Titel: Arago, über elektrische Telegraphen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1845, Band 96, Nr. CXVI./Miszelle 1 (S. 486–489)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj096/mi096116_1

Arago, über elektrische Telegraphen.

Die Idee eines elektrischen Telegraphen ist nicht neu. Seitdem man weiß, daß die Elektricität die Körper mit ungeheurer Schnelligkeit durchläuft, hat schon Franklin daran gedacht, dieselbe zur Ueberbringung von Depeschen zu benuzen. Dessenungeachtet ist dieser große Physiker nicht derjenige, welcher diesen Plan einem anwendbaren System angepaßt hat. Die erste ausführbare Anlage eines elektrischen Telegraphen findet man in einem, im Jahr 1774 veröffentlichten, nur sehr kurzen Bericht, welcher von einem Gelehrten Namens Lesage, einem gebornen Franzosen, herrührt, der sich in Genf niedergelassen hatte.

Dieser Telegraph bestand aus vier Drähten, die einer vom andern getrennt und isolirt waren. Jeder Draht stand mit einem eigenen Elektrometer in Verbindung.

Wenn man nun, je nach Bedarf, eine gewöhnliche Elektrisirmaschine durch einen oder den andern dieser Drähte entlud, so wurde hiedurch am andern Ende die Bewegung erzeugt, die diesen oder jenen Buchstaben des Alphabetes |487| bezeichnete. Dieses System wurde, wenn ich nicht irre, in der Umgegend von Madrid von Hrn. v. Betancourt, freilich nur in beschränktem Maaßstabe ausgeführt.

Die gewöhnliche Elektrisirmaschine, als eine intermittirende Elektricitäts-Quelle, wird jezt mit Erfolg durch eine Volta'sche Säule ersezt, die einen constanten Strom unterhält, welcher fähig ist vermittelst Metalldrähten übertragen zu werden. In Frankreich war es Ampère, in Deutschland Sömmering, die schon darüber nachdachten, diesen constanten Strom zur Ueberlieferung von Depeschen anzuwenden. Beider Systeme hatten jedoch die Unbequemlichkeit, einer großen Menge isolirter Drähte zu bedürfen. Der bei uns einzuführende Telegraph wird jedoch nur einen Draht haben. Mit einem einzigen Drahte wird man alle zu der vollständigen Uebertragung von Depeschen nothwendigen Signale erzeugen.

Die elektrischen Telegraphen scheinen ausersehen zu seyn, alle jezt im Gebrauch befindlichen Telegraphen vollständig zu ersezen, und dieß ist die einfache Erklärung, warum der Minister des Innern beschlossen hat, die Versuche auf einen außerordentlichen Credit beginnen zu lassen.

Man mußte vor allen Dingen wissen, ob der elektrische Strom, welcher die Signale hervorbringen soll, beim Durchlaufen großer Streken, wie unter anderm die Entfernung zwischen Paris und Lyon, sich merklich schwächt; es mußte entschieden werden, ob die Errichtung von Zwischenstationen auf dieser Streke unumgänglich nothwendig sey. Weder die sinnreichen Experimente, welche in England im Augenblik wo die Commission ihre Arbeiten begann, stattfanden, noch die bereits gemachten, wie z.B. auf der Blackwall-Eisenbahn, hatten diese Frage entschieden.

Wir betrachteten diese Angelegenheit aus folgendem Gesichtspunkt: Kann man zwischen Paris und Havre den elektrischen Kreislauf dergestalt anwenden, daß ohne Zwischenstationen, und ohne daß derselbe zu sehr geschwächt wird, mit nur einem Draht regelmäßige Communicationen bewerkstelligt werden können?

Die Erledigung dieser Frage ist das erste Geschäft, dem sich die durch den Minister des Innern ernannte Commission unterzog.

Dieselbe hat längs der Eisenbahn von Rouen über hölzerne Pfosten, von 50 zu 50 Meter angebracht, einen Kupferdraht gezogen. Die angewandten Isolirungsmittel erscheinen vielleicht als überflüssige Vorsichtsmaaßregeln, aber bei dem ersten Versuche durfte man nichts vernachlässigen.

Vergangenen Sonntag konnten wir zwischen Paris und Mantes, 57 Kilometer Entfernung, operiren: der Erfolg war vollkommen.

Der elektrische Strom durchlief zuerst den einen frei in der Luft gespannten und hiezu bestimmten Draht und kam hierauf durch einen andern ähnlichen, der unmittelbar unter dem ersteren angebracht war, wieder zurük. Die Stärke des Stroms wurde vermittelst der Abweichung, welche derselbe auf eine Magnetnadel ausübte, bestimmt und gemessen. Die Abweichung war bedeutend. Nachdem dieses abgemacht war, stellte die Commission Versuche an, mit welchem Einfluß der durch den ersten Draht übertragene Volta'sche Strom durch die zwischen beiden Stationen aufgehäufte feuchte Erde zurükkäme. Dieselben Experimente wurden bereits schon früher in Bayern, Rußland, England und Italien auf weit geringere Entfernungen ausgeführt.

Wir haben gefunden, daß der zu Paris erzeugte, und vermittelst des über die Stüzen gespannten Drahtes nach Mantes übertragene Strom durch die Erde viel besser zurükgeleitet wurde, als durch den zweiten Draht, und daß also die die Erde weit besser als Leitungsmittel diente, als der zweite Metalldraht.

Die mit den beiden hin- und zurükführenden Drähten bewirkte Abweichung der Nadel betrug 25°; als aber der zweite Draht durch die zwischen Paris und Mantes befindliche Erdschichte ersezt wurde, belief sich die Abweichung auf 50°.

Nächsten Sonntag werden wir ohne Zweifel den elektrischen Strom bis Rouen übertragen und zwar dahin längs des metallischen Drahtes, zurük durch die Erde, wobei wir gewiß sind, daß uns die ganze Kraft zufließen wird, welche zur Anwendung telegraphischer Zeichen erforderlich seyn dürfte.

Man wünscht vielleicht zu wissen, auf welche Weise es möglich ist, mit einem einzigen Drahte eine so große Menge verschiedener Zeichen hervorzubringen. Die Frage wäre also: wie kann man mit dem elektrischen Strome eine |488| intermittirende Kraft erzeugen? Es ist klar, daß die auf dem Ankunftspunkte nothwendige Wiedererzeugung eines auf der Abgangs-Station erzeugten Signals nur vermittelst einer Kraft hervorgebracht werden kann.

Die Physiker haben gefunden daß, wenn man den elektrischen Strom durch einen schnekenförmig um eine Stahlplatte gewundenen Draht gehen läßt, die Stahlplatte auf bleibende Weise magnetisirt wird; statt der künstlichen Magnete kann man sich also mir Vortheil des Volta'schen Stromes bedienen, um die Compaß-Nadeln zu magnetisiren.

Ist das Stük Metall, um welches die Elektricität circulirt, von weichem Eisen, so ist die Magnetisirung nur momentan. Währenddem der Strom circulirt ist das Eisen magnetisch; es hat Pole wie eine Compaß-Nadel. So wie aber die Strömung aufhört, kehrt auch das Eisen wieder in seinen gewöhnlichen Zustand zurük.

Wie Jedermann weiß, haben zwei Massen unmagnetisirtes Eisen, wenn solche mit einander in Berührung gebracht werden, keine Einwirkung auf einander. Eben so ist es aber auch bekannt, daß eine Masse magnetisirtes Eisen eine Masse neutrales Eisen anzieht. Jedesmal also, wenn auf einer der Stationen der elektrische Strom in eine, eine Masse weichen Eisens umgebende Spirale eintritt, wird diese Masse momentan zum Magnet und kann eine mechanische Wirkung hervorbringen.

Durch dieses Verfahren, die magnetische Kraft in einer Masse Eisens hintereinander zu erzeugen und wieder zu zerstören, ist man im Stande auf bedeutende Entfernung die auf der Abgangs-Station angegebenen Signale zu übertragen.

Dieses Princip führt zu sehr verschiedenen Systemen, unter welchen die Commission noch nicht gewählt hat. Ich will eines erwähnen: das des Hrn. Morse z.B.

Stellen wir uns vor, daß man auf der Station, welche die Signale empfangen soll, einen langen Streifen Papier habe, welcher mit Hülfe irgend einer mechanischen Kraft zwischen zwei Walzen fortbewegt werden kann. Das Stük Eisen, von dem ich vorhin gesprochen, und das dazu bestimmt ist, abwechselnd hintereinander magnetisirt zu werden und neutral zu verharren, ist unmittelbar über dem Papiere angebracht und zieht bei seinen Bewegungen einen Pinsel mit sich fort. Ist der Strom im Umlauf, so wird das in diesem Augenblik in magnetischem Zustande befindliche Eisen durch eine andere stationäre Masse gewöhnlichen Eisens angezogen, und führt den Pinsel bis aufs Papier. Hat der Strom nur einen Augenblik gewährt, so hinterläßt der Pinsel nur einen Punkt; hat er längere Zeit angehalten, so wird der Pinsel, bevor er sich zurükzieht, auf dem beweglichen Papiere einen Zug oder Strich von beträchtlicher Länge ziehen. Man kann auf diese Weise in einer Entfernung von 100 Meilen auf das Papier seines Correspondenten z.B. Punkt an Punkt, Punkt an Strich, Punkt zwischen zwei Striche etc. etc. ziehen, und so die Art Signale bilden, die nach Hrn. Joy, einem competenten Sachverständigen, zu der complicirtesten telegraphischen Correspondenz genügen.

Will man sich eine allgemeine Idee von den Apparaten machen, die jezt in England im Gebrauch sind, so muß man sich vorstellen, daß in dem Locale, in welchem die Signale gegeben werden, ein in Grade abgetheilter drehbarer Kreis sich befindet, an welchem jede Abtheilung einen Buchstaben des Alphabetes bezeichnet. So muß man z.B. im Augenblik, in welchem der Kreis ruht, den oberen Buchstaben lesen, um die Depesche zu haben; die Ruhemomente der Abgangs-Station müssen sich in derselben Ordnung auf dem Kreis der Ankunfts-Station zeigen.

Wir wollen diese Sache näher erläutern: der Kreis der Ankunfts-Station ist mit einer Verzahnung verbunden, welche durch ein Stük weiches Eisen zurükgehalten wird; dieses Stük ist der Abweichung unterworfen. So oft ein benachbartes Stük Eisen, welches von einer Spirale umwunden ist, durch den in derselben circulirenden elektrischen Strom magnetisch wird, bewegt sich der Kreis um einen Zahn vorwärts. So wie der Strom unterbrochen wird, nimmt das besagte Stük (der Sperrkegel) wieder seinen früheren Standpunkt ein. Auf diese Weise kann derjenige, der die Depesche abfertigt, auf 100 Meilen Entfernung die Bewegung des Kreises, auf welchem sein Correspondent sie lesen soll, reguliren.

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Diese beiden Beispiele werden hinreichen. – Als wir diese Versuche begannen, war der einzige noch in Frage stehende Punkt, auf welche Entfernung die Zeichen mit einem einzigen Drahte übertragen werden könnten. Vermittelst mehrfacher Hin- und Herführung des Drahtes, der jezt von unsern Stüzen getragen wird, werden wir erfahren, ob die Entfernung von Paris nach Lyon der Zwischen-Stationen bedarf oder nicht. Ohne Furcht mich zu compromittiren, wage ich die Behauptung aufzustellen, daß die Resultate des kommenden Sonntags (4. Mai) alle unsere Voraussezungen erfüllen werden. Wir werden nicht nur physikalische Versuche gemacht, sondern die Commission wird die Grundlagen eines vervollkommneten Telegraphen begründet haben, der geeignet ist, unserem Lande unabsehbare Dienste zu erzeigen. (Echo du monde savant 1845, No. 34.)

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