angefertigt werden.

Nach den Vegueros folgen die Regalia in drei Classen:

a) Regalia Byron, nur auf den Besizungen des Grafen Ternandina verfertigt, kommen gar nicht oder wenig in Handel. Sie sind dasjenige für den Raucher, was der Johannisberger Wein für den Feinschmeker ist;

b) Regalia del Duque. Wie die Vegueros werden diese von dem besten Vuelta-Abajo Tabak gemacht, den man für den vorzüglichsten Tabak der Welt hält. Die Blätter sind jedoch nicht so ausgesucht wie bei den Vegueros, auch ist ihre Verfertigung weniger romantisch und geschieht wie gewöhnlich durch schmuzige Neger;

c) die ordinären Regalia, welche den Ausschuß der Vegueros, so wie die besten Blätter und Fasern des Südküstentabaks enthalten.

Die fünfte Classe begreift die Panetelas, welche aus einem süßen, weichlichen, weniger reifen Tabak bestehen und im Allgemeinen nur von dem weiblichen Geschlechte und von Personen, die eine schwache Brust haben, consumirt werden.

Die sechste Classe enthält die gewöhnlichen Cigarren, welche von den übrigen Tabaken, welche die Insel Cuba producirt, und hauptsächlich aus dem Innern kommen, fabricirt werden. Unter diesen gibt es eine Gattung, Trabucos genannt, welche kürzer und runder ist als die übrigen.

Zu der siebenten Classe rechnet man endlich die kleinen gerollten Papierchen, die einen so angenehmen Geruch verbreiten und in Europa Cigaretten genannt werden. Diese werden von feinem, ganz klein geschnittenem Tabak, zuweilen von Vuelta-Abajo verfertigt, und sind die einzigen, die in Havanna den Namen Cigarren führen. Alle andern vorbeschriebenen Gattungen werden daselbst Tabacos genannt.

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Nach einer der Redaction des hannover. Gewerbeblatts gewordenen Privatmittheilung soll, zur Wahrung des guten Rufes der Havanna-Cigarren, das Feuchten mit Speichel daselbst verboten seyn.

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