Titel: C. G. Kind's neueste Erfindung im Erdbohrwesen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1845, Band 97, Nr. LXXXIV./Miszelle 1 (S. 310–312)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj097/mi097084_1

C. G. Kind's neueste Erfindung im Erdbohrwesen.

Das Abteufen tiefer Bohrlöcher ist schon seit längerer Zeit ein Gegenstand von hoher Bedeutsamkeit für die Bergtechnik geworden, besonders seitdem durch die sogenannten artesischen Brunnen (Bohrbrunnen), die Bohrungen nach reicher Soole oder Steinsalz und die Untersuchung der Flözgebilde im Allgemeinen sich deren großer Nuzen herausgestellt hat. Nur der Umstand, daß solche Bohrungen noch immer mit sehr großen Kosten verknüpft sind, daß eine Veranschlagung der Kosten bisher rein unmöglich war und die Unsicherheit des Erfolges, der oft durch Zufälligkeiten, durch einen Unglüksfall. durch eine Unbedachtsamkeit der Arbeiter dann noch gefährdet wurde, wenn man eben glaubte seinen Zwek erreicht zu haben, hat die Bohrungen noch immer nicht so allgemein und nuzbar werden lassen, als sie es verdienen. Gerade diesem Umstande dürfte es zuzuschreiben seyn, daß die bedeutendsten Bohrungen in den Händen des Staates sind, weil nur der Staat solches Risico zu tragen vermag. Es haben sich daher schon seit fast eben so langer Zeit die Techniker bemüht, diesen Uebeln durch Verbesserungen zu begegnen. Das sogenannte v. Oehnhausen'sche Wechselstük, die Einführung der hölzernen Gestängezüge sind sehr wichtige Erfindungen und haben ihrer Zeit wohlverdientes Aufsehen erregt, und fast jeder einzelne Verlegenheitsfall hat dar: gethan, wie viele tüchtige Männer das Fach bearbeiteten. Dennoch ist es durch alle diese tüchtigen Bearbeiter nicht gelungen, das Bohrwesen aus eine durchgreifende Weise zu verbessern. Nach der bisherigen, allgemein verbreiteten Bohrmethode beginnt man eine Bohrung mit der größtmöglichen Weite und führt sie in dieser so lange fort, bis der Nachfall das Bohren ohne Ausfütterungsröhren unmöglich macht. Jezt wird, nachdem mit unendlicher Mühe und unter mancherlei Gefahren für die Bohrung im glüklichen Falle mehrere hundert Fuß Tiefe errungen sind, das Bohrloch mit Röhren ausgefüttert, die Bohrung aber mit verminderter Weile wieder fortgeführt, bis die Beschwerden durch Nachfall etc. wieder das Uebergewicht erhalten. Es muß eine zweite Röhrentour durch die erste hindurch geführt werden, wodurch natürlich die weitere Fortsezung des Bohrloches abermals verengt wird. So nimmt mit zunehmender Teufe die Weite des Bohrloches ab und verliert man gerade dann, wenn die Bohrung an und für sich schwieriger wird, das vorzüglichste Hülfsmittel, sich bei vorkommenden Unglüksfällen helfen zu können, den Raum im Bohrloche. Will man der Bohrlochsweite nicht zu rasch verlustig gehen, so holt man wohl in der Hoffnung, die früher den Nachfall herbeigeführt habenden Schichten werden sich festgesezt haben, eine eingelassene Röhrentour wieder auf und sucht das vorgebohrte Loch zu erweitern, kurz man führt unter Mühen und Sorgen das Bohrloch seiner Bestimmung zu und dankt Gott, wenn die so häufig vorkommenden Gestängebrüche von einer Verklemmung oder Verschurrung durch Nachfall nicht begleitet sind. Es ist ersichtlich, daß diesem Verfahren die Sicherheit, die Bestimmtheit fehlt. Man ist von einer Menge Zufälligkeiten abhängig, die theils von der Beschaffenheit der durchbohrten Schichten, theils von der Art der Arbeiten (wir beziehen dieß namentlich auf das sogenannte Büchsen), theils von der Güte der benuzten Werkzeuge und endlich wohl gar von der größern oder geringern Achtsamkeit des Arbeiterpersonals bestimmt werden.

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Einem Deutschen ist es vorbehalten geblieben, dem Bohrwesen eine ganz andere Gestalt zu verleihen, und das industriöse Sachsen kann sich freuen, in diesem Manne einen Landsmann zu begrüßen. Die neuesten im Bohrwesen angebrachten Verbesserungen des Obersteigers Kind in Luxemburg sind durchgreifend; sie begründen sich:

1) auf einen von ihm erfundenen Apparat, durch den der Bohrer durch den Gestängezug gehoben wird, nach vollendetem Hube aber frei von dem leztern abfallt und so auf das Bohrort wirkt;

2) auf die Herstellung eines Bohrers, der unterhalb einer Röhrentour dem Bohrloche die erforderliche größere Weitung gibt, um die Röhrentour stets mit nachrüken lassen zu können; und

3) auf einer Versicherung, wodurch vorkommende Bohrerbrüche sogleich erkannt und mit zu Tage gefördert werden können.

Dem mit dem Bohrwesen vertrauten Techniker braucht man kaum noch etwas weiter zu sagen. Es leuchtet von selbst ein, daß bei einem frei von dem Gestängezuge abfallenden Bohrer dessen Wirkung auf das Bohrort ungleich größer seyn muß als bisher, wo die Wirkung durch das Schleudern und Anschleifen des mit dem Bohrer zugleich fallenden Gestängezuges an der Bohrlochswand so ungemein vermindert wurde. Mag daher auch die Idee eines abgesondert wirkenden Bohrers gleichzeitig manchem Bohringenieur vorgelegen haben, die erste praktische Ausführung gehört unbestreitbar dem Hrn. Kind, da derselbe schon seit Jahren mit seinem Apparate bohrt, und wenn derselbe nicht sofort mit seiner Erfindung hervortrat, so hat dieß seinen natürlichen Grund darin, daß dieselbe erst mit der Zeit den Grad der Vollkommenheit erlangen konnte, den sie nothwendig haben mußte, um von ihr reden zu können. Dieser Apparat macht daß, da das Gewicht des Gestängezuges nicht mehr, wie bisher bei den engen Bohrlöchern (wo man bei dem besten Willen dem Bohrer kein solches Gewicht geben konnte, als zu seiner Wirksamkeit durchaus und um so mehr nöthig ist, als sich dabei der Schwerpunkt des Bohrapparates von dem Bohrorte entfernt), gebraucht wird, vielmehr der Gestängezug nur als Mittel zum Zweke, als Communicationsmittel dient, wir sagen, der Apparat macht, daß man die Gestängezüge weit schwächer, als es bisher der Fall war, nehmen kann, und daß dabei gleichwohl Gestängebrüche bei gehöriger Aufmerksamkeit eine Seltenheit werden. Dieser Contrast springt recht in die Augen, wenn man die kolossalen, 4 Zoll rheinländisch Durchmesser habenden hölzernen, z. H. bei den preußischen Bohrungen angewendeten Gestängezüge mit ihren 2 1/4–2 3/4 starken eisernen Verbindstüken gegen die schlanken hölzernen Gestängezüge des Hrn. Kind zu Mondorf, die im Holze nur 2 Zoll und im Eisen 1 Zoll stark sind, vergleicht. Dieser Apparat bietet aber ferner den großen Vortheil, daß man vom Anfang einer Bohrung bis zu deren Ende, und gehe die Bohrung bis in eine noch so große Tiefe fort, immer nur mit einerlei Kraftaufwand zu thun hat, eben weil der Gestängezug nur als Communicationsmittel dient. Muß bei der zunehmenden Teufe das Gewicht am Lastarm des Sprengels oder jeder andern Bohrvorrichtung durch die Verlängerung des Gestängezugs vermehrt werden, so liegt es klar vor, daß das Gewicht desselben am Kraftarm recht wohl durch Gegengewichte ausgeglichen werden kann, und man wird daher zu jeder beliebigen Teufe bei einerlei Kraftanwendung niedergehen können, so lange es Schwengel gibt, die das daran angehängte Gewicht ertragen und so lange der Gestängezug Tragkraft für sich und den zu hebenden Bohrapparat hat. Welche eminente pecuniäre Vortheile diese Einrichtung gegen das bisherige Verfahren, wobei fast jeder gewonnene Fuß der Bohrlochsteufe eine Vermehrung der Kraftanwendung beanspruchte, bietet, liegt zu sehr auf der Hand.

Kind's Bohrer, der unterhalb einer eingelassenen Ausfütterungsröhre dem Bohrloche bei dessen Vorrüken sogleich und ohne eine abgesonderte Procedur die nöthige Weite gibt, um sie ganz nach Belieben mit dem Bohrorte vorrüken zu lassen, bietet weitere ganz erhebliche Vortheile. Hr. Kind braucht von seiner Bohrlochsweite durchaus nichts aufzugeben, denn wenn die Bohrung nur einigermaßen gut geht, so kann sie mit einer einzigen Röhrentour durchgeführt werden. Zeigen sich Schwierigkeiten, sollte die Röhrentour nicht mehr folgen wollen oder im untern Theile Schaden erleiden, so reicht sicher eine zweite Röhrentour aus. So ist Hrn. Kind's Bohrloch zu Mondorf unsern Luxemburg noch jezt, bei einer Teufe von mehr als 500 Meter, 20 Centimeter weit, und er rechnet ganz |312| stark darauf, diese Weite bis zu dem vorläufig vorgestekten Ziele von 750 Metern beizubehalten. Hr. Kind ist bei dieser Weite im Stande tüchtige Instrumente anzuwenden, deren Gewichte 14–1500 Pfd. betragen, und passirt ein Unglüksfall, so hat er Raum und eine sichere Bohrwand. Der von Hrn. Kind erfundene Bohrer arbeitet ganz sicher und unterscheidet sich dadurch von den andern bekannten Erweiterungsbohrern. Diese ältern Bohrer erweitern das Bohrloch nur nachdem es vorgebohrt ist, sie machen eine zweite sehr mißliche Arbeit erforderlich, die Hr. Kind gar nicht kennt. Wie ganz anders ist bei Anwendung dieser Instrumente der Gang einer Bohrung gegen den bisherigen oben beschriebenen Gang. Hr. Kind fängt seine Bohrung mit einem Bohrer, der den bestimmten Durchmesser hat, an und geht damit nieder bis behindernder Nachfall sich zeigt. So wie dieser Umstand eintritt, wird das Bohrloch mit der Ausfütterungsröhre verwahrt und er bohrt nun sogleich mit dem Erweiterungsbohrer. Nachfall führende Schichten, die sonst gefürchtet werden mußten, sind jezt der Arbeit nur förderlich, weil dieselben meist milder sind als die andern Schichten, die nicht nachfallen. Alle Plakereien, alle Sorgen, welche mit dem Vorbohren und dem nachträglichen Erweitern des Bohrloches verknüpft waren, hören auf, man bohrt jezt und führt die Röhrentour nach Bedürfniß nach.

Hat Referent dieses die bedeutenden Vortheile der Erfindungen des Hrn. Kind hervorzuheben versucht, so erfordert die Gerechtigkeit, auch eines Nachtheiles zu gedenken, der damit verknüpft ist. Da Hr. Kind nämlich sehr schwere Instrumente anwendet und die ganze Last natürlich auf dem untersten Theile, dem Bohrer, liegt, so fallen bei diesem Verfahren wohl etwas häufiger als bisher Bohrerbrüche vor, und wenn der Bruch vertical auf der Achse steht, so entgeht der erfolgte Bruch dem Obmanne wohl. Hrn. Kind sind dadurch sehr verdrießliche Verzögerungen bereitet worden. Diesen zu entgehen, ist derselbe auf die sub 3 aufgeführte Versicherung gekommen, deren schlaue Berechnung nicht zu verkennen ist, und wenn man hier noch solcher Schwierigkeiten und Gefahren gedachte, die auch mit dieser verbesserten Methode verknüpft seyen, so thut man gedachten Erfindungen durchaus keinen Eintrag, denn einmal werden größere Bohrungen immer noch schwierige Unternehmungen bleiben, und das anderemal will weder der Erfinder so bedeutender Verbesserungen, noch Referent behaupten, es sey mit ihnen das Feld neuer Erfindungen geschlossen, vielmehr möchte man glauben, es beginne erst dieses Feld sich zu eröffnen.

Die große Wichtigkeit der gedachten Erfindungen des Hrn. Kind wurde von den HHrn. Arago und les Combes zu Paris sehr wohl erkannt, und hat Hr. Kind daher für Frankreich das Brevet erhalten. Es ist mit allem Grunde zu erwarten, daß die deutschen Regierungen gegen Hrn. Kind nicht minder gerecht seyn werden, als es die französische Regierung gewesen ist, um so mehr als ihnen, als den Inhabern der größten Bohrunternehmungen, durch diese Erfindungen ganz bedeutende pecuniäre Vortheile zuwachsen. (Aus dem Gewerbeblatt für Sachsen, 1845, Nr. 55 und 56.)

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