Titel: Ueber das Gypsen des Weines.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1845, Band 97, Nr. LXXXIV./Miszelle 9 (S. 317)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj097/mi097084_9

Ueber das Gypsen des Weines.

In den meisten Weingegenden Frankreichs bemühen sich die Winzer, dem Rothwein eine sehr dunkle, manchmal beinahe bis zum Schwarzen gehende rothe Farbe zu geben, manchmal wird sogar zu diesem Behuf nach schädlichen Substanzen gegriffen. Es geschieht dieses Färben nicht, weil die Weine dadurch besser werden, sondern weil sie im Handel dann mehr gesucht und besser bezahlt werden. Da die Roussillonweine in Frankreich die reichsten an Farbe sind und gegypst zu werden pflegen, so glaubt man an vielen Orten, daß der Gyps die Eigenschaft besize, die Farbe des Weins zu erhöhen und intensiver zu machen. Versuche, welche im Jahr 1832 angestellt wurden, bewiesen jedoch, daß der Gyps keine Einwirkung auf die Weinfarbe hat. Es ist aber nicht wohl anzunehmen, daß ein uralter Gebrauch der Griechen und Römer, später der Spanier und Bewohner des südlichen Frankreichs, die zerdrükten und in die Bütte gebrachten Trauben mit gebranntem Gyps zu bestreuen, ohne Nuzen sey. Die Trauben der genannten Länder sind so zukerreich, daß die Weine davon, wenn sie auch noch so lange gohren, einen ungemein süßen Geschmak haben; sie gähren daher gern im Stillen fort, bis aller Zukerstoff in Alkohol umgewandelt ist, oder der erzeugte Alkohol jeder weitern Gährung Einhalt thut. Es ist aber eine Seltenheit, daß diese Weine bei dieser Nachgährung nicht sauer werden, wo sie dann die Weinhändler nicht mehr kaufen, außer etwa zu besondern Mischungen. Um nun dieses Sauerwerden zu verhüten, bedient man sich des Gypses oder Kalks; man nimmt 3–5 Pfd. auf 7 Hektoliter Wein; der lösliche Antheil des Gypses löst sich darin auf und schüzt ihn vor dem Sauerwerden, wie das Kochsalz das Fleisch vor Fäulniß bewahrt. Den Kalk anbelangend, so liefert derselbe, indem er sich mit den Säuren des Mosts verbindet, Salze, welche gleiche Eigenschaft wie der Gyps haben. Aehnliche Resultate würden auch mehrere andere Salze geben, wie z.B. schwefelsaure Thonerde. Die mit Gyps versezten Weine verlieren nicht an ihrer Güte, können ein hohes Alter erreichen, und sind nicht schädlich, indem die 15–20 Gran Gyps, welche sich im Liter befinden, sie der Gesundheit nicht nachtheiliger machen, als das Brunnenwasser. Der Verfasser brachte gepulverten gebrannten Gyps in ein Faß sauren Weins; nach ein paar Tagen hatte dieser seinen Wohlgeschmak vollkommen wieder erlangt. (Moniteur industriel, 1845, Nr. 937.)

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