Titel: Malinowsky, über eine Vorrichtung zur Beobachtung der Vibrationen eiserner Geschüze.
Autor: Malinowsky, Louis
Fundstelle: 1845, Band 97, Nr. XIII. (S. 42–50)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj097/ar097013

XIII. Gedanken über eine Vorrichtung zur Beobachtung der Vibrationen eiserner Geschüze; von L. v. Malinowsky I.

Das häufige Zerspringen der eisernen Geschüze ist bekanntlich ein Gegenstand, der schon zu vielfachen Erörterungen, Beobachtungen und Versuchen Veranlassung gegeben hat. Man ist bemüht gewesen, diesem Uebelstande sowohl durch eine veränderte Construction, als auch durch Vervollkommnung des Productionsverfahrens etc. vorzubeugen, ohne jedoch seinen Zwek genügend zu erreichen. Namentlich hat sich auch herausgestellt, daß eine ansehnliche Verstärkung der eisernen Geschüze nicht der rechte Weg zum Ziele sey; denn abgesehen davon, daß dieselben dadurch zu sehr an Bewegbarkeit verlieren, hat man auch die Erfahrung gemacht, daß große Eisenstärken keine Bürgschaft für die Haltbarkeit gewähren; ja es hat sich wunderbarerweise gezeigt, daß die Vergrößerung der Eisenstärken nicht allein relativ, sondern in manchen Fällen sogar absolut eine geringere Haltbarkeit zur Folge hat. Ein auffallendes Beispiel hievon war der Fall, daß die Schildzapfenpfannen an einer 50pfündigen Mörserlaffete, die bei einer gewissen Stärke keine Haltbarkeit bewiesen, noch leichter zersprangen, da man sie verstärkte, und daß sie erst die nöthige Haltbarkeit bekamen, als man die Stärke merklich verminderte. Was hierin aber vom Schmiedeisen gilt, findet gewiß in einem noch bedeutendem Grade beim Gußeisen statt. Da nun auch die versuchten Veränderungen in der Behandlung des Eisens beim Guß, so wie die Verminderung der Ladungen noch nicht zu einem erwünschten Resultat geführt haben, so befindet sich der Artillerist in der Lage, kein eisernes Geschüz zu haben, auf das er sich mit Zuversicht verlassen kann. Es ließen sich zwar eiserne Geschüze herstellen, die in ihrer Güte nicht allein den bronzenen gleichkämen, sondern denselben sogar in jeder Beziehung vorzuziehen seyn würden; allein diese würden natürlich bei weitem theurer ausfallen, als diejenigen eisernen Geschüze, um welche es sich hier handelt, und deßhalb können dieselben auch nicht in die gegenwärtige Betrachtung eingeschlossen werden.

Wenn es nun für jezt kein Mittel gibt, dem Zerspringen mit Sicherheit vorzubeugen, so muß es jedenfalls darauf ankommen, die dadurch entstehenden Nachtheile so unschädlich als möglich zu machen. Der pecuniäre Verlust durch das Zerspringen von Geschüzen ist, wenn gleich ein Nachtheil, immer noch ein erträglicher, und jedenfalls der kleinste; weit erheblicher kann der effektive Verlust an der Zahl der Geschüze zur Zeit der Gefahr werden, wenn ein Ersaz nicht sogleich |43| zu bewerkstelligen ist, wie z.B. in einer belagerten Festung. Allein mit einiger Beruhigung können wir sagen, daß bei dem jezigen Stande der Sache dergleichen Situationen, wie sie 1807 in Colberg eintraten, wohl nicht wieder zu erwarten seyn werden, und somit scheint auch dieser Nachtheil einigermaßen in den Hintergrund zu treten. Bedenklich aber ist der moralische Eindruk, den das Gefühl der Unsicherheit, das Mißtrauen gegen die eigene Waffe, dem Artilleristen einflößen muß, und das unstreitig weit nachtheiliger wirkt, als das Bewußtseyn einer Gefahr durch feindliche Geschosse; denn es lähmt zugleich den Muth und das Vertrauen auf die eigene Wehrhaftigkeit -ein Uebel, dem durch keine persönliche Tapferkeit Troz geboten werden kann.

Dieß mahnt denn aufs dringendste auf ein Mittel zu sinnen, das diesem Uebel ein Ende mache, und geeignet sey das verlorene Vertrauen zu den eisernen Geschüzen wieder herzustellen. Dieß Mittel dürfte aber nur darin gefunden werden, daß der Artillerist in den Stand gesezt würde, mit Sicherheit die entstehende Gefahr zu entdeken, noch ehe sie zum wirklichen Ausbruche kommt; was aber wiederum nur möglich seyn kann, wenn zwischen dem normalen Zustande eines Geschüzes und dem seiner Zerstörung wirklich Veränderungen eintreten, die einen Uebergang vom Einen zum Andern bilden. Gehen aber solche Veränderungen einer Zerstörung nicht voran, oder mit andern Worten: ist ein Zerspringen des Geschüzes möglich, ohne daß vorher eine partielle Trennung in den Atomen erfolgt, die nach und nach zu einem Riß übergeht, so ist es in diesem Falle auch unmöglich Sicherungsmaaßregeln gegen das in Rede stehende Uebel zu ergreifen. Nach Allem, was man bis jezt hierüber weiß, ist beim Zerspringen von eisernen Geschüzen der gewöhnliche Fall der einer successiven Trennung (wie sich weiter unten Gelegenheit darbieten wird noch näher zu motiviren); nur höchst selten scheint das Gegentheil stattzufinden, und es würde also, dergleichen Fälle abgerechnet, wo alle menschliche Vorsicht zu Schanden wird, nun darauf ankommen, solche Mittel ausfindig zu machen, durch welche man in den Stand gesezt würde, die präsumirten Veränderungen zu entdeken. Bevor wir aber weiter auf diesen Gegenstand eingehen, sind noch einige andere Fragen zu erörtern, denen wir im Folgenden unsere Aufmerksamkeit schenken wollen.

1) Sind äußere Mittel zur Erkennung von möglichen Veränderungen an eisernen Geschüzen während ihres Gebrauchs überhaupt räthlich?

Diese Frage scheint mit dem Obigen gewissermaßen im Widerspruch zu stehen, nachdem die Nothwendigkeit von Mitteln zu Erkennung |44| der in Rebe stehenden Veränderungen sich gleichsam als unabweisbar dargestellt hat. Allein man hat aus mancherlei Rüksichten Bedenken dagegen aufgestellt, und diese sind es, welche wir jezt im Auge haben. Das Einzige was sich dagegen einwenden ließe, wäre das Bedenken, daß solche äußere Mittel bei den gemeinen Artilleristen eine gewisse Aengstlichkeit herbeiführen könnten, indem sie erst hiedurch darauf aufmerksam gemacht würden, daß eine Gefahr vorhanden sey Allein welcher Artillerist kennt diese Gefahr gegenwärtig nicht! Hervorgerufen kann ein Mißtrauen gegen eiserne Geschüze nicht mehr werden, denn es ist so gut wie allgemein; es kann sich vielmehr nur darum handeln, die schon vorhandene Furcht wieder auszurotten, und dieß scheint nur möglich zu seyn, wenn es gelingt, dem Artilleristen eine Vorkehrung zu zeigen, die ihn gegen jede Gefahr sicher stellt Dieß Bedenken scheint daher gar nicht in Betracht zu kommen. Eine weitere Frage ist dagegen:

2) Ist die Anwendung einer gewissen Vorrichtung zur Erkennung von Veränderungen an den eisernen Geschüzen im Angesicht! des Feindes zulässig?

Unter gewissen Voraussezungen wohl unbedingt Ja. Wenn man erwägt, daß eiserne Geschüze nur im Festungskriege vorkommen, so liegt in diesem Umstande schon eine große Begünstigung für die Sache, deren Erörterung überflüssig seyn wird. Aber eine solche Vorrichtung (wir wollen sie kurz weg Instrument nennen) kann so compendiös gedacht werden, und ihre Anbringung für die Bedienung so indifferent, daß man unter solchen Voraussezungen gar keinen Anstand nehmen möchte, selbst im Feldkriege, wenn es nöthig wäre, davon Gebrauch zu machen. Somit wäre auch dieses Bedenken erledigt, sofern es gelänge die obigen Voraussezungen zu erfüllen. Wenn nun in dieser Rüksicht kein triftiger Grund vorhanden zu seyn scheint von vorn herein auf ein Instrument für den vorliegenden Zwek zu verzichten, so würde es nunmehr darauf ankommen festzustellen:

3) Worin die Veränderungen bestehen, welche während des Ueberganges eines Geschüzes von seinem normalen Zustand bis zu seiner Zerstörung eintreten können, um hienach beurtheilen zu können, worauf ein solches Instrument gerichtet seyn müsse;

denn nur auf die Erkennung dieser kann es ankommen, da, so lange dergleichen nicht eintreten, auch der Zustand des Geschüzes als befriedigend angesehen werden muß.

Die wichtigste Veränderung ist eben die, welche unmittelbar oder mittelbar erkannt werden soll, nämlich eine mechanische Trennung einzelner Theile von einander. Hiedurch könnte zweitens möglicherweise auch eine Veränderung des der Masse eigenthümlichen Tons |45| erfolgen; drittens aber ist es unzweifelhaft daß die Vibrationen des Geschüzes, die in demselben durch einen Stoß oder Schlag hervorgebracht werden, eine Aenderung erleiden. Diese beiden lezteren Veränderungen scheinen zwar unzertrennlich mit einander verbunden zu seyn, allein in der That sind sie es nur bedingungsweise, da ein veränderter Ton zwar veränderte Vibrationen voraussezt, aber nicht umgekehrt veränderte Vibrationen auch einen veränderten Ton. Gehen wir auf diese Umstände näher ein, so ergeben sich daraus folgende Betrachtungen.

Ein Geschüz kann allerdings ohne vorherige Trennung einzelner Theile zerstört werden, das lehrt uns unzweideutig das Bild einer Granate. Wenn die Kraft so groß und der Widerstand so gering gedacht wird, daß beim ersten Schuß eine Zerstörung erfolgt, so kann nicht füglich von einem successiven Reißen des Geschüzes die Rede seyn. Wenn aber eine Anzahl Schüsse vorangeht, ehe das Zerspringen erfolgt, so ist es andererseits eben so vernunftgemäß anzunehmen, daß die Cohärenz nach und nach so lange gelitten haben muß, bis sie nun nicht länger mehr Widerstand leisten kann. Allein diese Veränderung geht so unmerklich vor sich, daß sie in vielen Fällen, vielleicht in den meisten, dem Auge, selbst dem bewaffneten, nicht erkennbar seyn wird, zumal wenn sie, wie wohl in den meisten Fällen, von innen heraus erfolgt. Dieß zu untersuchen und zu finden sezt auf den ersten Blik Bedingungen voraus, die schwerlich noch auf dem Uebungsplaz, aber gewiß nicht beim Ernstgebrauch, nur annähernd stattfinden werden. Dieser Weg verspricht also leinen Erfolg.

Ob der Ton sich durch einen Riß ändern werde, scheint von Umständen abzuhängen, nämlich ob der Riß in die Richtung einer Knotenlinie oder in eine Schwingungsabtheilung fällt, oder ob er solche diagonal durchschneidet. Wenn aber schon die Lage der Schwingungsknoten und der damit in Beziehung stehenden Linien und Flächen an einem Geschüze, nach dem was man bis jezt über diesen Theil der Akustik weiß, theoretisch nicht zu bestimmen ist, und noch weniger vorausgesehen werden kann, welche Richtung ein Riß nehmen wird, so läßt sich auch nicht mit Bestimmtheit sagen, ob und welche Tonveränderungen hiedurch eintreten werden. Jedenfalls scheint dieser Gegenstand der Beobachtung sehr trüglicher Natur zu seyn, und es könnte höchstens durch die Erfahrung sich erst später herausstellen, ob es möglich seyn würde auf derartige Veränderungen ein Instrument zu basiren.

Wenn aber ein tönender Körper einen Sprung bekommt, so ist es eine allgemein bekannte Erfahrungssache, daß augenbliklich die |46| Einheit des Klanges verloren geht, und statt des vorherigen Tons ein Gemisch von unarticulirten Klängen hörbar wird, woraus unzweifelhaft zu folgern ist, daß die Vibrationen eine wesentliche Störung erlitten haben müssen, und nun nach ganz andern Gesezen als vorher erfolgen. Augenscheinlich dürfte dieß also der Weg seyn, den man einschlagen müßte, um von demselben aus auf das Vorhandenseyn eines Sprunges zu schließen, und das Instrument, welches man zur Wahrnehmung von Veränderungen an dem Geschüz construirte, müßte weder auf die unmittelbare Erkennung eines Sprunges, noch auf die eigentliche Veränderung des Tons gerichtet seyn, sondern auf die Veränderungen in den Vibrationen. Hienach entsteht noch die Frage:

4) Welchen Einfluß wird die Veränderung der Temperatur des Geschüzes auf die Vibrationen haben?

Es übersieht sich leicht daß, da das allmähliche Erhizen des Geschüzes beim Feuern auch eine allmähliche Ausdehnung der tönenden Masse zur Folge haben wird, der Ton unzweifelhaft nach und nach sinken muß, woraus von selbst folgt, daß wenn man aus einer solchen Veränderung des Tons einen Schluß auf die Haltbarkeit des Geschüzes ziehen wollte, dieser nothwendig nicht richtig seyn könnte, da es nach dem Obigen Vielmehr nur darauf ankommen wird, einzig und allein die Vibrationen zu unterscheiden, die von einem complicirten Schall in Folge eines Sprunges herrühren, was aber an sich, sofern das Instrument nur die nöthige Empfindlichkeit besizt, keinen besondern Schwierigkeiten unterliegen würde, da die Vibrationen eines reinen Tons und eines gemischten Schalles unzweifelhaft nach verschiedenen Gesezen erfolgen. – Zulezt könnte man noch fragen:

5) Welchen Einfluß wird die Größe der Ladung und der Pulverschleim auf die Vibrationen haben?

Was den ersten Theil dieser Frage betrifft, so scheint die Antwort nicht fern zu liegen. Eine kleinere Ladung bringt eine geringere, eine größere eine stärkere Erschütterung des Geschüzes hervor; die Vibrationen werden demnach schwächer oder stärker ausfallen, je nach der Stärke der Erschütterung, aber die Höhe des dadurch erzeugten Tons im Verhältniß zum Grundton wird unverändert bleiben, gerade wie bei dem schwächern oder stärkern Anschlagen an eine Gloke; und es läßt sich hieraus nur schließen, daß die zu erwartenden Veränderungen an dem Instrumente bei einer stärkern Ladung entscheidender hervortreten als bei einer schwächern, daß sie aber andere Erscheinungen darbieten werden, als bei den Vibrationen während des Vorhandenseyns eines Sprunges.

In Rüksicht des Pulverschleims läßt sich wiederum nur annehmen, |47| daß derselbe nur auf die Vibrationen des Tons wirken, daß lezterer unverändert bleiben, aber weniger klar hervortreten wird, analog einer Gloke, die man mit Oehlfarbe bestreicht oder mit einem Flor überzieht, indem die Schwingungen hiedurch um etwas in ihrer freien Bewegung gehindert werden; ein Einfluß auf diejenigen Vibrationen aber, deren Erkennung hier bewerkstelligt werden soll, steht nicht zu erwarten.

Wenn sich nun auch nicht verkennen läßt, daß die Lösung der vorliegenden Aufgabe auf den ersten Blik etwas complicirt erscheint, so durfte dieselbe doch nicht außer dem Bereich der Möglichkeit liegen, wenn man sich die Sache nach ihren verschiedenen Beziehungen klar zu machen, und das Wesentliche von dem Unwesentlichen zu scheiden sucht. Desto glänzender würde aber der Erfolg seyn, wenn es gelänge ein reines Resultat zu erzielen. – Nun entsteht aber die wichtige Frage:

6) Wie würde ein Instrument für den vorliegenden Zwek einzurichten seyn, und wie würde sich dasselbe appliciren lassen?

Fassen wir den zweiten Theil dieser Frage zuerst ins Auge, so scheint es nicht zu genügen, das Instrument ab und zu bei einzelnen Geschüzen in Anwendung zu bringen, denn von einem Schuß zum andern können so wesentliche Veränderungen eintreten, daß es den Zwek der ganzen Vorrichtung verfehlen hieße, wenn man es aufgäbe eine ununterbrochene Kette der Beobachtungen zu gewinnen; vielmehr muß man durch das Instrument in den Stand gesezt werden, bei jedem Geschüze und nach jedem Schusse die möglichen Veränderungen der Vibrationen wahrzunehmen, woraus schon von selbst folgt, daß dasselbe sich mit dem Geschüze in einer fortwährenden Berührung befinden müsse. Es ist daher eine Hauptbedingung, daß das Instrument einfach, wenig kostspielig und so compendiös construirt sey, daß es an jedem Geschüze angebracht werden könne, ohne der Bedienung im mindesten hinderlich zu seyn. Der Ort, wo es befestigt werden müßte, würde sich praktisch ermitteln lassen; jedenfalls würde man aber die hintern Theile des Rohrs zu wählen haben, theils weil die Vibrationen des Geschüzes von den Schildzapfen nach hinten hier Wohl am meisten in Betracht kommen werden, theils weil hiedurch die Beobachtung erleichtert wird. Ob aber an der Traube, oder am Boden, oder an den Seitenflächen des Bodenstüks, das mag vorläufig noch unentschieden bleiben.

In Hinsicht der Wirkungen auf das Instrument scheint es unstreitig am richtigsten zu seyn, wenn man am meisten auf die Erschütterungen durch den Schuß selbst rechnet; denn wenn auch durch Anschlagen mit einem Hammer dieselben Schwingungen erzeugt werden, |48| wie durch den Stoß der Ladung, so sind in jedem Falle die Erschütterungen durch leztere intensiver, und für die sichtbaren Veränderungen an dem Instrumente entscheidender, als durch einen Hammerschlag, und überdieß ist es für das ganze Verfahren günstiger, wenn die Beobachtung ohne Zuthun einer äußern Einwirkung erfolgen kann, die immer nicht in einem richtigen Verhältnisse zu den übrigen Bedingungen der durch die Erschütterung von dem Schuß entstehenden Vibrationen des Rohrs stehen würde.

Dieß alles vorausgeschikt, liegt wohl kein Gedanke näher, als der an die Chladni'schen Klangfiguren, doch geben diese eben nur die Idee an, während die Wirksamkeit des Instrumentes auf etwas andern Principien beruht. Bei den Chladni'schen Scheiben nämlich wird zur Erzeugung der Schwingungen eine äußere Einwirkung vorausgesezt, und die Verschiedenheit in den Figuren, abgesehen von der Form und Größe der Scheiben, dadurch herbeigeführt, daß bald der Haupt-Schwingungsknoten, bald der Angriffspunkt verändert wird, wodurch eine solche Mannichfaltigkeit der Figuren erzeugt werden kann, daß bis jezt es noch niemand unternommen hat ihre Zahl auszumitteln. Dieß würde aber für den vorliegenden Zwek zu gar keinem Resultate führen, sondern es kann uns nur auf solche Veränderungen ankommen, die sich durch eine Verschiedenheit in der Natur der Schwingungen erzeugen, während Angriffspunkt und Haupt-Schwingungsknoten, so wie Form und Größe der Scheibe dieselben bleiben. Außerdem soll die Wirksamkeit des Instruments nicht auf äußerem, sondern auf innerem Angriff beruhen, indem sich die Vibrationen des Rohrs auf das Instrument übertragen, dasselbe also gewissermaßen selbstthätig erscheint. Was also von Chladni hiebei in Anwendung kommen soll, ist seine Entdekung, die Verschiedenartigkeit der Schwingungen dem Auge anschaulich zu machen; indessen bin ich weit entfernt jezt schon die Untrüglichkeit des vorgeschlagenen Instruments aussprechen zu wollen, wenn gleich ich andererseits überzeugt zu seyn glaube, daß wenn das Instrument nicht gleich das leistet was man erwartet, dieß nur seinem Mangel an Empfindlichkeit beizumessen seyn dürfte, nicht aber der Sache selbst, und daß es dann nur weiterer Operationen und Ausdauer bedürfen wird, um dennoch an das bis jezt verborgene Ziel zu gelangen.

Das Instrument, welches zu diesem Zwek vorläufig in Vorschlag gebracht wird, kann dem Wesentlichen nach aus einer dünnen metallenen Scheibe auf einem Schaft von Stahl bestehen, und oberhalb mit einem Gehäuse bedekt seyn, um den Einfluß der Witterung abzuhalten. Behufs der Beobachtungen müßte das Gehäuse einen Schieber haben, den man nur nach jedem Schusse zu öffnen brauchte, |49| wenn es nicht etwa thunlich ist, die Seitenwände von Glas zu machen. Die Scheibe würde mit feinem, ausgewaschenem und wieder getroknetem Sande zu bestreuen seyn, der Schaft aber in ein etwa auf der Traube eingedrehtes Gewinde geschraubt werden.

Diese Vorrichtung ist einfach, wenig kostspielig, dem Zerbrechen nicht leicht ausgesezt, läßt sich an jeder beliebigen Stelle des Geschüzes anbringen, ohne der Bedienung hinderlich zu werden, und scheint durchaus keinen Beschränkungen in seinem Gebrauch unterworfen zu seyn, so daß sie also in dieser Rüksicht allen Anforderungen genügen würde; nur fragt sie sich, ob sie in der Hauptsache zu gebrauchen sey, was nur durch praktische Versuche entschieden werden kann, die auszuführen Privatpersonen unmöglich ist.

Es könnte seyn, daß eine eingespannte Membrane von Kautschuk an sich mehr Reizbarkeit zeigte, als eine metallene Scheibe, da sie aber, besonders in der Wärme, nie von einer gewissen Klebrigkeit wird befreit werden können, ohne ihrer Elasticität Eintrag zu thun, so scheint dieses Mittel dem Zwek nicht recht zu entsprechen. Dagegen wurde noch zu versuchen seyn, ob statt des Sandes nicht das sogenannte Hexenmehl (semen lycopodii) anzuwenden wäre, so wie überhaupt noch mancherlei Details der praktischen Ausführung vorbehalten bleiben müssen, wie es denn auch einer der wichtigsten Gegenstände der Ermittelung seyn würde, einen bestimmten Anhalt in der Gestalt der Schwingungsfiguren, sowohl für den normalen, als auch für den abnormen Zustand des Geschüzes festzustellen.

Was etwa noch zu erinnern bliebe, möchte der Umstand seyn, daß es bedenklich erscheinen konnte, ob die durch die Erschütterung des Geschüzes entstehenden Figuren nicht durch das Buken und den Rüklauf eine Störung erleiden werden. Es ist wahr, dieses Bedenken läßt sich von vornherein nicht ganz wegdisputiren, da es scheint, als müßten die genannten Bewegungen eine secundäre Wirkung hervorbringen. Allein bei näherer Betrachtung stellt sich die Sache doch etwas anders. Das Buken bewirkt allerdings eine Erschütterung; aber die Vibrationen, die es erzeugt, müssen, unter demselben Zustande des Geschüzes erzeugt, auch nach denselben Gesezen erfolgen und daher dieselben seyn, wie die durch den Schuß entstandenen, nur schwächer; und sie können daher nur eine Wiederholung der unmittelbar vorangegangenen Wirkung zur Folge haben, wenn nicht überhaupt beide Vibrationen mit einander verschmelzen; es steht daher nicht zu erwarten, daß diese Bewegung des Geschüzes eine Störung der Resultate veranlassen wird. Mehr Einfluß scheint von dem Rüklauf zu befürchten zu seyn; allein da derselbe auch in gewissem Grabe eine Erschütterung des Rohrs bewirkt, so läßt sich |50| nicht übersehen, ob er nicht eben sowohl noch zur Vervollständigung der Wirkung beitragen kann, als er dieselbe vielleicht beeinträchtig was schwerlich von Belang seyn wird, da die Bewegung auf eine Bettung stattfindet.

Wir wollen uns nicht in Hypothesen verlieren, sondern die alles der praktischen Ermittelung überlassen; daher schließlich nur noch die Bemerkung, daß ich durch die obigen Erörterungen nur habe andeuten wollen, auf welchem Wege ein erwünschtes Resultat wahrscheinlich zu erlangen seyn dürfte. In jedem Falle scheint diese Gegenstand von zu hoher Wichtigkeit zu seyn, als daß es nicht die Mühe lohnen sollte, ihm die möglichste Aufmerksamkeit zu widmen.

–––––––––––

Man hat hiegegen einwenden wollen, daß die Vibrationen des Geschüzes sich nicht auf das vorgeschlagene Instrument übertragen würden, da dasselbe als ein besonderer Körper nur seine eigene Schwingungen machen könne. Diese Ansicht widerlegt sich aber auf Vollständigste durch die folgende aus der Praxis entnommene kurze Betrachtung. Gesezt man hätte drei metallene Stäbe, welche in Schwingung versezt den harmonischen Dreiklang fis-a-d ertönen ließen; diese sollen mittelst der dazu erforderlichen Vorkehrung zusammengeschraubt werden, so daß sie gleichsam einen Körper bilden Wenn nun die obige Voraussezung richtig wäre, so müßte man auch jezt, nachdem dieser Körper aufs Neue in Schwingung versezt wird jenen Dreiklang vernehmen; Jedermann weiß aber, daß dieß nicht der Fall ist; sondern der gebildete Körper wird einen Ton geben, der seinem Gesammtvolumen entspricht, und tiefer ist als der tiefste der drei Töne vor der Verbindung der Stäbe war. Die Anwendung hievon auf das Geschüz ergibt sich von selbst, deßhalb füge ich nur noch die Bemerkung hinzu daß, wenn die Anbringung eines befordern Instruments Anstoß erregen sollte, das Geschüz selbst als Resonanzblok betrachtet und an demselben eine Vorkehrung (etwa ein Abplattung auf der Traube) angebracht werden könnte, die der Absicht entspräche. Schwierigkeiten werden sich bei der Ausführung wahrscheinlich zeigen; allein eine Unrichtigkeit des Princips glaube ich nach dem Vorstehenden in Abrede stellen zu können; und wenn dies der Fall ist, so dürfte auch kein haltbarer Grund vorhanden seyn die Sache nicht weiter zu verfolgen.

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