Titel: Oesterreichische Verordnung über Anlage von Dampfkesseln.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1845, Band 97, Nr. LXIII./Miszelle 1 (S. 233–235)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj097/mi097063_1

Oesterreichische Verordnung über Anlage von Dampfkesseln.

§. 1. Bevor ein Dampfkessel, er sey für eine stehende Dampfmaschine von hohem oder niederem Druke, ein Dampfboot, ein Locomotiv für Eisenbahnen oder für was immer für einen Zwek überhaupt bestimmt, angewendet werden darf, hat der betreffende Mechaniker, Verfertiger oder Eigenthümer, für welchen der Kessel bestimmt ist, und zwar noch bevor derselbe eingemauert, mit einem Mantel oder einer Hülle umgeben wird, bei der Landesstelle die gesezliche Kesselprobe nachzusuchen, welche in der Hauptstadt selbst und in deren Umgebungen bis auf eine Entfernung von sechs Meilen durch das bestehende k. k. polytechnische Institut, bei Entfernungen über sechs Meilen von der Hauptstadt aber, und in jenen Hauptstädten, wo noch kein k. k polytechnisches Institut besteht, durch die k. k. Baudirectionen mit Beiziehung der einschlägigen öffentlichen Lehranstalten oder wissenschaftlichen Institute vorzunehmen ist.

§. 2. Die Probirung der Dampfkessel von jeder Form und Constructionsart, mit einziger Ausnahme der Locomotivkessel für Eisenbahnen, wird mittelst Einpumpen von Wasser auf das Dreifache jenes Drukes, welchen beim Gebrauche der Dampf im Kessel im höchsten Falle über den Luftdruk annehmen soll, vorgenommen.

Dabei wird der Druk einer Atmosphäre mit 12 3/4 Pfd. auf den Quadratzoll (Wiener Maaß und Gewicht) in Rechnung gebracht.

§. 3. Die Locomotiv-Kessel für Eisenbahnen werden auf dieselbe Art, jedoch nur auf das zweifache des im vorigen Paragraphen genannten Drukes probirt.

Die nähern Erläuterungen dieser beiden Paragraphe sind in der beifolgenden Instruction enthalten.

§. 4. Die Sicherheitsventile dürfen also beim Gebrauche des Kessels höchstens nur mit dem dritten Theil, und bei einem Locomotivkessel mit der Hälfte jenes Gewichtes belastet werden, bei welchem der Kessel probirt wurde; dabei muß, wenn ein Ventil nicht unmittelbar, sondern mittelst eines Hebels, an welchem ein Gewicht hängt, niedergedrükt wird, dieses Aufhängegewicht für den äußersten Punkt des Hebels, wohin dasselbe noch geschoben werden kann, berechnet seyn.

Bei Locomotiv- und solchen Kesseln, bei welchen anstatt des Aufhängegewichtes eine Federwaage angebracht ist, muß dieselbe so eingerichtet werden, daß sie nicht über jenen Punkt hinaus, welcher bei der Kesselprobe zum Grunde lag, gespannt werden kann.

§. 5. Jeder Dampfkessel muß mit zwei Sicherheitsventilen von gehöriger Größe, wovon das eine in einem Gehäuse eingeschlossen, das andere aber dem Maschinisten oder Wärter des Kessels leicht zugängig seyn muß, und außerdem noch mit einem Queksilber-Manometer mit oben offener Röhre versehen seyn.

|234|

Die Instruction enthält eine Tabelle über die in den einzelnen Fällen nöthige Größe der Sicherheitsventile, so wie auch eine Anweisung über eine zwekmäßige Form derselben und des Manometers.39)

§. 6. Jeder Dampfkessel muß, selbst wenn er mit dem gewöhnlichen Schwimmer oder den Probirhähnen versehen wäre, noch außerdem das bekannte Wasserstandglas, d. i. ein mit dem Innern des Kessels auf gehörige Weise communicirendes Glasrohr, auf die Art wie es bei den Locomotivkesseln der Fall ist, eingerichtet besizen, durch welches man den wahren Wasserstand im Kessel jeden Augenblik leicht und sicher erkennen kann.

§. 7. Die nach Maaßgabe der Kessel-Durchmesser und der Spannung der zu erzeugenden Dämpfe nöthige Wand- oder Blechdike, welche die aus Eisen- oder Kupferblech hergestellten cylindrischen Dampfkessel haben müssen, wenn sie zur Probirung zugelassen werden wollen, ist aus der anliegenden Tabelle der Instruction zu entnehmen.

§. 8. Nach vollendeter Kesselprobe (§§. 2 und 3) werden die Sicherheitsventile und Hebel, wo solche vorhanden, von der Untersuchungs-Commission mit einem Stempel versehen, und die Dimensionen derselben sammt dem Gewichte der höchsten Belastung der Ventile, welche beim Gebrauche des Kessels stattfinden darf, so wie nöthigenfalls auch noch jene Merkmale, welche die Identität des Kessels jederzeit wieder erkennen lassen, der Landesstelle angezeigt.

§. 9. Die hierauf von Seiten der Landesstelle an die betreffende Partei hinausgegebene Bewilligung zur Benüzung des Dampfkessels, welche zugleich wiederholend die im vorigen §. erwähnten Dimensionen der Ventile und Hebel, so wie das Gewicht der höchsten Belastung derselben enthält, ist entweder im Original oder in einer beglaubigten Abschrift in der Nähe des Dampfkessels an einem leicht in die Augen fallenden Orte unter Glas so aufzubewahren, daß vor Allem die Angabe dieser Dimensionen und die Belastung der Ventile (oder vorkommenden Falles die Spannung der Federwaage) leicht sichtbar ist.

§. 10. Durch diese vorläufige Probirung des Dampfkessels wird dem Eigenthümer oder nach Umständen Werkführer die Verantwortlichkeit für die fortwährende Tauglichkeit des Kessels keineswegs abgenommen, indem die erste Probe nur zur Entdekung solcher Gebrechen, welche das Zerspringen des Kessels bei dem ersten Gebrauche befürchten lassen, keineswegs aber für die weitere Dauer bestimmt ist.

Der Eigenthümer, oder nach Umständen auch der Werkführer, bleibt sonach für jede aus dem weitern Gebrauche des Dampfkessels entstehende Gefahr streng verantwortlich, und er hat daher selbst die weitere Sorge (wie z.B. die rechtzeitige Reinigung desselben von entstehendem Wassersteine und dergl.) zu tragen, und sich nach Maaßgabe der fortschreitenden Abnüzung von der ferneren Tauglichkeit und Gefahrlosigkeit des Kessels fortwährend zu überzeugen, und denselben bei Zeiten entweder ganz außer Gebrauch zu sezen, oder die etwa nöthig gewordenen Ausbesserungen daran vornehmen, und wenn diese größerer Art wären, den Kessel neuerdings gesezlich probiren zu lassen.

§. 11. Die bei der Aufstellung oder Einmauerung eines Dampfkessels in Feuersicherheitsrüksichten intervenirende Baucommission wird zugleich auch ihr Augenmerk darauf richten, daß die seitwärts anzubringenden Feuerzüge nicht über, sondern noch einige Zolle unter das Niveau des normalen Wasserstandes des Kessels zu liegen kommen.

§. 12. Von dieser im §. 2 vorgeschriebenen Probe, so wie den übrigen darauf bezüglichen Vorschriften sind nur die kleineren Dampfapparate in chemischen und pharmaceutischen Laboratorien, welche jedoch eben sowohl wie die Papin'schen Töpfe mit einem Sicherheitsventil versehen und von dem Verfertiger zur eigenen Sicherheit gehörig probirt seyn müssen, ausgenommen.

§. 13. Die Anwendung gußeiserner Dampfkessel oder Siederöhren ist unter keiner Form und Bedingung gestattet.

|235|

§. 14. Jeder Maschinist, Locomotivführer, Gehülfe oder Heizer einer Dampfmaschine oder eines Dampfkessels, welchem vorzugsweise die Bedienung oder Ueberwachung der Maschine oder des Kessels anvertraut wird, ist gehalten, vorher in einer Maschinenwerkstätte die Bauart von Maschinen, insbesondere von Dampfmaschinen, vollkommen sich eigen gemacht, durch längere Zeit bei einer mit Dampfmaschinen arbeitenden Fabrik, einer Locomotiveisenbahn oder auf einem Dampfschiffe als Maschinenheizer gedient, sich die praktischen Kenntnisse zur Besorgung einer Dampfmaschine daselbst angeeignet, sich hierüber bei einer öffentlichen inlandischen technischen Lehranstalt einer strengen Prüfung unterzogen und ein in jeder Beziehung befriedigendes Zeugniß erlangt zu haben.

§. 15. Derjenige, welcher

a) die angeordnete Anzeige vor dem Gebrauche eines Dampfkessels zur vorläufigen Untersuchung unterläßt,

b) vor erfolgter Untersuchung den Kessel benüzt,

c) den bei der Untersuchung nicht für sicher erklärten Kessel gleichwohl anwendet,

d) einem Maschinisten, Locomotivführer oder Wärter die Bedienung der Dampfmaschine oder des Dampfkessels, selbst wenn keine Maschine damit in Verbindung steht, überläßt, welcher sich nicht mit dem im vorhergehenden 14. §. vorgeschriebenen Zeugnisse über seine Befähigung zu diesem Dienste ausweisen kann,

e) das Sicherheitsventil mehr belastet, als bei der Kesselprobe bestimmt wurde und in der Concession angegeben ist,

f) den Hebel, im Falle ein solcher für ein Sicherheitsventil vorhanden, verlängert oder sonst verändert, ohne davon eine Anzeige zu machen, und endlich

g) sich überhaupt was immer für eine Handlung oder Unterlassung zu Schulden kommen läßt, wodurch bei dem Gebrauche des Kessels Gefahr für die körperliche Sicherheit entstehen kann, macht sich einer schweren Polizeiübertretung schuldig und wird nach den bestehenden Vorschriften des II. Theils des Strafgesezes behandelt werden.

|234|

Das empfohlene Sicherheitsventil ist das im polyt. Journal Bd. LXXXIX S. 325 mitgetheilte belgische, das Manometer ein offenes Queksilber-Manometer.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: