Titel: Mikroskopische Untersuchung von Kartoffeln, welche von der gegenwärtig in Württemberg herrschenden Krankheit ergriffen waren.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1845, Band 98, Nr. XIX./Miszelle 10 (S. 78–79)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj098/mi098019_10

Mikroskopische Untersuchung von Kartoffeln, welche von der gegenwärtig in Württemberg herrschenden Krankheit ergriffen waren.

Auf die in öffentlichen Blättern erschienene Nachricht, daß in Roßwälden, Oberamts Kirchheim, eine Kartoffelkrankheit ausgebrochen sey, wendete ich mich an das Oberamt Kirchheim mit der Bitte, mir eine Partie der erkrankten Kartoffeln zu überschiken, welcher Bitte dasselbe auch mit großer Gefälligkeit entsproch. Außerdem erhielt ich noch, ehe diese Kartoffeln ankamen, in der hiesigen Gegend, wo die Krankheit an verschiedenen Orten, namentlich in großer Ausdehnung bei Kirchentellinsfurt, ausgebrochen war, Gelegenheit, den Gegenstand näher untersuchen zu können.

Ich halte es für überflussig, das äußere Bild der Krankheit zu entwerfen, indem dieses in den Berichten der Landwirthe in hinreichendem Maaße geschehen wird; es sey mir nur erlaubt, auf die äußeren Erscheinungen so weit einzugehen, als zum Nachweise, daß die von mir untersuchten Kartoffeln an der gegenwärtig herrschenden Krankheit litten, nothwendig ist. Die Erkrankung der Kartoffeln war mit einer Erkrankung des Krautes, die sich im Auftreten von schwarzen Fleken am Stengel und schnellem Absterben aller oberirdischen Theile äußerte, verbunden. Ob die Erkrankung der Knollen der Erkrankung des Krautes voranging, oder umgekehrt, oder ob beide gleichzeitig waren, konnte ich bis jezt nicht ermitteln. Die Knollen zeigten an den ergriffenen Stellen eine in unregelmäßigen Fleken sich verbreitende bräunliche Färbung; die Oberfläche der Knollen war anfänglich an diesen Stellen eben, sank dagegen später, offenbar in Folge einer anfangenden Vertroknung, etwas ein und erhielt dadurch ein pokennarbiges Aussehen. Die innere Substanz zeigte unter diesen Fleken eine Entartung, die sich durch das Auftreten von bräunlichen, unregelmäßig zerstreuten Fleken aussprach, die zuerst unterhalb der gesunden Oberhaut des Knollens sich zeigten, später sich mehr und mehr in die Tiefe ausbreiteten, zusammenflossen und der Schnittfläche ein marmorirtes Ansehen ertheilten. Je weiter sich diese Fleken ausdehnten, desto mehr entfärbte sich wieder die bereits krankhaft veränderte Substanz der Kartoffel, so daß die mehr und mehr sich ausbreitende Gränzlinie des kranken Theiles am dunkelsten braun war. Die entartete Substanz war weniger fest als die gesunde, und wenn die Kartoffel troken aufbewahrt wurde, weniger saftig; sie troknete auch in manchen Fällen so ein, daß Zerreißungen in ihrem Innern eintraten. In andern Fällen war die Entartung (wie es scheint, unter dem Einflusse der Bodenfeuchtigkeit) weiter gegangen, die braune Substanz hatte sich wieder entfärbt und war in eine weiche, täsähnliche Masse, welche einen höchst ekelhaften Geruch verbreitete, übergegangen. An der Luft troknete diese Substanz schnell aus, indem sie sich zugleich schwärzlich färbte.

Die mikroskopische Untersuchung der braunen Stellen zeigte an denselben die Holzfaser (die Zellenhäute) und die Stärkmehlkörner völlig unverändert, dagegen waren die stikstoffhaltigen Bestandtheile gebräunt. Dieselben bilden in der gefunden Kartoffel, wie überhaupt in allen Pflanzen, einen farblosen, schleimigen, bald gleichförmigen, bald in nezförmige Fäden getheilten Ueberzug der inneren Fläche der Zelle, in welchem sehr feine Körner sichtbar sind und welcher durch Jod sich gelb färben läßt. An den entarteten Stellen war diese Substanz gelbbraun gefärbt und ihre körnige Structur deutlicher hervorgetreten. Zum Theil bildete diese braune Substanz auch einen dünnen Ueberzug über die Amylumkörner.

War die Entartung bis zur Entfärbung und käsartigen Erweichung vorgeschritten, so hatten die Zellen ihren Zusammenhalt unter einander verloren und stellten schlaffe Bläschen dar, wie in einer erfrorenen oder gesottenen Kartoffel. Sie waren mit einer trüblichen Flüssigkeit, in welcher sehr feine Körnchen sich fanden, die mit Jod sich gelb färbten, folglich stikstoffhaltig waren, gefüllt. Die Amylumkörner zeigten auch an diesen völlig zersezten Stellen ihre volle Integrität.

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Von der Bildung von schimmelähnlichen Gewächsen war an keiner Stelle und in keinem Stadium der Krankheit irgend eine Spur aufzufinden.

Vergleicht man das Ergebniß dieser Untersuchung mit der Untersuchung, welche v. Martius vor einigen Jahren an Kartoffeln, die an Stokfäule litten, anstellte (die Kartoffelepidemie der lezten Jahre, München 1842)11), so unterliegt es wohl keinem Zweifel, daß die krankhafte Entartung, welche die Kartoffeln bei der gegenwärtig herrschenden Kranheit erleiden, wesentlich von der bei der Stokfäule eintretenden verschieden ist, und wir dürfen es vielleicht als ein Glük erachten, daß die gegenwärtige Krankheit nicht mit der Bildung eines kryptogamischen Gewächses verbunden ist, indem hiemit vielleicht ein Grund der Anstekungsfähigkeit wegfällt. Das Wesen der vorliegenden Krankheit besteht offenbar in einer fauligen Zersezung der stikstoffhaltigen Bestandtheile der Kartoffel, die nicht durch eine fremde Afterorganisation hervorgerufen ist und auch nicht zur Bildung einer solchen und durch diese zur Fortpflanzung des Uebels Veranlassung gibt, sondern als Folge der ungünstigen Witterung des dießjährigen Sommers aufgetreten ist.

Ich muß den Landwirthen die Entscheidung darüber, ob es bei der großen Masse der zu troknenden Kartoffeln möglich seyn wird, durch künstliche Austroknung derselben dem Zersezungsprocesse einen Stillstand zu sezen, überlassen, erlaube mir aber auf den Punkt aufmerksam zu machen, daß die Stärkmehlkorner völlig gesund bleiben und daß es ohne Zweifel möglich wäre, solche Kartoffeln, in welchen die Zersezung bereits weit vorgeschritten ist und welche völlig ungenießbar geworden sind, noch auf Gewinnung von Stärkmehl zu benüzen. Hugo v. Mohl, Prof. in Tübingen. (Riecke's Wochenblatt 1845, Nr. 37.)

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Polytechn. Journal Bd. LXXXVI S. 385.

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