Titel: Ueber Krämpelbeschläge aus natürlichem und künstlichem Leder.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1844, Band 94, Nr. CIV./Miszelle 2 (S. 441–442)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj094/mi094104_2

Ueber Krämpelbeschläge aus natürlichem und künstlichem Leder.

Das Kunstleder, welches man jezt zuweilen statt des natürlichen zu Krazen oder Krämpelbeschlägen verwendet, besteht aus gewebten baumwollenen, auch wohl leinenen Stoffen, welche mittelst Kautschukleimes übereinander geklebt sind. Ob das künstliche Leder dem natürlichen bei der erwähnten Verwendung gleichkomme, oder gar vorzuziehen sey, das ist wohl noch nicht ganz entschieden, indem dazu eine mehrjährige Prüfung nöthig ist, dieses Leder aber erst seit etwa drei Jahren angewendet wird.

Daß man darauf bedacht war, das natürliche Leder bei Krämpelbeschlägen durch einen andern Stoff zu ersezen, mag seinen Grund hauptsächlich darin haben, weil es unsägliche Mühe und Aufmerksamkeit, so wie ausdauernden Fleiß erfordert, das natürliche Leder für einen vollständigen Krämpelbeschlag in einen ganz gleichmäßigen Zustand zu dringen. Man hat zwar Maschinen, um das Leder zu ganz gleicher Stärke auszusalzen, doch ist eine Haut Leder in sich von so verschiedener Beschaffenheit, daß es mit der zwekmäßigsten Maschine nicht möglich wird, daß Leder so gleich zu machen, wie es zum Beschlag erforderlich ist, denn durch die Maschine können weder harte noch weiche Stellen im Leder berüksichtigt werden, da solche zuweilen gerade da mehr oder weniger wirkt und ausfalzt, wo es nicht nöthig oder sogar schädlich für das Leder ist. Als Vorarbeit im Ausfalzen sind die Maschinen gut, die gründliche Ausgleichung des Leders hingegen kann nur mit der Hand mittelst der Ausfalzklingen bewirkt werden. Diese Arbeit ist jedoch sehr mühsam und zeitraubend, erfordert auch eine mehrjährige Uebung, um alle damit verbundenen Vortheile handhaben zu können, weßhalb fast in keiner der seit 10–15 Jahren bestehenden Krazenfabriken dieses Ausarbeiten des Leders mit der Hand angewendet wird. Ein anderer Grund, künstliches Leder für Krazen zu verwenden, mag auch der seyn, daß man des mühsamen Geschäfts überhoben wird, die einzelnen Lederstüken für 20–50 Ellen lange Filets zusammen zu bringen, denn von Kunstleder kann der Filet ohne Nähte aus einem ganzen Stüke gearbeitet werden, weßhalb man auch derartige Filets vorzieht. Durch das zuweilen sehr mangelhafte Zusammenstüken des natürlichen Leders werden nämlich mancherlei Uebelstände hervorgerufen, wird jedoch das natürliche Leder regelrecht zusammengestükt, so treten keine Nachtheile ein.

Die Urtheile über die Zwekmäßigkeit der aus Kunstleder gefertigten Krämpelbeschläge sind noch sehr verschieden. Zum Theil gibt man ihnen Beifall, doch sollen dieß, wie man erfahren hat, nur ganz feine Beschläge seyn, die gewöhnlich nicht zu stark gebraucht werden, wo dann die durchgängige Egalität des Stoffes zu dem günstigsten Resultat wohl mit beitragen mag. Nicht bevorzugt werden sie in den Spinnfabriken, wo sie mit weniger Schonung behandelt, ihre Leistungen aber ungewöhnlich stark beansprucht werden. Im leztern Falle haben sich Mängel herausgestellt, deren Beseitigung sehr wünschenswerth erscheint, wofern diese Neuerung allgemein begünstigt werden soll.

Nach einem mitgetheilten Berichte aus England, wo dieses künstliche Leder zuerst angewendet wurde, sind dort in den meisten Fabriken die Kunstlederbeschläge wieder abgenommen und dafür wieder Beschläge von natürlichem Leder aufgelegt worden, weil man fand, daß die zur Kraze nöthige Elasticität, welche dem natürlichen Leder eigen ist, dem künstlichen abgehe, was auch von hiesigen Spinnfabrikanten bestätigt wird.

Ferner wirkt die Temperatur zu sehr auf das künstliche Leder ein, indem dieser Stoff bei Wärme ganz weich, bei kalter Temperatur aber fest und hart wird. Beide Zustände haben aber, mögen sie in höherem oder geringerem Grade stattfinden, den nachtheiligsten Einfluß auf die Wirkung des arbeitenden Beschlages. Ist die Temperatur abwechselnd, so wird der Stoff blasig und die einzeln auf einander geklebten Zeuge lösen sich nach und nach von einander ab, was ein nicht zu beseitigender Uebelstand ist. Es ist deßhalb für derartige Beschläge |442| zu empfehlen, daß fortwährend im Krämpelsaal für eine ganz gleichmäßige, angemessene Temperatur gesorgt werde, was freilich nur sehr schwer zu erreichen seyn dürfte.

Bei derartigen Beschlägen, in welche, weil sie zu einer stärkern Benuzung bestimmt waren, stärkere Nummern Draht gesezt wurden, hat sich auch gezeigt, daß nach nicht zu langer Zeit die Zähne die Fäden des Stoffes zerriffelten, weßhalb sie ihre ganze Kraft und Haltbarkeit verlieren mußten.

Daß aus dergleichen Beschlägen die Zähne nicht ausspringen und unbeschädigt bis auf den Grund abgeschliffen werden können, hat sich nicht bestätigt, denn es ist wiederholt vorgekommen, daß solche Beschläge total ausgesprungen sind.

Die durch Vernachlässigung so häufig veranlaßten Beschädigungen der Beschläge können nicht, wie beim natürlichen Leder, reparirt werden, weil es nicht möglich ist, in die nach dem Ausziehen der Zähne sich sogleich zusammenziehenden Löcher neue Zähne einzusezen. Aus eben diesem Grunde eignen sich solche Beschläge auch nicht zum durchgängigen gänzlichen Umsezen, weßhalb im Verhältniß zum natürlichen Leder ein wesentlicher Vortheil bei ihnen entbehrt wird, denn Krämpelbeschläge von natürlichem Leder können, wenn sie von guter Beschaffenheit und solid gearbeitet, nach längerer Zeit aber unbrauchbar geworden sind, mit neuen Zähnen besezt werden, und dergleichen neu besezte Beschläge stehen an Güte und Dauer den ganz neuen Beschlägen nicht im Geringsten nach und kosten noch außerdem um den dritten Theil weniger.

Ein noch bedeutenderer Uebelstand aber ist der daß, nachdem bei Beschlägen von Kunstleder die Zähne kürzer geschliffen sind, der Auspuzkamm bis auf den Grund eindringt, wodurch unausbleiblich die Fäden des Stoffes nach und nach aufgerissen werden, so daß nach öfterm Auspuzen der Stoff zerstört wird und dadurch nothwendig unbrauchbar werden muß.

Davon ist man bereits wieder abgekommen, vollständige Beschläge von diesem Stoff zu fertigen; für welche Theile des Beschläges er sich jedoch eignen soll, darüber sind die Ansichten noch getheilt, denn manche Krazenfabrikanten empfehlen das Kunstleder nur für Filets, andere nur für Blätter, wogegen man für Deken oder Gegenblätter gleich Anfangs wieder natürliches Leder verarbeitete, weil solche in jeder Beziehung mehr zu leiden und auszuhalten haben. Es scheint sonach, daß das natürliche Leder wegen seiner kräftigen und haltbaren Beschaffenheit im Allgemeinen vorzuziehen sey, nicht allein für die Deken, sondern auch für die übrigen Theile des Beschlages. Es würde daher dem Standpunkte der gegenwärtigen Erfahrungen gemäß immer noch zu empfehlen seyn, namentlich wenn man auf größere Dauer der Beschläge Rüksicht nimmt, und dieselben zu stärkern Nummern verwendet, Beschläge von natürlichem Leder anzuwenden, denn schwerlich werden sich dergleichen von Kunstleder hinsichtlich der Dauer so lange bewähren, wie es von denen aus natürlichem Leder erwiesen ist, indem es oft vorkommt, daß leztere bei einer gleichmäßigen guten Behandlung zehn Jahre und noch länger nach Wunsch arbeiten und sich dann immer noch zum Neuumsezen eigneten.

Das künstliche Leder wird gegenwärtig bereits von Vielen fabricirt, jedoch mitunter noch in einem sehr mangelhaften Zustande. Hinsichtlich des Preises findet bei solid gearbeitetem künstlichen Leder im Verhältniß zu dem natürlichen keine wesentliche Ersparniß statt, und da das bis jezt hergestellte künstliche Leder, wie oben gezeigt worden, gegen das natürliche Leder, namentlich gegen das niederländische noch viel zu wünschen übrig läßt, so kann es auch zur Zeit dieses leztere noch keineswegs ersezen. (Aus den Verhandlungen der technischen Deputation des Handwerkervereins in Chemnitz.)

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