Titel: Ueber die Eisenschienen-Erzeugung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1845, Band 96, Nr. LXXXII./Miszelle 1 (S. 327–328)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj096/mi096082_1

Ueber die Eisenschienen-Erzeugung.

Die deutsche Eisenindustrie hat ihren Siz größtentheils im Rheinlande und in Westphalen, außerdem noch in Schlesien. Was die Natur in dieser Hinsicht für die Gegenden an der Sieg, Eber und Kahn gethan, übertrifft alles was man anderwärts findet. Der Eisenstein, welcher in den ebengenannten Gegenden gefördert wird, ist von solcher Reichhaltigkeit, das Eisen von solcher Güte, daß vielleicht nirgendwo anders gleich vortreffliches Material sich darstellen läßt. Nur ist der großen Kosten der Brennstoffe wegen die Förderung weit geringer als sie seyn könnte, und wie es thatsächlich ist, daß Eisensteine als solche von der Lahn nach Straßburg und nach Basel transportirt werden, statt daß man in der Nähe ihrer Förderung das Eisen daraus gewinnt, so ist es auch gewiß, daß bei den reichen Lagern zwischen Rhein, Sieg und Lahn das Quantum der jährlichen Förderung verzehnfacht, ja bis zu einem Ungeheuern Betrag erhöht werden könnte, ohne eine Erschöpfung in Jahrhunderten besorgen zu müssen. Die zwekmäßige Benuzung dieser Schäze ist zu allen Zeiten ein würdiger Gegenstand der Aufmerksamkeit der Behörden und des Publicums: in der Gegenwart hat sie ein besonderes Interesse, welches künftig eine stets zunehmende Wichtigkeit gewinnen muß. Die gegenwärtig im Bau begriffenen oder zum Bau bestimmten Eisenbahnstreken im Zollvereinsgebiete sind auf eine Gesammtlänge von 340 geographischen Meilen anzuschlagen. Ein großer Theil derselben wird ihrer Bedeutung für den Welthandel wegen doppelte Schienen erhalten müssen. Der Bedarf an Schienen, Schienenplatten und Nageln für diese Bahnen (1 Fuß Schienenlange kann nicht wohl unter 18 Pfd. angenommen werden) berechnet sich zu 15,000 Cntr. die Meile, also im Ganzen auf 5,100,000 Cntr., mithin im Geldwerthe von 40 Mill. Gulden, wenn man durchschnittlich den Cntr. auf 8 Gulden anschlagt. Die Bauzeit für die Bahnen, welche hier ins Auge gefaßt worden, ist auf 5–6 Jahre festgesezt, also ein jährlicher Schienenbedarf von etwa 1 Millionen Cntr. zu diesen Neubauten zu erwarten. Das Eisenbahnnez, welches das Zollvereinsgebiet |328| überziehen soll, ist damit aber nicht beendet, nur begonnen; manche neue Bahnprojecte, welche unter dem erwähnten Ueberschlag nicht begriffen sind, kennt man schon jezt, andere kann man als unvermeidliche Entwikelungen aus demjenigen ansehen, was geschehen ist, und in der nächsten Zeit geschehen wird. Wird auch das Beispiel von England, welches, nachdem es die Hauptzüge seines Eisenbahnnezes vollendet hat, nunmehr zu den speciellern Verbindungen schreitet, und allein in der diesjährigen Parlamentssession über 280 neue Eisenbahnbills für 3500 englische Meilen Wegelange mit einem Capitalbedürfniß von mehr als 700 Mill. Thaler verhandelt, für uns noch lange unerreichbar bleiben, so liegt doch gewiß keine Uebertreibung zu Grunde, wenn man das Eisenbahnnez, welches der Zollverein nach Verlauf einiger Jahre haben wird, zu 1000 Meilen Wegelänge anschlägt. Die Dauer der Schienen kann man da, wo leichter Personentransport die Hauptsache ausmacht, auf 15 Jahre berechnen; wo der Gütertransport überwiegt, wird eine weit raschere Abnuzung angenommen werden müssen. Bleibt man aber bei dem ersten Saz stehen, so folgt daraus, daß alle 15 Jahre eine neue Belegung der Bahnen nothwendig wird, und daß daher, das Bahnnez im Zollverein zu 1000 Meilen geschäzt, jährlich 75 Meilen belegt werden müssen, wozu 850,000 Cntr. Schienen und 100,000 Cntr. Platten, Nägel, Stühle u.s.w. mindestens erfordert werden. Die jezige gesammte Schienenproduction in den Zollvereinsstaaten ist etwa 110,000 Cntr., also kaum ein Achtel des künftigen Unterhaltungsbedarfs, nicht einmal ein Neuntel des Bedarfs zu den neuen Anlagen der nächsten Jahre. Im Jahr 1844 haben die Zollvereinsstaaten über eine Million Cntr. Schienen aus England und Belgien bezogen, wofür 7–8 Millionen Gulden aus Deutschland ausgewandert sind. In ungleich höherm Maaße wird die Importation in den nächsten Jahren steigen, wenn die Erzeugung im Zollvereinsgebiet nicht durch zwekmäßige Maaßregeln gefördert wird. (Allgem. Organ für Handel und Gewerbe, 1845, Beilage No. 17.)

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