Titel: Nekrologdes königlichen preußischen Stükgießerei-Directors Johann Gottfried Leberecht Klagemann, geboren in Berlin den 12 März 1786, gestorben in Breslau den 10. Mai 1845.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1845, Band 97, Nr. LXXXIV./Miszelle 10 (S. 317–320)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj097/mi097084_10

Nekrolog
des königlichen preußischen Stükgießerei-Directors Johann Gottfried Leberecht Klagemann, geboren in Berlin den 12 März 1786, gestorben in Breslau den 10. Mai 1845.

Wie alle Gebiete der Technik in unserer Zeit sich emporschwingen und einen großartigeren Flug nehmen, als man noch vor wenigen Jahren an ihnen gewohnt war, so ist auch die Kunst des Erzgusses in neuer Feit wieder mehr hervorgetreten und hat sich in ihren gediegenen Leistungen durch eherne Denkmäler der Mitwelt vor Augen gestellt. Was in Deutschland an mehreren Orten namentlich in München, im Erzguß gethan wird, theilen uns öffentliche Blätter vielfach mit, und der Kundige wie der Kunstfreund erfreut sich an dem was er erfahrt; was aber auch in Preußen in dieser Richtung bereits geschehen, und was noch geschieht, darüber verlautet nur wenig, und doch wurde viel des Gediegenen hier ausgeführt und wird noch fortwährend Rühmliches geleistet. Mit dem königl. preuß. Stükgießerei-Director J. G. L. Klagemann ist ein intelligenter Meister des Erzgusses in Preußen von uns geschieden, und es sey dem Freunde |318| vergönnt, ihm in diesen Zeilen ein schwaches Denkmal der Liebe und Anerkennung zu widmen, obgleich sein rüstiges Streben und kräftiges Schaffen wohl eines Bessern würdig war.

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Johann Gottfrird Leberecht Klagemann wurde 1786 den 12. März in Berlin geboren, und hatte sich keiner sonderlich glänzenden Jugendzeit zu erfreuen, da mancherlei unangenehme und drükende Verhältnisse im elterlichen Hause auf seine Jugenderziehung und Ausbildung nicht allzugünstig einwirken konnten. Sein Vater, welcher Bäkermeister in Berlin war, hatte sich, als der Sohn noch sehr jung, genöthigt gesehen auf mehrere Jahre seinen Aufenthalt in England zu nehmen, und unser Klagemann verlebte seine früheste Jugendzeit in dem Haufe eines Onkels in Gransee, der elterlichen Pflege und Erziehung ganz entbehrend, da seine Mutter schon früh gestorben. Zu Anfang der Neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts kam der Vater Klagemanns wieder in die Heimath zurük, erhielt eine Anstellung als Bak- und Braumeister bei dem Landarmenhaus in Brandenburg an der Havel, und der junge Klagemann besuchte nunmehr die altstädtische Schule in dieser Stadt bis zu seinem vierzehnten Jahr, wo sein Vater sich bewogen fand über seinen ferneren Lebensberuf zu entscheiden, ihn für das damals sehr blühende Tuchmachergewerk bestimmte, und ihn seine Lehrzeit darin antreten ließ. Doch dieß war nicht die Richtung in welcher der junge Klagemann einst zu wirken bestimmt war, sie sagte ihm auch so wenig zu, daß er nach 14tägiger Lehrzeit die weitere Arbeit darin aufgab, freilich noch unentschlossen welches andere Geschäft er wählen wolle.

Eine Reise nach Berlin, in Gesellschaft eines Freundes von seinem Vater, führte den Knaben Klagemann in die Werkstatt und Gießerei des damaligen Glokengießers Meyer; er trat in eine ihm ganz fremde Sphäre und sah zum erstenmal den Metallguß, aber der Eindruk, den er von diesem ersten Besuch einer Gießerei davon trug, war so mächtig, daß er für kein anderes Geschäft mehr Sinn hatte, sondern sogleich den festen Willen aussprach die Glokengießerei zu erlernen und dieser Richtung der gewerblichen Thätigkeit sein Leben zu widmen, auch auf der Stelle seine Lehrzeit antrat; und daß er seine wahre Bestimmung erwählt, und sein Geschik ihn glüklich in den Wirkungskreis geführt, welcher seinen Anlagen und Fähigkeiten der angemessenste war, dafür geben seine Leistungen im Gießwesen vom ersten Augenblik seines Wirkens an bis zum Schluß seiner Lebenslage entschiedenes Zeugniß. Mit Eifer widmete sich Klagemann seinem selbst und freudig gewählten Beruf, und erlernte vom Jahr 1800 bis 1805 die kleinere Gießerei, im leztern Jahr wurde er als Gehülfe in der königlichen Stükgießerei zu Berlin angenommen, und auch hier traf ihn das glükliche Loos, einen Meister der Kunst als Vorbild zu treffen, welchem nachzueifern als schönes Ziel vor ihm stand. Der Stükgießerei-Director Reisinger war Dirigent der genannten Anstalt, ein Mann welcher Großes, von hohen und niedern Technikern und Gelehrter Anerkanntes in der Bronzegießerei geleistet hat, der zugleich wohl zu erkennen vermochte, welche Kräfte für seine Kunst in einem unter ihm arbeitenden Gehülfen schlummerten, und der den schönsten Beweis des Vertrauens auf die einstigen Leistungen unseres Klagemanns dadurch an den Tag legte, daß er später durch verwandtschaftliche Bande ihm näher trat, indem er seine Tochter mit Klagemann verheirathete und ihn als tüchtigen Stükgießer fortdauernd hochachtete.

Durch die bekannten Ereignisse des Jahrs 1806 wurde auch die Thätigkeit der Berliner Stükgießerei unterbrochen und es geschah fast nichts in derselben, vom Jahr 1807 bis zum Jahr 1809; im leztern Jahr erhielt der Gießdirector Reisinger die Bestimmung nach Gleiwitz in Oberschlesien zu gehen und dort Geschüze zu gießen, Klagemann ging als Gehülfe mit. und es wurde die Zeit in welcher er in Gleiwitz unter Leitung seines Directors thätig war, eine wichtige und folgenreiche Schule für ihn umsomehr als es galt mit kargen Mitteln die Möglichkeit zu leisten, und fast alles neu zu schaffen, oder doch für den Zwek umzugestalten. Außer den Fortschritten, welche Klagemann in jener Zeit in seinem Fach machte, knüpfte sich auch das trauliche Verhältniß zwischen dem Director Reisinger und ihm immer fester, was auf gegenseitige Achtung für die Leistungen und Fähigkeiten eines Jeden begründet, bis zum Tode des Directors Reisinger ungestört fortbestand.

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Die königl. Stükgießerei in Berlin begann ihre Thätigkeit wieder im Jahr 1816, und 1817 wurde unser Klagemann in Gegenwart sämmtlicher Glokengießermeister in Berlin, von seinem Schwiegervater, dem Gießdirector Reisinger, zum Meister erklärt.

Als Gießmeister in der königl. Gießerei zu Berlin angestellt, unterstüzte er seinen Schwiegervater bei einer großen Zahl von Arbeiten der mannichfachsten Art auf das kräftigste bis zum Jahr 1830, wo er die königliche Stükgießerei in Breslau selbstständig übernahm, 1832 zum königl. Stükgießerei-Director ernannt wurde, und in dieser Stellung bis an sein Lebensende mit großer Thätigkeit auf das erfolgreichste wirkte.

Wir sehen aus diesem kurzen Abriß des Lebens unseres Dahingegangenen, wie er schon frühzeitig sehr auf sich selbst angewiesen war, und wie in den Hauptmomenten desselben, besonders in der Jugendzeit, mannichfaltige Aufforderungen zum selbstständigen Handeln für ihn entschieden hervortraten; diese Einwirkung, verbunden mit einer großen Lebhaftigkeit in feinem ganzen Wesen, hatten seinen Charakter sehr entschieden und scharf ausgeprägt, und ihm eine Festigkeit gegeben, die sich besonders durch schnellen (Entschluß, rasche und kräftige That und unbeugsames Festhalten an dem, was er als recht erkannte, kundgab. Wenn solche Eigenschaften in einzelnen Fällen nicht immer allgemeinen Anklang gefunden haben, sind sie andererseits doch die wesentlichsten Hebel zur Förderung seiner Unternehmungen geworden, und ohne sie würde der Verewigte das nicht geleistet haben, was er gethan, und was bis in die späteste Zeit für sein großartiges Wirken Zeugniß ablegen wird. Beispielsweise für seine Entschiedenheit sey angeführt, wie er sich beim Antritt seiner Wirksamkeit in Breslau sogleich zu Geschüzgüssen in Quantitäten entschloß, die man bisher wohl selten auf einmal zu schmelzen gewagt hatte; er führte troz mancherlei Bedenken, die bei erfahrnen Männern dagegen rege wurden, den Entschluß mit eben so großer Beharrlichkeit als glüklichem Erfolg durch, und leitete Güsse, bei welchen zwischen 400 und 500 Centner Metall auf einmal im Fluß waren, mit unbefangener Sicherheit.

Es sey uns gestattet eine kurze Uebersicht desjenigen zu geben, was theils unter seiner Mitwirkung, theils während seines selbstständigen Wirkens und seiner speciellen Leitung aus den preußischen Stükgießereien hervorgegangen ist.

Zur Zeit seines Aufenthalts in Gleiwitz wurden dort circa 200 Röhren zu Feldgeschüzen gegossen.

Vom Jahr 1846 bis zum Jahr 1830, wo Klagemann wieder in der Berliner Stükgießerei thätig war, sind etwa 1500 Geschüzröhren allen Kalibers gegossen worden.

Im Laufe der Zeit, wo er selbstständig in der Breslauer Stükgießerei wirkte, sind aus derselben circa 2000 Geschüzröhren allen Kalibers hervorgegangen.

Man übersieht, welche ausgedehnte Wirksamkeit ihm im Geschüzguß beschieden war. und für die Tüchtigkeit seiner Leistungen haben die Geschüzröhren der preuß. Artillerie bei vielfachen Proben genügende Bürgschaft gegeben.

Nächst dieser Wirksamkeit im Geschüzguß sind in der Breslauer Stükgießerei noch etwa 100 Gloken von 1–100 Cntr. Gewicht gegossen, und außerdem noch eine sehr ansehnliche Zahl größerer und kleinerer Arbeiten für Maschinenbau, Fabrikbetrieb und Eisenbahnwesen ausgeführt worden. Unter dem Glokenguß verdient namentlich das Geläute der Pfarrkirche St. Stanislaus und Wenzeslaus zu Schweidnitz einer besondern Erwähnung, welches aus drei Gloken von 93 1/2 Centner, 45 1/2 Cntr. und 21 3/4 Cntr. Gewicht bestand, und im Jahr 1839 fertig wurde; eine besondere Gelegenheitsschrift unter dem Titel, der Schweidnitzer Gloken Segen von Gustav Rieck verfaßt, 1839 in Schweidnitz bei Wagner erschienen und dem Gießdirector Klagemann gewidmet, gibt nähere Nachricht über diesen Guß.

Nicht unbedeutend aber sind auch die Leistungen im Statuenguß, an welchen unter Klagemann theils mitgewirkt, theils sie selbstständig ausgeführt harz so wurden in dem Zeitraum von 1816–1830 in der Stükgießerei zu Berlin fünf größere Statuen gegossen, nämlich:

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Dr. Luther für Wittenberg

Fürst Blücher für Rostock,

Fürst Blücher für Breslau,

Fürst Blücher für Berlin,

König Friedrich Wilhelm I für Gumbinnen,

außerdem noch viele größere und kleinere Büsten und andere Kunstwerke, an deren Ausführung der Dahingeschiedene sehr wesentlichen Antheil genommen.

Es war dem Verewigten von dem Augenblik an, wo er einen selbstständigen Wirkungskreis erlangt, eine Lebensaufgabe geworden, durch den Guß eines großartigen, auf vaterländische Zustande sich beziehenden Bildwerks in Erz seinen Namen als Erzgießer in die Annalen der großen Männer dieses Faches eingetragen zu sehen, und wer wollte nicht diesen Ehrgeiz als ein Product der innigen Vorliebe für sein Fach, und das Bewußtseyn der errungenen Meisterschaft in demselben hoch achten? – Mit wahrer Erhebung gedenkt der Verfasser dieser dem Andenken des Freundes gewidmeten Zeilen der oft wiederkehrenden Augenblike, wo der Heimgegangene mit rührender Begeisterung an Jacobi's Meisterstük. „die Statue des Großen Kurfürsten in Berlin,“ dachte, und in enthusiastischem Eifer das Gelöbniß aussprach:

Wird einst in meinem Vaterlande Friedrich des Großen Monument in Erz dargestellt, muß ich der Gießer seyn, und sollte ich Alles zum Opfer bringen!

Sein höchster Wunsch ist ihm erfüllt worden; er hat seine sich selbst gestellte Lebensaufgabe gelöst, und um so schöner und erhabener gelöst, als der lezte Guß, den er als Meister im Erzguß leitete, in der Nacht vom 34. zum 25. Januar 1845 (der Rumpf des Pferdes mit dem Unterkörper des Reiters und der Plinte, alles in Einem Stük) von der kolossalen Reiterstatue Friedrichs II von Kiß modellirt und für Breslau bestimmt, geschah, und wohlgelungen die Form noch bei seinen Lebzeiten verließ.

Meister Klagemann hat nach diesem nichts mehr in Erz gegossen, aber er verließ mit dem schönen Bewußtseyn seine Arbeitshallen: ich habe meinen Zwek erreicht und meinen Beruf erfüllt!“

Zu jenem schönen Denkmal für Breslau sind alle Hauptstüke noch unter Leitung unsers Dahingegangenen gegossen und theilweise auch ciselirt worden, was noch fehlt, als Reliefs zum Postament etc. wird von seinem Sohn Karl Klagemann mit Eifer und Sachkenntniß ausgeführt, und der Name Klagemann als Erzgießer ist der Nachwelt gesichert. Der verstorbene Vater Klagemann hat eine wakere Stüze und einen thätigen Förderer der Kunst an seinem Sohn Karl gehabt, sich aber auch einen tüchtigen und würdigen Nachfolger erzogen und gebildet, so daß die Reihe der anerkannt gediegenen Stük- und Erzgießer Preußens durch einen Klagemann noch weiter fortgesezt ist; auch dieß Vermächtniß ist keines der geringeren Verdienste des Verstorbenen.

Ehre und hohe Achtung dem hingeschiedenen Meister! – Sein Andenken lebe fort in dem Herzen seiner Genossen, Freunde und Brüder!

C. H.

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