Titel: Instruction für die gesezlich vorgeschriebene Probirung der Dampfkessel aller Art.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1845, Band 97, Nr. LXIII./Miszelle 2 (S. 235–237)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj097/mi097063_2

Instruction für die gesezlich vorgeschriebene Probirung der Dampfkessel aller Art.

Sobald der Verfertiger oder nach Umständen der Eigenthümer des zu probirenden Dampfkessels der betreffenden Commission oder dem mit der Kesselprobe beauftragten Beamten die größte Spannung des Dampfes, welche dieser im Kessel annehmen soll, angegeben, und diese sich von der dieser Spannung entsprechenden Dike des Kesselbleches (wenn der Kessel nämlich cylindrisch ist) und der Größe der beiden Sicherheitsventile nach den beigefügten Tabellen überzeugt hat, wird die Kesselprobe auf folgende Weise vorgenommen:

Von dem einen der beiden Sicherheitsventile wird die mit dem Dampfe in Berührung kommende Kreisfläche genau gemessen, und darnach die der declarirten, oder wenn diese für die vorhandene Blechdike zu hoch wäre, die dieser Blechdike des Kessels entsprechenden Dampfspannung zukommende unmittelbare Belastung dieses Ventils berechnet.

Nachdem nun diese berechnete Belastung mit Rüksicht auf das eigene Gewicht des Ventils für alle Dampfkessel, mit einziger Ausnahme der Locomotivkessel für Eisenbahnen nach der jezt üblichen Constructionsart, dreifach, für die eben genannten Locomotivkessel jedoch nur zweifach genommen, und dieses Sicherheitsventil damit belastet, dagegen das zweite Ventil entweder überlastet oder ganz fest gemacht, ferner alle übrigen Oeffnungen und Communicationen des Kessels geschlossen worden, wird in den mit Wasser bereits ganz vollgefüllten Kessel mit einer Drukpumpe, wofür in vielen Fällen auch eine Feuersprize dienen kann, durch eine der ohnehin vorhandenen Oeffnungen in den Kessel noch so lange Wasser eingepumpt, bis es aus der so belasteten Ventilöffnung ringsherum strahlenförmig auszusprizen anfängt und die Strahlen dabei eine beinahe volle ringförmige Wasserfläche bilden.

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Bei einem undichten Verschluß des Ventils kann ein einzelner Wasserstrahl schon lange, bevor das Ventil selbst noch gehoben wird, an einer Stelle ausströmen, was leicht zu Täuschungen Anlaß geben könnte, wenn nicht die oben erwähnte Erscheinung der sich bildenden vollen oder strahlenförmigen Ringfläche abgewartet würde.

Von dieser bei der Probe angewandten Belastung des Ventils dient (immer mit Rüksicht auf das Ventilgewicht) der dritte Theil, und bei Locomotivkesseln für Eisenbahnen die Hälfte als normale oder höchste Belastung dieses Sicherheitsventils beim Gebrauche des Kessels, so wie auch während der auf dieselbe Weise vorzunehmenden Prüfung des Queksilber-Manometers (welches der oben angezogenen Vorschrift zufolge nur bei den Locomotivkesseln für Eisenbahnen fehlen darf), welche sofort vorgenommen werden muß, um sich von der richtigen Theilung der Scala desselben zu überzeugen, oder eigentlich, um darauf jenen Punkt zu markiren, bis zu welchem das Queksilber in der oben offenen Glasröhre steigt, wenn der Dampf im Kessel jene Spannung erreicht hat, welche der Kesselprobe zum Grunde gelegt wurde.

Wirkt das Belastungsgewicht nicht unmittelbar, sondern mittelst eines Hebels auf das erwähnte Sicherheitsventil, so muß das normale, für den Gebrauch des Kessels geltende Aufhängegewicht nach statischen Gesezen auf den äußersten Punkt des Hebels, welcher noch als Aufhängepunkt des Gewichtes dienen kann, reducirt werden; dabei wird das mit zu berüksichtigende eigene Gewicht des Hebels am einfachsten und sichersten sammt der am Hypomochlion stattfindenden Reibung in Rechnung gebracht, indem man, während der Hebel ganz so wie beim wirklichen Gebrauche eingehängt ist, untersucht, welchen Druk (bei horizontaler Lage des Hebels) der als Aufhängepunkt des Gewichtes dienende Endpunkt desselben auf eine Waage ausübt.

Nachdem sich die Prüfungscommission auch noch von der richtigen Belastung des zweiten Sicherheitsventils überzeugt, oder dieselbe allenfalls auch berichtigt hat, werden die Ventile oder Hebel, im Falle leztere vorhanden sind, mit einem einzuschlagenden Stempel versehen, und ihre Dimensionen, so wie auch die Aufhängegewichte, welche beim Gebrauche des Kessels weder vermehrt, noch auch über den angegebenen Aufhängepunkt des Hebels hinausgerükt werden dürfen (das Gegentheil darf natürlich immer stattfinden), in dem an die betreffende Behörde zu erstattenden Berichte genau angegeben. Nur jene Hebel, welche manchesmal angebracht werden, um die Belastung der Sicherheitsventile zu erleichtern, können von der Angabe der Dimensionen und der Stempelung ausgenommen werden, wenn sie während der Kesselprobe nicht eingehängt oder in Thätigkeit waren.

Sollte ein Sicherheitsventil nicht bloß durch einen einfachen Hebel niedergedrükt werden, sondern sind zu diesem Zweke mehrere oder sogenannte zusammengesezte Hebel vorhanden, so wird die Rechnung und Reduktion des Aufhängegewichtes auf den Mittelpunkt des Ventils mit Rüksicht auf die Hebelgewichte selbst auf eine ganz ähnliche Meise, wie bei dem einfachen Hebel erklärt wurde, vorgenommen.

Wird aber der Hebel, wie bei Locomotivkesseln, statt durch ein Gewicht, von einer Federwaage (Springbalance) niedergezogen, so muß nach vollendeter Kesselprobe die höchste Spannung, welche diese Federwaage beim Gebrauche des Kessels erhalten darf, bezeichnet und in dem erwähnten Berichte oder Protokolle ebenfalls mit angegeben werden.

Endlich hat sich die mit der Kesselprobe beauftragte Commission überhaupt von dem Vorhandenseyn aller in dem betreffenden Circulare geforderten Bedingungen zu überzeugen, und die etwa noch nöthigen Aenderungen oder Hinzufügungen, welche noch vor dem Gebrauche des Kessels vorgeschrieben sind, sogleich anzuzeigen oder auch nach Umständen selbst zu veranlassen. Was dabei insbesondere die Sicherheitsventile anbelangt, so müssen sich diese leicht und weit genug öffnen können, um dem Dampfe einen freien und ungehinderten Abzug zu gestatten; auch soll des sonst möglichen Verleimens wegen, ihre Berührungsfläche mit dem Ventilsize so klein oder schmal als möglich seyn; außerdem muß das im Gehäuse eingeschlossene Ventil so eingerichtet seyn, daß es von Außen gehoben |237| oder gelüftet werden kann, um sich von Zeit zu Zeit von dem freien Spiele desselben überzeugen zu können.

Französisches Reglement.40)

Blechdike in Wiener Linien (Zehntel von Linien) für cylindrische Kessel, deren Durchmesser in Wiener Zollen, dagegen die höchste absolute Dampfspannung im Kessel in Atmosphären (à 12 3/4. Pfd. per Wiener Quadratzoll) gegeben sind.

Textabbildung Bd. 97, S. 237

NB. Die Erfahrung lehrt übrigens, daß man mit dem Durchmesser des Kessels und der Spannung des Dampfes nicht so weit gehen soll, daß die erforderliche Blechdike 6 1/2 Linien überschreitet, da die aus zu dikem Blech (dessen gute Beschaffenheit ohnehin niemals so verläßlich als bei dünnem Blech ist) hergestellten Kessel unter der Einwirkung des Feuers zu leicht Schaden leiden.

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Durchmesser in Wiener Zollen (Zehntel von Zollen) für die Sicherheitsventile, wenn die höchste im Kessel stattfindende Dampfspannung in Atmosphären (à 12 3/4 Pfd. per Wiener Quadratzoll) und die Heizfläche des Kessels in Wiener Quadratschuhen gegeben ist.

Textabbildung Bd. 97, S. 238

(Encyklopädische Zeitschrift, 1845, S. 28.)

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Die französische Verordnung über Dampfkessel und die dazu gehörige Instruction nebst Beschreibung und Abbildung der Sicherheitsventile, offenen Manometer und Warnschwimmer wurde im polytechn. Journal Bd. XCII S. 212, 304, 379 und 389 mitgetheilt.

A. d. R.

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