Titel: Neues Flachsrotte-Verfahren.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1845, Band 96, Nr. XV./Miszelle 13 (S. 86–88)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj096/mi096015_13

Neues Flachsrotte-Verfahren.

Die Unbequemlichkeiten und Nachtheile der gewöhnlichen Flachs- und Hanf-Rotte sind zahlreich und wichtig: die Reinigung des Wasserbettes, wenn in fließendem Wasser gerottet wird, oder die Anlegung besonderer, oft eine Pilotirung erfordernder Rottegruben; die nöthige Belastung des Flachses und Hanfes mit Steinen oder andern schweren Gegenständen; dabei die fortgesezte, beschwerliche oder gar ungesunde Arbeit im Wasser, oftmals bei niedriger Temperatur; die Abhängigkeit von der Witterung; die Gefahr in fließendem Wasser, besonders bei einfallenden Regengüssen, einen Theil des Materials fortgerissen zu sehen und zu verlieren; die abscheulich stinkende, auf ansehnliche Entfernung sich verbreitende Ausdünstung, welche nicht selten für die Gesundheit der Umwohner nachtheilig wird; das Sterben der Fische in dem Rottwasser, und der Schaden, welchen das Vieh erleidet, wenn es solches Wasser zur Tränke hat; endlich die Gefahr des Verrottens, bei nicht genügend sorgfältiger Aufsicht. – Zu verschiedenen Zeiten sind deßhalb allerlei Mittel vorgeschlagen und versucht worden, um die Rotte zu verbessern oder zu ersezen: die Anwendung von kaltem oder warmem, aus einiger Höhe herabfallenden Wasser; – die Benuzung von mehr oder weniger gespanntem Wasserdampf; – das Eingraben des Flachses in die Erde; – das Begießen der in Haufen zusammengelegten Pflanze mit Wasser, um eine Gährung zu erzeugen; – die Behandlung mit kalter oder warmer Kalkmilch; – deßgleichen mit kalten oder warmen Auflösungen von Kali oder Natron entweder in äzendem oder in kohlensaurem Zustande; – endlich die Behandlung mit fast kochendheißer Auflösung von grüner Seife. Keine dieser Verfahrungsarten hat eine regelmäßige Anwendung erlangen können, theils wegen der Schwierigkeit, sie allerwärts auszuführen; theils wegen des hohen Preises der erforderlichen Materialien oder Apparate; theils wegen der verwikelten Natur der Operationen. Nur allein die bekannte Thaurotte steht als Concurrentin der weit allgemeiner üblichen Wasserrotte da, ist aber mit großem Zeitaufwande und mit der Gefahr, bei ungünstiger Witterung Verderben oder Verlust am Flachse herbeizuführen, verknüpft.

Unter diesen Umständen verdient es alle Aufmerksamkeit, daß kürzlich in Frankreich eine aus den HHrn. Rouchon, Gisquet, Avoustin und Saint-Amand bestehende Gesellschaft mit einer ganz neuen Methode zum Rotten des Flachses oder Hanfes hervorgetreten ist. Diese Methode ist in Paris, zuerst auf den Wunsch der Erfinder von einer Privat-Commission, dann auf Veranlassung des Ministers der Agricultur und des Handels von einer amtlichen Commission geprüft worden. Die erstere Commission hatte ihren Bericht am 2. Decbr. 1842, die leztere im April 1843 erstattet. Angesehene Namen bewährter wissenschaftlicher und praktischer Männer liest man in den beiden Verzeichnissen der Commissionsmitglieder, |87| so daß die Glaubwürdigkeit der Resultate keinem Zweifel unterliegt, obschon das Verfahren zur Zeit noch geheim gehalten wird.

Die erste Commission nahm ihren Versuch in einem ganz verschlossenen Zimmer vor, um über die etwaige Entwikelung eines Geruches sicher urtheilen zu können. Die Behandlung fand mit zwei Portionen Hanf, die eine aus acht, die andere aus zwei Bündeln bestehend, statt- um auszumitteln, ob die Zusammenhäufung einer größeren Menge Hanf den Gang der Erscheinungen modificire. Vom 25. Oktober bis zum 7. November, also 14 Tage, dauerte das Verfahren, wovon jedoch im Ganzen nur 3 Stunden 2 Minuten wirkliche Arbeitszeit waren, und außerdem das Material sich selbst überlassen blieb. Während der ganzen Dauer des Versuchs stand die Temperatur des (gewöhnlich sehr feuchten) Zimmers auf + 3° bis + 8° C. Anfangs offenbarte sich in geringem Grade der eigenthümliche natürliche Geruch der Hanfpflanze, welcher aber nach und nach verschwand, ohne einem fauligen Geruche Plaz zu machen; in den lezten drei Tagen bemerkte man im Gegentheile einen etwas aromatischen Geruch. Am Ende jener 14 Tage war der Hanf so weit gediehen, daß er nur noch des Troknens bedurfte, um sogleich gebrochen zu werden. Während des Brechens entstand nur wenig Staub; die Schäbe nahm keine Fasern mit sich, die zurükbleibende reine Faser zeigte eine fast unbemerkbare gelbliche Farbe. Der gebrochene Hanf wurde in der Werkstätte eines Seilers vor den Augen der Commission gehechelt und versponnen, vergleichungsweise mit Hanf, welcher auf gewöhnliche Weise gerottet war. Beim Hecheln staubte der nach der neuen Methode gerottete Hanf sehr wenig, im Vergleich zu dem gewöhnlichen, den der nämliche Arbeiter behandelte; und ersterer lieferte mehr reinen Hanf nebst weniger Hede. Der Seiler schäzte den Werth des nach der neuen Art dargestellten Hanfes auf 140 Fr., den des damit verglichenen gewöhnlichen Hanfes nur auf 120 Fr. die 100 Kilogramme. Der Ausfall an reinem oder Spinn-Hanf und an Hede war wie folgt (nach Procenten):

Spinn-Hanf. Hede.
Hanf von Noyon, nach gewöhnlicher Art gerottet 43,95 – 56,05
Derselbe nach Rouchon's Verfahren gerottet 56,56 – 43,44.

Nach ihren Beobachtungen hielt die Commission sich berechtigt, dem neueren Rotte-Verfahren folgende Vorzüge zuzuerkennen: 1) Es erfordert nur äußerst einfache Mittel, kann überall, in jeder Jahreszeit, in verschlossenen Gemächern oder im Freien ausgeführt werden, und verlangt nur täglich – während 12 bis 15 Tagen – einige wenige Minuten wirklicher Arbeitszeit. Die bei der Operation anzuwendenden Substanzen sind von sehr niedrigem Preise, und können wahrscheinlich sogar noch eine Benuzung finden, nachdem sie zum Flachs- oder Hanf-Rotten gedient haben. Die Operationen selbst sind von solcher Einfachheit, daß Personen von der geringsten Fähigkeit sie verrichten können. – 2) Niemals ist der geringste Verlust an dem in Bearbeitung genommenen Materiale zu befürchten. – 3) Es entsteht kein unangenehmer Geruch, und auf die fließenden oder stehenden Wasser des Ortes wird durchaus keine Einwirkung ausgeübt. – 4) Auch während des Troknens nach dem Rotten entwikelt der Flachs oder Hanf keinen Geruch. – 5) Beim Brechen entsteht kein bemerkbarer Staub und kein Geruch; es gehen keine Fasern in die Schäbe. – 6) Beim Hecheln ist ebenfalls kein Staub und kein Geruch zu bemerken; der reingehechelte Hanf ist von größerer Länge, und wird in größerer Menge gewonnen, als in Folge der gewöhnlichen Rotte; der Abgang an Hede ist demgemäß geringer. – 7) Der Hanf sowohl als die Hede sind weicher und lassen sich besser spinnen. – 8) Die aus dem Hanfe gefertigten Geile etc. sind entsprechend schöner und preiswürdiger.

Die zweite Commission vollführte ihren Versuch in einem verschließbaren Schoppen vom 29. Decbr. bis zum 6. Januar; dann zum zweitenmale vom 9. bis zum 16. Januar. Sie bezeugt, daß der Hanf dabei keinen Gestank, sondern nur etwa vom vierten bis zum fünften Tage einen schwachen spirituösen, fast ätherartigen Geruch verbreitet; ferner, daß die zur Behandlung angewendete Substanz durchaus nicht der Gesundheit schädlich sey. Alle von der ersten Commission angegebenen Vorzüge des neuen Verfahrens fanden sich vollkommen bestätigt. Ein dritter Versuch wurde kurz nachher mit eben so günstigem Resultate in einem Zimmer vorgenommen; und zugleich ließ man eine Portion des nämlichen rohen Hanfes in dem Bievre-Flusse nach der gebräuchlichen Art rotten, wozu 14 Tage |88| erforderlich waren. Der gebrochene und gehechelte Hanf wurde von zwei sehr erfahrenen Sachkennern (Hanfhändlern) als höchst vortreffliche Waare bewundert.

Man erhielt durch das Hecheln aus zwei gleich großen abgewogenen Portionen des nämlichen Hanfes, jede zu 2,700 Kilogramm (etwa 5 3/4 Pfd. kölnisch):

Im Wasser nach
gewöhnlicher Art
gerottet.
Nach der
neuen Methode
gerottet.
Reinen Spinnhanf 1,310 Kilogr. – 1,660 Kil.
Hede 1,210 – – 1,035 –
Abfall 0,180 – – 0,005 –
––––––––––––––––––––––––––––
2,700 Kilogr. 2,700 Kil.

Man ließ nun von jeder dieser zwei Hanfsorten 12 Schnüre und Strike verfertigen, beziehungsweise von gleichem Gewichte bei gleichen Längen, und prüfte deren absolute Festigkeit durch Zerreißung unter Anwendung eines Dynamometers. Hiebei wurden folgende Resultate erhalten:

Textabbildung Bd. 96, S. 88

Es geht hieraus hervor, daß das neue Rotte-Verfahren ein festeres Material liefert, als die jezt übliche Behandlung.

Dem Vernehmen nach ist Hr. Gaultier de Claubry, Professor der Chemie an der Ecole polytechnique zu Paris, im Begriffe, ein Patent für die in Rede stehende Rotte-Methode bei der königlich hannover'schen Regierung nachzusuchen, so daß unser Land bald im Stande seyn wird, von dieser allem Anscheine nach höchst werthvollen Erfindung Vortheil zu ziehen. K. (Mittheilungen des Gewerbevereins für das Königreich Hannover. 1844, 35ste Lief.)

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