Titel: Ueber das neue Flachsrotte-Verfahren des Hrn. Duhellès.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1845, Band 96, Nr. LX./Miszelle 9 (S. 255–256)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj096/mi096060_9

Ueber das neue Flachsrotte-Verfahren des Hrn. Duhellès.

Hr. Chevreul hat über dieses Verfahren der Société royale et centrale d'agriculture (zu Paris) folgenden Bericht erstattet:

„Die Veränderungen, welche Hr. Duhellès an dem gewöhnlichen Rotteverfahren machte, bestehen in Folgendem:

1) Der ausgezogene und geriffelte Lein wird vor dem Rotten mit Dreschflegeln auf einer Tenne zerquetscht, während man gewöhnlich den ausgezogenen und geriffelten Lein unmittelbar in die Rottegrube bringt.

2) Der Lein wird in einen Kasten gebracht, welchen man mit Wasser füllt; derselbe ist am Boden mit einem Schieber versehen, so daß man ihn beliebig öffnen und das Wasser auslaufen lassen kann. Das erste Wasser bleibt 48 Stunden lang darauf, so wie auch das zweite; die anderen aber läßt man erst ablaufen, wenn sie anfangen einen Geruch zu verbreiten; da sich nun das Wasser im Rottekasten eigentlich niemals verändert, so nennt der Erfinder sein Rotteverfahren das unschädliche (procédé de rouissage sans infection), im Gegensaz mit dem gewöhnlichen, wobei das Wasser lange genug mit dem Lein in Berührung bleibt, um eine stinkende und ungesunde Ausdünstung zu verbreiten in Folge der Fäulniß der Substanz, welche dem Lein durch die Rotte entzogen werden muß.

Nach Hrn. Duhellès hat sein Verfahren folgende Vortheile:

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1) die Schnelligkeit der Rotte, zu welcher nach seiner Angabe nur halb so viel Zeit erforderlich ist als gewöhnlich;

2) das Aufhören der stinkenden Ausdünstung, welche bei dem gegenwärtigen Rotteverfahren stattfindet;

3) durch das neue Verfahren erhält man mehr Spinnflachs, weniger Hede und weniger Abfall; man erhielt nämlich beim Hecheln von 10 Kilogr. Lein:

Textabbildung Bd. 96, S. 256

Ob diese Vortheile wirklich begründet sind, vermögen wir nicht zu entscheiden; über das Duhellès'sche Verfahren, so weit es bis jezt bekannt geworden ist, haben wir aber Folgendes zu bemerken.

I. Bemerkung. Zugegeben das aus dem Rottekasten kommende Wasser verbreite keinen stinkenden Geruch, wenn man es in einen Fluß oder Canal von starker Strömung einlaufen läßt oder wenn es gehörig von einem Boden verschlukt wird, welchen man damit zu bewässern oder durch die im Rottewasser aufgelösten Substanzen zu düngen beabsichtigt; so ist doch nicht zu bezweifeln, daß dieses Wasser in Folge der Fäulniß der darin aufgelösten Körper einen ungesunden Geruch ausstoßen wird, falls man genöthigt ist es in den Behältern verweilen zu lassen, besonders wenn es ursprünglich Gyps oder andere schwefelsaure Salze enthält.

II. Bemerkung. Um den nach dem neuen Verfahren erhaltenen Spinnflachs gehörig beurtheilen zu können, müßte man wissen, wie viel dieser Spinnflachs in Vergleich mit derselben Quantität eines Spinnflachses aus Lein, welcher nach der gewöhnlichen Art gerottet wurde, bei der Behandlung mit alkalischen Laugen an Gewicht verliert; es könnte nämlich seyn, daß bei dem neuen Rotteverfahren die Holzfaser nicht so viel zersezbare Substanz verliert, wie bei der gewöhnlichen Wasserrotte und daher die Laugen aus solchem Spinnflachs mehr auflösen als aus gewöhnlichem; bei Beurtheilung eines Rotteverfahrens darf man niemals außer Acht lassen, wie nachtheilig es ist, wenn ein Flachs noch verschiedene fremde Körper, besonders Pectinsäure oder Pectin enthält, welche bei dem alten Rotteverfahren ziemlich vollständig abgesondert werden.

III. Bemerkung. Die Färbung des Spinnflachses schreibt Hr. Duhellès einer erdigen Substanz zu, welche sich aus dem Wasser im Rottekasten niederschlägt. Allerdings kann der mittelst des Dreschflegels zerquetschte Lein mehr nach Art eines Filters wirken und folglich die im Wasser schwebenden Theile besser zurükhalten, als der nicht zerquetschte, welcher seine cylindrische Form beibehielt; es gibt aber noch eine andere Ursache der Färbung, nämlich die Einwirkung des in den meisten Wässern enthaltenen Eisenoxyduls auf den im Leinstengel enthaltenen Gerbestoff, wodurch eine blaue Verbindung entsteht, die aber in Grau oder Röthlichbraun übergeht, wenn sie mit einem Stoff von gelber oder röthlicher Farbe vermengt ist.“ (Echo du monde savant, 1845 No. 13.)

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