Titel: Ueber den Einfluß der Tabakfabrication auf die Gesundheit der Arbeiter.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1845, Band 96, Nr. CIV./Miszelle 4 (S. 415–416)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj096/mi096104_4

Ueber den Einfluß der Tabakfabrication auf die Gesundheit der Arbeiter.

Ob die Tabakfabrication der Gesundheit der Arbeiter schädlich sey oder nicht, darüber herrschen noch ganz entgegengesezte Ansichten; nach Rammazini gibt es nichts Gefährlicheres, nach Parent du Châtelet nichts Unschuldigeres. Um hierüber Beobachtungen anzustellen gibt die französische Tabaks-Administration die besten Mittel an die Hand, indem von der Cultur der Pflanze und der Auswahl ihrer Species angefangen, bis zur lezten Vollendung des Products, alles genau aufgezeichnet wird; die Beamten dieser Verwaltung recrutiren sich, wie z.B. diejenigen für den Brüken- und Straßenbau, aus der polytechnischen Schule. Den Fabriken sind Aerzte beigegeben, welche außer dem Heilgeschäfte noch beauftragt sind, ihre allenfallsigen Beobachtungen über eigenthümliche Krankheits-Dispositionen der Arbeiter in denselben ausführlich zu berichten. Der General-Director der Tabaks-Administration, Vicomte Siméon veranlaßte nun, daß ein Resumè der im Jahr 1842 von zwölf Aerzten in zehn Tabakfabriken angestellten Beobachtungen von dem Ministerium des Akerbaues und Handels der medicinischen Akademie zugestellt wurde, über welches Document Hr. Mélier am 22. April Bericht erstattete.

Diesem Document gemäß übt der Tabak nur selten einen merklichen Einfluß auf die Arbeiter aus; bloß zwei Locale, dasjenige wo man den Schnupftabak zum Gähren bringt und das, wo der Rauchtabak getroknet wird, sollen einigen Einfluß auf die Arbeiter äußern. Ja noch mehr; man könnte die Tabakfabrication sogar als ein Präservativ, oder selbst als ein Heilmittel in gewissen Fällen und Krankheiten betrachten, namentlich gegen Phthisis (Schwindsucht). Hr. Mélier, welcher die Pariser Tabakfabrik, die bedeutendste von allen, fleißig besuchte, um diesen Gegenstand zu studiren, theilt die vorkommenden Arbeiten aus dem gesundheitlichen Gesichtspunkt in mehrere Kategorien ein, je nach dem Zustand der Pflanze, und besonders je nachdem diese Arbeiten vorgenommen werden, bevor oder nachdem sie der Gährung und Wärme ausgesezt wurde, unter welchen beiden Umständen ihre Thätigkeit besonders entwikelt wird. In der Tabakfabrication wurden nach und nach bedeutende Verbesserungen eingeführt; die Dampfkraft ersezt beinahe allenthalben die Hand des Menschen, der dadurch vielen frühern Uebelständen entzogen wurde. Dessenungeachtet ist noch nicht alle Einwirkung auf die Arbeiter beseitigt, was schon wegen der Bestandtheile der Pflanze, namentlich aber des darin enthaltenen so heftigen Gifts, des Nicotins, nicht denkbar ist. Viele Arbeiter empfinden seine Wirkung, welche sich zuerst durch mehr oder weniger heftige Kopfschmerzen äußert, die von Herzschmerzen, Brechreiz, Appetit – und Schlaflosigkeit und Diarrhöe begleitet sind; sie dauern 8–14 Tage lang; die Nachwirkungen zeigen sich durch eine eigenthümliche Veränderung der Gesichtsfarbe, welche ins Graue übergeht. Leztere Erscheinung ist nur bei einer kleinen Anzahl Arbeiter nach sehr langer Zeit und nur in gewissen Arbeitslocalen wahrzunehmen. Hr. Mélier glaubt, daß sie mit einem eigenthümlichen Zustand des Bluts, welcher von der Aufsaugung der Bestandtheile des Tabaks herrührt, zusammenhängt, welche Ansicht er mit mehreren Gründen unterstüzt.

Indem Hr. Mélier Obiges als die Wirkungen des Tabaks auf die Arbeiter angibt, warnt er zugleich vor Uebertreibung. Die Tabakfabrication ist kein so schädlicher und gefährlicher Industriezweig wie z.B. die Arbeiten mit Blei oder Queksilber; sie bringt keine heftigen Koliken, keine Lähmungen, kein |416| Zittern hervor, wie diese Metalle, nicht einmal eine bestimmte Krankheit; wohl aber sehr bestimmte physiologische Erscheinungen, wie sie nach der Natur der Substanz nicht anders zu erwarten sind. Daß die Tabakfabrication auch heilsam wirken könne, ist sehr natürlich, indem unsere meisten Heilmittel ihre Wirksamkeit denselben Bestandtheilen verdanken, wegen welcher man sie als Gifte fürchtet. Die Arbeiter finden die Ausdünstung des Tabaks heilsam gegen rheumatische Schmerzen; wenn sie sich durch Erkältung solche zugezogen haben, so kennen sie kein besseres Mittel als einen guten Schlaf auf einem Tabakhaufen. Kataplasmen von Leinsamenmehl mit Tabaksdecoct sollen nach Dr. Berthelot ein sehr gutes Mittel gegen Rheumatismen seyn. Die Tabakarbeit soll auch gegen Wechselfieber schüzen und gegen andere Epidemien; sie schüzt ferner vor der Kräze. Von ihrer Schuz- oder gar Heilkraft gegen die Schwindsucht konnte sich Hr. Mélier jedoch nicht überzeugen; eher vom Gegentheile. (Echo du monde savant 1844, No. 32.)

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