Titel: Payen, über die Kartoffelkrankheit.
Autor: Payen,
Fundstelle: 1845, Band 98, Nr. LXXXVI. (S. 306–316)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj098/ar098086

LXXXVI. Ueber die Kartoffelkrankheit; von Payen.

Aus den Comptes rendus, Sept. 1845, Nr. 11 und 12.

Zweiter Artikel.59)

Bei der Mittheilung der Resultate meiner ersten Beobachtungen über die nachtheiligen Veränderungen der Kartoffel ließ ich eine wichtige Frage unbeantwortet.

Ich sprach von dem Sichtbarwerden von Keimkörnern in einer körnigen Masse, von dem besondern, jenem der Brodpilze ähnlichen Geruch, den chemischen Reactionen, welche ebenfalls zwischen den Geweben der Knollen eine kryptogamische Vegetation anzeigen; allein die directe Beobachtung der diesen Organismen eigenthümlichen Formen fehlte und ohne sie konnte nichts geschlossen werden. Dieser Punkt hatte große Schwierigkeit; sie verursachte einigen der geschiktesten Beobachter Anstände und ich weiß keinen, der sie besiegt hätte.

Diese Umstände bewogen mich kein Mittel unversucht zu lassen, welches mich zur Erforschung der Natur und Zusammensezung gewisser, in Mitte der Pflanzengewebe befindlicher Organismen zu führen vermochte, und ich beschrieb diese Mittel in den unter dem Titel Développement des végétaux vereinigten Abhandlungen.

Durch die meisten derselben wurde der Zwek erreicht; ich werde jedoch hier nur dasjenige Verfahren mittheilen, welches sich am leichtesten ausführen läßt und dessen Resultate mittelst der Elementaranalyse schon controlirt wurden.

Man unterwirft einen der ergriffenen Knollen dem Kochen in Wasser; die Temperatur von 80° R. wird ungefähr drei Stunden lang unterhalten. Nach Verlauf dieser Zeit ist eine merkwürdige, Erscheinung zu beobachten; in allen gesunden Theilen nämlich hebt das Aufschwellen der Stärkmehlkörner, welches den Zellen abgerundete Formen ertheilt, ihre Adhärenz auf, so daß sie sich durch schwaches Reiben von einander trennen lassen.

Anders verhält es sich mit den Zellen in jenen Theilen des Gewebes, welche durch die das Fortschreiten der Krankheit anzeigende |307| rothe Substanz angegriffen sind; hier bleiben die Zellen ungeachtet einer ähnlichen Anschwellung ihres Sazmehls zusammenhängend, namentlich an den dunkler gefärbten und minder durchsichtigen Stellen; es lassen sich also diese widerstehenden Gewebe von dem normalen Gewebe, welches sich ablöst, ohne Mühe trennen. Hat man so alle aneinanderhangenden Theile erhalten, so zertheilt man sie mittelst sanften Reibens unter Wasser.

Hierauf sondert man das (vorzüglich in den dunkleren Zellen reichlich vorhandene) Stärkmehl dadurch ab, daß man auf die Masse vier Stunden lang ihr fünf- bis sechsfaches Volum mit einem Procent Schwefelsäure versezten Wassers einwirken läßt. Man überzeugt sich leicht, daß kein durch Jod färbbares Stärkmehl mehr vorhanden ist, indem man einen Tropfen Jodauflösung einigen Tropfen der vorher erkalteten Mischung zusezt.

Man schafft nun alle Säure und die auflöslichen Salze durch Auswaschen auf dem Filter mit vielem Wasser hinweg, und die breiige Substanz ist nun zu allen mikroskopischen Beobachtungen und zur Elementaranalyse zu gebrauchen.

Wirklich findet man, wenn das Stärkmehl entfernt und die körnige Substanz zertheilt ist, eine große Anzahl reiner, durchsichtiger Zellen, in welchen man bei einer 500 bis 800maligen Vergrößerung der Durchmesser die Art des Eindringens und die Anordnung der am weitesten von der Peripherie gegen die Mitte der Knollen vorgerükten Theile des parasytischen Pilzes deutlich wahrnimmt.

Das die Zelle concentrisch umgebende Nez (lacis) rührt von einigen Fäden (Filamenten) her, welche durch dessen Wände drangen und sich mit andern Filamenten verschlingen oder kreuzen, die bei den danebenliegenden Zellen dieselbe Rolle spielen.

Einige Tropfen wässerige Jodlösung lassen die Zelle so wie ihre innere Wand ungefärbt, und beweisen, daß die Zellensubstanz (cellulose) geblieben ist, während die stikstoffhaltige organische Materie und die Fettsubstanz, wahrscheinlich von dem Pilze absorbirt, verschwanden.

Der Pilz nimmt, unter dem Einfluß dieses Reagens, eine ins Gelbe ziehende, dunklere Farbe an, wodurch seine Züge schärfer hervortreten.

Zusaz eines Tropfens Schwefelsäure von 60° Baumé vollendet diese Erscheinungen und gewährt einen schönen mikroskopischen Anblik; die von dem angesäuerten Wasser nicht aufgelösten Stärkmehltheile, welche aber zu stark zusammenhangen, als daß das Jod darauf reagiren könnte, fahren in Berührung mit der concentrirteren Säure auseinander; man sieht, wie sie sich sogleich schön indigoblau färben |308| inmitten des fadigen Nezes von orangegelber Farbe, welches alle Stärkmehlkörner umhüllte.

Um zu erfahren, ob zwischen diesem Pilz und den schon früher untersuchten, Beziehungen hinsichtlich der Elementarzusammensezung stattfänden, bestimmte ich seinen Stikstoffgehalt. Die Analyse gab folgende Zahlen. Angewandte Substanz 93 Milligr.; Volum des Stikstoffs 6,62 Kubikcentimeter; Druk der Atmosphäre 75,95; Temperatur + 20,5° C.; woraus sich 7,56 Proc. Stikstoff berechnen. Zieht man die Asche, oder 0,03 von der Substanz ab, so erhält man 7,8 Proc. Stikftoff; rechnet man endlich die Zellen und die Spuren Stärkmehls ab, welche nach einer unmittelbaren Analyse 0,20 betragen, so findet man, daß die organische Materie des Pilzes 9,75 Proc. Stikstoff enthält. Nun enthält der Mistbeetschwamm (champignon de couche) davon 9,78; auch kömmt diese Zusammensezung derjenigen mehrerer mikroskopischen Kryptogamen sehr nahe.

Wir sahen so eben, daß die von dem vorgedrungenen Pilze überfallenen Zellen mit gesunden Stärkmehlkörnern erfüllt sind, welche von den Maschen des im Innern entwikelten Nezes eingeschlossen werden; zwischen diesen tiefer eindringenden Theilen aber und der Epidermis, welche, gerade so wie das krautartige Gewebe, niemals Stärkmehl enthält, befindet sich eine mehr oder minder dike Schicht eines Gewebes, mit Zellen welche ihrer Stärkmehlkörner mehr oder weniger entleert sind; es ist daher leicht zu begreifen, daß bei Betrachtung der Schichten unter dem Mikroskop mehrere Beobachter das reichliche Vorhandenseyn von Stärkmehlkörnern in normalem Zustand wirklich behaupten konnten, während andere, nicht minder aufmerksame, in den veränderten Schichten eine große Anzahl Zellen wahrnahmen, worin die Menge des Stärkmehls sich vermindert hatte.

Nachdem dieser Unterschied einmal hergestellt war, suchte ich die Ursachen der verschiedenen Zustände der befallenen Gewebe und die Natur der von dem Stärkmehl erlittenen Veränderung zu erforschen. Auch hinsichtlich dieser beiden Punkte glaube ich die Aufgabe gelöst zu haben.

Man braucht die Antheile des Gewebes, in welchen das Stärkmehl abnimmt, nur in dünne Schnitten zu zertheilen, um das Fortschreiten einer merkwürdigen Veränderung verfolgen zu können, welche folgende Phasen durchläuft.

Zuvörderst macht die stikstoffhaltige organische Substanz, welche der innern Wand jeder Zelle anlag, sich los und bildet einen Stärkmehlkörner einschließenden Sak; die Körner sind noch im normalen Zustand. Bald werden sie weniger, und dann stellen sich mehrere |309| Veränderungen ein; nachdem sie auf einem Punkt ihrer Oberfläche angegriffen sind, verliert ihre innere Substanz den Zusammenhang und löst sich auf; die Wände der Höhlung sind von unregelmäßigen Spalten gefurcht, welche immer tiefer gehen. Die in diesen ausgehöhlten Räumen enthaltene Substanz macht sich los und dislocirt jedes der Körner, in dem Maaße als ihre aufgelösten Theile absorbirt werden. Das Gesammtvolum der Stärkmehlüberreste nimmt ab, die abgelöste Hülle schrumpft allmählich zusammen und nimmt selbst an der Auflösung Theil. Beinahe die ganze Höhlung der Zelle ist nun ausgeleert; der zu einem sehr kleinen Volum zusammengeschrumpfte Sak enthält nur noch einige unregelmäßige, abgerundete Bruchstüke sazmehliger Substanz. Endlich verschwindet beinahe Alles und es bleibt nichts zurük als der durchsichtige, leere Zellenraum. Zuweilen lösen sich einige, zu gleicher Zeit an vielen Punkten ihrer Peripherie angegriffene Stärkmehlkörner, Schichte für Schichte, concentrisch auf; in diesem Fall wird der Stärkmehlkern, welcher sich zulezt um die Achse des Korns herum gebildet hatte, in Freiheit gesezt. Dieser Erfolg tritt jedoch viel seltener ein, als der erste.

Es sind dieß allerdings subtile Beobachtungen, sie haben aber keine ernstliche Schwierigkeit; es kann sie Jedermann wiederholen, wenn man Jodauflösung zu Hülfe nimmt, um die sich bläuenden Stärkmehlkörner und die Verminderung der sich orangegelb färbenden stikstoffhaltigen Materie besser unterscheiden zu können.

Etwas minder leicht sind die zwischen den Zellen befindlichen Filamente zu beobachten, welche Reihen öhliger Tröpfchen enthalten, ähnlich den Verlängerungen der Brodpilze; Zusaz eines Tropfens Schwefelsäure von 66° Baumé, welcher die Zellensubstanz auflöst, macht diese in Aether auflöslichen Oehltröpfchen frei und vollkommen sichtbar.

Endlich wird man auch die in die Zellen eingetretenen Filamente auffinden; dieß ist aber sehr schwierig, weil die doppelten und dreifachen Hüllen, welche von den Zellenwänden gebildet werden, und ihr innerer Sak zusammenhelfen um sie zu verbergen; doch können sie aufgefunden werden; man muß jedoch das Licht mäßigen, weil sie außerordentlich durchsichtig und zart sind.

Diese neuen Beobachtungen scheinen uns die Hauptursache und die Verschiedenen Wirkungen des Verderbens der Kartoffeln klar vor Augen zu legen, welche wir nun in einigen Worten zusammenfassen wollen.

Eine ganz besondere kryptogamische Vegetation, die sich unstreitig |310| von den in freier Luft stehenden Stengeln auf die Knollen hinab fortsezt60), ist der Ursprung desselben.

Der mikroskopische Pilz, dessen Keimkörner der vorzüglich um die Rindentheile herum sich einziehenden Flüssigkeit folgten, dringt bis zur Marksubstanz vor und entwikelt sich in den Zellen in verschlungenen Filamenten, welche sich der quaternären und öhlartigen organischen Substanz bemächtigen, sich dabei auf das Stärkmehl stüzend, welches sie in ihren Maschen einschließen. Indem sie übrigens durch die Intercellulargänge von einer Zelle zur andern sich fortsezen, kreuzen sie sich und machen die von ihnen befallenen Gewebe zusammenhängend; sie erhalten ihnen troz des Kochens im Wasser bei 80° R. die Consistenz. Die gegen die Peripherie zu gerichteten byssusartigen Verlängerungen gehen durch die Wände der Zellen hindurch und greifen alle darin enthaltenen assimilirbaren, die stikstoffhaltigen, öhligen und stärkmehlartigen Substanzen an.

Im Ganzen ist in diesen Erscheinungen also die Wirkung einer unmäßigen parasytischen Vegetation zu erkennen, welche sich eines Theils der lebenden Gewebe der Kartoffel bemächtigt, in den einen sich festsezend und aus den andern alle darin eingeschlossenen assimilirbaren Substanzen schöpfend.

Dieß ist die Form der Krankheit, welche ohne Zweifel durch die Keimkörner jenes speciellen Pilzes veranlaßt wird, dessen Entwikelung durch Feuchtigkeit und Wärme beschleunigt werden mußte.

Unter den verschiedenen Symptomen sind mehrere offenbar secundärer Art; natürlich muß die Lebenszeit der zuerst entwikelten Pilze bald vorüber seyn, und dann wirken alle Ursachen der Zerstörung auf sie ein; sie verlieren ihre Consistenz und die Gewebe ihren Zusammenhang; die Ueberreste werden von kleinen Thierchen angefallen, welche die Zellen zerstören; später veranlaßt die faule Gährung die Zerstörung dieser Thierchen und vermehrt so noch das Verderben des Pflanzenorganismus. Und dennoch leistet noch eine große Anzahl von Stärkmehlkörnern, welche nicht unmittelbar vom Pilze angegriffen werden, Widerstand. Zu allen diesen auf einander folgenden Ursachen, welche einander bedingen, kommen oft noch die schon erwähnten verschiedenen zufälligen Angriffe. Die praktischen Folgerungen betreffend, habe ich an den Schlüssen der ersten Mittheilung nichts zu |311| ändern und empfehle wiederholt die dort angegebenen Vorsichtsmaaßregeln. Eine Beobachtung des Hrn. Caffin d'Orsigny hat eine derselben bereits bestätigt. Vom Pilz befallene Kartoffeln lieferten nämlich 14 Procent ihres Gewichts grauliches Stärkmehl, während die gesunden Knollen desselben Standorts 18 Proc. weißes Stärkmehl lieferten. Der gewaschene Brei der erstern enthielt ebenfalls sehr viel Stärkmehl und lieferte bei einem Versuch Sprupe, welche leicht in geistige Gährung übergingen.

Ich bemerke noch als ein Ergebniß neuer Versuche, daß die Consistenz der von dem Pilz befallenen Gewebe nach dem Kochen der Kartoffeln mithilft, um mit freiem Auge das Vorhandenseyn, aber auch die Gränzen des speciellen Verderbnisses beurtheilen zu können.

Bis jezt besteht die sicherste Verwendung der befallenen Kartoffeln in der Gewinnung des Stärkmehls; dahin gehört auch noch die Behandlung des Breies mit Diastas oder Schwefelsäure; endlich wäre die organische Substanz der bei lezteren Operationen nicht aufgelösten Gewebe zur Fabrication von Pappe und Pakpapier zu verwenden. Diese Rükstände ließen sich ausgepreßt und an der der Luft getroknet, für Fabriken, welche sie später erst verbrauchen, leicht aufbewahren.

In dieser Hinsicht ist Frankreich besser daran als die benachbarten Länder, weil die Krankheit der Kartoffeln weniger entwikelt ist (?) und die Kartoffelstärkefabriken bei uns zahlreicher und besser eingerichtet sind als irgendwo.

Dritter Artikel.

Die Frage, wie sich die Zukunft unserer Kartoffel-Ernten gestalten wird, ist vielleicht nur deßwegen von Wichtigkeit, weil man nicht weiß, ob die Ursache schon seit langer Zeit bei uns vorhanden ist, indem sie, wie einige vermuthen, jedes Jahr local wirkt, während sie, um zum allgemeinen Uebel zu werden, der Mitwirkung außergewöhnlicher Witterungs-Einflüsse bedürfte. Statt dieser mehr oder weniger wahrscheinlichen Hypothese besäße man positive Thatsachen, wenn durch frühere Beobachtungen die Merkmale des speciellen Verderbnisses, welches sich jezt über eine große Fläche ausbreitet, genau festgestellt worden wären. Eben damit man nicht später diesen Mangel genauer Angaben zu bedauern habe, halte ich es für nüzlich jezt, wo die Ursache noch im Wirken ist, alle die Wissenschaft und Praxis betreffenden Fragen in Anregung zu bringen. Ich |312| habe in Betracht dieser Fragen eine neue, in dieser doppelten Beziehung der Aufmerksamkeit würdige Beobachtung mitzutheilen.

Kann die eigenthümliche Krankheit ohne Vermittlung der in der Luft befindlichen Stengel und der Wurzeln in die Knollen dringen? Kann sie sich von den afficirten auf die gesunden Knollen werfen? Einige Beobachter antworten verneinend, andere bejahend; sollten aber leztere nicht etwa die Fortpflanzung der Fäulniß damit verwechselt haben, welche nur eine Folge der Krankheit oder des ganz eigenthümlichen Einflusses ist, den die Temperatur-Erniedrigung im Monat August auf die Stengel und Knollen übte?

In diesem Zweifel und aller genauen und ins Detail gehenden Beobachtung entbehrend, stellte ich folgenden Versuch an: zehn von der Krankheit befallene Knollen (patraque jaune) wurden auf einer Platte um zwei gesunde Knollen einer andern Varietät (vitelotte jaune) herumgelegt, wovon einer in einer durch die Achse gehenden Ebene durchschnitten war.

Die Platte wurde unter einer Gloke in einer mit Feuchtigkeit fast gesättigten Luft auf einer Temperatur von 16 bis 23° R. erhalten. Nach acht Tagen war noch kein Zeichen von Fortpflanzung wahrzunehmen; vier Tage später war auf der Oberfläche des durchschnittenen Knollens eine Veränderung sichtbar; diese Oberfläche erschien troken und weiß wie gepulvertes Stärkmehl. Ich beobachtete dieß in Gegenwart der HHrn. Decaisne und Melsens, welche bei mir waren, um sich von den von mir früher angegebenen Thatsachen zu überzeugen. Wir wiederholten und verglichen die Beobachtungen mittelst dreier vortrefflicher Mikroskope von Brunner, Chevalier und Oberhäuser. Ich muß hier beifügen, daß Hr. Melsens auf den Gedanken kam, den durch mein Verfahren ausgezogenen fahl-orangegelben Organismus mit kochender concentrirter Salzsäure zu behandeln und daß dadurch die Details seines Gefüges bei 1000facher Vergrößerung der Durchmesser hübscher und deutlicher beobachtet werden konnten.

Auf die Untersuchung des durchschnittenen und 12 Tage lang den vermutheten Einflüssen der Keimkörner ausgesezten Knollens zurükkommend, bemerke ich, daß die pulverig aussehenden Stellen wirklich aus Stärkmehl bestanden, welches seiner zelligen Hüllen entledigt war. Unter dieser weißen trägen Masse fanden sich die Ueberreste der Zellen wieder. Ueber der weißen Masse und an ihrer Gränze fanden sich wieder fahl-orangegelbe Organismen, jenen ähnlich, welche mir den Kopf der Pilze zu bilden scheinen.

|313|

Bei diesem Versuche fand der Einfall der Schmarozerpflanze ohne directe Berührung und nur durch die Bewegung der Luft statt, welche ich durch täglich öfters wiederholtes Aufheben und Niedersezen der Gloke verursacht hatte. Das Eindringen war das umgekehrte von dem bei noch in der Erde befindlichen Knollen beobachteten, denn es fand von der Mitte aus gegen die Peripherie statt.

Die Erscheinung verdient Aufmerksamkeit, daß eine kryptogamische Vegetation, ähnlich derjenigen, welche die Kartoffeln in den Feldern überfällt, sich an einer durchschnittenen Kartoffel reproduciren, ihre Säfte örtlich erschöpfen, ihre Zellen aus ihrem Zusammenhang bringen, das Stärkmehl, ohne es noch zu ergreifen, bloßlegen, und die Masse in dem Grade pulverig machen kann daß, wenn ähnliche Vegetations-Erscheinungen nach Belieben hervorgerufen und zur rechten Zeit wieder ausgehalten werden könnten, sie die Elemente einer vortheilhaften Industrie bilden würden.

Ein einziges Beispiel der Fortpflanzung unter Kartoffelknollen ist allerdings unzulänglich; doch trägt es zur Rechtfertigung einer von den in meiner ersten Mittheilung empfohlenen Vorsichtsmaaßregeln bei und erklärt auch den directen Einfall der Krankheit ohne Vermittelung der Stengel, welcher von Anderen unter gewissen Umständen beobachtet wurde.

Um mich zu überzeugen, ob die Fortpflanzung auch ohne den Einfluß großer Feuchtigkeit stattfinde, umgab ich drei Knollen derselben Varietät, wovon einer in zwei Theile zerschnitten wurde, mit zwölf stark befallenen Knollen, welche ich den erstern beinahe bis zur, Berührung nahe brachte; das Ganze wurde mit trokenen Blättern bedekt und an einen Plaz gestellt, dessen Temperatur zwischen 16 und 24° R. variirte, aber ohne Wasser zuzusezen; im Gegentheil verschaffte ich dem Dunste durch einen schwachen Luftzug einen leichten Ausweg; nach 12, selbst nach 15 Tagen war keine Spur kryptogamischer Vegetation, noch sonst eine Veränderung an den gesunden Knollen wahrzunehmen.

Diese Beobachtung ist wichtig hinsichtlich der Vorkehrungen, welche man zur Vermeidung oder Verminderung der Krankheit zu treffen hat.

Anwendung der Kartoffeln und des Breies.

Eine Menge Thatsachen bestätigen die Ansicht, welche den befallenen Kartoffeln keine nachtheilige Wirkung auf die Gesundheit zuschreibt, wenn sie keine weitere Veränderung erlitten haben, so dass ihre Gewebe fest blieben und frei von der fauligen Gährung. Doch |314| besizen sie dann einen scharfen Nachgeschmak, welcher nicht schwer zu erklären ist.

Das krautartige Gewebe unter der Epidermis der Kartoffeln enthält mehrere Substanzen von widerlichem Geruch und einer gewissen Schärfe; diese Eigenschaften, welche bei gewissen Varietäten mit rothem Gewebe unter der Epidermis, noch deutlicher hervortreten, nehmen zu, wenn man die Knollen dem Lichte aussezt; oft erkennt man sie nicht, so lange die Gewebe unversehrt bleiben; sobald leztere aber durchdringlicher werden, z. B. nach dem Aufthauen und wie es auch beim Eindringen und bei der Entwikelung von Flüssigkeiten, Keimkörnern und tryptogamischen Filamenten nothwendig der Fall seyn muß, dann ergießen sich die Säfte aus dem krautartigen Gewebe in die darunter liegenden und verursachen den erwähnten unangenehmen Geschmak.

Hievon abgesehen, schien die Anwendung der Kartoffeln als Nahrungsmittel bisher noch keine merklichen üblen Folgen nach sich zu ziehen. Ich kann unter jenen, welche hierüber sehr sorgfältige Versuche angestellt haben und mir ihre Beobachtungen mittheilten, Hrn. Dr. Merat und Hrn. Decaisne anführen.

Ueber die Fütterung der Thiere mit denselben wurden viele und entscheidende Versuche angestellt, nicht nur hinsichtlich der Knollen, sondern auch des Breies; lezterer enthält in größerem Maaße die kryptogamische Vegetation, welche zwischen den zusammengehäuften Zellen eingeschlossen bleibt, während das Stärkmehl großentheils aus den Geweben ausgezogen ist. Milchkühe, Hämmel, Schweine wurden ohne bestimmbaren Nachtheil damit gefüttert.

Aufbewahrung der Ernte.

Alle bisherigen Beobachtungen beweisen, daß die rasche Ausziehung des Stärkmehls das beste Mittel ist, um Verlust zu vermeiden; leider aber können an vielen Orten nicht alle befallenen oder zweifelhaften Kartoffeln sogleich zerrieben werden; auch wäre zu wünschen, daß wenigstens ein Theil derselben zum Futter für das Vieh aufbewahrt werden könnte.

Es versteht sich, daß bei der Landwirthschaft nur sehr einfache und wohlfeile Verfahrungsweisen in Anwendung kommen können.

Das gewöhnliche Aufbewahren in Silos wäre eines der schlechtesten Verfahren, denn die faulige Gährung pflanzt sich, wenn die Knollen mit einander in Berührung stehen, sogar bis zu den gesundesten sehr schnell fort; sie würde sich also über die ganze im Silo eingeschlossene Masse verbreiten.

|315|

Sieht man sich auch gezwungen die Kartoffeln aufzuhäufeln, so müssen die Haufen möglichst klein und von einander abgesondert stehen.

Besser wäre es, sie in einer einzigen Schichte auszubreiten, wenn es hiezu nicht an Raum fehlt.

Wenn die Oberfläche der Kartoffeln einmal troken ist, so sind die ihnen nahe kommenden Pilze viel weniger Veränderungen unterworfen; zwei- oder dreitägiges Auslegen an trokener Luft und der Sonne wäre daher von sehr vortheilhaftem Einfluß auf die weitere Aufbewahrung; ich habe bemerkt, daß ein vorgängiges Waschen und hierauf Eintauchen in Kalkmilch (welche 5 Proc. Kalk enthält) dieses Troknen befördert.

Wenn es vorhandene Arbeitskräfte ohne zu große Kosten gestatten, könnte man die Vortheile der Absonderung und einer constanten Temperatur vereinigen, ohne übermäßig viel Raum zu brauchen, indem man abwechselnde Schichten von abgesonderten Kartoffeln und sandiger Erde herstellt, welche leztere die Zwischenräume ausfüllt und oben darüber eine 9 Linien dike Schicht bildet. Bei diesem Verfahren ließen sich die vorhandenen Silos benüzen.

Es wurden noch mehrere andere Verfahrungsarten vorgeschlagen und werden von Seite einer Commission der Akademie geprüft werden.

Hr. Dumas versuchte, von Ansichten ausgehend, welche mit den Resultaten meiner Untersuchungen übereinstimmen, die Anwendung von Agentien, welche die stikstoffhaltigen oder eiweißartigen organischen Stoffe und Fermente fäulnißunfähig machen. Unter den wohlfeilem derselben scheint die ausgebeizte Gerberlohe sich am besten dazu zu eignen; mit den Kartoffeln abwechselnd in Schichten gelegt, würde sie den Sauerstoff der Luft absorbiren, so daß er die Gährung nicht mehr begünstigen kann.

Schweflige Säure (durch Verbrennen von Schwefel bereitet), welche jede Art Gährung verhindert oder aufhebt, bleichte die einen Augenblik ihrer Einwirkung ausgesezten kranken Kartoffeln und erhielt sie in gutem Zustande.

Ein unerwartetes Resultat aber, welches bei diesen Versuchen beobachtet wurde, verdient sogleich mitgetheilt zu werden, um den Landwirthen Täuschungen zu ersparen. Unter den antiseptischen (fäulnißwidrigen) Mitteln nämlich wurde von mehreren, die aber wahrscheinlich keine Versuche damit angestellt hatten, das sonst der Ernährung so zuträgliche Kochsalz angerathen. Hr. Dumas, welcher |316| die Wirkung desselben auf die angegriffenen Kartoffeln sogleich ermittelte, fand aber, daß diese Substanz in schwachem Verhältniß angewandt, die Fäulniß der befallenen Kartoffeln außerordentlich beschleunigt.

Unter die Nebenursachen des Verderbens der Kartoffeln gehören auch die Angriffe mehrerer Insecten; doch spielen hiebei nicht alle dieselbe Rolle. Hr. Rayer machte der Central-Akerbau-Gesellschaft eine Mittheilung über die Insecten, welche er am öftesten um die schon ergriffenen Kartoffeln herum thätig fand. Aus seinen und Guérin-Méneville's Beobachtungen geht hervor, daß das gewöhnlichste Insect der Julus guttulatus, ein Tausendfuß, Vielfuß, ist, welcher auch sonst alle Früchte und Pflanzenproducte angreift; ein anderes gehört einer bedeutenden Gruppe an, deren zahlreiche Species bemüht sind die Pilze und Kryptogamen überhaupt zu zerstören; ein drittes endlich schien die Larve eines der Coleoptera brachelytra zu seyn, welche alle Fleischfresser sind. Nun findet man in den Pilzen und an dunkeln Orten, wo Kryptogamen wachsen, sehr viele Species der brachelytra die sich daselbst von den sich hier entwikelnden und unter den Pilzen lebenden Insecten nähren.

In demselben Hefte der Comptes rendus theilt Hr. Payen mit, daß einem von dem Hrn. Frémy, Vater, der königl. Akerbau-Gesellschaft des Seine-Oise-Departements erstatteten Bericht zufolge drei Commissions-Mitglieder 8 Tage lang verdorbene Kartoffeln genossen, von welchen nur der kranke Theil ausgeschnitten worden war, ohne irgend eine üble Folge zu verspüren. Dasselbe thaten die Arbeiter mehrerer Pachthöfe. — Auf dem Pachthof Millerat wurden ferner 10 Tage lang vier Hämmel mit verdorbenen, rohen Kartoffeln ohne alle Vorsichtsmaaßregeln gefüttert; sie befanden sich wohl, drei nahmen an Gewicht zu, der vierte blieb sich gleich. Auf einem andern Hofe fraßen vier Hämmel seit 10 Tagen verdorbene Kartoffeln in gedämpftem Zustande und befanden sich wohl. Zwei Kaninchen fraßen 20 Tage lang verdorbene Kartoffeln, deren krankhafter Theil nicht entfernt worden war. Sie wurden nicht nur nicht krank, sondern nahmen noch an Fett zu.

|306|

Der erste Artikel wurde S. 150 in diesem Bande des polytechnischen Journals mitgetheilt.

A. d. R.

|310|

Hr. Francoeur gibt (in einer Notiz in derselben Nummer der Comptes rendus) diese Fortpflanzung der Krankheit vom Stengel hinunter zu den Knollen nicht unbedingt zu. Er hält es bei einem Fall, welchen Hr. Payen zu Gunsten seiner Ansicht aufführt, wo die Blätter verwelkt waren, die Knollen aber gesund blieben, weil die Krankheit nicht mehr Zeit hatte die Knollen zu erreichen, für möglich, daß diese Blätter verbrannt, d. h. von heftigem Winde ausgetroknet worden seyen.

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