Titel: Ueber das Ozon.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1845, Band 96, Nr. LX./Miszelle 7 (S. 253–255)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj096/mi096060_7

Ueber das Ozon.

Die Beilage zur Augsb. Allgem. Zeitung vom 6. Mai d. J. enthält über die Ergebnisse der neuesten Untersuchungen hinsichtlich dieses merkwürdigen Körpers33) folgenden Bericht:

„Da der Berichterstatter (Prof. Schönbein) das Ozon mit Hülfe der Elektricität aus gewöhnlicher atmosphärischer Luft, bei der Volta'schen Zersezung des lufthaltigen Wassers, wie auch bei der Einwirkung des Phosphors auf ein Gemeng von Sauerstoff- und Stikstoffgas erhielt, nie aber mit Phosphor und bloßem Sauerstoff, oder mit Phosphor und Stikstoff allein; da ferner das Ozon Eigenschaften zeigt, wesentlich übereinstimmend mit denen des nach unserer heutigen Theorie für einfach geltenden Chlors und Broms, so war er geneigt zu vermuthen, daß jenes Ozon ebenfalls von elementarer Natur seyn dürfte. Insofern |254| aber dem Sauerstoff durch sein gesammtes chemisches Verhalten der Stempel der Einfachheit so sehr aufgedrükt ist, daß man ihn zu allerlezt für eine zusammengesezte Materie halten kann, der Stikstoff aber seiner Indifferenz und anderer Gründe halber schon längst in Verdacht der Zusammengeseztheit steht, so lag der Gedanke nicht so entfernt, daß der rätselhafteste Stoff der Chemie vielleicht der Träger des Ozons sey, und diesen Gedanken hat Referent allerdings längere Zeit gehegt. Gewißheit über diesen Gegenstand schien nur durch die Isolirung dieses merkwürdigen Körpers zu erlangen zu seyn, und diesem Ziel steuerte man daher in der lezten Zeit zu. Aber troz des Umstandes, daß viele einfache Körper das Ozon schon bei gewöhnlicher Temperatur verschluken, und die verschiedensten Wege eingeschlagen wurden, um eine Verbindung darzustellen, aus welcher die fragliche Materie rein abgeschieden werden könnte, so waren doch alle diese vielfachen Bemühungen vergeblich, und immer nur wurden einfache Oxydationswirkungen mit den in Behandlung genommenen Substanzen erhalten. Biese negativen Resultate führten den Referenten wieder auf seine erste Vermuthung zurük, daß das Ozon eine höhere Oxydationsstufe des Wasserstoffes seyn könnte, und veranlaßten ihn das Stadium der Bedingungen wieder aufzunehmen, welche für die Bildung jener Materie unerläßlich nothwendig sind.

Bei diesen Untersuchungen gelangte er zu folgenden Ergebnissen: 1) werden Phosphor, atmosphärische Luft und Wasser bei einer Temperatur von 30° C. so in Wechselwirkung gesezt, daß ersterer Körper mit den beiden nachgenannten Materien gleichzeitig in Berührung kommt, so erzeugt sich Ozon so reichlich wie auf keinem andern bis jezt bekannt gewordenen Wege; 2) je mehr der atmosphärischen Luft ihr Wassergehalt entzogen wird, um so langsamer findet unter sonst gleichen Umständen die Bildung des Ozons statt, so daß lezteres bei möglichster Trokenheit der Atmosphäre so gut als gar nicht zum Vorschein kommt; 3) gegen ein Gemeng von Sauerstoff und Kohlensäure verhält sich der Phosphor in Bezug auf die Ozonbildung gerade so wie gegen die gewöhnliche Luft, während in reinem Sauerstoff, reinem Stikstoff und reiner Kohlensäure, selbst wenn sie wasserhaltig sind, kein Ozon sich erzeugt; 4) läßt man die mit Hülfe des Phosphors ozonisirte atmosphärische Luft oder den auf Volta'schem Wege ausgeschiedenen und ozonhaltigen Sauerstoff langsam durch eine enge Glasröhre strömen, und erhizt man leztere bis auf einen gewissen Grad, so wird das Ozon zerstört, und verhält sich nun die ausströmende Luft oder der ausströmende Sauerstoff wie gewöhnliche Luft oder wie gewöhnlicher Sauerstoff. Das Ozon ist unter diesen Umständen wie vernichtet, es tritt aber dasselbe mit allen seinen charakteristischen Eigenschaften wieder auf, sobald die Röhre, durch welche eine Ozonatmosphäre strömt (bis auf einen gewissen Grad), sich wieder abgekühlt hat.

Wie der Berichterstatter schon vor fünf Jahren ermittelte, erzeugt sich der sogenannte elektrische Geruch nicht an den Ausströmungsspizen eines Conductors, falls dieselben eine gewisse Temperatur haben, tritt aber wieder auf, wenn man die Spizen bis auf einen gewissen Grad sich abkühlen läßt. Referent hat sich nun auch überzeugt, daß die chemischen Reaktionen, welche dem Ozon und somit auch der elektrischen Atmosphäre eigen sind, aufhören, sobald die Ausströmungsspizen diejenige Temperatur erlangt haben, bei welcher das entweder auf Volta'schem oder chemischem Wege erzeugte Ozon zerlegt wird. Diese und andere Thatsachen, deren nähere Bezeichnung nicht hieher gehört, scheinen es außer Zweifel zu stellen: 1) daß die Anwesenheit des Stikstoffes keine nothwendige Bedingung für die Bildung des Ozons ist; 2) daß ohne Wasser und freien Sauerstoff kein Ozon erzeugt werden kann, und 3) daß lezteres kein elementarer Körper sey, weil er sonst durch die Wärme nicht verändert werden könnte. Auch wird es aus den vorliegenden und andern Thatsachen höchst wahrscheinlich, wo nicht gewiß, daß das elektrische, Volta'sche und chemische Ozon eine höhere Oxydationsstufe des Wasserstoffes oder, wenn man lieber will, eine eigenthümliche Verbindung des Wassers mit dem Sauerstoff sey.

Unabhängig von dem Referenten, gelangten dessen Freunde, die HHrn. Marignac und de la Rive, zu Resultaten, welche die vorhin berührten theils ergänzen, theils bestätigen, und die hier erwähnt zu werden verdienen, da dieselben theilweise noch nicht veröffentlicht sind. Die genannten Genfer Naturforscher, indem sie Wasser, aus welchem mit Sorgfalt jede Spur von Stikstoff oder eine stikstoffhaltige Materie ausgeschlossen war, der Einwirkung der, Säule unterwarfen, erhielten am positiven Pole so lange Ozon, als der Strom durch die Flüssigkeit ging, vorausgesezt, |255| daß leztere durch künstliche Mittel möglichst kalt gehalten wurde. Marignac ließ große Mengen ozonisirter Luft in Berührung treten mit fein zertheiltem Silber, das die Eigenschaft in einem ausgezeichneten Grade besizt das Ozon zu verschluken, und konnte hiebei keine andere Verbindung als reines Silberoxyd erhalten. Eine wässerige Lösung reinen Jodkaliums der gleichen Behandlung unterworfen, lieferte dem Genfer Chemiker nichts als jodsaures Kali, etwas kohlensaures Kali und freies Jod – ein Resultat, welches Referent früher schon erhielt. Auch fand Marignac, daß trokene Luft mit Phosphor eben so wenig Ozon erzeugt als Sauerstoff, oder Stikstoff, oder Wasserstoff, oder kohlensaures Gas für sich allein, daß sich aber ein feuchtes Luftgemeng von Sauerstoff und Wasserstoff oder Kohlensäure gerade so verhält wie die wasserhaltige gewöhnliche Atmosphäre.

Faßt man nun die vorliegenden Thatsachen zusammen, so werden sie begreiflich, wenn man von folgenden Annahmen ausgeht: 1) das Ozon ist eine eigenthümliche (von dem Thenard'schen oxydirten Wasser entweder durch Isomerie oder Zusammensezung verschiedene) aus Wasser und Sauerstoff bestehende Materie, in welcher der leztere in einem so sehr chemisch erregten Zustande sich befindet, daß er bei gewöhnlicher Temperatur mit einer großen Anzahl oxydirbarer Materien chemische Verbindungen einzugehen vermag unter Abscheidung von Wasser; 2) durch eine katalytische Thätigkeit des Phosphors und der Elektricität werden Sauerstoff und Wasser befähigt in diejenige Verbindung zu treten, welche Ozon genannt wird; 3) das Ozon wird bei einer gewissen Temperatur in Wasser und Sauerstoff zerlegt.“

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Man vergl. polytechnisches Journal Bd. XCIV S. 163.

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