Titel: Die Seidenzucht im österreichischen Italien.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1845, Band 95, Nr. CXVI./Miszelle 7 (S. 490–492)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj095/mi095116_7

Die Seidenzucht im österreichischen Italien.

Wenn man die Seidendistricte des österreichischen Italien durchwandert, so bemerkt man mit vieler Genugthuung die Fortschritte, welche der so höchst wichtige Industriezweig der Seide seit einem Decennium, namentlich aber seit den lezten Jahren an manchen Orten gemacht hat; man muß den Eifer und die Ausdauer preisen, mit welchen Spinner und Zwirner (filatoglieri) die Bahn vorwärts verfolgen und den Nachbarn in Frankreich so manche nüzliche Verbesserung, so manches Zunftgeheimniß abgelernt und zu Hause in Ausführung gebracht haben; allein man findet bei genauer Untersuchung immerhin, daß der Geist des Fortschrittes sich denn doch noch nicht der Massen, sondern mehr nur einzelner thätiger und intelligenter Männer bemächtigt hat, während es scheint, als könne der Strahl der Intelligenz nicht bis zu manchen Gegenden durchdringen, als könne in manchen Köpfen der Hang an dem Alten so wenig als ein sich fortschleppendes Erdübel ausgerottet werden. Am meisten haben sich Mailand, die Brianza und Bergamo entwikelt, und Häuser wie Huber, Verza, Seffa, Prato, Keller, Gavazzi in Mailand, Berizzi in Bergamo haben das Verdienst, sehr viel zur Veredlung und guten Verarbeitung der Seide beigetragen zu haben. Der wohlthuende Einfluß solcher Beispiele erstrekt sich aber kaum über obengenannte Provinzen hinaus und im Brescianischen, Vicentinischen, in Friaul und Tyrol wird man schwer eine Spur von Verbesserung gewahr. Die drei ersten Provinzen finden in der an und für sich unedleren Natur ihre Seide, die niemals durch Kunst auf den Werth und die Vollkommenheit der Mailänder, Brianzoler etc. gebracht werden kann, eine Entschuldigung ihres Mangels an Wetteifer; Tyrol aber, das Districte besizt, welche den edelsten Urstoff hervorbringen, hat nur sich |491| selbst anzuklagen, wenn es seine Erzeugnisse nicht mit auf die erste Stufe bringt, und es erfüllt den Beobachter mit Bedauern, bei so viel Mitteln so wenig Unternehmungsgeist und Fortschritt anzutreffen. Nur wenige Männer sind es, und namentlich zwei zu Roveredo, die Gelegenheit hatten sich mit der Fabrication und den immer wachsenden Anforderungen und Bedürfnissen derselben vertraut zu machen; sie sind aus dem Geleise des Alltäglichen, Hergebrachten herausgetreten und haben weder Opfer noch Mühen gescheut, um ihrer Provinz neue Elemente der Prosperität zu schaffen. Diese Männer sind die HHrn. D. A Stofella della Croce und G. Bettini. Lezterer als Spinner und Zwirner bereits vortheilhaft bekannt, hat Verbesserungen mancher Art, ersterer aber ein ganz neues System eingeführt, und es dürfte am Plaze seyn, dieses hier ausführlich zu beleuchten. Jeder Fabrikant klagt nämlich über die bei jeder Seide in größerem oder geringerem Maaßstabe bestehenden, stets unbeseitigt gebliebenen Uebelstände: Ungleichheit des Fadens, Unzuverlässigkeit des Gewichts. Die Ungleichheit des Fadens reproducirt sich begreiflicherweise auf unvortheilhafte Art in den Stoffen und erschwert die stets nur annähernd bleibende Calculation derselben, während die Unsicherheit des Gewichts, das nach der bekanntlich in Frankreich und jezt auch am Rhein angenommenen Norm gesezlich 11 Proc. Feuchtigkeit (deren Grad durch absolute Troknung mittelst eines Dampfapparates ermittelt wird) begreifen darf, die bei einem so kostbaren Artikel doch so nothwendig erscheinende Controle über Winderinnen, Färber und Weber fast unmöglich macht. Das Uebel von Grund aus heben zu wollen wäre eine Chimäre, ihm aber nach allen menschlichen Kräften zu steuern hat Hr. Stoffella unternommen, und seine fortgesezten Versuche haben nun endlich Resultate herbeigeführt, die ihm außer der großen goldenen Medaille des niederösterreichischen Gewerbevereins den größten Dank einer bedeutenden Anzahl Fabrikanten und einen reißenden Absaz seines Products im In- und Auslande erworben haben. Hr. Stoffella war vor einiger Zeit in Wien, um sich mit den dasigen Fabrikanten neuerdings zu besprechen, ihre Wünsche zu vernehmen, und erhielt dort viele Glükwünsche über sein zwar schon länger von ihm angenommenes, aber erst jezt hinreichend vervollkommnetes System. Es ist dieses: Hr. Stoffella, anstatt die aus der Grèze angefertigte Trame (er liefert keine Organsins) in Stränge von unbestimmter Länge aufhaspeln, diese dann nach dem Auge sortiren und den Titre durch einzelne aus dem Haufen genommene Proben (provini) bestimmen zu lassen, ist nämlich auf den glüklichen Gedanken gekommen, seine Trame in Stränge von bestimmter Länge, einen jeden zu 1600 aunes, und diese wieder, je 400 aunes unterbunden, mittelst eines mechanischen Haspels aufwinden, jeden einzelnen Strang wiegen und je 200 Strang von ein und demselben Gewicht zu einem Bündel vereinigen zu lassen, gerade wie Baumwollengarn. Es ist nun einem Jeden einleuchtend, daß Stränge von gleicher Fadenlänge und von gleichem Gewicht nothwendigerweise auch von gleich starken Fäden seyn müssen. Allerdings muß eingeräumt werden, daß auch bei dergestalt behandelter Seide einzelne Stellen vorkommen können, die durch die schon dem Cocon eigene Ungleichheit von der Normalstärke etwas abweichen, allein man sieht, daß sich am Ende solche Abweichungen auf je 1600 aunes – die, auf die Waagschale gelegt, nicht um ein Aß differiren – wieder in sich selbst aufheben. Wiegt also ein Bündel von 200 Strängen und folglich 800 Fitzen (oder provini von je 400 aunes) 1 Pfd. 15 Loth Wienergewicht, so erhält der Fabrikant die Gewißheit (da 342 deniers = 1 Loth Wienergewicht sind), indem er das Gewicht 342 × 400 multiplicirt und das Facit mit 320,000 – der Ellenzahl – dividirt nur den Titre von 20 drs., ganz genau 20,0925 drs., zu verarbeiten. Umgekehrt ist er im Stande, sich auszurechnen, daß er zu einer Elle Stoff, wozu eine Fadenlänge von 16,000 aunes und eine Fadenstärke von 20 drs. nöthig ist, nicht mehr und nicht weniger als 2 1/3 Loth Seide bedarf. Bedient er sich dagegen der ungemessenen Seide, so kann er eine genaue Calculation erst, nachdem der fertige Stoff vom Webestuhl gekommen, anstellen, und es erwächst ihm aus dieser Unsicherheit oftmals erheblicher Nachtheil.83) Die |492| Handelskammer in Lyon, von der Wichtigkeit der Messung durchdrungen, hat in ihrer Sizung vom 19. März 1840 Prämien im Gesammtbetrage von 14,000 Fr. für Erzeuger von wenigstens 500 bis 2000 Kilogr. gemessener Seide ausgesezt und vertheilt. Es ist hier nicht der Ort, die Wohlthaten, welche Hr. Stoffella seiner Provinz durch sein Etablissement erweist, ausführlich zu besprechen, es genüge zu sagen, daß dieses nicht nur an 300 Waisenmädchen Brod und Erziehung verschafft, sondern daß es nebenbei als Pflanzschule für gute Seidenarbeiterinnen zu betrachten ist. In Wien ist kaum mehr ein Fabrikant von Bedeutung, der nicht vorzugsweise gemessene Seide verarbeitete, und gern höhere Preise als für die gewöhnliche gleicher Qualität bezahlte, und man wünscht allgemein, daß neben der Stoffella'schen 30,000 Wr. Pfd. producirenden Fabrik noch andere ins Leben treten möchten, um den immer zunehmenden Bedürfnissen unserer Manufacturisten genügen zu können. (Augsb. Allg. Ztg.)

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In Nr. 101 vom 18. Dec. 1844 des „österreichischen Lloyd“ wird schon von einem andern Correspondenten der gemessenen Seide und folgender Vortheile derselben Erwähnung gethan: 1) Ersparung des Sortirlohns in den Fabriken; 2) Ersparung an Winderlohn, da gemessene Seide sich viel leichter abwinden läßt als gewöhnliche; |492| 3) genaue Controle über Färber und Arbeiter, da man nur die Stränge zu zählen hat, um stets das genaue Gewicht zu ermitteln, so daß jedem Unterschleif um so eher vorgebaut ist, als die bei diesem System angewandte Unterbindung nicht einmal das Entwenden weniger Ellen Seide zuläßt; 4) Gleichheit und somit größere Solidität und Schönheit der Stoffe.

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