Titel: Ueber Verwendung der Oehlkuchen in England.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1845, Band 96, Nr. XV./Miszelle 12 (S. 84–86)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj096/mi096015_12

Ueber Verwendung der Oehlkuchen in England.

Der Umstand, daß die Ausfuhr der Oehlkuchen aus Holland, Preußen, Hessen Holstein u.s.w., so wie aus Hannover nach England in neuerer Zeit bedeutend zugenommen hat, ist Veranlassung gewesen, darüber genauere Erkundigungen einzuziehen, wozu die Oehlkuchen dort verwendet werden. Die hierüber aus England erhaltenen Nachrichten ergeben nun, daß die Mohnkuchen zum Futter für Schweine, die Leinkuchen gleichfalls zum Viehfutter, für Kühe, Schafe und – wie hier hinzugefügt wurde – für Pferde (?), die Rapskuchen aber als Düngungsmittel auf Weiden und in Parks gebraucht würden. Hinsichtlich der Rapskuchen wurde jedoch zugleich die Vermuthung und von anderer Seite her die Gewißheit ausgesprochen, daß ihnen vorher noch Oehl, sogar bis zu 10 Proc., entzogen würde.

Ueber die Oehlgewinnung in England wurde bemerkt, daß solche in der Regel mittelst Stampfen geschehe, daß jedoch in London auch zwei Oehlmühle mit hydraulischen Pressen beständen. Aus einem Ouarter (8 Bushel à 52 Pfd. engl. Gewicht) Saat,

also aus 416 Pfd. engl. Gewicht Saat,
gewinne man in der Regel 150 bis 160 Pfd. Oehl.
–––––––
Es bleibe mithin Masse 266 Pfd.
Zuschlag an Wasser 10 –
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gebe 276 Pfd. Oehlkuchen.

Der Preis der Kuchen sey 5 Pfd. St. per Tonne zu 20 engl. Centnern. Stellt man die Angaben über den Oehlgewinn aus Raps mit den von dem Hrn. Mühleninspector Heins zu Harburg hierüber erhaltenen Mittheilungen zusammen, so ergibt sich Folgendes:

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In England wird gewonnen aus 416 Pfd. Samen: 150 bis 160 Pfd. Oehl, also 36,06 bis 38,46 Proc.

In dem Heins'schen Etablissement erhält man dagegen

Mittelst Anwendung holländischer Pressen 34,87 Proc.
hydraulischer Pressen mit einer Vorschlagspressung
von 9 oder 7 Minuten

36,06 –
hydraulischer Pressen mit einer Vorschlagspressung
von 12 Minuten

36,25 –
holländischer und hydraulischer Pressen 35,39 bis 35,41 –

Berüksichtigt man nun, daß die Versuche, worauf der Mühleninspector Heins seine Angaben gegründet hat, mit einer nicht sehr öhlreichen Saat, 43 Pfd. per hannov. Himpten, angestellt sind, so ist es wahrscheinlich, daß das Resultat von Preßversuchen mit der schwereren Sorte Samen (1 Bushel zu 52 Pfd. engl. Gewicht berechnet sich zu 50 Pfd. hannov. Gewicht auf 1 hannov. Himpten) sich den Ergebnissen in England sehr genähert, vielleicht dasselbe erreicht haben würde.

Vergleicht man ferner den vollkommenen Preßapparat des Hrn. Heins mit den sonst in Hannover üblichen mangelhaften Oehlpressen, so ist es nicht zu bezweifeln, daß die in den lezteren gewonnenen Oehlkuchen noch einen bedeutenden Oehlgehalt besizen.

Daß aber aus solchen nur mangelhaft ausgepreßten Oehlkuchen noch Oehl in nicht unbeträchtlicher Menge gewonnen werden kann und auch in Hannover auf vollkommneren Apparaten gewonnen wird, ergibt sich aus einer Mittheilung des Mühlenbesizers J. H. Steffens zu Heiligenrode, Amts Syke, mit dessen Genehmigung hierüber Folgendes bemerkt wird: Zur Oehlfabrication wird in seiner Mühle nur die holländische Presse angewendet; die sonstige innere Einrichtung der Mühle beruht auf den von dem Besitzer gesammelten Erfahrungen17), so wie demselben daneben bei der Behandlung des Samens zur Oehlgewinnung von Außen erlangte Geheimnisse zu Gute kommen.18) – Die zum Nachpressen bestimmten Kuchen werden nicht gemahlen, was anderer Orten wohl zu geschehen pflegt, sondern gestampft, jedoch nicht zu fein und nicht zu grob bearbeitet. Die Masse wird dann gepreßt, wobei die Mühlpresse zur Zeit genau 50 Schläge mit einem Preßgewichte von 400 Pfd. geben muß, damit man das zurükgelassene Oehl gewinne. Man bedient sich hiebei (wahrscheinlich zum Zählen der Schläge) einer besonders eingerichteten Uhr. Die neuerdings angestellten Versuche haben ergeben, daß aus dem in gewöhnlichen Oehlmühlen (Roßmühlen u.s.w.) zu Kuchen verarbeiteten Samen noch 200 Pfd. Oehl aus der Last Saat, also noch 4,16 Proc. Oehl mehr zu ziehen gewesen wäre.

Nimmt man nun an, daß mittelst der Steffens'schen Pressen mindestens kein größerer Oehlertrag zu erlangen ist, als mit den Heins'schen Keilpressen, nämlich von dem Samen durchschnittlich 34,87 Proc., so würden die mangelhafteren Apparate (Roßmühlen u.s.w.) aus Saat nicht mehr Oehl liefern, als 34,87 Proc. weniger, die nachträglich ausgezogenen 4,16 Proc., also überhaupt etwa 30,00 Proc. der Saat, so daß also diese 4,16 Proc. ungenuzt in den Kuchen, 70,00 Proc. der Saat, enthalten sind. Es würden mithin 100 Theile dieser Kuchen 5,94 Theile noch zu gewinnenden Oehls in sich schließen.

Berüksichtigt man jedoch, daß schon die Heins'schen Keilpressen mit 500 Pfd. schwerem Preßhammer einen größern Effect ausüben dürften, als die Steffens'sche Keilpresse mit einem Preßgewichte von nur 400 Pfd., daß ferner der Oehlgewinn in der Heins'schen hydraulischen Presse sogar 1,38 Proc. größer seyn kann als bei Anwendung der Keilpresse, so hat die von England erhaltene Mittheilung, daß den importirten, auf gewöhnlichen Oehlmühlen gewonnenen |86| Oehlkuchen noch bis zu 10 Proc. Oehl entzogen würde, viel Wahrscheinlichkeit für sich.

Worin der große Unterschied in den Preisen der Oehlkuchen – indem für diese in England etwa im April d. J. 5 Pfd. St. per Tonne, also 1 Thlr. 15 gGr. 10 Pf. per 100 Pfd. hannov. Gewicht, gezahlt worden seyn sollen, während sie nach den hier erhaltenen Nachrichten von den Oehlmüllern für den geringen Preis von 1 Thlr. per 100 Pfd. hannov. Gewicht abgegeben sind – beruhe, kann augenbliklich nicht näher angegeben werden. Nimmt man aber an, daß aus jedem 100 Pfd. mangelhaft ausgepreßter Kuchen nur die Hälfte des auf 10 Proc. angegebenen Oehlgehalts, also nur 5 Proc. zu ziehen gewesen ist, und berechnet man den Werth desselben nach dem damaligen ungefähren Durchschnittspreise von 3 gGr. pro Pfund, so ergibt sich, daß aus dem 100 Pfd. mangelhaft gepreßter Kuchen bei nochmaliger Verarbeitung in vollkommneren Preßapparaten noch ein Nuzen von 15 gGr., von dem jedoch die Kosten des Nachschlagens noch abzuziehen sind, zu ziehen gewesen seyn würde.

Indem sich aus dem Vorstehenden die Zunahme der Einfuhr von Oehlkuchen in England erklärt, liegt hierin auch ein neuer Beweis, wie wir beim Festhalten an dem von Alters hergebrachten Verfahren in den gewerblichen Betrieben uns durch die Fortschritte des Auslandes überflügeln lassen. (Mittheilungen des Gewerbevereins für das Königr. Hannover, 1844, 35ste Lief.)

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Die Oehlkuchen werden in dieser Mühle in abgestumpfter Keilform hergestellt, weil die Saat in solcher Form allmählich gepreßt und vollständiger vom Oehle befreit werden soll, als in vierekiger oder runder Gestalt. – Die Enveloppen um die Kuchen sind mit Pferdehaar durchwirkt, weil diese das Oehl besser loslassen.

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Beiläufig ist bemerkt, daß aus theilweise verdorbenem oder schadhaftem Samen doch noch ein gutes Oehl zu erhalten sey, wenn derselbe beim Darren mit Wasser befeuchtet werde, indem bei der Verdunstung des Wassers die fremden Stoffe weggeführt würden.

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