Titel: Decaisne, über eine neue spinnbare Pflanze, Ramie (Urtica [Boehmeria] utilis, Bl.).
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1845, Band 97, Nr. XXII./Miszelle 5 (S. 75–77)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj097/mi097022_5

Decaisne, über eine neue spinnbare Pflanze, Ramie (Urtica [Boehmeria] utilis, Bl.).

Im vorigen Jahre erhielt das (Pariser) Museum von Hrn. Leclancher, Chirurg am Bord der Corvette Favorite, einige Zweige in China als spinnbare Pflanzen cultivirter Nesselarten. Bei näherer Untersuchung dieser, auf den ersten |76| Anblik unter sich sehr ähnlichen Pflanzen fand ich einen Theil derselben der Urtica nivea, einen Theil der U. utilis Bl. angehörig; beide waren mit auf der untern Seite weißen Blättern versehen. Einem Muster der U. utilis, welches Hr. Leclancher in einer Entfernung von 120 Kilometern von der Mündung des Yang tse‐Kiang, von Nanking herunterkommend, sammelte, war folgende Notiz beigelegt: „Nessel, die in Reisfeldern benachbartem, jedoch nicht trokenem Boden, in kleinen Quadraten angebaut wird. Jede Familie baut dieselbe zu ihrem eigenen Gebrauche an. Die gar nicht fest anhaftenden Blätter werden abgepflükt und die Stengelbündel läßt man in einem Zuber rösten; das Wasser nimmt eine braune Farbe an; die Frauen nehmen den Bast (la peau) ab, welchen man. ich weiß nicht wie lange, jedenfalls aber nur kurze Zeit, noch einmal rösten läßt; indem sie nun jeden Büschel (lanière) über ein eisernes Instrument von der Gestalt eines großen Zimmermanns‐Hohleisens ziehen, entfernen sie die äußere Haut (den Bast); der grünlichweiße Faserbüschel wird auf einem Bambusrohr getroknet. Zu seinen Geweben, welche in Macao unter dem Namen Graßclot oder Lienzo verkauft werden, wird diese Art Hanf wahrscheinlich gehechelt. Gesponnen muß sie mit Bambusrädchen werden, wie man sich deren auch zur Baumwolle bedient. Im getrokneten Zustande ist dieser Hanf perlmutterweiß, sehr schön und stark. Die Pflanze würde auf den Abhängen der Gräben in der Umgegend von Cherbourg in Frankreich, vielleicht auch im Süden recht gut fortkommen.“

Diese Notiz und eine aufmerksame Untersuchung der sie begleitenden Pflanzen erinnerten mich an gewisse Pflanzenfasern, die mit ihrem natürlichen Weiß eine sehr große Zähigkeit verbanden, und welche die Aufmerksamkeit der holländischen Regierung im Jahr 1844 in hohem Grade auf sich zogen, indem sie auf ihren Besizungen im indischen Archipel die Cultur einer Pflanze zu verbreiten suchte, deren Faser zur Verfertigung von Segeltuch, Tauwerk etc. geeignet wäre.

Diese Nesselart, auf Java Ramie genannt, wird 1 bis 1½ Meter hoch; ihre dünnen, von langen Stielen getragenen Blätter erinnern an die der Urtica nivea, sind aber größer, länglich zugespizt und unterhalb von graulicher Farbe. Die Stengel sind unten kleinfingerdik und gleichen hierin dem Hanf.

Es ist diese Pflanze keine neue, ihre Faser wurde vielmehr im 16ten Jahrhundert schon häufig angewandt. Lobel, welcher unter Elisabeth lebte, wußte schon, daß in Indien, in Calicut, Goa etc. aus der Rinde verschiedener Urticeen sehr feine Gewebe verfertigt und nach Europa eingeführt wurden; daß in den Niederlanden diese Substanz bezogen wurde, um Stoffe daraus zu bereiten, die den leinenen vorgezogen wurden, indem der holländische Name Neteldoek (deutsch: Nesseltuch), wie heutzutage der Musselin benannt wird, davon herrührt.4) Die damals dazu angewandte Nesselart scheint die Urtica utilis und nicht U. nivea gewesen zu seyn; die gehechelte Faser finde ich nicht so steif wie die der leztern, weißer, zart anzufühlen und sie scheint zwischen dem Lein und den Fasern mehrerer in China und Japan so beliebten Daphnen die Mitte zu halten.

Die aus dem Ramie verfertigten Zeuge und Tauwerke scheinen vor den Leingeweben und dem Seilwerk von Hanf den Vorzug zu verdienen. Wenigstens wird er ihnen auf den Molukken und den großen Inseln des indischen Archipels unbedingt vor jedem andern Faserstoff zur Verfertigung der Neze zuerkannt, welche, wie man behauptet, einer andauernden Einwirkung der Nässe viel länger widerstehen.

Im Innern von Sumatra weben sich die Einwohner nach Hrn. Korthals aus U. utilis einen Zeug, der sich durch seine Dauerhaftigkeit empfiehlt, dessen Gebrauch sich jedoch jezt verliert, in Folge des geringen Preises, zu welchem die Eingebornen sich jezt die englischen Gewebe verschaffen.

Auch die Eingebornen von Java ziehen, nach Crawford und Raffles, die Fasern dieser Nessel zur Verfertigung ihrer Neze und ihres Tauwerks vor, und machen auch sehr feine Stoffe daraus.

Diese Nessel (von Marsden unter dem Namen Calovée erwähnt und von den Einwohnern von Rungpur Kunkomis genannt) befindet sich in den Herbarien |77| des Museums unter der Aufschrift Urtica tenacissima, von ausgezeichneter Feinheit.“

Auch Roxbourg und Lechesnault stimmen in dem Lobe der U. utilis als Faserpflanze mir den erwähnten Schriftstellern überein.

Es frägt sich nun nur noch, ob sie in Europa mit gutem Erfolge und Nuzen angebaut werden kann. Jedenfalls erheischt die Cultur derselben ein heißes (tropisches) Klima.

Das Hanftuch für die französische Armee wird gegenwärtig mit dem Hanf von Calcutta (Corchorus olitorius) verfälscht, der aber viel weniger dauerhaft ist als der gewöhnliche Hanf; statt dessen könnte aber in dem Ramie eine ihn übertreffende Sorte eingeführt werden.

Die in den Niederlanden mit Berichterstattung an die Regierung beauftragte Commission zur Prüfung der Ramiefasern erhielt nach deren sorgfältigem Bürsten vor dem Hecheln, an Fasern 700 Gramme, 75 Gramme Werg und 187 Gramme Abgang, also ein Resultat an Fasern, welches den besten Lein übertrifft, dieselben waren schon so fein, daß sie am Spinnrad gesponnen werden konnten und 12 Reisten (peignées) gaben, die zu 1,80 Meter eines Tuchs von 1 Fr. 50 Cent. Werth hinreichten. Durch die Zähigkeit dieser Fasern waren wir im Stande, sie in einer Länge von 55 Metern verspinnen zu lassen, ohne aufzuwikeln. Einen 9,300 Meter langen dünnen Faden erhielten wir von 500 Grammen gehechelter Faser. Von derselben Quantität erhielten wir auch eine 3,000 Meter lange gedrehte Schnur. Eine viel größere Feinheit könnte wahrscheinlich noch erreicht werden, wenn es gelänge, die Fasern von der harzigen Substanz zu befreien, welche ihr anzuhangen scheint. Unsere Versuche ergaben ferner, daß der Ramiefaden im trokenen Zustande an Zähigkeit den besten europäischen Hanf übertrifft, in feuchtem Zustande ihm gleich kömmt; daß endlich seine Dehnkraft die des besten Leins um 50 Procent, wohl auch mehr, übertrifft. Auf den europäischen Märkten dürfte diese Fasersubstanz bei ihren vortrefflichen Eigenschaften, indem sie, gehörig zubereitet, den Lein an Schönheit, namentlich an Weiße und Zähigkeit übertrifft, einen leichten Absaz zu 00 bis 80 Centimes das ½ Kilogr. (Preis des besten Leins) finden. (Echo du monde savant 1845, No. 34.)

|76|

Zu St. Quentin, in Frankreich selbst, werden oder wurden rohe Batistleinen unter dem Namen toile d'ortie verfertigt.

– x.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: