Titel: Neue Anwendung der Elektricität in der Chirurgie.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1845, Band 95, Nr. CII./Miszelle 4 (S. 414–416)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj095/mi095102_4

Neue Anwendung der Elektricität in der Chirurgie.

Hr. Smee hat in seinen Vorlesungen über Chirurgie an der Aldergate Street School of Medicine eine neue Anwendung der Elektricität beschrieben. Bekanntlich dringen oft Nadeln und andere kleine stählerne Werkzeuge in den menschlichen Körper ein; dieselben lassen sich nach Smee leicht dadurch entdeken, daß man sie magnetisch macht. Folgender Auszug aus seinem Vortrage wird den modus operandi hinreichend erläutern:

„Bekanntlich stoßen sich bei den Magneten gleiche Pole ab, während sich ungleiche anziehen; man braucht daher ein eingeschlossenes Stükchen Stahl nur magnetisch zu machen, um nicht nur seine Gegenwart nachweisen, sondern auch durch die Polarität desselben seine Richtung bestimmen und durch die Stärke des |415| Magnetismus, welchen es zeigt, sogar auf seine wahrscheinliche Größe schließen zu können.

Wenn man die Gegenwart eines Nadelstükchens etc. vermuthet, muß man den verdächtigen Theil einer Behandlung unterziehen, wodurch die Nadel magnetisch gemacht wird; dazu gibt es zwei Hauptmethoden, wovon die erste darin besteht, unter rechten Winkeln einen galvanischen Strom auf den verdächtigen Theil zu leiten, die zweite darin, einen starken Magnet auf den afficirten Theil zu bringen, so daß der Gegenstand durch Induction magnetisirt wird. Um die erste Methode auszuführen, verschafft man sich einen mit Baumwollgarn oder Seide umsponnenen Kupferdraht und windet ihn mehrmals um die Theile herum, worin man Stahlstükchen vermuthet, so daß derselbe Strom unter rechten Winkeln vielmals auf das Stahlstük wirken kann; dann nimmt man eine galvanische Batterie (eine kleine Becher-Batterie nach Smee's Construction ist hinreichend) und verbindet das eine Ende des Drahts mit dem Zink, das andere mit dem verplatinten Silber. Den Strom läßt man eine halbe Stunde oder darüber andauern, wodurch der Stahl magnetisch wird und seine Gegenwart deutlich genug anzeigt.

Ich selbst ziehe die zweite Methode vor, nämlich die Nadel durch Induction magnetisch zu machen. Zu diesem Zwek habe ich einen temporären Elektromagnet angewandt, welchen ich durch die Volta'sche Batterie magnetisirte; wenn man den afficirten Theil etwa eine halbe Stunde lang so gut als möglich an diesen Magnet hält, ist der beabsichtigte Zwek erreicht.

Der Elektromagnet dürfte die Hufeisenform haben, wenn man die Richtung des stählernen Gegenstandes kennt; in diesem Falle wäre aber seine Anwendung gar nicht nöthig, weil unser einziger Zwek darin besteht, die Gegenwart der Nadel nachzuweisen. Ich habe den Hufeisen-Magnet angewandt, würde aber in den meisten Fällen einen Elektromagnet vorziehen, welcher bloß aus einem mit Draht umwundenen geraden Stab aus Schmiedeisen besteht. Die magnetische Wirkung ist bekanntlich der Kraft der Batterie proportional; wenn man daher nur eine schwache Wirkung hervorbringen will, benuzt man ein einfaches galvanisches Paar, soll sich die Wirkung aber in einer größeren Entfernung zeigen, so wendet man die Trogbatterie an. Leztere kann eine Nadel, in Verbindung mit dem Elektromagnet, im Verlauf von zwei bis drei Minuten magnetisiren. Es versteht sich, daß statt des temporären oder Elektromagnets auch ein starker permanenter Magnet angewandt werden könnte. Weichem Eisen, welches in einen Theil des menschlichen Körpers eingedrungen ist, kann man keine magnetischen Eigenschaften ertheilen und es daher mittelst des Magnets auch nicht nachweisen.

Um nun die Gegenwart eines Stahlstükchens, welches magnetisirt worden ist, in dem Körper zu entdeken, benuzt man eine magnetisirte Nähnadel, welche man an einem Seidenfaden aufhängt; nähert man dieselbe dem verdächtigen Theil, so wird sie gewisse Erscheinungen zeigen, vorausgesezt, daß derselbe ein Stük magnetisirten Stahls enthält. Diese einfache Vorrichtung genügt; ich selbst habe mir zu solchen Untersuchungen eine feine, etwa sechs Zoll lange Nadel verfertigen lassen, welche auf einem kleinen Achatschälchen centrirt ist und damit auf einer Stahlspize aufliegt, so daß sich ihrem freien Spiel nur der möglich geringste Widerstand darbietet.

Bringt man einen Theil, welcher magnetischen Stahl enthält, in die Nähe der Nadel, so kann er entweder angezogen oder abgestoßen werden, er wird sich aufwärts oder abwärts bewegen oder Unruhe zeigen, je nach der Lage, in welcher man den neuen Magnet hält. Die Lage des fremden Körpers, wenn er auch sehr klein ist, läßt sich auf die Art entdeken, daß man ermittelt, wo sein Nord- und Südpol liegt, welche sich dadurch zu erkennen geben, daß sie die entgegengesezten Pole der Magnetnadel anziehen und abstoßen. Die Unruhe, oder die Bewegung aufwärts und abwärts zeigt bloß Magnetismus an, aber nicht die Richtung des Magnets.

Ich habe auf diese Weise ein Nadelstükchen entdekt, welches in den Finger eines Mädchens eindrang, obgleich es nur den siebenten Theil eines Grans wog. Dasselbe gab so deutliche Anzeichen, daß ich die Lage seines Nord- und Südpols ziemlich gut herausfand, obgleich ich auf keine andere Weise die Gegenwart eines fremden Körpers ermitteln konnte. Ich habe auch über noch kleinere Stükchen Versuche angestellt und dabei gefunden, daß ein Nadelstükchen, welches den 60sten |416| Theil eines Grans wiegt, nach dem Magnetisiren seine Gegenwart noch deutlich anzeigt.“ (Philosophical Magazine, Februar 1845, S. 177.)

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