Titel: Lohwasser als Mittel zur Auflösung des Kesselsteins der Locomotiven.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1845, Band 96, Nr. LXXXII./Miszelle 2 (S. 328–329)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj096/mi096082_2

Lohwasser als Mittel zur Auflösung des Kesselsteins der Locomotiven.

Es ist für den ökonomischen Betrieb der Eisenbahnen eine Sache von großer Wichtigkeit, die Bildung und Anhäufung des Kesselsteins in den Locomotivkesseln möglichst zu verhindern, denn die mit Kesselsteinkrusten überzogenen Feuerflächen sind nicht nur schlechtere Wärmeleiter und erfordern eine bedeutend größere Menge Brennmaterial, sondern kommen auch leicht, weil das Wasser nicht mehr in unmittelbare Berührung mit dem Metalle kommt, in einen glühenden Zustand; dieses Glühendwerden aber macht das Metall schwächer, leichter zerstörbar und veranlaßt durch die starke Ausdehnung desselben ein stellenweises Losspringen der Rinde und in Folge dessen so plözliche Dampferzeugung, daß Gefahr wegen Sprengung eintritt. Die Reparaturen dieser Kesseltheile, namentlich der kupfernen Feuerkammer, welche am ersten wegen der geraden, weniger dem Dampfdruk widerstehenden Wände in dieser Beziehung zu leiden hat, sind sehr kostspielig und laufen gleich in die Tausende von Gulden.

Obwohl sehr verschiedene Mittel zur Verhinderung oder Auflösung des Kesselsteins bei Dampfkesseln vorgeschlagen sind, so namentlich die Anwendung der Salzsäure, das Beigeben von Kartoffeln, Malz, Branntweinschlempe, geschlämmten Thon, das Ausstreichen der Kessel mit Graphit und Fett, so sind doch alle diese Mittel bei Locomotivkesseln nicht wohl anwendbar. Die Unzugänglichkeit der engen Zwischenräume zwischen den Heizröhren und den Feuerkammerwänden macht lezteres, so wie jede andere Reinigung auf mechanischem Wege unmöglich, und die ersteren Mittel verschlammen und verstopfen die engen Räume nur eher durch die sich in denselben festsezenden Schalen, die schwache Salzsäure aber kann bei Locomotivkesseln aus dem Grunde schon nicht angewendet werden, weil viele Theile derselben von Stabeisen sind, welches durch die Säure vorzugsweise vor anderen Metallen stark angegriffen wird.

Auf der Taunus-Eisenbahn führt das Speisewasser der Locomotiven eine solche Menge erdiger Theile mit, daß bei den ältern Maschinen, troz des sehr regelmäßig alle paar Tage vorgenommenen Auswaschens und Abblasens der Kessel etc. an einzelnen Stellen der Feuerkammern sich die 3 1/2 Zoll weiten Zwischenräume von Kesselstein ganz zugesezt hatten, in Folge dessen die Wände erglühten, durch den Dampfdruk stark ausbauchten und selbst durchbrannten oder hersteten. Auf |329| diese Weise war bereits an sieben Maschinen nach kaum vierjähriger Dienstzeit das umständliche und kostspielige Einziehen ganz neuer kupferner Feuerbüchsen oder einzelner Platten derselben nöthig.

Seit zwei Jahren wendet man daselbst mit dem günstigsten Erfolg einen Extract von Eichenlohe an, von dem 2 bis 3 Eimer von der weiter unten angegebenen Stärke den 3 bis 4 Tage im Dienste befindlichen Maschinen43) regelmäßig an dem lezten dienstthuenden Tage Morgens in das Speisewasser des Tenders eingegeben werden. In Folge dessen kommt das Kesselwasser in starke Wallungen, die frischen Incrustirungen werden losgeschalt und aufgelöst und vorhandene ältere dike Kesselsteinlagen erhalten durch die zusammenziehende Eigenschaft der Lohe Sprünge, wodurch sie sich loslösen und zu Boden fallen. Nach ein- bis zweistündigem Gange der Maschine ist das Kesselwasser durch die auf- und losgelösten Kesselsteintheile ganz schlammig und es ist dann sehr gut wenn abgeblasen wird.

Kommt Tags darauf die Maschine außer Dienst, so werden alle Abläßlöcher, sowohl unten in den Eken der Feuerkammer, als in der Rauchkammer unter den Röhren geöffnet und das ganze Wasser unter beständigem Rühren und Stochen vermittelst aus Draht gebogener Häkchen durch jene Löcher abgelassen und darauf durch eben dieselben mit einer Handsprize kräftige Wasserstrahle nach allen Richtungen hin so lange durchgesprizt, bis das Wasser ganz klar abfließt.

Dieses Lohwasser wird auf folgende Weise gewonnen:

Von dem Kessel der stehenden Dampfmaschine in der Reparaturwerkstätte zu Castel führt ein kupfernes 1 Zoll weites, mit einem Hahn zum Abstellen versehenes Rohr Dampf von unten in eine circa 2 Ohm haltende Bütte; nachdem diese Bütte Tags zuvor mit 30 Pfd. gemahlener Eichenlohrinde und kaltem Wasser gefüllt worden ist, wird Dampf bis zum starken Aufwallen eingelassen, alsdann dieses mit der Lohe bis zum völligen Erkalten und zur vollkommenen Extrahirung noch einen Tag stehen gelassen, darauf durch einen mit grober beinwand ausgefütterten Korb gesiebt und die Brühe zur Verwendung in Fässer gefaßt. Edmund Heusinger. (Aus dem Organ für die Fortschritte des Eisenbahnwesens, 1845, Bd. I, 1stes Heft.)

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Länger als vier Tage läßt man auf der Taunus-Eisenbahn die Maschinen nicht ohne Noth im Dienste, weil die Erfahrung gelehrt hat, daß am 2ten bis 4ten Tage, wegen des Vortheils von warmem Wasser beim Ansteken, der Kohksverbrauch am geringsten war, am 5ten Tage steigerte sich aber der Kohksconsum wieder, wegen des unreinen Kesselwassers, und des öfter nöthig werdenden Abblasens.

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